21. April 2010

Öl gegen Waffen

Geschichte. Vasall und Spießgesell: Rumänien im Krieg (1939-1944). Teil I

Dietrich Eichholtz

Nach dem Ersten Weltkrieg war die starke wirtschaftliche Stellung Deutschlands in Rumänien verlorengegangen. Die ehemaligen deutschen Eigner – Banken und Industrie – vergaßen nie, was sie durch Niederlage und Versailler Vertrag verloren hatten. Das galt im Fall Rumäniens in erster Linie für die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft, beide seit 1929 vereinigt zu »Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft«, deren Direktoren sich noch im Zweiten Weltkrieg als berufene Treuhänder für Verlorenes und Wiederzugewinnendes in der rumänischen Erdölindustrie – und damit den einzigen bedeutenden Erdölvorkommen in Europa – fühlten.

In den Jahren der Naziherrschaft war es von Anfang an für die Eingeweihten kein Geheimnis, daß Aufrüstung, Krieg und »Neuordnung der Welt« die Schritte waren, die zur »Wiedergewinnung der Weltmachtstellung« führen sollten.

1933 rückte in Deutschland die Aufrüstung in den Mittelpunkt von Wirtschaft und Außenpolitik. Der schwache Stand der Motorisierung, das Fehlen von Luftstreitkräften, von Großschiffen und U-Booten, von schwerer Heeresbewaffnung und Panzern ließ die Schwierigkeit der Aufgabe erkennen. Überall entwickelte sich das Fehlen eigener Bezugsquellen von Erdöl, d.h. von Treibstoffen, Schmierstoffen und Rohstoff für ganze Zweige der Chemieindustrie, zu einem Engpaß für die Aufrüstung und, in anderen Dimensionen, in der Kriegsplanung.

Außenpolitische Wende

Die deutsch-rumänischen Handelsbeziehungen verliefen Anfang der dreißiger Jahre in den üblichen Bahnen periodischer gegenseitiger Handelsverträge, bis das deutsche Interesse an einem intensiven Eindringen in die rumänische Wirtschaft mit dem Übergang zur forcierten Kriegsvorbereitung deutlich zunahm. Dieses gesteigerte Interesse läßt sich ungefähr mit der Inauguration des Vierjahresplanes 1936 datieren, verließ aber das gewohnte Geleise der außenpolitischen Beziehungen erst mit dem grundlegenden Umbau der Vierjahresplan-Organisation im Jahre 1938. Damals bemächtigte sich die Vierjahresplan-Führungsgruppe um Hermann Göring nicht nur zentraler Bereiche der wirtschaftlichen Aufrüstung (Mineralöl, Buna, Leichtmetalle, Pulver, Sprengstoff, Giftgas und deren Vorprodukte), sondern nahm, nach Hjalmar Schachts Demission als Reichswirtschaftsminister, auch maßgeblichen Einfluß auf das Wirtschaftsministerium und auf den handelspolitischen Apparat des Auswärtigen Amtes.

In Rumänien zerbrach Ende 1937 die gemäßigt-liberale Regierungskoalition. Die radikalnationalistische Bewegung der »Eisernen Garde« wuchs zu erheblichem innerrumänischen Gewicht heran. Der Antisemitismus griff in gefährlicher Weise auf die Wirtschaft über, nicht zuletzt unter dem Einfluß des faschistischen Regimes in Deutschland. König Carol II. löste das Parteienparlament und die Parteien selbst auf, regierte nach einer neuen Verfassung (März 1938) und ging hart gegen die »Eiserne Garde« als Machtkonkurrentin vor. Es waren schließlich die Aggressionen Hitlerdeutschlands im Jahre 1938, besonders die Annexion Österreichs und das Münchner Abkommen mit seinen Folgen, die die außenpolitischen Machtverhältnisse in Südosteuropa gründlich veränderten. Carol leitete vorsichtig eine außenpolitische Wende Rumäniens von den Westmächten und der Kleinen Entente hin zu Deutschland als bevorzugtem Handels- und politischen Partner ein, dem er vor allem Öl gegen Waffen anbot. Ende November 1938 schlossen Gespräche Carols mit Hitler und Göring in Berlin eine erste Verhandlungsrunde über engere Zusammenarbeit beider Staaten ab.

Bis zum Herbst 1939 nahm die Konfrontation der Großmächte um den maßgeblichen Einfluß auf die rumänische Wirtschaft schärfere Formen an. Dabei erreichte Helmuth Wohlthat, Spezialbevollmächtigter Görings, vorher Generalreferent Schachts, einen vielbeachteten Erfolg, als er am 23. März 1939 nach schwierigen Verhandlungen in Bukarest ein in seinen Formulierungen weitreichendes wirtschaftliches Abkommen mit Rumänien abschloß. Allerdings enthielt dieses »Wohlthat-Abkommen« für die deutsche Seite hauptsächlich Versprechungen für die fernere Zukunft (»Zehnjahresplan«).

Briten und Franzosen konnten aus ihrer – besonders im Ölsektor – saturierten Position unangestrengter verhandeln. Großbritannien »garantierte« den Rumänen, ähnlich wie am 31. März den Polen, am 13. April 1939 ihren staatlichen Bestand (Bestands-, nicht Grenzgarantie). Grigore Gafencu, rumänischer Außenminister, beschrieb den Zustand seines Landes inmitten der wachsenden Kriegsgefahr sarkastisch: »Garantiert von London, bewaffnet von Berlin.«

Deutsche Hybris

Im April 1939, kaum drei Wochen nach dem deutschen Einfall in Tschechien und der Annexion des »Protektorats Böhmen und Mähren«, war der Plan für den Krieg gegen Polen von Hitler abgezeichnet, beschlossen für den August des Jahres. Geheime Pläne der höchsten deutschen Militär- und Rüstungsdienststellen für den »Mob.-Fall« wurden zur gleichen Zeit fertiggestellt. Damals berechnete man in der Vierjahresplan-Organisation den Mineralölbedarf für den Krieg auf 14 Millionen Tonnen jährlich, für den zu erobernden »Großraum« wenig später auf unerhörte 24 Millionen Tonnen. »Der einzige Weg, in den nächsten Jahren vor 1942/43 bereits eine laufende Deckung des neuen Mob-Bedarfes zu erzielen, ist (…) (das) Freihalten des südosteuropäischen Wirtschaftsraumes für Deutschland«. Es sei vor allem zu prüfen, ob das rumänische Öl »über die heutige Zufuhr hinaus im Mob-Falle (…) bis zur Höhe des Gesamtausfuhrüberschusses Rumäniens politisch und militärisch sichergestellt« werden könne.

Der Wehrwirtschaftsstab des Oberkommandos der Wehrmacht übernahm noch im April den Grundgedanken dieses Planes, setzte aber von vornherein auf die Option der Gewalt gegen Rumänien in einem gesamteuropäischen Krieg. Er erklärte das rumänische Öl zum »vordringlichen Kriegsziel«. Das »Wohlthat-Abkommen« sei gerade in dieser Beziehung ganz unzulänglich und sehe vor allem keinerlei Verpflichtung Rumä­niens im Kriegsfall vor. Die einzige Lösung des Ölproblems im Krieg sei also die »Beherrschung der rumänischen Ölfelder (…) als Vorbedingung für eine ausreichende Mineralölversorgung Deutschlands in einem Krieg von längerer Dauer«. Die »Forderungen an die Wehrmacht« wären demnach unabweisbar: »1. Beherrschung der rumänischen Ölfelder und somit des gesamten Donauraums. 2. Durchführung der Besetzung unter Vorbedacht der Erhaltung und Betriebsfähigkeit der rumänischen Erdölindustrie. 3. Schutz der Transportwege, Erdölanlagen, Raffinerien und Tankläger.«

Die Führungszentrale des Vierjahresplans, die Reichsstelle für Wirtschaftsausbau unter Carl Krauch (IG Farben), hielt dagegen an der Vorstellung einer vorwiegend nichtmilitärischen Unterordnung der meisten europäischen Volkswirtschaften unter deutsches Kommando fest, mit dem Ziel, »die Blockadesicherheit für eine unter deutscher Führung stehende europäische Mächtegruppe herzustellen«. Diese taktische Variante für eine spätere Kriegführung beruhte auf der Erwartung eines europäischen Krieges gegen »fast die ganze übrige Welt« (Krauch) und blieb weitgehend Illusion, schon wegen des Widerstands der Völker, denen eine Art halbkoloniale Abhängigkeit und Ausbeutung zugemutet werden sollte.

Rumänien war als die Hauptölquelle für jenen Krieg vorgesehen. Das Land sollte seine Ölförderung auf das Doppelte gegenüber 1938 bringen, das heißt auf über 13 Millionen Tonnen, und diese Menge ausschließlich (!) nach Deutschland exportieren. Das bedeutete: Drosselung des eigenen Bedarfs an Erdöl auf Null und Sperrung der Ölausfuhr zum Weltmarkt; kurzfristige Mehrerzeugung von sechs bis sieben Millionen Tonnen Erdöl, dazu ein ausgedehntes Bohrprogramm (im ganzen Südostraum); entsprechende Ausdehnung der Erdölverarbeitungskapazitäten; Bau von Pipelines nach Deutschland und Ita­lien; Großinvestitionen im Eisenbahnwesen und in der Flußtransportflotte. Die Hybris der IG-Technokraten gegenüber einem bisher selbständigen großen Land wie Rumänien erklärt sich in diesem Fall zu Teilen auch aus ihrer Inkompetenz im Erdölfach und aus ihrer Unsicherheit in bezug auf die Möglichkeiten, Grenzen und Kosten der jungen Synthese-Industrie, jener Konkurrenz für das Erdöl, deren Fachvertreter sie waren.

Hitlers Sonderbevollmächtigter

Mit Kriegsbeginn vervielfachte sich der militärische Treibstoff-Bedarf. Die einsetzende alliierte Blockade verhinderte die wichtigsten Zufuhren von Erdöl nach Deutschland. Die rumänischen Lieferungen erhöhten sich nicht, zumal die Ölgewinnung im Jahr 1939 niedriger ausfiel als im Vorjahr. Die mit den deutsch-sowjetischen Verhandlungen zusammenhängenden Lieferungen aus der UdSSR entsprachen bei weitem nicht den deutschen Vorstellungen. Deutsch-rumänische Verhandlungen versprachen zwar Erfolge, weil die rumänische Regierung Ende September gegen deutsche Waffen, auch polnische Beutewaffen, Öllieferungen für ein ganzes Jahr in Höhe von monatlich 130000 Tonnen zusagte. Aber von Oktober bis Dezember 1939 wurde diese Zusage nur mit 256000 Tonnen, von Januar bis März 1940 nur mit 104000 Tonnen erfüllt. Hauptgrund war die Verweigerungspolitik, die das britische Kriegskabinett mit Druck auf die großen britischen Ölgesellschaften in Rumänien ausübte, die ihre Produktion drosselten, außerdem erheblich höhere Preise für Öl vom Mutterland erhielten. Auch die winterliche Vereisung der Donau durchkreuzte die deutschen Importanstrengungen. Die Haltung König Carols in dieser Zeit war undurchsichtig. Die Deutschen registrierten Sabotagefälle gegen Importlieferungen.

Die deutsche Wehrmacht und Rüstungswirtschaft bereitete sich in diesen Monaten mit hoher Konzentration auf den entscheidenden Kampf gegen Frankreich und Großbritannien vor. Ohne Ölzufuhr aus Rumänien waren große Schwierigkeiten auf dem Treibstoffgebiet zu befürchten. In dieser Situation fand am 2. Januar 1940 eine Krisensitzung unter Göring statt, an der etwa 20 hohe Vertreter aller wichtigen Ressorts teilnahmen. Göring berief sich auf Hitlers Auftrag, die rumänischen Öllieferungen in voller Höhe zu sichern und alle »Störversuche der Feindmächte« abzuwehren. Beschlossen wurde schließlich, bei der Bukarester Gesandtschaft einen Sonderbevollmächtigen einzusetzen. Die Wahl fiel, Hitlers Wunsch entsprechend, auf eine »Wiener Persönlichkeit«, nämlich auf den 46jährigen Hermann Neubacher, bisher Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien mit starker Bindung an den IG-Farben-Konzern, einen Nazi (SA-Gruppenführer) mit guten Beziehungen zur »Eisernen Garde«. In Fachkreisen »als Experte für die Wirtschaftsprobleme des Ost- und Südostraumes«, geschätzt, ernannte ihn Außenminister Ribbentrop zum Gesandten erster Klasse. Hitler, persönlich gut mit ihm bekannt, verwendete ihn während der Kriegsjahre mehrfach noch in anderen wichtigen politischen und wirtschaftspolitischen Funktionen im Südosten.

Erzwungene Gebietsabtretungen

Neubacher hatte Erfolg und schloß in den nächsten Monaten mit Hilfe des rumänischen Verteidigungsministers Victor Slavescu einen – zuerst geheimen – deutsch-rumänischen »Öl-Waffen-Pakt« (27. Mai 1940), nach dem Erdöl und Kriegsgerät unter für die deutsche Seite außerordentlich günstigen Preisrelationen getauscht wurde. Die deutsche Seite soll auf diese Weise mehrere hundert Millionen RM gespart haben. Die Gefügigkeit des rumänischen Staates, mehr und billigeres Öl zu liefern, wuchs allerdings unter dem Eindruck der deutschen militärischen Erfolge – besonders nach dem schnellen Sieg über Frankreich.

Dieser Sieg und der Rückzug Großbritanniens aus Kontinentaleuropa veränderten das europäische Staaten- und Machtgefüge grundlegend. Rumänien sah sich auf Gedeih und Verderb in Abhängigkeit von den Siegern Deutschland und Italien. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom August 1939 hatte die rumänischen Nationalisten zusätzlich stark verunsichert. Sie fürchteten, das seit der Versailler Zeit besetzte, vormals zur Ukraine bzw. zu Sowjetrußland gehörende Bessarabien zu verlieren.

Die deutsche Führung hatte keine Hemmungen mehr, die geschwächte Stellung König Carols II. zu ihren Gunsten auszunutzen. Wenig half, daß die rumänische Führung des Landes sich politisch und mehr und mehr auch wirtschaftlich dem deutschen Imperialismus unterwarf und zu ihrer Sicherheit deutsche Truppen ins Land zu holen bereit war. Sie kündigte die britisch-französische »Garantie« und trat aus dem Völkerbund aus. Der König bemühte sich sogar, wieder ein Arrangement mit der »Eisernen Garde« zu treffen.

Auch innenpolitisch war die Reputation des Königs nicht mehr zu retten, als Rumänien im Zuge der Revision der Friedensschlüsse von 1918/20 binnen weniger Monate ein Drittel seiner Fläche und Bevölkerung verlor: an die UdSSR (Bessarabien und Nord-Bukowina), an Ungarn (einen großen Teil Siebenbürgens) und an Bulgarien (Süd-Dobrudscha).

In die schwierigste Phase geriet die rumänische Politik des Jahres 1940 durch die Abtrennung eines großen Teils von Siebenbürgen (Transsylvanien; »jenseits der Karpaten«) und dessen Annexion durch Ungarn. Wie von Deutschland und Italien in dem sogenannten Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 oktroyiert, erhielt Ungarn etwa zwei Fünftel des im Frieden von Trianon an Rumänien verlorenen Gebiets mit seiner gemischten Bevölkerung zurück (Ungarn, Rumänen, »Volksdeutsche«, Juden). Diese Aufteilung kostete Tausende Menschen ihre Heimat. Sie wurde zwar nach dem Zweiten Weltkrieg wieder rückgängig gemacht; das Siebenbürgen-Problem vergiftet aber bis in jüngste Zeiten die Verhältnisse in diesen Gebieten und zwischen Rumänien und Ungarn.

Der Antonescu-Putsch

Für Hitler und Ribbentrop waren diese Staaten zwei Eisen im Feuer, die beide in dem fortdauernden Krieg, besonders als Flankenbedrohung der Sowjetunion, nützlich sein und auch gegeneinander ausgespielt werden konnten. In der Siegeseuphorie des Sommers 1940 erschien es ihnen auch wichtig, die Restbestände des »Versailler Systems« zu liquidieren. Fraglich bleibt aber, ob die erzwungenen Gebietsabtretungen durch den Wiener Schiedsspruch von 1940 für die Dauer des Krieges nicht viel weniger den Bündniszusammenhalt beider betroffenen Länder mit der »Achse« stärkte als vielmehr die Energien ihres erbitterten revisionistischen Kampfes gegeneinander.

Die wochenlangen Auseinandersetzungen um die Aussiedlungen und Vertreibungen von Rumänen aus dem abgetretenen Gebiet im September und Oktober, die Übergriffe ungarischer Behörden und die rumänischen Vergeltungsmaßnahmen waren der Hintergrund für die Abdankung des Königs am 6. September und seinen Abgang ins Exil. Nominell galt sein 19jähriger Sohn Mihai als sein Nachfolger.

Das Regiment aber führte in diesen Tagen bereits als neuer »Führer« der bekannte General Ion Antonescu. Er erklärte sich eigenmächtig zum »Conducator«, kam aber mit nicht geringem Nachdruck seitens der deutschen Gesandtschaft und reichsdeutscher Stellen an die Macht. Vom 21. bis 23. November war Antonescu zum ersten Mal in Berlin und wurde von Hitler empfangen, dem er als radikaler Antikommunist und Antisemit seitdem bis zum Ende anhing. Hitler schätzte ihn bald als zuverlässigen Statthalter in Rumänien und erkannte ihn als dritten Mann im Bunde der faschistischen Diktatoren an. Er kam jetzt dem Wunsch Antonescus nach, der seit Anfang September auf die Errichtung einer »Deutschen Militärmission« in Rumänien drängte, um die wenig taugliche rumänische Armee in eine kampfstarke Truppe umwandeln zu lassen, fähig, jeder sowjetischen Drohung entgegenzutreten. Die deutschen »Lehrtruppen« in Stärke von 34000 Mann einschließlich Luftwaffenmission (Dezember 1940) hatten aber intern als vorrangige Aufgabe die Absicherung der Erdölgebiete gegen Sabotage der Westmächte und bildeten zugleich die Vorhut für den Angriff auf die UdSSR von Süden her.

Antonescu verständigte sich zeitweilig mit der »Eisernen Garde« und trug ihr Regierungsposten an. Die Garde hatte Rückhalt in Deutschland bei SD- und Parteistellen, auch innerhalb der Bukarester Gesandtschaft, nicht zuletzt bei Neubacher, und forderte sehr bald eine »totalitäre Führung« ein. Als sie aber mit ausgedehnten antisemitischen Pogromen, mit Terror und Mord gegen Anhänger des früheren Regimes wütete, Unsicherheit in der Wirtschaft verbreitete und Anfang 1941 einen Aufstand vorbereitete, rechnete Antonescu, nachdem er Hitlers Billigung eingeholt hatte, in der zweiten Januarhälfte in schweren, blutigen Auseinandersetzungen mit der Garde ab, nicht ohne zu behaupten, daß sie unter kommunistischen Einfluß geraten sei.

Antonescu hatte, anders als die primitiven Faschisten der »Eisernen Garde«, weitergespannte, »großrumänische« Ziele. Er spekulierte seit seinem Kontakt mit Hitler auf die Wiederherstellung des ungeteilten rumänischen Siebenbürgen, auf die Wiedergewinnung Bessarabiens und der Nord-Bukowina. Je offensichtlicher der deutsche Einfall in die Sowjetunion näherrückte, desto heftiger wuchs der rumänische Wunsch, daran mitzuwirken und sich an der Beute auch anderweitig zu bereichern. Am 23. April 1941 lag der deutschen Führung ein Memorandum des rumänischen Ministerrats vor, in dem bereits ausufernde Kriegsziele niedergelegt waren. Hier war eine Revision der Grenzen anderer südosteuropäischer Länder vorgeschlagen, in denen autonome Gebiete für rumänische Minderheiten geschaffen werden sollten (in Mazedonien und Serbien). Vorherrschendes Interesse galt dem West-Banat, also ungarischem bzw. jugoslawischem Gebiet. Ferner erhob man auf die Rückerstattung der Süd-Dobrudscha (von Bulgarien) und sogar auf sowjetische Gebiete noch jenseits des Dnjestr Anspruch.

Diese Pläne verschwanden vorerst in den Schreibtischschubladen des Auswärtigen Amtes, nachdem sie selbst im rumänischen Außenministerium Widerspruch erregt hatten.

Von Dietrich Eichholtz erscheint im August 2010: Deutsche Ölpolitik im Zeitalter der Weltkriege. Studien und Dokumente, Leipziger Universitätsverlag, ca. 350 S., ca. 33 Euro (ISBN 978-3-86583-490-4)

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/04-21/023.php

Brüchiges Bündnis

Geschichte. Vasall und Spießgesell: Rumänien im Krieg (1939�1944). Teil II und Schluß

Dietrich Eichholtz

Eines der wichtigsten Ergebnisse des deutschen Sieges in Frankreich war die Möglichkeit, den Westmächten die Kapitalpositionen in der rumänischen Erdölindustrie abzujagen. Die Jagd auf die Ölinteressen der Briten, Franzosen, Belgier und Niederländer setzte schon im Mai 1940 ein, lange bevor Göring und Reichswirtschaftsminister Funk mit ihren »Neuordnungs«direktiven die offizielle Auflassung zum Run des Großkapitals auf die Beute gaben. Man müsse erreichen, hieß es aus dem Reichswirtschaftsministerium (23. Mai), »den in den Niederlanden und Belgien befindlichen Wertpapierbesitz sicherzustellen, um, besonders bei Holdinggesellschaften, über diesen Besitz hinweg gegebenenfalls auf die beherrschten Gesellschaften (z.B. in Rumänien gelegene Erdölgesellschaften) Einfluß zu gewinnen«.

Deutsche Bank gewinnt

Die entscheidenden Verhandlungen mit den französischen und belgischen Aktionären der Concordia, der Colombia und der Steaua Romana führte die Deutsche Bank. Sie war auf die Rückgewinnung ihrer alten Positionen aus der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg bereits vorbereitet und bekam im August die offizielle Genehmigung des Ministeriums, »schon während des Krieges diejenigen ausländischen Positionen, besonders im Südostraum, zu besetzen, die (…) für uns von besonderer Bedeutung sind«, und die Aktien der genannten Gesellschaften in deutschen Besitz zu bringen.

Die Verhandlungen in Brüssel und Paris liefen über eine ganze Reihe von Direktoren und führenden Beamten der Deutschen Bank unter Führung von Hermann Josef Abs, Karl Kimmich und Kurt Weigelt vom Bankvorstand. In den ausgehandelten Knebelverträgen mit den Pariser und Brüsseler Banken wurden in den nächsten Monaten die Aktien der Erdölgesellschaften zu einem Spottpreis »erworben«, diejenigen der »Colombia« zum Beispiel zu einem Sechstel des von den französischen Aktionären geforderten Preises von 100 Millionen RM. Stetigen Kontakt hatten die Unterhändler der Deutschen Bank mit den deutschen Ministerien und Besatzungsbeamten in Frankreich.

Die Übernahme der Besitztitel bzw. der Kontrolle und Verwaltung bei Concordia, Colombia, nach dem Antonescu-Putsch auch bei Astra Romana und Steaua Romana sowie bei Unirea (durch IG Farben) ließ die deutsche Verfügungsgewalt auf 47 Prozent der rumänischen Rohölförderung hochschnellen – ein gewaltiger Erfolg im Vergleich zur Vorkriegszeit, als der deutsche Einfluß nahezu bei Null lag. Diesen Zustand erkannte die rumänische Regierung durch Gesetz vom 10. Juni 1941 an. Antonescu kündigte ein weiteres Gesetz an, nach dem deutsches Eigentum von Beschränkungen »betreffend die Verfügung von Ausländern über ihr Vermögen« nicht berührt werden sollte.

Zu dieser Zeit war Antonescu mitsamt seiner Armee in die Vorbereitung des deutschen Überfalls auf die UdSSR bereits fest eingebunden. Er fühlte sich als engster Waffengefährte Hitlers und drängte seinerseits auf die »Zerschlagung der slawischen Gefahr (…) und (die) Öffnung der Wege zu den Petroleumquellen in Baku, im Irak und nach Indien«. Damit könne man, fügte er hinzu, in einem Monat fertig sein.

Die Einverleibung Bessarabiens und der Nord-Bukowina war nächstes rumänisches Ziel in diesem Krieg. Vorrangig war und blieb aber für Antonescu wie auch für die liberale Opposition stets das Wunschziel der Wiedervereinigung ganz Siebenbürgens mit »Großrumänien«, nach siegreichem Krieg notfalls auch im Alleingang gegen Ungarn. Als Preis hierfür galt dem Kreis um Antonescu die Bewährung an deutscher Seite im Kampf gegen Kommunismus und Slawentum bis zum Ende.

Rumänien und der Judenmord

Am 22. Juni 1941 proklamierte Antonescu, jetzt »Oberbefehlshaber der Heeresfront Rumänien«, den »heiligen Krieg«, zwei Tage später folgte die Kriegserklärung an die UdSSR. Der lange Marsch des Regimes in das Verbrechen und in den Untergang begann bereits Ende Juni im eigenen Land mit einem Pogrom in Iasi, dem mehrere tausend Juden – in Antonescus Diktion »jüdische Kommunisten« – zum Opfer fielen. Bessarabien (Moldawien) und Czernowitz (Bukowina) fielen in der ersten Julihälfte in rumänische Hand.

Ende Juli begannen rumänische Verbände, zunächst etwa 20 Divisionen und über 400 Flugzeuge, den Dnjestr zu überschreiten, und besetzten damit Boden, der noch nie zu Rumänien gehört hatte. Das umfängliche Gebiet zwischen Dnjestr und dem im August erreichten Südlichen Bug kam als Provinz »Transnistrien« unter rumänische Okkupation und Verwaltung. Odessa, strategisch am Schwarzmeer-Bogen zwischen Konstanza, Donaumündung und Krim gelegen, sollte nach Antonescus Wunsch allein von der rumänischen Armee belagert und genommen werden. Die Rote Armee aber hielt die Stadt viele Wochen. Am 24. September mußten die Rumänen wegen enormer Verluste – insgesamt 90000 bis 100000 Mann – die Belagerung unterbrechen. Bevor sie, mit deutscher Hilfe, neu angriffen, hatte die Rote Armee in der Nacht zum 16. Oktober Stadt und Seefestung geräumt, während organisierte Partisanen dort weiterkämpften. Dessenungeachtet wurde Antonescu hoch dekoriert und zum Marschall ernannt.

»Transnistrien« diente dem Regime Anto­nescus, dem Hitler seine »Richtlinien zur Behandlung der Ostjuden« schon am 12. Juni ans Herz gelegt hatte, als geeignetes Areal zur Deportation und Ermordung der bessarabischen und bukowinischen Juden. Die »nationale Säuberung« Rumäniens schließe ferner, so Außenminister Mihai Antonescu, des Conducators engster Berater, die Zwangsaussiedlung der »ukrainischen Elemente« und der Roma ein. Als Rechtfertigung für die Untaten nannte der Staatschef immer wieder den Kampf gegen den »Juden-Kommunismus«.

Von den etwa 135000 Juden, die nach Transnistrien verschleppt worden waren, starben Zehntausende auf den Todesmärschen an Hunger, Krankheit und Erschöpfung oder wurden vom rumänischen Begleitpersonal umgebracht. Außer Armee, Gendarmerie und Geheimdienst leistete die deutsche SS-Einsatzgruppe D aktive Beihilfe. Insgesamt verantwortete die rumänische Führung den Tod von mindestens 130000 rumänischen Juden aus den »wiedereroberten« Gebieten. Auch etwa ebenso viele ukrainische Juden aus Transnistrien selbst, darunter 35000 aus Odessa, wurden Opfer von Mord und Mißhandlungen. Später, im Sommer 1942, transportierten die rumänischen Behörden 25000 bis 30000 Roma, vor allem aus Altrumänien, nach Transnistrien, von denen weniger als 6000 überlebten.

Die Juden in Altrumänien nahm man von Vernichtungsaktionen wegen des ausländischen, vor allem des US-amerikanischen Drucks aus, enteignete sie und raubte sie aus, zwang sie zur Arbeit etwa im Straßenbau, ermöglichte aber einige Flüchtlingstransporte per Schiff nach Palästina, freilich gegen horrende Auswanderungsgebühren.

Blut und Öl

Nach der Schlappe ihres Bundesgenossen bei Odessa setzten die Deutschen die rumänischen Divisionen, unvollkommen ausgerüstet und schwach ausgebildet, wie sie waren, als Lückenbüßer und Reserve der Heeresgruppe Süd ein, etwa im Dnjepr-Bogen, später, im Herbst und Winter 1941/42, als Küstensicherung auf der Krim. Die »Siegesparade« in Bukarest am 8. November 1941 anläßlich der Eroberung Odessas fiel zusammen mit dem wechselhaften Verlauf und dem Scheitern der Wehrmachtoffensive auf Moskau, mit dem Mißerfolg bei Rostow und der britischen Gegenoffensive in Nordafrika (Tobruk). Die Hoffnung auf einen »Blitzkrieg« hatte auch Antonescu inzwischen fahrenlassen, versprach aber Hitler für den neuen Anlauf 1942 wieder 26 Divisionen für die Front – zwei Armeen, die nach Absprache eine eigene »Heeresgruppe Antones­cu« bilden sollten. Die Masse dieser Truppen traf erst im Laufe des Sommers im Osten ein, von den Deutschen noch schlechter ausgerüstet und versorgt als im Vorjahr.

Viel wichtiger war Rumänien den Deutschen freilich als Öllieferant für die Wehrmacht und fürs Reich, auch für Italien, ferner als Getreidelieferant. In den Verhandlungen vom Januar 1942 sahen die zugesagten Lieferzahlen günstig aus, die rumänischen Lieferungen selbst blieben dagegen weit zurück, ungeachtet der schon im Vorjahr großen Treibstoffschwierigkeiten an der deutsch-sowjetischen Front. Die Ölförderung (5,7 Millionen Tonnen) lag 1942 zwar noch etwas höher als 1941, die Lieferungen aber erheblich niedriger (2,2 Millionen Tonnen). Die deutsche Seite drängte unablässig auf Abhilfe, aber die rumänischen Behörden verschleppten die Sache; sie hatten kein Interesse, Görings Forderung nach »Raubbau« nachzugeben, auch wenn ihnen mehrfach die spätere Beteiligung am Kaukasus-Öl zugesagt wurde.

Mitte September nahmen die beiden rumänischen Armeen ihre Positionen an der Nord- und Südflanke der 6. Armee bei Stalingrad ein, von den langen Fußmärschen bereits geschwächt. Die 3. Armee im Norden beschwerte sich vergeblich bei Generaloberst v. Weichs, dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, über die schlecht ausgebauten, deckungslosen Stellungen am Don, dessen Flußlauf die gegenüberliegende Rote Armee beherrschte. Schweren Mangel litten die Rumänen an Artillerie, besonders an panzerbrechender, an Transportmitteln und an der Ernährung. Der Südabschnitt in der Kalmückensteppe (4. Armee) war ebenfalls nicht geeignet, einem Angriff standzuhalten. Hitler wies Antonescus Vorhaltungen hierüber am 10. Oktober ungerührt ab.

Wendepunkt Stalingrad

Am 19. und 20. November 1942 begann mit gewaltigen Schlägen an den Flanken die sowjetische Offensive zur Einkesselung der 6. Armee. Der Zusammenbruch und die fürchterlichen Verluste der rumänischen Truppen bei Stalingrad, ferner auch die der ungarischen 2. und der italienischen 8. Armee, sind bekannt. Bis zum 1. Januar 1943 verloren die Rumänen 150000 Mann, darunter 5300 Tote und 110000 Vermißte. Im Stalingrader Kessel ergaben sich mehrere Tausend rumänische Soldaten, die dort Zuflucht gesucht hatten. Übrig blieben von 26 nur acht rumänische Divisionen.

Nach Stalingrad war es vorbei mit den deutschen »Endsieg«hoffnungen. Der Katastrophe an der Wolga folgten der Rückzug in Nordafrika und die Kapitulation von mehr als 250000 Mann deutscher und italienischer Truppen in Tunesien im Mai und schließlich das Ausscheiden des italienischen Verbündeten aus der faschistischen Koalition im August/September 1943.

Die verbrecherische Blindheit der deutschen Führung für die aussichtslose Kriegslage ließ die deutsche Kriegsmaschinerie noch zweieinhalb Jahre weiterlaufen. Die Rohstofflage, so befand das deutsche Oberkommando noch im Spätherbst 1943, besonders die Treibstoffversorgung, könne »für 1944 als gesichert gelten«, wenn keine erheblichen Luftschäden einträten und die Lage auf dem Balkan sich nicht zum Schlechten wende. Zur gleichen Zeit (7.November) redete Generaloberst Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes, vor den Reichs- und Gauleitern zwar über »die Möglichkeit weiterer schwerer Krisen«, sah aber eine »tödliche« Gefahr nur bei »Ausschaltung des rumänischen Ölgebietes«.

Als der Krieg auf Rumänien zurückzuschlagen begann, lösten sich einflußreiche rumänische Kreise, bis in die Regierung hinein, von der Illusion, im deutschen Schlepptau gegen Preisgabe ihrer Naturreichtümer und volkswirtschaftlichen Substanz ein »Großrumänien« auf Kosten der Sowjetunion, Ungarns und Bulgariens unter Verdrängung von »Slawen«, Juden und Kommunisten errichten zu können. Die Lage dieser Kreise war nicht einfach, da deutsches Militär im Lande selbst anwesend war und Antonescu als »Staatsführer« dem Hitler-Regime ergeben blieb. Hitler seinerseits hielt bis Ende Februar 1944 den Plan »Margarethe II« in Reserve, nach dem, wie bald darauf in Ungarn, die überfallartige Besetzung auch Rumäniens vorgesehen war.

Das geheime deutsch-rumänische Wirtschaftsprotokoll vom 11. Januar 1943 enthielt noch einmal die Zusage der Rumänen, vier Millionen Tonnen Öl im Jahr 1943 nach Deutschland und Italien zu liefern. Diese Zusage stellte sich später als pure Absichtserklärung, genauer wohl: als Täuschung heraus. Die Verhandlungen verliefen für das Auswärtige Amt »äußerst unerfreulich«.

Im Hintergrund standen für Rumänien weit grundsätzlichere Fragen seiner Existenz nach dem Krieg. Staat und Bürokratie beschränkten die großen Ölgesellschaften, die ganz überwiegend unter deutscher Kontrolle standen, nach Kräften in ihrer Freizügigkeit bei der Exploration, beim Schürfen, Bohren und Fördern, um den rumänischen Boden nicht für den schon verlorenen Krieg leerpumpen zu lassen.

Im Herbst 1943 begannen neue, zähe Wirtschaftsverhandlungen. Rumänien lehnte jetzt Getreidelieferungen gänzlich ab, wenn nicht mit Gold gezahlt oder der unerträgliche Wiener Schiedsspruch von 1940 annulliert werde. Hitler manövrierte diesmal, indem er schließlich Antonescu am 23. März 1944 die Annullierung nach Kriegsende »vertraulich und mündlich« zusagte.

Ende der »Waffenbrüderschaft«

Allerdings beobachteten die deutschen Verantwortlichen schon seit Jahr und Tag ernste Anzeichen für den Mangel an Bündnisbegeisterung bei ihrem Partner. Klagen über den zähen Widerstand der Rumänen bei den oft »peinlichen und unwürdigen Verhandlungen« mit ihnen waren regelmäßig aus der deutschen Gesandtschaft zu vernehmen. Aber immer häufiger und nur schlecht verhüllt bemühten sich führende rumänische Kreise, sich aus der deutschen Vasallenschaft zu lösen und zu einem Sonderfrieden mit den Alliierten zu gelangen. Nicht nur die Führer der Opposition, sondern maßgeblich auch Vertraute des »Staatsführers« betrieben eine eindeutig probritische und proamerikanische Politik.

Der deutsche Einmarsch in Ungarn (19. März 1944), das Vordringen der Roten Armee auf Rumänien und die zunehmende Wucht der alliierten Bombenangriffe seit Anfang April 1944 auf das Ploiesti-Gebiet, auf Bukarest und auf die Öltransportlinien waren bereits Vorboten der Befreiung Rumäniens im August. Am 12. Juli 1944 berichtete Carl Clodius, zu dieser Zeit De-facto-Gesandter in Bukarest, zum letzten Mal dem Auswärtigen Amt in Berlin. Er vermeldete die Ohnmacht der deutschen Stellen gegenüber der Verweigerungshaltung der rumänischen Führung und ihren intensiven Verbindungen zum feindlichen westlichen Ausland.

Zu dieser Zeit waren die in deutsch-rumänischen Verbänden kämpfenden rumänischen Divisionen auf ihrem schweren blutigen Weg über den Kuban-Brückenkopf und die Krim längst aus den rumänisch okkupierten Gebieten der Ukraine vertrieben (Czernowitz 29. März; Odessa 10. April), und standen im Abwehrkampf an ihrer eigenen Grenze längs des Pruth bis dicht vor Iasi. Währenddessen flogen Hunderte und Aberhunderte US- und britische Bomber Woche für Woche schwere Angriffe auf Ölgewinnungs- und Transportanlagen, Eisenbahnen, Häfen und Städte.

Die große sowjetische Offensive aus dem Raum Iasi-Kischinjow brach am 20. August los. Nach zehn Tagen schwerer Kämpfe erreichte die Rote Armee Bukarest, wo mit Hilfe des Volkswiderstands Antonescu gestürzt und von König Mihai verhaftet worden war (23. August 1944) und tags darauf eine neue Regierung das Land zum Verbündeten des einstigen Gegners erklärt hatte.

Der Umsturz in Bukarest und der Frontwechsel der neuen Regierung ließ den deutschen Truppen auf rumänischem Boden keine Chance mehr. Die sich bei Ploiesti versammelnden Einheiten, darunter die 5. Flak-Division, gerieten größtenteils in Gefangenschaft oder fielen bei dem Versuch, zur ungarischen Grenze durchzubrechen. In dem Gebiet hielten sich aber noch deutsche Kampftruppen, bis es am 29./30. August befreit war. Die deutsche 6. Armee, schon am 24. August von der Roten Armee vollständig eingekesselt, wurde in ihrer Masse aufgerieben oder gefangen genommen.

Der blutige Kampf um die Zerschlagung der Heeresgruppe Südukraine setzte sich westwärts, besonders in Ungarn, noch über acht Monate fort und endete schließlich mit der Unterzeichnung der Kapitulation der Heeresgruppe vor den Amerikanern in München am 3. Mai 1945. Rumänische Truppen kämpften auf sowjetischer Seite mit mehr als einer halben Million Mann bis Kriegsende.

Von Dietrich Eichholtz erscheint im August 2010: Deutsche Ölpolitik im Zeitalter der Weltkriege. Studien und Dokumente, Leipziger Universitätsverlag, ca. 350 S., ca. 33 Euro (ISBN 978-3-86583-490-4)

Der Antonescu-Kult

»Schakale des Tigers« nannte Winston Churchill 1941 die mit Nazideutschland verbündeten Staaten. In fast allen diesen Staaten kamen nach dem Krieg früher oder später revisionistische Bestrebungen in rechtsgerichteten, besonders antikommunistischen und antisemitischen Kreisen, auch in der Geschichtsschreibung, zutage. Verbreitet waren sie in Rumänien in der Armee zu finden, auch in Kirchenkreisen und unter Intellektuellen. Nach dem Ende des Ceaucescu-Regimes (1990) häuften sich massive Versuche, den 1946 als Kriegsverbrecher hingerichteten Ion Antonescu zu rehabilitieren. Schon Anfang der 90er Jahre stellten sich Senat und Abgeordnetenkammer, mit Ausnahme der Demokratischen Union der Ungarn in Rumänien (UDMR), hinter diese Bestrebungen. Viele Straßen wurden nach Antonescu benannt, eine Marschall-Antonescu-Liga gegründet. Daß das Antonescu-Regime am Holocaust aktiv beteiligt war, wurde nicht thematisiert. Bis heute sind dagegen antisemitische Verschwörungstheorien in der Diskussion. Der Kult nahm groteske Züge an, wenn zum Beispiel laut einer Umfrage des staatlichen Fernsehens nach den wichtigsten Rumänen Antonescu noch 2006 an zehnter Stelle stand.

Seit 2001 betrieb die sozialdemokratische Regierung die Aufnahme Rumäniens in die NATO (Aufnahme 2002). Allmählich wurde eine vorsichtigere Linie gefahren. 2003 setzte Staatspräsident Ion Iliescu eine »Kommission über den Holocaust und seine Folgen in Rumänien« mit namhaften internationalen Historikern ein. Der jetzige Präsident Traian Basescu akzeptierte 2005 deren Ergebnisse, die aber erst 2006 auf rumänisch vorlagen. Seit 2006 gibt es ein Gesetz gegen antisemitische Hetze. Seine Umsetzung wird ohne Einfluß und Druck von außen schwierig bleiben; doch sind seit einiger Zeit Prozesse wegen Leugnung des Holocausts anhängig.

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