4. Juni 2012

Operation Anthropoid

Statthalter im besetzten Prag: SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (vorne links) in seinem Amtssitz im Hradschin (1941) - Quelle: Bundesbildarchiv

Vor 70 Jahren endete das fluchwürdige Leben des Reinhard Heydrich

Kurt Pätzold

Würde der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich die Maitage des Jahres 1945 erlebt haben, hätte ihn die Entwicklung vor die Wahl gestellt, entweder wie sein Vorgesetzter Heinrich Himmler oder sein enger Mitarbeiter Heinrich Müller (»Gestapo-Müller«) sich aus dem Leben zu stehlen oder auf die Anklagebank zu geraten, und von dort an den Galgen. Dieser Entscheidung enthob ihn ein von Großbritannien ausgesandtes Kommando, das per Flugzeug und mit Fallschirmen sein heimatliches Operationsgebiet erreichte. Josef Gabcík und Jan Kubis, beide Angehörige der tschechischen Exilarmee, gelang am 27. Mai 1942 jener Anschlag, der Heydrich tödlich verletzte. Auf dem Anfahrtsweg, den er täglich zur Prager Burg benutzte, erwarteten sie das Fahrzeug. Eine Bombe verletzte den neben dem Fahrer Sitzenden so schwer, daß er wenige Tage später trotz besonderer ärztlicher Bemühungen nicht zu retten war. Er starb am 4. Juni. Die Nachricht erregte weltweit Aufmerksamkeit. Im Deutschen Reich waren da ohnehin schon Diskussionen in Gang gekommen, wie denn das ganze riesige eroberte Gebiet in Osteuropa künftig und auf Dauer beherrscht werden könne.

Daß Heydrich so endete verschaffte ihm ein mehrtägiges pompöses Staatsbegräbnis, das auf der Prager Burg begann, sich im Mosaiksaal der Neuen Reichskanzlei unter Hitlers Teilnahme mit einer Rede Heinrich Himmlers fortsetzte und mit einem Trauerzug und einem Begräbnis auf dem Berliner Invalidenfriedhof endete. Doch hat ihm der Reichsführer SS, sein früher Förderer und Vorgesetzter, auch eine Kritik nachgerufen, wenn auch nicht öffentlich, die anderen Herrschern im faschistisch-besetzten Europa zur Lehre gereichen sollte. Er rügte, daß Heydrich sich in Prag jeden Tag die gleiche Strecke in einem offenen Mercedes und ohne eine spezielle Bewachung zum Hradschin fahren ließ, sich also im eroberten Land in jenem Stil bewegt hatte, in dem Kolonialherren sich einst irgendwo in Afrika oder Asien unbewaffneten und friedfertigen Einheimischen zeigten. So hatte die Planung des Attentats keine schwierige logistische Aufgabe dargestellt.

Heydrichs Tod war für das Regime ein schwerer Verlust in einem Moment, da mit den Eroberungen in ganz Europa auf die Führungsgruppe des Regimes immer mehr Aufgaben zukamen und die Doppelfunktionen, da es an verläßlichem und als befähigt angesehenem Nachwuchs mangelte, unausgesetzt zunahmen. In diese Rolle war auch Heydrich geraten. Zu seiner Aufgabe als Chef des Reichssicherheitshauptamtes mit Kompetenzen in allen angeschlossenen Gebieten und besetzten Staaten übertrug ihm Hitler die faktische Regentschaft im sogenannten Reichsprotektorat Böhmen und Mähren. Als »Stellvertreter« trat er die Nachfolge des Konstantin Freiherr von Neurath an, der dieses Amt nur formell noch bis 1943 behielt.

»Wunderbare Zeit«

Heydrich brachte in die Stadt an der Moldau die Erfahrungen des Terrors gegen Widerstandskräfte mit, und das war ein Grund dafür, daß er mit dem Posten betraut wurde. Dessen Gewicht ergab sich zudem aus der Tatsache, daß das »Protektorat« Rohstoffbasen (Braunkohle) und Rüstungsschmieden (Skoda-Werke) besaß, deren Ausbeutung für die Fortführung des sich hinziehenden Krieges an Bedeutung noch gewann. Heydrich bezog also im September 1941 – der Krieg gegen die UdSSR war drei Monate zuvor begonnen worden – ein zweites Dienstquartier auf dem Hradschin zusätzlich zu dem im Palais in der Berliner Wilhelmstraße. Wie er seine Aufgabe sah, sagen Sätze aus der Eröffnungsrede vor seinen neuen Mitarbeitern: »Ich brauche also Ruhe im Raum, damit der Arbeiter, der tschechische Arbeiter, für die deutsche Kriegsleistung hier vollgültig seine Arbeitskraft einsetzt. Dazu gehört, daß man den tschechischen Arbeitern natürlich das an Fressen geben muß – wenn ich es so deutlich sagen darf –, daß er seine Arbeit erfüllen kann.« Wer nicht »vollgültig« funktionierte, um den kümmerte sich die Gestapo in Marter- und Folterhöllen wie der in der Kleinen Festung vor den Toren von Theresienstadt.

Heydrich und seine Familie bezogen im Stil von Kolonialherren ein Nobelquartier auf dem Landgut Jungfern Breschan (Panenske Brezany) bei Prag, das einem jüdischen Industriellen gehört hatte. Dort verrichteten Häftlingskommandos aus Theresienstadt, später aus dem Konzentrationslager Flossenbürg die Landarbeiten und die Dienste für die Familie. Heydrichs Witwe geriet noch lange, nachdem sie diese Wohnresidenz hatte verlassen müssen, selbst vor Rundfunkmikrophonen ins Schwärmen (»wunderbare Zeit«), wenn sie auf ihren Aufenthalt in Prag zu sprechen kam.

Beispielloses Verbrechertum

Es gibt kaum einen zweiten Politiker des faschistischen Regimes, dem, als die historiographische Auseinandersetzung mit dessen Geschichte begann, Geschichtsforscher und Publizisten soviel Aufmerksamkeit zuwandten wie Heydrich. Dazu mag seine Rolle ebenso wie sein Ende beigetragen haben. Lang ist die Reihe der Biogra­phien des SS-Obergruppenführers. Die jüngste und hochbenotete hat 2011 der am University College Dublin lehrende Robert Gerwarth vorgelegt (siehe jW-Thema vom 5.11.2011). Sie erschien zuerst bei Yale University Press, dort mit dem Untertitel »Hitlers hangman« und wurde sogleich auch in einer deutschen Übersetzung herausgegeben. Mehrere Auflagen erlebte die von dem Publizisten Günther Deschner – der inzwischen als Autor auf dem Weg über Die Welt auch bei dem Rechtsaußenblatt Junge Freiheit angekommen ist – 1977 veröffentlichte Biographie (zuletzt 2008). 1982 legte der jugoslawische Journalist und Historiker Edouard Calic in Paris seine Biographie vor, die im gleichen Jahr ebenfalls eine deutsche Ausgabe erlebte. 2005, nach dem Tode des früh verstorbenen Stern-Reporters Mario R. Dederichs, erschien dessen zuvor in der Zeitschrift als Folge veröffentlichte Darstellung. Das ist eine Auswahl.

Noch übertroffen wird diese Biographienserie von der Vielzahl vorwiegend tschechischer Veröffentlichungen, in denen die Geschichte des Attentats erzählt wird. Doch begann sie 1960 mit der Darstellung eines Briten, Alan Burgess’ »Seven Men at Daybreak« (dt: »Sieben Mann im Morgengrauen«, 1961). 1979 folgte aus der Feder des tschechischen Schriftstellers Miroslav Ivanov »Der Henker von Prag. Das Attentat auf Reinhard Heydrich« (dt. Ausgabe 1993). Und so ging es fort. 1989 publizierte der Brite Callum A. MacDonald, Professor an der Warwick University, seine Untersuchung »The Killing of SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich«. Das Attentat bildet auch den Stoff des von dem tschechischen Juristen Jirí Sulc 2007 vorgelegten Romans »Zwei gegen das Reich«. Schon 1998 war in Brno eine Abhandlung auf den Buchmarkt gelangt, die sich mit »Legenden und Tatsachen über das Attentat auf Heydrich« befaßte.

Schon bevor es schriftliche Darstellungen des Attentats gab, war es Gegenstand von Verfilmungen. In Hollywood wurde 1943 »Hangmen« produziert, woran mit anderen drei Emigranten, der Regisseur Fritz Lang, Bertolt Brecht und Hans Eisler, beteiligt waren. Seine Handlung weicht von der tatsächlichen, zumal deren Einzelheiten öffentlich noch gar nicht bekannt geworden waren, erheblich ab. Im gleichen Jahr entstand bei Metro-Goldwyn-Mayer der Film »Hitlers Madman«. In tschechischen Filmstudios wurde 1964 der Spielfilm »Das Attentat« gedreht und 1975 erschien die US-amerikanisch-tschechische Gemeinschaftsverfilmung von »Operation Daybreak«.

Das ist eine – ebenfalls unvollständige – Reihe der Kennzeichnungen, die Heydrich in Texten und Untertiteln von Büchern und Artikeln erfuhr: »Musternationalsozialist«, »Paradebild des Nationalsozialisten«, »Schlüsselfigur des Dritten Reiches«, »Das Gesicht des Bösen«, »Statthalter der totalen Macht«, »Der Architekt der Endlösung«, »Der eiskalte Manager des Holocaust«, »Der Henker von Prag«, »henchman of death«, »Hitlers hangman«, »le violiniste de la mort«.

Die Aufzählung signalisiert, was dem Mann an Himmlers Seite soviel Aufmerksamkeit eingetragen hat. Es ist die Frage: Wie wird jemand fähig, eine derart mörderische Lebensspur zu ziehen wie es dieser Faschist tat? Wo begann sein Lebensweg in ein nahezu beispielloses Verbrechertum zu münden, und was waren dessen Stationen? Um darauf Antworten zu finden, haben sich die Heydrich-Biographen über viele Fährten und Spuren gebeugt und auf Wege, aber auch auf Irrwege und in Sackgassen begeben.

Mancher Autoren Fragen richten sich schon auf das Kind und den Heranwachsenden: Wie waren seine Eltern zu ihm? Wie verhielt er sich zu ihnen? Welche Atmosphäre existierte im Halleschen bürgerlichen Elternhaus, in dem eine bigotte katholische Mutter das Regiment geführt haben soll? Wie behandelte der Bruder seinen Bruder und die beiden Schwestern? Wie ihn seine Mitschüler? Es gehört zu den Modeerscheinungen der aktuellen Geschichtspublizistik, in die Psyche der handelnden Personen, der »Helden«, gleichsam hineinkriechen zu wollen. Wurmgleich und in der Hoffnung, dort fündig zu werden. Im Extrem führt das zur Ersetzung der Methoden der Geschichtswissenschaft durch jene der Psychologie.

Nun ist unbestritten, daß Einflüsse der Kindheit und der Jugend Menschen prägen, die freilich auch die Fähigkeit besitzen, sich unter mehr oder weniger günstigen Umständen von ihnen partiell oder ganz zu befreien. Was Heydrichs Lebensweg anlangt, so lassen sich zwei Fragen stellen: Welche Richtung hätte er genommen, wenn der Oberleutnant der Reichsmarine nicht nach einem Verstoß gegen den antiquierten Ehrenkodex durch einen Entscheid seines Chefs, Admiral Erich Raeder, entlassen worden wäre, sondern seine Karriere als Berufsoffizier über das Kapitänspatent weitergeführt haben würde? Und – zweitens – welcher Lebens-, d.h. auch Entscheidungs- und Handlungsrahmen wäre für den Mann entstanden, hätte sich die Republik gegen die Nazis behauptet?

Eigenschaften, Neigungen, Fähigkeiten, Wünsche hin oder her, es mußte erst ein Staat und eine Gesellschaft entstehen, die jene beiden Plätze schuf, die Heydrich im Berliner Prinz-Albert-Palais und auf dem Prager Hradschin besetzen konnte. Wie die entstanden und welchen Anteil Heydrich daran selbst besaß, das zu erhellen, gesellschaftliche und individuelle Prozesse in ihren Wechselwirkungen in Beziehung zu setzen, darin besteht die Herausforderung. Wer sie nicht annimmt, landet bei jener Vereinfachung, derzufolge Männer die Geschichte machen. Wie die dann ausfällt, entscheiden deren als gut oder schlecht benotete Eigenschaften.

Für Heimat und Herd

Heydrich, 1904 geboren, also nicht mehr zur Kriegergeneration des Weltkriegs gehörend, wuchs in einer Republik heran, deren herrschende und also auch die geistige Atmosphäre bestimmenden Kräfte sich jeder an die Wurzel gehenden kritischen Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit widersetzten. Das Vaterland verteidigend, wähnte man sich im Felde unbesiegt, dennoch unterlegen und von den Siegern mißhandelt, so daß da eine Rechnung zu begleichen war. Vorerst fehlten dafür die Voraussetzungen. Das sollte so nicht bleiben. Viele Denkmäler für die Kriegsopfer sprachen eindeutig, wenn auch Begriffe wie Revanche und Rache vermieden wurden. In Konstanz-Allmannsdorf lautete die Inschrift: »Wir zogen hinaus zu kämpfen für Heimat und Herd. Wir starben für Euch, seid des Opfers auch Wert.« In Waiblingen-Bittenfeld hieß der Kommentar »Den Helden zur Ehr’. Der Nachwelt zur Lehr’«; in Baden-Baden-Lichtenthal: »Den Gefallenen zum Andenken. Den Lebenden zum Vorbild.« Und im Ehrenmal von Laboe an der Kieler Förde, mit dessen Bau in der Republik begonnen und das 1936 eingeweiht wurde, stand: »Für deutsche Seemannsehr’ – Für Deutschlands schwimmende Wehr – Für beider Wiederkehr.« In der Summe ließen sich alle diese Sprüche in die Worte übersetzen: Auf ein zweites. In dieser politischen Daueratmosphäre wuchsen mit Heydrich Massen junger Männer heran, ohne daß es schon konkrete Planungen für den nächsten Krieg gegeben hätte.

Das änderte sich nach dem 30. Januar 1933 rasch, als sich in Deutschland ein Regime etablierte, das festen Kurs auf einen »Welteroberungskrieg« (Thomas Mann) nahm. Da war Heydrich zwei Jahre zuvor schon der NSDAP und mit der Mitgliedsnummer 10120 auch der SS beigetreten. In deren Reihen hatte ihm Himmler den Aufbau eines Nachrichtendienstes übertragen, der alle für den Aufstieg der faschistischen Bewegung relevanten und verwendbaren Daten sammeln sollte. Heydrich war in seiner neuen Funktion rasch aufgestiegen und 1932 schon zum Standartenführer befördert, einen Rang den zehn Jahre später sein Untergebener Adolf Eichmann sich wünschte, aber nie erreichte. Schon im ersten Jahr der Diktatur nahm seine Karriere an Himmlers Seite Fahrt auf. Beide spezialisierten sich auf den Aufbau eines lückenlosen Überwachungs- und Terrorapparates, der im Inneren des Reiches die Voraussetzungen und Bedingungen herstellte und sicherte, welche die größte Geschlossenheit der »Volksgemeinschaft« auf dem Weg in den Krieg sicherten. Dazu wurde auch gezählt, die als Volksfeinde und Rassegegner gewerteten deutschen Juden durch Diffamierung, Herabsetzung und Verfolgungen außer Landes zu treiben.

In der Zentrale des Terrors

Die erste besondere Bewährung im Urteil Hitlers wiesen die SS und an ihrer Spitze Himmler und mit ihm Heydrich nach, als 1934 der Schlag gegen Ernst Röhm und jene Gruppe von SA-Führern erfolgte, denen der Plan einer Revolte untergeschoben wurde. Heydrich stieg darauf in der Hierarchie der SS zum Gruppenführer auf. Zielstrebig und ehrgeizig weitete er die Kompetenzen des Sicherheits-, also Nachrichtendienstes und der Sicherheitspolizei aus, zu der die Politische und die Kriminalpolizei zusammengeschlossen wurden. Sein Arm reichte ebenso in die Justiz und den Justizvollzug wie in das System der Konzentrationslager, in denen seine politischen Abteilungen etabliert wurden. Ein von ihm entsandtes Kommando baute nach dem Einmarsch in Österreich den ersten Überwachungs- und Terrorapparat im vergrößerten Reich auf. Heydrich unterschrieb nach dem Pogrom vom November 1938 die Weisung zur Einlieferung Tausender jüdischer Männer in die Konzentrationslager und wurde Organisator der forcierten Vertreibung der Juden.

In den Vorkriegsjahren stand er im Machtgefüge des faschistischen Regimes irgendwo zwischen der zweiten und dritten Reihe (die erste besetzte Hitler allein). Er war an Beratungen über den Weg zur Kriegsfähigkeit im engsten Führungszirkel nicht beteiligt. Es war auch nicht seine Aufgabe, öffentlich hervorzutreten und Reden vor Massenversammlungen zu halten. In der hochgestellten Führerschaft von Staat und SS mit seinen außerordentlichen Kompetenzen jedermann bekannt, blieb er selbst den Bonzen auf mittlerer und unterer Ebene ein mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt. Er regierte an einem Platz, der ein Unikat war. Für seine Entscheidungen und Maßnahmen genügten das Plazet oder der Befehl Himmlers. Er besaß einen Partner, mit dem sich sein Arbeitsfeld berührte. Das war der Chef des militärischen Nachrichtendienstes, der Leiter des Amtes Ausland/Abwehr in der Wehrmachtspitze, Admiral Wilhelm Canaris. Heydrich mißtraute ihm und das nicht zu Unrecht. Anders als Heydrichs endete dessen Leben in der Agonie des Regimes 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg an einem Galgenstrick.

Heydrichs große Zeit, die mit seinem weitesten und furchtbarsten Einfluß, begann mit dem zweiten Griff des deutschen Imperialismus nach der Weltmacht. Bei Kriegsbeginn wurde das Reichssicherheitshauptamt (RSHA), die Zentrale des Terrors, geschaffen, deren Hirn und Arme nahezu in alle Winkel des Reiches und in das ganze Zug um Zug eroberte Europa reichte und deren Personalbestand zeitweilig 3000 SS-Leute, meist im Offiziersrang, umfaßte.

Heydrichs Apparat war vom Moment der Kriegseröffnung an in Kriegs- und Menschheitsverbrechen verstrickt. Seine Mitarbeiter organisierten den angeblichen Überfall auf den Rundfunksender im oberschlesischen grenznahen Gleiwitz, den angeblich polnische Terroristen verübt haben sollten und der zu einem der Vorwände für den Angriff auf das Nachbarland wurde. Die berüchtigtsten Ämter und Dienstplätze waren die unter Heinrich Müller (Gestapo) und, da Heydrich inzwischen die Führungsrolle in der Verfolgung der Juden beanspruchte und erreichte, Adolf Eichmanns Referat für die »Judenangelegenheiten«. Das RSHA wurde zur Zentrale für die Erfassung, Konzentrierung, Deportation und den Mord an den Juden Europas. Heydrich machte seine exponiertesten Mitarbeiter zu Kommandeuren jener Einsatzgruppen, die 1941 mit dem Überfall auf die UdSSR auszogen und das osteuropäische Judentum ausrotten und auch die Sinti und Roma, die in deutsche Hände gefallen waren. Sein Amt sorgte für die Planung der Eisenbahntransporte zur Heranschaffung der Opfer in die Vernichtungsstätten. In ihm wurden die »Gaswagen« konstruiert, hergestellt und an die sie verwendenden Dienststellen verteilt. Gleichzeitig flossen in seinen Büros die Meldungen über die Stimmungslage im Reich und in den besetzten Gebieten zusammen. Es gab an der Spitze des faschistischen Regimes kein Reichsministerium und keine andere zentrale Behörde, deren Mitarbeiter nicht auf diese oder jene Weise verbrecherisch tätig geworden wären, ungezählte Untaten verübten, begangen an politischen Gegnern, Juden, Behinderten, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und weiteren Personengruppen. Sie alle übertraf Heydrich mit seinen Mannen.

Massaker in Lidice

Zurück zum Tag des Attentats, jenem 27. Mai 1942, in eine Zeit, in der sich die Hauptkräfte der Wehrmacht im Osten auf den zweiten Ansturm vorbereiteten, mit dem die Sowjetunion niedergeworfen werden sollte. In diesem Moment war die Führung des Regimes aufs äußerste daran interessiert, daß im gesamten »Hinterland«, dem unterworfenen Europa, die Ruhe des Friedhofs herrschte und für den deutschen Endsieg geschuftet wurde. Entsprechend die Reaktion der Besatzer in Böhmen und Mähren. Der Terrorfeldzug, mit dem sie den durch die Tat ermutigten Widerstand niederhalten wollten, erhielt in der tschechischen Geschichtsschreibung die Kennzeichnung als Heydrichiade. Auf der Suche nach Kräften, die den Attentätern, die sich seit 28. Dezember 1941 in der Tschechoslowakei befunden hatten, Unterstützung gewährten, und angetrieben von dem Bedürfnis, einen Erfolg ihrer Menschenjagd vorzuweisen, verfielen sie auf das von Bergarbeitern und Bauern nahe der Stadt Kladno gelegene Dorf Lidice. Die männlichen Einwohner mordeten sie an Ort und Stelle. Frauen und Kinder schafften sie in Konzentrationslager und Ghettos. Das Anwesen wurde dem Erdboden gleichgemacht. Sein Name überdauerte das Jahrhundert als Symbol und Parole des Kampfes für eine Welt ohne Barbaren.

Die Jagd der Besatzer auf die Tätergruppe und ihre Helfer, vorangetrieben durch Verhaftungen und Folterungen Verdächtigter, endete noch im Juni in Prag in der orthodoxen Kirche der Heiligen Kyrill und Methodius. Dort hatten die Verfolgten sich verborgen. Aufgespürt, unterlagen und starben sie im Kampf mit der SS und der Wehrmacht.

Die Attacke des tschechischen Sonderkommandos auf Heydrich blieb der einzige erfolgreiche Anschlag auf einen so hohen Exponenten des Regimes. Vergleichbar wurde ihm nur die Tötung des einstigen NSDAP-Gauleiters von Brandenburg und Generalkommissars in Weißruthenien (Belorußland), Wilhelm Kube, den in Minsk am 23. September 1943 eine Bombe tötete. Die hatte eine als Dienstmädchen getarnte Partisanin unter seinem Bett deponiert.

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