12. Mai 2014

Nützliche Lehren

Ehrgeizige Wirtschaftsziele: Walter Ulbricht besucht das Edelstahlwerk Freital »8. Mai 1945« (23.9.1962)

Band von Experten zum System der langfristigen Planung in der DDR

Jörg Roesler

Gestriges analysieren, um einen Beitrag zur Transformation der heutigen Gesellschaft ins Morgen zu leisten? Aus dem Gescheiterten einen Erfahrungsschatz gewinnen? Was in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus bestenfalls Kopfschütteln hervorrief, kann heute unter Linken ernsthaft diskutiert werden. Das Buch von Klaus Steinitz und Dieter Walter über Prognose und langfristige Planung in der DDR ist dafür ein Beispiel. Was dieses bisher kaum behandelte Thema der DDR-Wirtschaftsgestaltung betrifft, so lassen sich wohl kaum geeignetere Autoren finden. Klaus Steinitz war von 1966 bis 1971 Abteilungsleiter Prognose in der Staatlichen Plankommission (SPK), Dieter Walter von Ende der 60er bis Ende der 70er Jahre Mitarbeiter und Sektorenleiter in der Abteilung Prognose.

Die beiden Wirtschaftswissenschaftler behandeln Fragen der Prognosetätigkeit, analysieren die Art und Weise der Regulierung der wirtschaftlichen Entwicklung, die Rolle und den Inhalt der zentralen Planung sowie die Beziehungen zwischen Plan und Markt – beginnend mit der Zeit des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS). Im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit steht die zweite Etappe der Wirtschaftsreform, in der die Aufgaben der Vervollkommnung der Planung gegenüber der anfangs besonders betonten Maßnahmen zur ökonomischen Stimulierung der VEB stärker in den Vordergrund rückten. Die Qualifizierung der Planung wurde 1966 zum Eckpfeiler der Wirtschaftsreform erklärt. Die ökonomischen Potentiale der DDR sollten stärker als zuvor für »strukturbestimmende Aufgaben« genutzt werden. Zugleich sollte mit der Strategie »Überholen ohne einzuholen« auf ausgewählten Gebieten der internationale Höchststand erreicht, der Bundesrepublik nicht nur auf sozialem, sondern auch auf ökonomischem Gebiet Paroli geboten werden. Dazu mußte eine umfassende vorausschauende Tätigkeit organisiert werden. Gleichzeitig galt es, die Prognosetätigkeit mit der langfristigen Planung zu koppeln, um die Ergebnisse ersterer wirtschaftlich unmittelbar wirksam werden zu lassen – einen Vorteil der zentralen Lenkung nutzend.

Bekanntlich wurden die ehrgeizigen Wirtschaftsziele nicht erreicht. Die Prognosen in der zweiten Phase des NÖS für den Fünfjahrplan 1981 bis 1985 bis hin zu den Ende der 70er Jahre erarbeiteten Prognosen für 1990 bzw. 1995 ließen Schwächen und Fehler erkennen, klafften doch zwischen Zielen und Erreichtem erhebliche Lücken. Lohnt es sich angesichts dessen, die Verfahren, die den gewünschten Erfolg nicht gebracht haben, noch einmal zu untersuchen? Steinitz und Walter meinen unbedingt: »Ja«. Sie sind der Überzeugung, daß der nächste Sozialismusversuch zwar stärker den Markt in seine ökonomische Strategie integrieren muß, aber keinesfalls auf makroökonomische Planung verzichten kann. Auch die historischen Fehler und Unzulänglichkeiten der langfristigen Planung und der Prognose seien schon deshalb zu analysieren, weil sie beim nächsten Versuch vermieden werden müssen.

Wenn auch die Planung im Staatssozialismus nicht die Grundlage für einen zukünftigen Sozialismus sein kann, so enthielt sie nach Steinitz und Walter doch »wertvolle Elemente, die von Entstellungen und formalen Zügen befreit, (…) weiterentwickelt und genutzt werden sollten«. Insbesondere nennen sie Planberatungen, die in den Betrieben, Kombinaten und auf der Ebene der Ministerien und der SPK stattfanden, loben die Ausarbeitung der Pläne in mehreren aufeinander folgenden Phasen, die erst danach zur verbindlichen Planauflage wurden. Positiv bewerten sie auch die Verbindung der vertikalen Planung nach Bereichen und Zweigen mit der regionalen Entwicklung durch territoriale Komplexberatungen.

Diese Instrumente und Methoden können, wie Steinitz und Walter betonen, für einen zukünftigen Sozialismus natürlich nicht einfach übernommen werden. Sie wären einzubetten in ein System der Wirtschafts- und Gesellschaftsplanung, in dem durch Demokratie und Transparenz von Entscheidungsprozessen Subjektivismus weitgehend ausgeschaltet wird. Was die Zielsetzungen der Prognose- und Planungsprozesse betrifft, so verlangen sie eine Neubestimmung der Fortschrittskriterien für die Entwicklung der Produktivkräfte und der gesamtwirtschaftlichen (nicht nur die materielle Produktion betreffenden) Effizienz. Nachdrücklich plädieren sie für »ein radikal verändertes, neues Herangehen an Fragen des Wirtschaftswachstums«. Bei der damals in der DDR und bis heute im Westen Prognosen zugrunde gelegten Maximierung der Wachstumsziele dürfe es keinesfalls bleiben – nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes, sondern auch, weil unter dem Druck der Politik zu hohe Anforderungen gestellt werden, die das Risiko der Verfehlung der gesetzten Ziele erhöhen. Im Falle von wiederholt umzuarbeitenden Plänen (mit zwangsläufig herabgesetzten Zielen) ginge dann auch ihre Massenwirksamkeit verloren, würden diese nicht mehr als Anleitung zum Handeln angesehen.

Wie in kaum einem anderen Buch zur Wirtschaft der DDR ist es Steinitz und Walter gelungen, die Analyse des Vergangenen mit Anregungen für die Gestaltung der Ökonomie einer Übergangsgesellschaft als Vorstufe für einen neuen Sozialismus zu verbinden. Das Fazit, das der Leser bei der Lektüre dieses Bandes ziehen kann, könnte man so formulieren: Auch wenn in der DDR das in den Prognosen eindeutig, sogar mit Datum versehene Ziel, die Wirtschaft der Bundesrepublik einzuholen und zu überholen, nicht erreicht wurde, die Mühen der Vergangenheit waren nicht vergebens, wenn man es versteht, die gesammelten Erfahrungen unvoreingenommen und zielorientiert auszuwerten.

Klaus Steinitz/Dieter Walter, Plan – Markt – Demokratie. Prognose und langfristige Planung in der DDR – Schlußfolgerungen für morgen, VSA- Verlag, Hamburg 2014, 224 Seiten, 16,80 Euro

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