25. Februar 2014

Nichts Gutes zu erwarten

Die Augen klar, freundlich, nachdenklich, müde, traurig: Szymon Goldberg - Fotoquelle: Evelyn Hofer/Archiv Berliner Philharmoniker

Den Berliner Philharmonikern ist wieder eingefallen, daß Szymon Goldberg einmal ihr Konzertmeister war – und 1934 das Land verlassen mußte

Sigurd Schulze

Der heute fast vergessene Szymon Goldberg war einmal ein sehr bekannter Musiker. Geboren 1909 in Polen, war er bereits mit 16 Jahren Erster Konzertmeister der Dresdner Philharmonie. Fast auf den Tag vor 80 Jahren hat er mit seiner Frau Maria Deutschland verlassen, um einer Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen. Er war seit 1930 Erster Konzertmeister des Berliner Philharmonischen Orchesters unter Wilhelm Furtwängler und nach dessen Urteil »der beste Konzertmeister in Europa überhaupt«. Goldberg führte in Dresden und Berlin Streichquartette, mit Paul Hindemith und Emanuel Feuermann bildete er ein berühmtes Streichtrio, von dem Platten aufgenommen wurden, die noch heute Bewunderung wecken.

Im Foyer der Berliner Philharmonie ist ihm eine Ausstellung gewidmet: »Szymon Goldberg, Geiger, Dirigent, Pädagoge«. Kurator Helge Grünewald hat sie sehr sorgfältig aus Quellen von vier Kontinenten zusammengetragen, Annette Heilfurth und Saskia van de Calseijde haben sie exzellent gestaltet. Es gibt eine Fülle von Fotos, auf den Porträts von Szymon Goldberg sieht man immer wieder die Augen dieses Mannes: klar, freundlich, nachdenklich, müde, traurig.

Goldberg ging nach England und wurde dann, festgenommen auf einer Asientournee, von 1942–1945 von den Japanern auf Java interniert. Danach lebte er in den USA als bedeutender Musiker und Dirigent, der 1988 noch einmal heiratete – die jüngere japanische Pianistin Miyoko Yamane, mit der er schließlich bis zu seinem Tod 1993 in Japan lebte.

Den Anstoß zur Berliner Ausstellung gab der Dresdner Kammervirtuose Volker Karp, der Schellackplatten mit Szymon Goldberg sammelt. Wie ein Wink des Schicksals erschien es ihm, daß er bei einem Gastspiel der Dresdner Philharmonie in Tokio die Bekanntschaft von Miyoko Yamane machen konnte. Von ihr erhielt er wunderbare Fotos, Film- und Tonaufnahmen ihres Mannes. Dies war der Fundus, aus dem Karp 2009 zum 100. Geburtstag des Künstlers eine Ausstellung im Dresdener Carl-Maria-von-Weber-Museum in privater Initiative gestaltete. Die Berliner Philharmoniker hatten den 100. Geburtstag ihres ehemaligen Konzertmeisters vergessen. Nun haben sie die Berliner Ausstellung arrangiert, basierend auf den Fotos, Büchern, Tonträgern und Videos aus Karps Sammlung.

Es sind rare Stücke, die dort zu sehen sind, zum Beispiel eine Kohlezeichnung des Pressezeichners David Friedmann vom fünfzehnjährigen Goldberg oder ein Film von 1931, in dem Bruno Walter die Berliner Philharmoniker dirigiert, Konzertmeister: Szymon Goldberg. In Videos erzählt der betagte Goldberg von Begegnungen mit Wanda Landowska und Paul Hindemith. »Der Ton muß schlank sein, aber nicht mager«, habe er von Landowska gelernt.

Ausgestellt wird auch das Faksimile einer kurzen Mitteilung vom 2. Juni 1964 an den Senat, in der der Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters, Wolfgang Stresemann, die Wiedereinstellung Goldbergs als Ersten Konzertmeister endgültig ablehnt. Goldberg hatte sie 1955 auf Grundlage des Wiedergutmachungsgesetzes beantragt. Diese Affäre wurde in Misha Asters Buch »Das Reichsorchester« von 2007, das die Geschichte der Philharmoniker in der Nazizeit »aufarbeiten« sollte, völlig ausgespart, erwähnt wird aber die Wiedereinstellung des ebenfalls emigrierten Konzertmeisters Hugo Kolberg für die Jahre 1958 bis 1963.

Man hatte es Goldberg besonders schwer gemacht, als er 1955 für seinen Antrag einen Beschäftigungsnachweis brauchte. Es waren keine Unterlagen da. Erst 1959 bezeugten endlich einige Orchestermitglieder, daß er bis 1934 Erster Konzertmeister gewesen war. Was geschah hinter den Kulissen? Wie stellten sich der künstlerische Oberleiter, Herbert von Karajan, und der Orchestervorstand, auf die Stresemann sich berief, zu Goldberg? Warum wurde Goldberg nicht die Stelle Kolbergs angeboten, obwohl man wußte, daß jener 1963 in Pension gehen würde?

Goldberg kehrte nicht nach Deutschland zurück. Ein einziges Mal noch hat er gemeinsam mit dem Pianisten Ashkenasi ein Solokonzert in Berlin gegeben, 1978 in der Hochschule der Künste. Musiker erzählen, er habe, wenn er zu Konzerten durch deutsches Territorium fuhr, die Vorhänge seines Abteils zugezogen.

Eine Tafel der Ausstellung konstatiert »unterschiedliche Sichtweisen zu Goldbergs Weggang«. In Goldbergs Entschädigungsakte steht: »Im Sommer 1934 fluchtartig ausgewandert«. Stresemann verlautbarte 1961: »Er hat 1934 Berlin verlassen, da er sich aus rassischen Gründen hier nicht mehr halten konnte.« Was für eine Formulierung. Goldberg selbst berichtete 1955: »Als Volljude und Pole war ich mir dessen bewußt, daß ich in Deutschland unter Hitler nichts Gutes zu erwarten hätte und nahm meinerseits die Initiative, um meinen Vertrag mit den Berliner Philharmonikern zu lösen. Furtwängler wollte mich nicht gehen lassen und versuchte, mich unter allerlei Zusagen im Orchester zu halten. U. a. wurde mir zugesichert, daß ich in Konzerten, die von Hitler besucht wurden, nicht zu spielen brauchte. Im Widerspruch zu dieser Abmachung geschah es, daß mir von der Anwesenheit von Hitler (…) nicht rechtzeitig Mitteilung gemacht wurde, so daß ich gezwungen war, doch vor Hitler aufzutreten.« Nachdem seine Frau Maria von der Gestapo beinahe ins KZ gebracht worden war, verließen sie Deutschland »Hals über Kopf«.

In der Berliner Morgenpost vom vergangenen Freitag glaubt Volker Blech, einen Widerspruch bei Goldberg zu finden, indem er vermerkt, jener habe bei der Eröffnung der Reichsmusikkammer am 15. November 1933 vor Joseph Goebbels gespielt. Ein Opportunist also? Das eben waren die Zustände in Deutschland, die ihm das Bleiben unmöglich machten. Das gilt auch für Blechs Behauptung, Goldberg habe gekündigt, was seinen späteren Anspruch auf Wiederanstellung in Frage stellt. Dafür gibt es keinen Beweis, weil sich eben in den Akten der Berliner Philharmoniker bezeichnenderweise nichts über Goldbergs Ausscheiden findet. Der Wiedergutmachungsbescheid vom 14. April 1964 geht zwar »von der Auflösung seines Vertrages« im Jahre 1934 aus, aber auch darüber findet sich in der Entschädigungsakte kein Beleg. Und den Bescheid erließ nicht das Landesverwaltungsgericht, wie Volker Blech schreibt, sondern das Landesverwaltungsamt Berlin, eine Dienststelle des Berliner Senats.

Richtig ist, daß Goldberg 1970 für seinen Einkommensausfall von Mai 1934 bis zum Stichtag 31.12.1953 entschädigt wurde. Nicht entschädigt aber wurde er für den Verlust des Arbeitsplatzes. Es gibt den Bescheid, er sei wiedereinzustellen, danach bricht die Akte ab. Memoiren oder Tagebücher von ihm sind nicht bekannt. Vielleicht ist in der Biographie, die Miyoko Yamane-Goldberg über ihren Mann geschrieben hat und die 2009 postum in Japan erschien, mehr zu erfahren, wenn sie denn einmal übersetzt würde. Hoffnung macht das tatsächlich übersetzte umfangreiche Inhaltsverzeichnis, das ausgestellt ist. Auch ist in Tokio ein Szymon-Goldberg-Archiv im Aufbau begriffen. Die Familie der 2006 verstorbenen Miyoko Goldberg stellt den Goldberg-Nachlaß zur Verfügung. Einen Schlußstrich kann es nicht geben.

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