11. Januar 2014

Pabst lacht schallend

Waldemar Pabst war 1919 Erster Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, aus der zahlreiche Freikorpsverbände hervorgingen (Aufnahme um 1919) - Fotoquelle: ullstein bild - Archiv Gerstenberg

Der Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht hat Deutschland vor jenem Bolschewismus gerettet, der vorgeblich Hitler gebar

Otto Köhler

Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland gibt bekannt: »Die Geschichte ist eine Kettenreak­tion. Ohne Hitler existierte keine Sowjetzone und ohne das Diktat von Versailles hätte es keinen braunen Diktator gegeben. Doch die Spartakisten waren es, die nach dem Ersten Weltkrieg zuerst versuchten, von dem Zusammenbruch am Kriegsende und den Effekten des Friedensvertrags zu profitieren.«

Aufmerksam registriert die Bundesregierung: »Schon damals führte Moskau die Regie. Sein Plan, aus dem Chaos jener Tage ganz Deutschland gleichsam als Strandgut dem roten Imperium einzuverleiben, scheiterte unter Mithilfe der damaligen Freikorps. In Zusammenarbeit mit den Regierungstruppen und nach oft blutigen Kämpfen gelang es ihnen, mit dieser ersten kommunistischen Aggression, ihren Aufständen und Räterepubliken, fertigzuwerden.«

Der einzigen aus freien Wahlen hervorgegangenen deutschen Regierung entgeht ferner nicht: »Auch dieses Vorspiel gehört zur Gegenwart und erklärt die Zusammenhänge, die von Lenin und Liebknecht über den Pakt von Stalin und Hitler zur Aktion von Chruschtschow und Ulbricht gegen Berlin oder vom Ersten über den Zweiten Weltkrieg zur Mauer an die Spree führten.«

Aha. Die deutsche Bundesregierung – beraten von Hans Globke, eingekesselt von den Hitler-Generalen, die dieses Land remilitarisieren, gelenkt von Gehlens Geheimdienst, der schlimmste SS-Verbrecher beschäftigt – klagt: »Die Vergangenheit läßt uns nicht los.«

Damals, das war am 8. Februar 1962, erläuterte das Bulletin der Regierung Konrad Adenauers, warum sie meint, daß uns die Vergangenheit nicht loslasse: Sie hat dafür einen zuverlässigen Kronzeugen namens Pabst. Waldemar Pabst, 1880 geboren, dressiert in der preußischen Hauptkadettenanstalt zu Berlin-Lichterfelde, dort, wo 1934 die SS ihre Kameraden von der SA umbrachte.

Das Bulletin wurde herausgegeben von Adenauers engstem Vertrauten – nach Globke –, seinem langjährigen Pressechef Felix von Eckardt, kein NSDAP-Mitglied, wohl aber ein hochtalentierter Nazipropagandist. Sein Spielfilm »Kopf hoch, Johannes« (1941) zeigt, wie ein verzärtelter auslandsdeutscher Junge durch die Erziehung auf einer Napola, den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten Adolf Hitlers, zum »ganzen Kerl« wird. Genauso wie der junge Waldemar Pabst durch die vergleichbare preußische Kadettenerziehung zum ehernen Mörder gehärtet wurde.

Das war – und ist erfreulicherweise auch heute – mit der weniger bevorzugten Erziehung des Schriftstellers Gerhard Zwerenz unvereinbar: Deserteur im Nazistaat, Bloch-Schüler in Leipzig, ausgeschlossen aus der SED, geflohen in den Westen und später dann vier Jahre lang parteiloser Bundestagsabgeordneter der PDS.

Zwerenz, so stellte das Bulletin der Bundesregierung von 1962 fest, habe »kürzlich« im Stern die »Ereignisse vor vier Jahrzehnten rekapituliert« – gemeint ist der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Das Bulletin beanstandete: »Dabei behauptete der Verfasser, daß der weiße Terror damals schlimmer als der rote Terror gewütet habe.« So etwas ließ das Bulletin durch den Fachmann widerlegen: »Das veranlaßte Major a.D. Pabst zu einer Erwiderung. Er ist ein bekannter Freikorpskämpfer gewesen und im Nazireich von der Gestapo verhaftet worden.« Er kam schnell wieder frei. Auf etwas anderes, Fundamentales für unsere freiheitliche Grundordnung kommt es an – das Bulletin der Bundesregierung stellte am 8. Februar 1962 fest: »Pabst bestreitet nicht seine Verantwortung für die« – hier setzt die Bundesregierung nachträglich einen Rechtsakt – »standrechtlichen Erschießungen«. Aber, und damit ist alles in guter Verfassung, »er versichert, es in höchster Not und in der Überzeugung getan zu haben, nur so den Bürgerkrieg beenden und Deutschland vor dem Kommunismus retten zu können.«

Das Regierungskommuniqué erläuterte: »Schon damals führte Moskau die Regie. Sein Plan, aus dem Chaos jener Jahre ganz Deutschland gleichsam als Strandgut dem roten Imperium einzuverleiben, scheiterte unter Mithilfe der damaligen Freikorps.«

»Schlagt ihre Führer tot!«

Vor der Tat, die Deutschland vor der Einverleibung rettete, hatte sich Waldemar Pabst als Erster Generalstabsoffizier der von Hugo Stinnes finanzierten Garde-Kavallerie-Schützen-Division selbst ein Bild gemacht, wie er am 30. November 1959 dem damaligen Vizepräsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günther Nollau (NSDAP bis Mai 1945), erläuterte. Nollau hielt den Inhalt dieser Aussagen am 1. Dezember 1959 in einer Aktennotiz fest: Pabst habe Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg damals in Berlin selbst sprechen hören. Er habe sich nämlich in Zivil unter das Volk gemischt. Seine eigenen Beobachtungen hätten ihn zu der Auffassung gebracht, daß beide außerordentlich gefährlich seien und man ihnen nichts Gleichwertiges entgegenstellen könne. Deswegen habe er sich entschlossen, diese Personen unschädlich zu machen.

Seit Anfang Dezember 1918 hatte die vor allem von Hugo Stinnes finanzierte Antibolschewistische Liga Plakate und Aufrufe an die Berliner Bevölkerung drucken lassen, die dazu aufforderten, die »Rädelsführer« ausfindig zu machen und den Militärs zu übergeben. Dafür hatte sie eine hohe Belohnung ausgesetzt. Ein in großer Auflage verbreitetes Flugblatt forderte: »Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Rettet es! Es wird nicht von außen bedroht, sondern von innen: Von der Spartakusgruppe. Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben. Die Frontsoldaten.«

Zwei Monate nachdem die Bundesregierung durch ihr Bulletin dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht einen rechtlichen Rahmen verliehen hatte, erschien am 18. April 1962 ein Spiegel-Gespräch mit der Überschrift: »Ich ließ Rosa Luxemburg richten«. Dem Nachrichtenmagazin war es gelungen, Pabst in seiner Düssel­dorfer Wohnung zu interviewen:

»Spiegel: Herr Pabst, Sie haben am 15. Januar 1919 die Kommunistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg umbringen lassen…

Pabst: … richten lassen …

Spiegel: … richten lassen?

Pabst: Ja.

Spiegel: Jedenfalls ist Ihnen dafür jetzt eine amtliche Anerkennung zuteil geworden, der Sie sogar zu Hitlers Zeiten hatten entraten müssen. Das bundesamtliche »Bulletin« hat die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs für standrechtliche Erschießungen ausgegeben und sich Ihre Deutung dieser Tat zu eigen gemacht, daß nämlich Deutschland damals nur so vor dem Kommunismus habe bewahrt werden können.

Pabst: Ja, das hat man jetzt endlich begriffen und anerkannt.«

Ganz Deutschland hat es gewußt

Allerdings sabotierte Pabst das ehrliche Bemühen der Bundesregierung, dem Doppelmord durch seine Transsubstantiation in ein standrechtliches Verfahren einen legalen Rahmen zu geben. Der Spiegel fragte, warum Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nicht vor ein Standgericht oder vor das reguläre Kriegsgericht der Division gekommen seien. Pabst antwortete: »Wie sollte ich denn so schnell das in der Nacht dort zusammenbekommen?« In einer Revolutionsnacht den Kriegsgerichtsrat zu finden, sei nicht einfach: »Außerdem: Was hätte ich mit dem Mann anfangen sollen?«

Doch das Nachrichtenmagazin insistiert:

»Spiegel: Wir begreifen da einiges nicht. Haben Sie nicht selber befohlen, daß die beiden umzubringen seien?

Pabst: Ach so! Den Befehl meinen Sie?

Spiegel: Ja, den meinen wir.

Pabst: Über den verweigere ich die Aussage.

Spiegel: Haben Sie befohlen, daß die beiden – sagen wir – getötet werden sollen?

Pabst: Ich sage ja: Ich verweigere darüber die Aussage. Drehen Sie es doch nicht noch einmal um! Wir spielen direkt Theater, schlechtes Theater nebenbei bemerkt. Sie wissen ja ganz genau, was los war.

Spiegel: Wir wissen nicht genau, was los war.

Pabst (lacht schallend): Das glauben Sie ja selber nicht. Ganz Deutschland hat es ja gewußt! Sie nicht? Ist ja großartig!

Spiegel: Ganz Deutschland hat gewußt, daß die beiden ermordet worden sind.

Pabst: Es kommt nur darauf an: War es notwendig oder war es nicht notwendig?

Spiegel: Sie glaubten, es sei notwendig, und Sie haben also noch mehr befohlen als: Überstellen nach Moabit?

Pabst: Das war der Befehl, den ich in Gegenwart meines O 1 (1. Ordonanzoffiziers) gegeben habe. Was ich mit den Herren, die sich freiwillig gemeldet hatten zu den Transporten –, es war keiner kommandiert worden –, was ich mit denen besprochen habe, das geht keinen Menschen etwas an.«

Papst sagte, darauf kommen wir noch, er befahl: »Auf der Flucht erschießen.« Und dafür bekam er auch die Anerkennung seines höchsten Vorgesetzten, des Volksbeauftragten für Heer und Marine, Gustav Noske.

»Spiegel: Was haben Ihre Vorgesetzten damals zu Ihrem Befehl gesagt? Was hat der Oberbefehlshaber Noske gesagt?

Pabst: Es war richtig, daß Sie es so gemacht haben, wie er es auch in seinen Memoiren ausgesprochen hat.«

50 Jahre Maul gehalten

In einem Brief vom 26. Juni 1969, dessen Durchschlag in seinem Nachlaß ohne Adresse gefunden wurde, schrieb Pabst: »Daß ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchführen konnte – mit Ebert im Hintergrund – und auch meine Offiziere schützen mußte, ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin. Als Kavalier habe ich das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, daß ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit.«

Und, so fügte er hinzu: »Die Saukerle vom Spiegel – Stern –, hätten gern herausbekommen, wer alles hinter unserer Aktion gestanden hat. Wenn es nicht möglich ist, an der Wahrheit vorbeizukommen und mir der Papierkragen platzt, werde ich die Wahrheit sagen, was ich auch im Interesse der SPD gern vermeiden möchte.«

Allerdings wäre der Pabst-Befehl, Liebknecht und Luxemburg auf der Flucht zu erschießen, beinahe vereitelt worden, weil einer seiner Leute Rosa Luxemburg beim Abtransport aus dem Eden-Hotel mit dem Gewehrkolben ohnmächtig geschlagen hatte. Pabst in dem Brief: »Tatsache ist: die Durchführung der von mir angeordneten Befehle, ist leider nicht so erfolgt, wie es sein sollte. Aber sie ist erfolgt, und dafür sollten diese deutschen Idioten Noske und mir auf den Knien danken, uns Denkmäler setzen und nach uns Straßen und Plätze benannt haben.«

Das aber hat sogar die SPD mitverhindert, als 2007 die NPD-Fraktion in Berlin-Lichtenberg beantragte, den nach einem von den Nazis »ganz legal« hingerichteten Kommunisten benannten Anton-Saefkow-Platz in Waldemar-Pabst-Platz umzubenennen. Dafür gibt es inzwischen drei Biographien des staatstragenden Mörders. Die erste blieb unvollendet. Die Bremer Historikerin Doris Kachulle starb zu früh und hinterließ ein Fragment, das Karl Heinz Roth als schmalen, aber inhaltsreichen 178-Seiten-Band 2007 in der Edition Organon herausgab: »Waldemar Pabst und die Gegenrevolution«. Auf sie konnte Klaus Gietinger 2009 mit seinem 540-Seiten-Band in der Edition Nautilus aufbauen: »Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere«. Gietinger hat auch in Pabsts Nachlaß den Brief entdeckt über die deutschen Idioten, die ihm kein Denkmal bauen.

Doch das ersehnte Denkmal wurde 2012 endlich gesetzt, auf 348 Seiten: »Waldemar Pabst. Noskes ›Bluthund‹ oder Patriot?« Natürlich Patriot! Der Bublies-Verlag, der auch Textilwaren ( »Deutsches Kaiserreich, Fahne schwarz-weiß-rot, Format 150 x 90 cm«) und Blech (»Gedenkmedaille Preußen – Ewig gültige Werte«) vertreibt, beruft sich schon im dritten Absatz seines Pabst-Buches auf die herrschende Rechtsprechung des Bulletins der Bundesregierung von 1962: »Vom unbeugsamen Willen beseelt, Deutschland nicht dem Bolschewismus russischer Prägung anheimfallen zu lassen, schreckte er auch nicht davor zurück, in der Nacht vom 15. zum 16. Januar 1919, wohl auch mit indirekter Duldung von Teilen der mehrheitssozialistischen Regierung, als ›oberster Richter‹ eines militärischen Standgerichts, die Tötung der beiden mitverantwortlichen Führer des Spartakusbundes, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, zu befehlen.«

Drang zum Plaudern

Das Buch, das auch bisher unbekannte Tonbandaufzeichnungen aus Pabsts Freundeskreis verwertet, endet auf der viertletzten Seite mit einer lesenswerten Episode. In den fünfziger Jahren habe Pabst bei mißlungenen Waffengeschäften mit der Bundeswehr »eine Menge Geld in den Sand« gesetzt. Aber auch sonst »lief bei Pabst nicht alles rund«. Denn obwohl er sich »geistig noch auf voller Höhe« befunden habe, »machte sich bei ihm jetzt doch ein immer stärkerer Drang zum Plaudern bemerkbar, der ihm allerdings auch mehr und mehr Ärger bereiten sollte«.

Aber sein Rat war trotzdem sehr gefragt. Und so erfahren wir jetzt, warum der Vizepräsident des Verfassungsschutzes Pabst befragte. Nicht um seinen Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aufzuklären; es ging um Rufmord gegen den, der in der Nacht aus dem Eden-Hotel fliehen konnte. Das Bublies-Buch: »Anstatt mit fast achtzig Jahren und der doch sehr bewegten Biographie die letzten Lebensjahre zu genießen, hatte sich Pabst am 1. Dezember 1959 (sic!), mit dem Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungschutz, Günther Nollau getroffen. Dieser hohe Geheimdienstbeamte war zu ihm in sein Düsseldorfer Heim gekommen, um ›Munition‹ gegen die DDR zu sammeln, die sich mit einem Lügengespinst und Halbwahrheiten auf den damaligen Flüchtlingsminister Theodor Oberländer (CDU) eingeschossen hatte. Nollau wollte vor allem Informationen über den damaligen DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck, um in einer Gegenaktion der westdeutschen Propaganda dessen ›­Verrat an den eigenen Genossen‹ im Januar 1919 im Eden-Hotel ruchbar zu machen. Pabst aber schilderte dem späteren Chef des Verfassungsschutzes jetzt in aller Ausführlichkeit, was sich in der bewußten Januarnacht zugetragen hatte und nannte auch Namen.«

Das mißfiel dem nirgends nachgewiesenen Buchautor Rüdiger Konrad. Der Bublies-Verlag, sonst freigiebig mit Informationen über seine hochangesehenen Autoren – vom Kriegsverbrecher und Hitler-Nachfolger Karl Dönitz bis zum Nazigeneral Albert Kesselring – hält sich zurück. Der angebliche Verfasser des Pabst-Buches taucht im ansonsten vollständigen Autorenverzeichnis des Verlags überhaupt nicht auf. Wer immer es auch ist – »Konrad« jedenfalls rügt: »Damit hatte er allerdings das von ihm selbst verhängte Schweigegelübde gebrochen.«

Doch manches, was Pabst sagte, war sehr nützlich. So hatte er am 5. Januar 1962 dem staatlich finanzierten FDP-Rechtsaußenblatt Das Freie Wort sehr brauchbare Angaben gemacht über den 1919 wenig bekannten Wilhelm Pieck, der ihm entkommen war. Das sei ganz anders gewesen: »Trotz erheblicher Hetztätigkeit wurde er wieder entlassen«, flunkerte Pabst 1962. »Herr Pieck war nämlich so freundlich gewesen, mir alle militärischen Angaben zu machen über Wohnungen und Ausweichquartiere der prominenten Führer seiner Partei, ihre Telefone bzw. diejenigen ihrer ›Gastgeber‹, die Waffenlager und deren Ausweichstellen, die Alarmorganisation, die Sammelplätze usw.«

Schon im Spiegel-Gespräch 1962 stellte sich heraus, daß Pabsts Behauptungen nicht stimmen konnten. Doch das »Bulletin« glaubte ihm und schrieb: »Pieck opferte die Genossen und kam zu höchsten Ehren. Er verriet die Revolution und repräsentierte das Regime.«

Angesichts dieser Räuberpistole über ihren Präsidenten war die DDR ins Hintertreffen geraten. Sie enthüllte erst vier Jahre später, daß der westdeutsche Kollege Heinrich Lübke sich für die Nazis als KZ-Baumeister betätigt hatte. Stasi-Romancier Hubertus Knabe widerlegt letzteres unermüdlich auf seine »sachkundige« Weise. Doch die Dokumente mit den von Lübke unterzeichnete KZ-Plänen sind echt, die Behauptungen Pabsts über Pieck dagegen sind die Flunkereien eines Mörders, dem sein geplantes drittes Opfer entkommen ist.

Bublies-Autor »Rüdiger Konrad« aber freut sich, daß die Bundesregierung 1962 Pabst »Schützenhilfe« gab – sie hat mitgeschossen? –, indem sie aus der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts in ihrem »Bulletin« eine »standrechtliche Erschießung« machte.

»Für ihn galt der Begriff des ›Abendlandes‹«, meint das Buch, »noch in der vollen Bedeutung des Wortes.« Genauso schätzte sich 1962 auch Pabst selbst unter Verwendung eines korrekt eingesetzten Possessivpronomens ein: »Es lag nur im Interesse unseres Deutschlands, daß wir es damals vor dem Schicksal bewahrten, das ihm heute Herr Ulbricht und seine Drahtzieher bereiten möchten, sondern der Sieg des Kommunismus in Deutschland hätte bereits 1919 das gesamte christliche Abendland zum Einsturz gebracht.«

Und das hat er, Pabst, mit einem einfachen Befehl verhindert: »Die Beendigung dieser Gefahr wog bestimmt wesentlich mehr als die Beseitigung von zwei politischen Verführern.«

Der bedeutende Bielefelder Reaktionär Hans-Ulrich Wehler meinte 2003 in seiner »Deutschen Gesellschaftsgeschichte«, Bürgerkrieg sei nun einmal »der bitterste und blutigste aller denkbaren Konflikte, und wer ihn mutwillig« – das weiß der Historiker Wehler ganz genau – »vom Zaun brach, wie etwa Luxemburg und Liebknecht, kam darin um«. Daß sie von Freikorpskämpfern »erschlagen« wurden, sei zwar ein »viehischer Mord« gewesen, der ihnen aber einen beachtlichen Vorteil »eingetragen hat«, nämlich die »Gloriole des politischen Märtyrertums«.

Da können auch sie sich, wie ganz Deutschland, das vor dem Bolschewismus gerettet wurde, bei Waldemar Pabst bedanken.

Literatur

 

– Doris Kachulle: Waldemar Pabst und die Gegenrevolution. Edition Organon, Berlin 2007, 148 Seiten

 

– Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere. Nautilus Verlag, Hamburg 2009, 544 Seiten

 

– Rüdiger Konrad: Waldemar Pabst. Noskes »Bluthund« oder Patriot? Verlag Bublies, Schnellbach 2012, 376 Seiten

 

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2014/01-11/047.php