5. April 2014

»Nun gut, so sei es denn«

Als alle Schlachten geschlagen waren: Napoleon wand sich immer aufs neue zurückzutreten (Ölgemälde v. François Bouchot, 1843) - Fotoquelle: Wikimedia commons

Im April 1814 dankte Napoleon Bonaparte ab

Gerd Fesser

Seit der Gründung des Rheinbundes und seinem Sieg über Preußen im Jahr 1806 stieß Napoleon Bonaparte in den deutschen Staaten bedeutsame Reformen an. Sie brachten den Menschen die Gleichheit vor dem Gesetz, beseitigten die Privilegien des Adels und die Leib­eigenschaft. Gleichzeitig zwängte Napoleon die Deutschen unter das Joch der Fremdherrschaft. Die Truppen der Rheinbundstaaten mußten an seinen Eroberungszügen teilnehmen; so starben in Spanien und Rußland Zehntausende Soldaten aus deutschen Ländern. Besonders schwer war die Lage des besiegten Preußen. Napoleon rühmte sich, aus diesem Land eine Milliarde Francs herausgepreßt zu haben.

In der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 (siehe jW-Thema vom 16. und 19.10.2013) bereiteten die verbündeten Truppen der russischen, preußischen, österreichischen und schwedischen Feudalherrscher dem französischen Kaiser die entscheidende Niederlage. Anfang November entkam dieser über den Rhein. Die Grande Armée war 1812 in Rußland zugrunde gegangen. Auch von der zweiten Grande Armée, die Anfang 1813 aufgebaut worden war, blieben bis November desselben Jahres nur noch 60000 Soldaten übrig. Bonaparte ging sofort daran, eine neue Armee aufzustellen. Auf seine Anweisung hin beschloß der Senat im November, 300000 Männer der Jahrgänge 1788 bis 1794 einzuberufen. Bisher waren nur unverheiratete junge Männer zum Militärdienst eingezogen worden. Nun sollte es auch Verheiratete treffen. Viele junge Bauern und Arbeiter entzogen sich den Einberufungen. Auf den Sammelplätzen fanden sich daher nicht 300000 Rekruten ein, sondern höchstens 125000.

Die erforderlichen Gelder für die Aufrüstung suchte Napoleon vor allem durch Steuererhöhungen aufzubringen. Im November stieg die Grundsteuer um 30 Prozent, ebenfalls heraufgesetzt wurden die Tür- und Fenstersteuer sowie die Gewerbe- und die Salzsteuer. Die verhaßten indirekten Steuern auf Tabak und alkoholische Getränke wurden wieder eingeführt. Im Januar 1814 wurde die Grundsteuer gar um die Hälfte erhöht, und auch die übrigen Steuern wurden weiter angehoben. Der Staat kürzte hingegen Gehälter und Pensionen um ein Viertel.

Gescheiterte Verhandlungen

Unterdessen verständigten sich in Frankfurt am Main die verbündeten Monarchen von Rußland, Preußen und Österreich sowie ihre Ratgeber im November über die Friedensbedingungen, die sie Napoleon diktieren wollten. Sie waren bereit, Frankreich die »natürlichen Grenzen«, also die Pyrenäen, Alpen und den Rhein, zuzugestehen. Das hätte bedeutet, daß die linksrheinischen Gebiete Deutschlands und auch Belgien im Machtbereich Napoleons verblieben wären. Am 15. November übermittelten die Verbündeten dem französischen Herrscher ihre Vorschläge. Aber Napoleon antwortete nicht. Am 1. Dezember veröffentlichten die Verbündeten die Friedensbedingungen. Einen Tag später erkannte Napoleon die Vorschläge als Verhandlungsgrundlage an. Doch dieses Zeichen kam zu spät.

Die Verbündeten wollten Napoleon nicht die Chance lassen, eine neue Armee aus dem Boden zu stampfen. Am 21. Dezember überschritt ihre Hauptstreitkraft den Rhein, in der Neujahrsnacht folgte die russisch-preußische Schlesische Armee unter Generalfeldmarschall Gebhard von Blücher. Napoleon hatte nicht geglaubt, daß die Verbündeten im Winter einen Feldzug gegen ihn beginnen würden. Solche Kriegseinsätze galten damals insbesondere im Hinblick auf die Versorgung der Truppen als sehr schwierig. Besonders kompliziert war es, für Pferde Futter zu beschaffen. Überrascht vom Gegenteil, konnte er den 327000 Soldaten der Verbündeten nur 115000 Mann entgegenstellen.

Am 1. Februar 1814 siegte die Schlesische Armee bei La Rothière über Napoleon. Viele französische Soldaten desertierten an den folgenden Tagen. Napoleon fand sich nun bereit, an einem Friedenskongreß im zirka 200 Kilometer westlich von Paris gelegenen Châtillon-sur-Seine teilzunehmen. Die Verbündeten waren nun aber lediglich bereit, Frankreich die Grenzen von 1792 zu garantieren. Napoleon wies seinem Vertreter dort, den Außenminister Armand de Caulaincourt, an, die Bedingungen der Verbündeten zu akzeptieren.

Abdankung in Etappen

Der Krieg wurde dennoch nicht beendet. In den folgenden Wochen agierte der Oberbefehlshaber der verbündeten Streitkräfte, Feldmarschall Karl Philipp zu Schwarzenberg, im Einvernehmen mit dem Außenminister Österreichs, Fürst Clemens von Metternich, militärisch zögerlich. Napoleon hingegen operierte sehr geschickt, griff die Korps der Schlesischen Armee einzeln an und errang mehrere Siege. Jetzt wies er Caulaincourt an, die »natürlichen Grenzen« und obendrein große Teile Italiens zu fordern.

Metternich war bisher bereit gewesen, sich mit einem geschwächten Napoleon zu arrangieren, weil er in ihm ein Gegengewicht gegen das mächtige Rußland sah. Unter den Verbündeten gewann aber Zar Alexander die Oberhand, der den Sturz Napoleons forderte. Vom 22. März an stießen dessen Truppen indes nach Osten vor. Der Imperator wollte die Nachschublinien der Verbündeten unterbrechen und hoffte, Haupt- und Schlesische Armee würden ihm folgen, damit er sie dann getrennt schlagen könne. Doch die Allianz der Monarchen vereinte ihre beiden Armeen, rückte auf Paris vor und marschierte dort am 31. März ein.

Große Teile der französischen Bevölkerung waren längst der endlosen verlustreichen Kriege müde. Das Bürgertum hatte Napoleon unterstützt, solange er siegte und von diesen Siegen profitierte. Seitdem er Niederlagen erlitt, dachten Interessenvertreter des Bürgertums wie der ehemalige Außenminister Charles-Maurice de Talleyrand über Alternativen nach. Bisher war der Senat ein gefügiges Werkzeug des Imperators gewesen. Doch am 2. April 1814 erklärte die Institution ihn für abgesetzt, und am 6. April rief er den Bruder des 1792 hingerichteten Bourbonen Ludwig XVI. als Ludwig XVIII. zum König aus.

Napoleon gab immer noch nicht auf. Er stellte zwar am 4. April nach einer Unterredung mit seinen Marschällen eine Abdankungsurkunde aus (siehe dazu unten). Gleichzeitig plante er aber einen Angriff auf die Truppen der Verbündeten im Raum Paris. Am 6. April erklärten ihm jedoch die Marschälle Michel Ney, Louis-Alexandre Berthier und Charles-Nicolas Oudinot: Wenn er den aussichtslosen Kampf fortsetzen wolle, würden sie ihm den Gehorsam verweigern. Daraufhin dankte Napoleon definitiv ab.

In einem Vertrag vom 11. April beließen die Verbündeten ihm den Kaisertitel und wiesen ihm die italienische Insel Elba als souveränes Fürstentum zu. 1815 ergriff Napoleon in Frankreich noch einmal die Macht, wurde aber bald in der Schlacht bei Waterloo besiegt. Man verbannte ihn auf die Insel Sankt Helena, weit im Südatlantik, wo er am 5. Mai 1821 im Alter von 51 Jahren starb.

Quellentext: Unterredung Napoleons mit seinen Marschällen am 4. April 1814

[Napoleon]: »Ich habe gestrebt, Frankreich glücklich zu machen, daß ist mir nicht gelungen. Mein Stern hat sich gewandt. Fern sei es von mir, das Unglück zu vermehren. Aber was werden Sie tun, wenn ich abdanke? Werden Sie meinen Sohn, den König von Rom, zu meinem Nachfolger und die Kaiserin als Regentin annehmen?«

Das sagten wir einstimmig zu.

»Nun gut«, fuhr er fort, »so ist es das erste, einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Ich werde dazu Bevollmächtigte nach Paris schicken und ernenne als solche den Herzog von Vicenza und die Marschälle Ney und Marmont. Hat diese Wahl Ihren Beifall, meinen Herren?«

Wir verbeugten uns stumm.

Soviel ich mich entsinne, schritt er nunmehr sogleich an seinen Schreibtisch und setzte eine kurze Abdankungsurkunde auf, deren Fassung er mehrmals änderte. Darauf begann er wieder:

»Sie können sich jetzt zurückziehen, meine Herren; ich werde inzwischen die Instruktionen für die Bevollmächtigten anfertigen lassen, verbiete aber, daß irgend etwas abgemacht wird, was meine Person betrifft.«

Kaum hatte er das gesagt, da warf er sich auf ein Sofa, schlug sich mit der Hand auf den Schenkel und rief mit völlig verändertem Wesen: »Ah bah! Meine Herren, lassen wir das alles, wir wollen morgen marschieren und werden sie schlagen!«

Einen Augenblick waren wir ganz verblüfft von dieser plötzlichen Sinnesänderung, dann aber wiederholte ich kurz die von mir im Namen der Armee abgegebene Erklärung mit dem Hinzufügen: »Für uns hat jedenfalls der Krieg ein Ende, und Eure Majestät sollten eilen, die vorher ernannten Bevollmächtigten abzufertigen, denn jede Stunde der Verzögerung könnte ihren Erfolg abschwächen, wenn nicht gar ganz in Frage stellen!«

»Nun gut, so sei es denn!«, entgegnete der Kaiser nachdenklich. »Mögen sich die bestimmten Herren in vier Stunden zur Abreise bereithalten.« – Damit entließ er uns.

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