14. Dezember 2012

Orgie des Grauens

Tod am Jangtsekiang: Zivilisten und Soldaten der Kuomintang, die sich über den Fluß aus Nanking retten wollten, wurden von der japanischen Armee ausnahmslos massakriert (Dezember 1937)

Der Fall von Nanking. Am 13. Dezember 1937 erobern japanische Truppen die damalige chinesische Hauptstadt und richten ein Massaker an

Gerd Bedszent

Die kürzlich in China beim Streit um die Diàoyú-Inseln hochkochende Welle antijapanischer Ressentiments beweist, daß die Verbrechen des japanischen Militärs im Zweiten Weltkrieg in breiten Kreisen der Bevölkerung keineswegs vergessen sind. Schätzungen besagen, daß der japanischen Aggression etwa 17 Millionen chinesische Zivilisten zum Opfer fielen. Nach der Sowjetunion hatte China von allen am Zweiten Weltkrieg beteiligten Nationen die meisten Toten zu beklagen.

Nach Ende des Krieges wurden zwar mehrere japanische Kriegsverbrecher von US-amerikanischen Gerichten verurteilt. Allerdings nach recht willkürlichen Kriterien: Führende Militärs, die mit den Siegern kooperierten, blieben verschont, auch alle Mitglieder der kaiserlichen Familie. Kaiser Hirohito als Hauptverantwortlicher konnte sich nach 1945 noch viele Jahre seines Amtes erfreuen. Eine Verfolgung und Verurteilung von Kriegsverbrechern durch die japanische Regierung hat es bis heute nicht gegeben.

Die Entwicklung Japans und Chinas war im 19. Jahrhundert extrem unterschiedlich verlaufen: Das chinesische Feudalreich der Quing verlor zwischen 1839 und 1860 den ersten und zweiten Opiumkrieg und mußte sich britischen Wirtschaftsinteressen unterordnen, was zu einer massiven Verarmung des Landes führte. Dieses warnende Beispiel vor Augen, entledigte sich das japanische Kaiserhaus ab 1868 der herrschenden Kriegerkaste und nahm eine radikale kapitalistische Modernisierung in Angriff. Die dem Land von westlichen Mächten aufgezwungenen ungleichen Verträge konnten revidiert werden.

Aus der wirtschaftlichen Öffnung bei gleichzeitiger Einbindung der feudalen Eliten in das modernisierte Militär resultierte eine zunehmend aggressive Außenpolitik. Schon 1895 annektierte Japan das chinesische Taiwan sowie einige Nachbarinseln – darunter auch die Diàoyú-Inseln – und verwandelte Korea in einen Satellitenstaat. Japanische Truppen beteiligten sich im Jahre 1900 mit anderen imperialistischen Mächten an der Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstandes in China. 1905 wurde der Einfluß des russischen Zarenreiches militärisch zurückgedrängt. Im Ersten Weltkrieg bediente sich Japan aus der Konkursmasse des Deutschen Kolonialreiches in China und im Pazifik.

Kuomintang und Kommunisten

In China kollabierte 1911 die Quing-Dynastie, und der Revolutionsführer Sun Yat-sen rief die Republik aus. In der Folge zerfiel die Armee in eine Reihe rivalisierender Gruppierungen. Der Norden wurde von verschiedenen Kriegsherren kontrolliert, während im Süden mehrere Provinzen von der Zentralregierung abfielen. Die bürgerlich-nationalistische Kuomintang-Partei versuchte, der zentrifugalen Tendenzen im eigenen Land und des wachsenden Einflusses Japans Herr zu werden.

Die 1921 gegründete Kommunistische Partei agierte zunächst als Verbündeter der Kuomintang gegen chinesische Kriegsherren und das japanische Militär, organisierte und unterstützte aber auch soziale Proteste der Bauern und Arbeiter. Nach dem Tod Suns wurden die Kommunisten jedoch von dessen Nachfolger Tschiang Kai-schek erbittert bekämpft. Nach Zerschlagung der Sowjetgebiete in Süd- und Zentralchina führte Mao Zedong im legendären Langen Marsch in den Jahren 1934/35 die Reste der kommunistischen Truppen nach Nordchina. Auch dort mußten sie sich Kuomintang-Angriffen erwehren.

1936 kam es zur antijapanischen Einheitsfront zwischen Kuomintang und Kommunisten. Tschiang Kai-schek war zuvor von zwei seiner eigenen Truppenführer festgesetzt worden, die ihren Staatschef angesichts des japanischen Vormarsches zwangen, eine Vereinbarung mit dem kommunistischen Politiker Zhou Enlai zu unterzeichnen. Hinter dem Abkommen stand die Sowjetunion, die die Kuomintang als Verbündete gegen Japan betrachtete und sie zwischenzeitlich auch durch Waffenlieferungen unterstützte. Das fragile Bündnis auf Zeit wurde von den chinesischen Kommunisten mehrere Jahre aufrecht erhalten, obwohl es immer wieder Angriffe der Kuomintang auf kommunistisch geführte Truppen gab.

Die kommunistischen Verbände vermieden es zumeist, den waffentechnisch überlegenen japanischen Armeen größere Schlachten zu liefern, und organisierten dafür im Rücken der Japaner einen Guerillakrieg. Militärische Aktionen der Invasoren gegen die Guerilla liefen meist ins Leere.

Die über das brutale Vorgehen der japanischen Armeen erbitterte Bauernschaft unterstützte mehr und mehr den kommunistischen Widerstand. Da das japanische Militär schon rein zahlenmäßig nicht in der Lage war, das riesige eroberte Land effektiv zu kontrollieren, entstanden im Rücken ihrer Armeen immer größere Areale, die von der Guerilla beherrscht wurden. Dieser Strategie setzten die Japaner verstärkte Repression entgegen, was noch mehr Chinesen in den Widerstand trieb. Es zeichnete sich ab, daß der Krieg für die japanischen Armeen nicht zu gewinnen war.

Chronik einer Invasion

In den 1920er und 1930er Jahren erstarkte in Japan die Militärführung, entzog sich der Kontrolle durch die Zivilregierung und drängte auf Fortsetzung der Aggressionspolitik. In diesem Klima wurde 1928 in der Mandschurei der dort herrschende chinesische Warlord Zhang Zuolin von einem japanischen Offizier ermordet. Am 18. September 1931 verübten japanische Offiziere in der nordchinesischen Stadt Mukden einen Bombenanschlag und provozierten so Gefechte zwischen japanischen und chinesischen Truppen; Nordostchina wurde von japanischen Militärs besetzt, die 1932 den Satellitenstaat Mandschukuo mit dem gestürzten Quing-Kaiser Pu Yi als Oberhaupt ausriefen.

Von der Kuomintang gab es gegen den Aggressionsakt kaum Gegenwehr, da diese gerade im Bürgerkrieg gegen die kommunistisch regierten Sowjetgebiete standen. Nach einem ersten Angriff der Japaner auf die Hafenstadt Shanghai im Januar 1932 schloß die Kuomintang einen Waffenstillstand mit den Invasoren und erkannte die Abspaltung des Marionettenstaates an. Ungeachtet dessen setzten die japanischen Truppen den Vormarsch fort, brachten mehrere Provinzen unter ihre Kontrolle und ließen durch verbündete Kriegsherren weitere von Japan kontrollierte Kleinstaaten ausrufen.

Eine Schießerei zwischen japanischen und chinesischen Soldaten unweit der Kaiserstadt Peking führte am 7. Juli 1937 zum offenen, wenn auch nie erklärten Krieg. Kurz nach Ausbruch der Feindseligkeiten wurde Peking von japanischen Truppen besetzt. Sitz der chinesischen Regierung war allerdings die in Zentralchina gelegene Stadt Nanking.

Die Kuomintang-Regierung fühlte sich militärisch stark genug, einen Waffengang mit Japan zu wagen. Ihre aus Aufgeboten verschiedener Kriegsherren zusammengewürfelten, häufig aus zwangsrekrutierten Bauern bestehenden Armeen erwiesen sich aber trotz zahlenmäßiger Überlegenheit dem hervorragend bewaffneten japanischen Heer als nicht gewachsen. Hinzu kam die im Lager der Kuomintang grassierende Korruption, die eine effektive Aufrüstung ihrer Truppen verhinderte.

In der zweiten Schlacht von Shanghai vom August bis November 1937 erlitten die Armeen der Kuomintang eine schwere Niederlage, büßten ein Drittel ihres Bestandes ein und mußten die Stadt räumen. Die Japaner setzten trotz hoher Verluste den Vormarsch fort und griffen die Hauptstadt Nanking an. Ziel der Offensive war, Tschiang Kai-schek zur Anerkennung der Abspaltung japanisch kontrollierter Marionettenstaaten zu zwingen. Dies mißlang allerdings. Obwohl die Kuomintang bei Nanking eine weitere Niederlage erlitten und fast alle Truppen verloren, lieferten sie von ihrer tief im Landesinneren gelegenen provisorischen Hauptstadt Chongquing aus den Japanern einen Abnutzungskrieg. Um den Vormarsch der Aggressoren zu verzögern, zerstörten Kuomintang-Truppen 1938 die Dämme des Hwangho, des Gelben Flusses. Die Flutkatastrophe kostete allerdings etwa 900000 Zivilisten das Leben, weitere zwölf Millionen Dorfbewohner wurden obdachlos.

Tschiang Kai-schek stützte sich in der letzten Phase des Krieges hauptsächlich auf die USA, bezog Nachschub aus den benachbarten britischen Kolonien Indien und Burma. Bei einer erneuten Offensive der japanischen Armeen im Jahre 1944 erlitten die Kuomintang-Truppen erneut schwere Niederlagen.

Tschiangs Bündnis mit Hitler

Der autoritär regierende Generalissimus Tschiang Kai-schek hatte als Führer der Kuomintang mehrmals seine Bewunderung für Adolf Hitler erklärt und sah im Faschismus auch für China eine Möglichkeit, die einstige Größe wiederzuerlangen.

Eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Republik China und dem Deutschen Reich gab es allerdings schon seit 1911, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg. Die Kuomintang intensivierten die Wirtschaftsbeziehungen wieder, als sie Ende der 1920er Jahre stärkste politische Kraft des Landes wurden. Deutsche Industrielle bereisten China mit dem Ziel, den riesigen Markt für ihre Produkte zu erschließen. Nach der Machtübertragung an die Nazis importierte die zunehmend auf Kriegswirtschaft ausgerichtete deutsche Industrie in Größenordnung Rohstoffe und lieferte im Austausch dafür Rüstungsgüter.

Das Naziregime entsandte 1933 den ehemaligen Reichswehrgeneral Hans von Seeckt als Wirtschafts- und Militärberater zur Kuomintang-Regierung. Dieser empfahl Tschiang Kai-schek in einer Denkschrift die Umgestaltung von Industrie und Streitkräften nach deutschem Vorbild. Die Kuomintang delegierten Personal zwecks wirtschaftlicher und militärischer Ausbildung ins Hitlerreich, beispielsweise wurde Tschiang Kai-scheks Adoptivsohn Tschiang Wei-kuo zum Panzeroffizier ausgebildet und nahm am Einmarsch der Wehrmacht in Österreich teil. Deutsche Militärberater bildeten acht Divisionen der Kuomintang-Armee als Eliteeinheiten aus. Diese wurden allerdings zum größten Teil bei den Kämpfen um Shanghai vom japanischen Militär vernichtet.

Erst nach dem Fall von Nanking deutete sich ein Schwenk in der deutschen Außenpolitik an. Die deutschen Militärberater hatten zunächst versucht, zwischen Tschiang Kai-schek und der japanischen Führung zu vermitteln, was aber an den japanischen Forderungen scheiterte. Hitler setzte dann mehr darauf, Japan als Verbündeten gegen die Sowjetunion und die Westmächte zu gewinnen. Bereits 1936 war es mit Abschluß des Anti-Komintern-Paktes zu einer Annäherung an das Kaiserreich gekommen. 1938 erkannte das Deutsche Reich den von Japan beherrschten Marionettenstaat Mandschukuo an, zog seine Berater aus China ab und stellte die Lieferung von Rüstungsgütern ein. 1940 wurde mit dem sogenannten Dreimächtepakt eine umfängliche militärische Kooperation zwischen Deutschland, Italien und Japan vereinbart. Zum endgültigen Bruch zwischen Tschiang Kai-schek und Hitler kam es aber erst 1941, als Deutschland das von den Japanern in Nanking installierte Marionettenregime anerkannte. Am 9. Dezember 1941 erklärte die Republik China dem Deutschen Reich den Krieg.

Massaker von Nanking

Nach der Niederlage von Shanghai herrschte bei den zurückflutenden Kuomintang-Truppen Panik, die auch auf Regierungsstellen übergriff. Tschiang Kai-schek entschied sich für eine Verteidigung der Hauptstadt, floh dann allerdings mit seiner Familie und übergab das Kommando an General Tang Sheng-chih. Zusammen mit ihrem Kriegsherrn verließen fast der gesamte Beamtenapparat und der wohlhabende Teil der Einwohner die Stadt. Wer blieb, gehörte zu den Ärmsten, die nicht wußten, wohin sie sich wenden konnten.

Eine Welle von Flüchtlingen brandete heran, berichtete von Untaten des japanischen Militärs. Deren Oberkommando hatte Befehl zum Vormarsch gegeben, ohne für die Truppen Nachschub zu organisieren. Die Kommandeure der japanischen Einheiten waren angehalten, ihre Soldaten durch Ausplünderung der chinesischen Bevölkerung zu versorgen. Für die Soldaten war dies ein Freibrief, ungestraft zu rauben, zu vergewaltigen und zu morden. Die Greuel begannen also schon auf dem Vormarsch, keineswegs erst mit der Einnahme der Stadt. Hinzu kam die Praxis des kaiserlichen Militärs, keine Gefangenen zu machen oder aber diese schnellstmöglich zu exekutieren. Japanische Truppenführer versuchten sich nach dem Krieg damit herauszureden, sie hätten nicht gewußt, wie sie die gefangenen chinesischen Soldaten ernähren sollten. Tatsächlich waren die Massenmorde gewollt und geplant.

Am 9. Dezember 1937 stand die japanische Armee vor den Toren der Stadt und verlangte die bedingungslose Kapitulation. Den ab 10. Dezember einsetzenden Luftangriffen und Beschießungen mit schwerer Artillerie hatten die demoralisierten und schlecht bewaffneten Kuomintang-Truppen wenig entgegenzusetzen. Die Verteidiger standen mit dem Rücken zum Langen Fluß, zum Jangtsekiang, alle anderen Wege waren vom japanischen Militär abgeschnitten. Brücken gab es keine, Boote und Schiffe nur in unzureichender Zahl.

Während General Tang Sheng-chih versuchte, die Verteidigung zu organisieren, erreichte ihn am 11. Dezember eine Nachricht von Tschiang Kai-schek, der den sofortigen Rückzug befahl. Die chinesische Verteidigung brach daraufhin vollkommen zusammen. Zehntausende Kuomintang-Soldaten warfen ihre Waffen weg und versuchten verzweifelt, sich in der Stadt mit Zivilkleidern zu versehen. General Tang flüchtete zusammen mit einer Handvoll Offiziere per Schiff. Eine unbekannte Anzahl chinesischer Soldaten und Zivilisten ertrank bei dem Versuch, sich schwimmend zu retten, oder wurde am anderen Ufer waffenlos von dort bereits aufmarschierten japanischen Einheiten massakriert.

Als die ersten Truppen der Aggressoren am 13. Dezember in die Stadt einrückten, setzte eine mehrwöchige Orgie des Grauens ein: Plünderungen, Massenmorde, massenhafte Vergewaltigungen. Teile der Stadt gingen in Flammen auf. Mehrere zehntausend kriegsgefangene Soldaten wurden vom japanischen Militär planmäßig und zielgerichtet ermordet. Japanische Offiziere übten sich in schauerlichen Wettkämpfen, möglichst viele Chinesen mit dem Schwert zu enthaupten. Noch höher dürfte jedoch die Zahl chinesischer Zivilisten sein, die Opfer der losgelassenen Soldateska wurden. Die Anzahl der Ermordeten ist bis heute in der historischen Wissenschaft umstritten und läßt sich wohl auch nie mehr genau feststellen. Von chinesischer Seite wird von insgesamt 300000 Toten in Nanking und Umgebung ausgegangen. Von japanischen Rechtsradikalen wird bis heute geleugnet, daß es überhaupt ein Massaker gegeben hat.

Internationale Sicherheitszone …

Die sogenannte internationale Sicherheitszone von Nanking ist eigentlich nur ein Mythos. Im Gegensatz zu Shanghai, wo westliche Mächte zur Sicherung ihrer Geschäftsviertel tatsächlich eine Art bewaffneter Neutralität durchsetzen konnten, verfügte in Nanking die Handvoll US-amerikanischer, britischer und deutscher Missionare und Geschäftsleute, die sich zu einem internationalen Komitee zusammengeschlossen hatten, über keine reale Macht. Ihrem Versuch, die Entmilitarisierung einer etwa sechs Quadratkilometer großen Zone in der Innenstadt durchzusetzen, konnte also kein Erfolg beschieden sein. Die Bemühungen des Komitees hatten ursprünglich auch nicht eine Verhinderung von Ausschreitungen japanischer Truppen zum Ziel, sondern beruhten auf der Furcht vor der Plünderung westlicher Einrichtungen durch flüchtende chinesische Soldaten.

Die Kuomintang-Regierung erklärte ihr Einverständnis für die Einrichtung der Sicherheitszone, offenbar froh, der Verantwortung für dieses Gebiet ledig zu sein. Chinesische Militärs waren hingegen wenig erbaut, sie meinten, das Komitee wolle einfach nur das Gebiet kampflos den Japanern übergeben. Die japanische Regierung bzw. Militärführung weigerte sich, die Sicherheitszone anzuerkennen, gab statt dessen vage Versprechungen ab, in dem Gebiet die Zivilbevölkerung nach Möglichkeit zu schonen. Versprechen, die sie nicht hielt und nicht halten wollte. Beschwerden des Komitees über Verbrechen der Soldateska wurden von der japanischen Botschaft souverän ignoriert.

Das japanische Militär nutzte wegen der Flucht sämtlicher chinesischer Beamten das internationale Komitee mehrere Wochen lang als eine Art zivile Stadtverwaltung. Solange, bis die Japaner nach Abflauen des Terrors aus chinesischen Kollaborateuren eigenes Verwaltungspersonal rekrutierten. Dann wurde das Komitee für aufgelöst erklärt.

… und ein »guter Nazi«

Unter Historikern gilt es als nachgewiesen, daß die Existenz dieses Internationalen Komitees die Greueltaten der japanischen Armee in der Innenstadt von Nanking ausbremste. Dennoch kam es auch hier zu zahlreichen Morden, Plünderungen und Vergewaltigungen. Mehrere tausend chinesische Soldaten, die ihre Waffen niedergelegt und sich in den vermeintlichen Schutz des Komitees begeben hatten, wurden vom japanischen Soldaten ermordet. Überliefert ist der Ausspruch eines US-Amerikaners, der die Sicherheitszone als »Freudenhaus für japanische Soldaten« bezeichnete. Britische und US-amerikanische Einrichtungen wurden ebenso geplündert wie alle anderen Häuser der Stadt. Die sowjetische Botschaft wurde abgefackelt.

Gewählter Vorsitzender des Internationalen Komitees war der deutsche Siemens-Angestellte John Rabe. Seine Aufzeichnungen, die seit einigen Jahren in Buchform vorliegen, gelten als wichtige Quelle für japanische Kriegsverbrechen. Rabe, ein kleiner Nazi und naiver Hitler-Verehrer, lief wochenlang mit Hakenkreuzarmbinde durch die sogenannte Sicherheitszone und sandte Telegramme an seinen Führer. Diese blieben zwar ohne jede Wirkung. Japanische Offiziere und Generäle sahen in ihm trotzdem einen wichtigen Nazifunktionär, den man nicht wagte zu verärgern.

Dank dieses Mißverständnisses wurde geduldet, daß Rabe regelmäßig uniformierte Plünderer aus deutschen Einrichtungen warf. Auch konnte er mehrfach Morde und Vergewaltigungen durch bloßes Hinzutreten verhindern. Was durchaus anerkennenswert ist. Die ihm zugeschriebene Rolle als Retter von 200000 chinesischen Zivilisten dürfte allerdings übertrieben sein.

Zurück in Deutschland, wurde Rabe von der Gestapo angewiesen, über seine Erlebnisse zu schweigen. Seine Prahlerei, stellvertretender Ortsgruppenleiter der winzigen Parteizelle der ­NSDAP in Nanking gewesen zu sein, hatte später ein Entnazifizierungsverfahren zur Folge, in dem er allerdings entlastet wurde.

Von Gerd Bedszent war zuletzt auf den Themaseiten vom 27. und 28.8.2011 über Libyen, 42 Jahre Volks-Dschamahirija zu lesen. Bücher von ihm sind im jW-Shop erhältlich.

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2012/12-14/019.php