15. Dezember 2012

Nixon bombt

Präsident Johnson unterzeichnet am 10. August 1964 die Tonkin-Resolution - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 40 Jahren läßt der US-Präsident Nordvietnam von B-52 angreifen

Gerhard Feldbauer

Im November 1968 begannen in Paris Gespräche der Regierung der Demokratischen Republik Vietnam (Nordvietnam) und der Befreiungsfront Südvietnam (FNL) mit den USA und der Saigoner Regierung über die Beendigung des US-Krieges im gesamten Land. Einen entscheidenden Anstoß gaben im Januar 1968 die Enthüllungen des US-Senats, daß der sogenannte Tonking-Zwischenfall Anfang August 1964 eine von Präsident Lyndon B. Johnson organisierte Provokation war, mit der ein Vorwand zum Beginn des Luftkrieges gegen die DRV geschaffen wurde. Mit ungeheuerlichen verlogenen Behauptungen hatte sich Johnson dazu die Ermächtigung des Kongresses erschlichen.

Vor Beginn der Gespräche forderte die DRV die bedingungslose Einstellung der Luftangriffe auf Nordvietnam. Obwohl Johnson am 1. April dies nur für das Gebiet nördlich des 19. Breitengrad, etwa 100 Kilometer südlich von Hanoi, erklärte, nahm Hanoi am 13. Mai mit Washington Vorverhandlungen auf. Nur zwischen diesen beiden Seiten sollten nach den Vorstellungen Washingtons die Friedensgespräche geführt werden, um die DRV als allein »kriegführende Seite« in Südvietnam und als »Aggressor« hinzustellen. Lediglich die südvietnamesische Marionettenregierung sollte hinzugezogen werden.

Debakel bei Verhandlungen

Die DRV stellte zwei Bedingungen: Einstellung der Luftangriffe auf Nordvietnam und Teilnahme der FNL als gleichberechtigter Verhandlungspartner. Im Gegenzug akzeptierte Hanoi die Saigoner Marionettenregierung am Verhandlungstisch. Am 1. November 1968 war Johnson gezwungen, das Ende der Bombardierung Nordvietnams zu erklären. Es war eine Verpflichtung, die ständig gebrochen wurde. Der US-Präsident mußte auch Viererverhandlungen zustimmen, was die Anerkennung der FNL als kriegführender Seite im Süden bedeutete. Zu Beginn der Gespräche forderten DRV und FNL den bedingungslosen Abzug der US-Truppen aus Südvietnam und die Auflösung aller Militärstützpunkte. Mit der Bildung der Republik Südvietnam (RSV) und einer provisorischen Regierung durch die FNL und weitere Patrioten im Juni 1969 stärkte die Befreiungsbewegung ihre Position.

Die Pariser Gespräche fanden statt, während die Kämpfe im Süden weitergingen. Angesichts der Unmöglichkeit eines militärischen Sieges, der internationalen Proteste gegen den Krieg der USA und auch weitgehender Zersetzungserscheinungen bei ihren Truppen (siehe jW vom 25.8.2012) begann Washington ab 1970 diese abzuziehen und ging zur sogenannten Vietnamisierung des Krieges über. Bis Mitte 1971 wurden von den 537000 GIs rund 300000 zurückbeordert, dafür die Saigoner Armee um 600000 auf insgesamt 1,2 Millionen Mann vergrößert. Um ein den USA genehmes Regime an der Macht zu halten, forderte Richard Nixon, Nachfolger Johnsons ab 1969, mindestens zwei bis drei US-amerikanische Kampfdivisionen – wenn notwendig, noch zehn Jahre oder länger – in Südvietnam zu belassen. Kategorisch forderte er von Hanoi, die Unterstützung des Befreiungskampfes im Süden einzustellen.

Die DRV zeigte Kompromißbereitschaft und bot an, bereits im Vorfeld einer Übereinkunft in Paris mit der von den USA geforderten Freilassung der gefangenen US-Piloten zu beginnen. Die RSV erklärte sich bereit, in Südvietnam mit der Saigoner Regierung ein Kabinett der nationalen Einheit zu bilden, das seine Neutralität erklären sollte. Die USA und Saigon lehnten ab.

Am 1. April 1972 begannen die Befreiungsstreitkräfte im Süden eine neue landesweite Offensive. Drei operative Gruppierungen von jeweils drei Divisionen rückten auf die alte Kaiserstadt Hue und die schwer befestigte US-Luft- und Marinebasis Da Nang vor, griffen die Stützpunkte im Hochland von Pleiku an und stießen bis auf die Vororte von Saigon vor. Die RSV setzte zum ersten Mal ganze Regimenter mit Panzern, Artillerie und Flak ein. Die Zeit in Hamburg berichtete aus Saigon: »Die logistische Vorbereitung der Offensive war hervorragend. Trotz eines unaufhörlichen Flächenbombardements auf die Nachschubwege, trotz ausgedehnter Säuberungsaktionen, trotz eines ausgeklügelten elektronischen Überwachungssystems ist es dem Generalstab möglich gewesen, über Hunderte Kilometer schwere Panzer und schwere Geschütze bis tief in den Süden zu schaffen.«

Niederlage in der Luft

Washingtons SEATO-Verbündete (Organisation des Südostasienvertrags) rechneten mit dem Sturz des Saigoner Marionettenregimes. Im Pentagon erwog man eine »Unterbrechung der Vietnamisierung«. Das hätte jedoch laut der Financial Times den »politischen Selbstmord« Präsident Nixons bedeutet. Um der Lage Herr zu werden, ließ Nixon die Luftangriffe auf Nordvietnam wieder aufnehmen, dazu erstmals auch den achtstrahligen Langstreckenbomber »B-52 Stratofortress« (Stratosphärenfestung) einsetzen. Zur Begründung bezichtigte er Hanoi der »Aggression in Südvietnam«. Die DRV, die sich stets zu ihrer Unterstützung des Befreiungskampfes in Südvietnam bekannt hatte, bekräftigte diese Haltung in einer Erklärung vom 26. April 1972: »An jedem Ort des vietnamesischen Territoriums, wo es eine Aggression gibt, haben alle Vietnamesen das Recht und die Pflicht, gegen die Aggressoren zu kämpfen, um die Unabhängigkeit und Freiheit des Vaterlandes zu verteidigen.«

Die International Herald Tribune schrieb, es gelinge nicht, »den Willen Hanois zu brechen oder die größte Offensive seit Dien Bien Phu abzuwenden«. Nixon ließ die Angriffe fortsetzen. In der Hafenstadt Haiphong, Umschlagplatz für die Waffenlieferungen aus der UdSSR, legten die B-52 ganze Wohnviertel in Schutt und Asche. Auch der im Hafen liegende DDR-Frachter »Halberstadt« erhielt einen Raketenvolltreffer. Die US-Navy verminte alle Häfen Nordvietnams aus der Luft, um den Nachschub aus der UdSSR auf dem Seewege zu blockieren. Entlang des Roten Flusses wurden die Deiche angegriffen. Im Golf von Tongking zog das Pentagon eine Armada von 60 Kriegsschiffen zusammen, darunter fünf Flugzeugträger. Am 18. Dezember wurden die Angriffe der B-52 auf Hanoi ausgedehnt und in den folgenden zwölf Tagen 500 Einsätze geflogen. Der Korrespondent der Nachrichtenagentur ADN der DDR, Hellmut Kapfenberger, berichtete, daß in dieser Zeit über Nordvietnam insgesamt 140 B-52 und bis zu 700 Jagdbomber Angriffe flogen, dabei über 100000 Tonnen Bomben und Raketen gewaltige Schäden anrichteten und Tausende Opfer unter der Zivilbevölkerung forderten. An die 4000 Tote und Verletzte zählte allein Hanoi, obwohl viele Frauen und die meisten Kinder aus der Hauptstadt ebenso wie aus Haiphong und anderen Städten evakuiert worden waren.

Die DRV war jedoch nicht in die Knie zu zwingen. Die Londoner Daily Mail schrieb: Nixon habe offenbar »nicht mit dem Erfolg der Raketen sowjetischer Bauart und ihrer nordvietnamesischen Bedienungsmannschaften gerechnet, die täglich zwei der riesigen Bomber mit acht Triebwerken abgeschossen haben«. Insgesamt verlor die US-Airforce in der letzten Luftschlacht über Nordviertnam 33 B-52. Insgesamt schoß die DRV-Luftabwehr 1972 allein 54 von 200 dieser im pazifischen Raum verfügbaren Maschinen ab.

Quelle: Die Pariser Abkommen

Am 15. Januar1973 mußte Nixon die Luftangriffe auf Nordvietnam einstellen. Am 22. Januar wurde das Pariser Abkommen paraphiert und am 27. Januar von den vier beteiligten Seiten unterzeichnet. Am 2. März 1973 wurde der Vertrag durch eine Internationale Vietnamkonferenz gebilligt, an der neben den USA und den drei vietnamesischen Seiten weitere ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sowie Ungarn, Polen, Kanada und Indonesien teilnahmen.

Die Verträge fixierten ein Waffenstillstandsabkommen, die Bildung einer souveränen Regierung in Südvietnam und die friedliche Wiedervereinigung des Nordens mit dem Süden. Von besonderer Bedeutung war, daß zum Waffenstillstand das Verbleiben der Streitkräfte beider Seiten dort, wo sie sich befanden, festgelegt wurde. Das bedeutete die Anerkennung der befreiten Gebiete Südvietnams als von den Befreiungsstreitkräften kontrolliertes Territorium.

Die Pariser Verträge gaben den USA die Möglichkeit, den Krieg in Vietnam unter halbwegs ehrenvollen Bedingungen zu beenden. Wie 1954 nach den Genfer Indochina-Abkommen hielten sie sich auch an diese Verträge nicht. Die Quittung bekamen sie mit der letzten Offensive der Befreiungskämpfer im Frühjahr 1975, die mit der Einnahme Saigons am 30. April und damit der Befreiung des Südens des Landes endete.

Aus Irene und Gerhard Feldbauer: Sieg in Saigon. Erinnerungen an Vietnam, Köln 2006, S. 196 ff.

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