8. Dezember 2012

Ohne Massenbeteiligung

Trotz Kritik an Planung des Aufstands, Chinas KP gewinnt an Ansehen (AIZ, 1933)

Der vor 85 Jahren verlorene Aufstand in Kanton führte schließlich zur »Mao-Strategie«

Nick Brauns

Als »Pariser Kommune des Ostens« ging ein dreitägiger kommunistischer Aufstand in der chinesischen Stadt Kanton in die Annalen der Arbeiterbewegung ein. Sein Scheitern im Dezember 1927 sollte sich auf lange Sicht als strategische Wendemarke der chinesischen Revolution erweisen.

Auf Weisung der Kommunistischen Internationale waren die Mitglieder der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) 1923 in die bürgerliche Nationalpartei Kuomintang (KMT) eingetreten. Nach Einschätzung der Komintern-Führung war nicht an eine sozialistische Revolution im agrarisch dominierten China zu denken. Daher sollten die Kommunisten unter Verzicht auf Propagierung ihres sozialistischen Programms den Kampf um nationale Einheit und vollständige Unabhängigkeit des unter Feudalherren und Warlords aufgesplitterten und von imperialistischen Mächten ausgepreßten Landes unterstützen. Vor dem Hintergrund der revolutionären Massenbewegung in den Jahren 1925 bis 1927 gelang es der KPCh als aktivste Kraft innerhalb der mit Komintern-Hilfe reorganisierten und finanzierten KMT, die Zahl ihrer Mitglieder von 1000 auf 50000 zu vervielfachen. In der von Militärs und Großgrundbesitzern dominierten KMT-Führung wurde dies mit Sorge gesehen. Schließlich putschte der Oberbefehlshaber der KMT-Armee, General Tschiang Kai-schek, am 12. April 1927 in Shanghai gegen seine bisherigen Bündnispartner. Gewerkschaften wurden zerschlagen und Tausende Kommunisten inhaftiert oder massakriert.

Schlecht aufgestellt

Angeleitet von den Komintern-Instrukteuren Heinz Neumann und Besso Lominadse vollzog die KPCh unter ihrem neuen Parteiführer Chü Chiu-pai nun eine schroffe Linkswendung. Sie erklärte den Übergang von der bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Revolution. Daher solle Kurs auf den bewaffneten Aufstand und die Bildung von Räten genommen werden. Nach dem Scheitern des von Mao Tse-tung geleitete Herbsternteaufstandes in Hunan und eines Aufstandes in Nanchang im August sollte ein Aufstand in Kanton in der Provinz Kwangtung zum Fanal einer landesweiten Revolution werden. »Die Regierung von (KMT-Warlord) Tschang Fat Kwei war verfault und kraftlos, sie hatte bislang nicht das Vertrauen der Bourgeoisie gewonnen, sie war bei den Arbeitern und Bauern verhaßt, während sie sich nicht mehr länger auf ihre eigenen Streitkräfte verlassen konnte. Die Bereitschaft der Arbeiter zum Kampf war nie größer, ihr Feind nie schwächer«, hieß es in einer Analyse der Komintern.

Obwohl kommunistische Militärführer entschieden von einem Aufstand abrieten, wurde der Aufstand auf den 13. Dezember terminiert. Da örtliche Behörden von den Plänen erfuhren, schlugen die schlecht bewaffneten Arbeitermilizen der Roten Garde unter Führung ihres bereits am nächsten Tage gefallenen Kommandeurs Zhang Tailei bereits in der Nacht zum 11. Dezember los. Das Überraschungsmoment gegenüber einer fünffachen feindlichen Übermacht ausnutzend, übernahmen sie alle Polizeistationen der Stadt, stürmten die Gefängnisse und bewaffneten die daraus befreiten Kommunisten und Gewerkschafter. Auch ein unter kommunistischem Einfluß stehendes Kadettenregiment schloß sich den Aufständischen an, die mit städtischen Bussen und Straßenbahnen bis neun Uhr morgens fast alle wichtigen Punkte der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht hatten.

Am Morgen erfuhren die Kantoner, daß ihre Stadt nun von einem »Kantoner Sowjet der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten« regiert wurde, der die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages, die Nationalisierung der Industrie und die Verteilung des Landes unter armen Bauern und revolutionären Soldaten dekretierte.

Doch der Kantoner Sowjet war – anders als die Räte in der russischen Revolution 1917 – nicht aus Wahlen in den Betrieben hervorgegangen, sondern auf einer geheimen Versammlung der Kommunisten vor Aufstandsbeginn ernannt worden. »Die breitesten Massen haben sich am Aufstand nicht beteiligt«, mußte ein Mitglied des Revolutionären Kriegsrates des Sowjets eingestehen. Von den etwa 150000 Kantoner Arbeitern, die in kommunistisch geführten Gewerkschaften organisiert waren, hatten sich selbst nach optimistischen Schätzungen keine 10000 beteiligt. Dazu kam das militärstrategische Versäumnis der Revolutionäre, rechtzeitig die Uferpromenade zu besetzen. Von der Flußseite aus erfolgte so der Gegenangriff der gegenüber den Kommunisten geeint agierenden Truppen der zuvor in einem internen Machtkampf konkurrierenden KMT-Warlords Tschang Fat Kwei und Li Tschi-sen. Rückendeckung erhielten die konterrevolutionären Truppen von britischen, französischen, japanischen und US-Kriegsschiffen, die ihre Geschütze auf die Stellungen der Roten Garde gerichtet hatten, während japanische Marineinfanteristen auf der Uferpromenade auf Arbeiter schossen.

Als das Scheitern des Aufstandes unvermeidbar war, setzten sich 2000 Revolutionäre am Nachmittag des 13. Dezember in die unter der Kontrolle von Bauernguerillas stehenden ländlichen »Rätebezirke« Hai Fong und Lu Fong ab. Unter den in Kanton verbliebenen Kommunisten richteten die konterrevolutionären Truppen ein Massaker an, dem mehr als 5000 Arbeiter zum Opfer fielen.

Kampf zweier Linien

Die Komintern feierte den Aufstand trotz Kritik an der ungenügenden Vorbereitung als »glorreichste Tat des chinesischen Proletariats«. Dagegen bezeichnete der frühere von Lenin hochgeschätzte Komintern-Experte für koloniale Fragen Manabendra Nath Roy den »Kantoner Aufstand als das tragischste Ereignis in der ganzen Geschichte der chinesischen Revolution«. Roy nannte den Aufstand »ein tollkühnes, schlecht überlegtes, dilettantisch vorbereitetes Offensivunternehmen, ein wirkliches Abenteuer«. Der Aufstand »vollendete den Niedergang der Arbeiterklasse und setzte sie in der Folgezeit ganz außer Gefecht«, resümierte der 1929 aufgrund seiner Opposition zu Stalins Politik aus der Internationale ausgeschlossene indischstämmige Kommunist.

Die KPCh setzte 1929 ihre Offensivpolitik mit einer Reihe von lokalen Bauernaufständen fort, die aufgrund fehlender Massenunterstützung den Charakter isolierter Guerillabewegungen behielten. Trotz der massiven Repression, der innerhalb von drei Jahren 25000 Kommunisten zum Opfer fielen, wuchs die Partei weiter massiv an. Doch von 130000 Mitgliedern im Jahr 1930 stammten nur noch 5000 aus Industriegebieten, ihrer sozialen Zusammensetzung nach war die KPCh eine Bauernpartei mit Schwerpunkt auf den Dörfern geworden.

Die Bauern aber sahen in der Partei und der von ihr geführten Roten Armee in erster Linie ein Werkzeug der ersehnten Landreform, während sie mit dem Sozialismus wenig anfangen konnten. Als langfristige Folge ihrer Niederlage in den Städten setzte sich so innerhalb der chinesischen Kommunisten in den 30er Jahren im »Kampf zweier Linien« die nach dem späteren Parteiführer Mao Tse-tung benannte »Mao-Strategie« des ländlichen Guerillakrieges gegenüber der marxistisch-leninistischen Orientierung auf die Arbeiterklasse durch.

Quelle: Gewaltigstes Ereignis der chinesischen Revolution

Die Arbeiter- und Bauernmassen waren von der Partei nicht genügend zum Aufstand vorbereitet worden. Recht schwerwiegend war der Umstand, daß man es unterlassen hatte, einen gewählten Rat als Organ des Aufstandes zu schaffen. Ein Generalstreik, der die Teilnahme breitester Arbeitermassen am Aufstand hätte gewährleisten können, war ihm nicht vorausgegangen. Die Massen wurden durch den Ausbruch des Aufstandes überrascht, er traf sie unvorbereitet. (…) Ebenso verhängnisvoll wirkte sich der Umstand aus, daß jegliche vorbereitende Arbeit in der feindlichen Armee unterblieben war. Hätte die Propaganda der Kommunistischen Partei die Truppen des Gegners zermürbt, so wäre es letzterem, trotz der Unterstützung der Imperialisten, wohl kaum gelungen, die Kantoner Kommune niederzuwerfen. Auch die von der Partei unter den Bauern durchgeführte Arbeit erwies sich als unzulänglich. (…) Desweiteren ist zu sagen, daß die Parteiorganisation selbst, wie auch der Kommunistische Jugendverband, nicht hinreichend auf den Aufstand vorbereitet waren. Ein Teil der Genossen erfuhr von ihm erst, als die Schüsse schon durch die Straßen schallten. Und doch kann die Bedeutung der Kantoner Kommune, trotz ihrer Niederlage, nicht hoch genug angeschlagen werden. Sie stellt das gewaltigste Ereignis der gesamten Geschichte der chinesischen Revolu­tion dar. Der Kantoner Aufstand ist der Wendepunkt, welcher der Arbeiterklasse und der Armbauernschaft Chinas den neuen Weg zur Macht wies, zur einzigen Macht, die sie von den Gutsherren, der Bourgeoisie, dem Imperialismus zu befreien vermag.

aus: Hwang Ping, Der Kantoner Aufstand und seine Vorgeschichte, zitiert nach Manfred Hinz (Hg.), Räte-China, Frankfurt/Main 1973, S. 29f.

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