9. März 2012

Niemand, der reinredete

Nach der »Wende« demonstrierten Frauen aus Ost und Welst für eine gesamtdeutsche Anwendung der DDR-Fristenregelung – ohne Erfolg - Quelle: jW/Hans-Jürgen Horn

Heute vor 40 Jahren beschloß die DDR-Volkskammer das »Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft«. Frauen konnten autonom entscheiden

Grit Lemke

Es war eine Art verspätetes Frauentagsgeschenk, das die weibliche Bevölkerung in der DDR vor genau 40 Jahren, am 9. März 1972 von der Volkskammer kredenzt bekam: das »Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft«. Mit acht Gegenstimmen und 14 Enthaltungen war es nicht nur die einzige nicht einstimmige Abstimmung in der Geschichte dieses Parlaments, sondern auch international ein Novum: Erstmals entschied nicht eine Kommission nach Maßgabe strenger Indikationen, sondern die Frau allein und eigenverantwortlich über den Abbruch einer Schwangerschaft innerhalb einer Frist von zwölf Wochen.

Diese Radikalität hatte mehrere Gründe: Nach seiner Amtsübernahme hatte Staatschef Erich Honecker im DDR-Recht kaum einen Stein auf dem anderen gelassen, zudem hatte er die Frauen und besonders berufstätige Mütter als wichtigste Adressatinnen seiner Sozialpolitik entdeckt. Dies entsprach deren wachsendem Selbstbewußtsein und Einfluß, gerade auch innerhalb der Ärzteschaft. Nicht zuletzt aber reagierte man mit dem Gesetz auf die bekannte, wenn auch nie öffentlich diskutierte Tatsache, daß jährlich offiziell 70 bis 80 Frauen bei den weit verbreiteten illegalen Abtreibungen ums Leben kamen, wobei die Dunkelziffer weitaus höher lag.

Charlotte Worgitzky beschrieb diese Praxis eindrucksvoll und drastisch in ihrem Roman »Meine ungeborenen Kinder«. Erst bei dessen Erscheinen 1982, zehn Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes, kam – wie so oft stellvertretend im Bereich der Kunst – etwas wie eine Debatte zu dem bis dahin tabuisierten Thema in Gang. Zuvor hatte es nur deutlich geäußerte Proteste der Kirchen gegeben, deren Kliniken denn auch größtenteils von ihrem Recht Gebrauch machten, den Eingriff zu verweigern. In allen anderen Einrichtungen aber war er trotz anfänglichen Unwillens des medizinischen Personals schnell Alltag geworden. Die Abtreibungsrate war innerhalb kürzester Zeit rasant in die Höhe geschnellt: Der Focus zitiert eine Studie, nach der es allein im Bezirk Gera 1973 fast 4000 mehr Schwangerschaftsabbrüche gab als noch zwei Jahre zuvor. Im Verbund mit der dort ebenfalls geregelten kostenlosen Abgabe der Pille führte das Gesetz zunächst zu einem dramatischen Absinken der Geburtenrate: Sie lag 1975 nur noch bei 52,3 pro 1000 Frauen im gebärfähigen Alter gegenüber gegenüber 84 im Jahr 1960. Bis zum Ende der DDR wurde dort jede dritte Schwangerschaft abgebrochen.

Dies und die Tatsache, daß es in den ostdeutschen Bundesländern bis heute mehr Abbrüche gibt als in den meisten westdeutschen, verführte den damaligen sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten und ehemaligen DDR-Frauenarzt Wolfgang Böhmer 2008 zu der vorschnellen (und später revidierten) Bemerkung, eine »leichtfertigere Einstellung zu werdendem Leben in den neuen Ländern« sei auch für die dort etwas häufiger vorkommenden Kindstötungen ursächlich. Schnell entrüstete man sich von allen Seiten, er hätte »alle Frauen« der DDR beleidigt. Statt dessen hätte man sich fragen können, was der Hintergrund dieser Zahlen ist. So schlau war man sogar in der DDR, wo 1979/80 eine breit angelegte Studie bescheinigte, daß der Umgang mit dem Gesetz durchaus »verantwortungsbewußt« sei und es hauptsächlich von Frauen in Anspruch genommen werde, die schon Kinder – und zwar mehr als der Bevölkerungsdurchschnitt – hätten. Zugleich aber beanstandete man eine mangelnde Bereitschaft, sich mit Methoden der Empfängnisverhütung auseinanderzusetzen und eine erschreckende Unkenntnis darüber. Auch aus der DDR-Ärzteschaft wurde Unbehagen geäußert (u.a. im Arbeitskreis »Ethik in der Medizin«), die bei dem Massen-Abtreibungsbetrieb ihrer – im Gesetz vorgeschriebenen – Beratungspflicht so gut wie nie nachkommen konnte.

Und man könnte auch andere Zahlen sprechen lassen: Denn nachdem Maßnahmen wie die Einführung des »Babyjahrs«, Verkürzung der Wochenarbeitszeit für Mütter oder die Bereitstellung von mehr Betreuungsplätzen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie beförderten, stieg auch die Geburtenrate in der DDR wieder an und lag schon 1979 wieder über der Sterberate – trotz Fristenlösung.

Eine wirkliche Aufarbeitung des gesamten Themas aber, die unaufgeregt sowohl das Recht der Frau auf Selbstbestimmung als auch das des ungeborenen Lebens in Betracht zieht, steht bis heute aus.

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