17. November 2012

»Papierene Waffe«

Lagerhäftlinge bei einem Zählappell im Jahr 1936 - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 70 Jahren installierte die SS eine Falschgelddruckerei im KZ Sachsenhausen

Florian Osuch

Im Dezember 1942 richtete die SS im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin eine Druckerei ein. Dort mußten bis zu 142 KZ-Häftlinge Zwangsarbeit leisten und für die Nazis Ausweise, Geheimdokumente und vor allem jede Menge britische Pfund herstellen. Die »Operation Bernhard« war die größte Falschgeldaktion in der Geschichte.

Die SS verfolgte das Ziel, international im Einsatz befindliche Nazis – darunter Agenten aus eigenen Reihen und der Gestapo sowie deutscher Botschafter und deren Mitarbeiter im Ausland – mit ausreichend Devisen und Pässen auszustatten. Mit massenhaft in Umlauf gebrachten Pfundnoten sollte die britische Wirtschaft destabilisiert werden. Es war geplant, das Geld als »papierene Waffe« per Flugzeug über England abzuwerfen; dies blieb jedoch Wunschdenken der SS.

Die Falschgeldaktion war von langer Hand geplant. Erste Treffen sollen bereits 1939 stattgefunden haben. Daran nahmen auch oberste SS-Führer wie Reinhard Heydrich teil. Absolute Geheimhaltung wurde vereinbart, und Adolf Hitler erteilte Befehl zum Beginn der Aktion. Das Projekt stand unter Leitung des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) in Berlin, dem machtpolitischen Zentrum der Nazis, in dem Polizei-, Geheim- und Sicherheitsdienste zusammengefaßt waren. Die Ausführung lag beim Sicherheitsdienst (SD), dem Geheimdienst der SS.

Im September 1939 richtete der SD eine Druckerei in eigenen Räumlichkeiten in Berlin ein. Dort arbeiteten staats­treue Experten daran, die Zusammensetzung von Druckfarben und Papier des britischen Pfund zu analysieren sowie das Wasserzeichen und das komplizierte Nummerierungssystem zu entschlüsseln. Ergebnis dieser Phase waren einzelne hochqualitative Fälschungen. Um ihre Brauchbarkeit zu prüfen, schickte die SS einen Agenten in die Schweiz, der das Falschgeld vor Ort auf ein Konto einzahlen sollte. Hinter seinem Rücken informierte die Reichsbank im Auftrag der SS ihre Schweizer Kollegen, daß das Geld des Mannes gefälscht sein könne. Die Bank prüfte, konnte jedoch keine Blüten erkennen und schickte die Scheine obendrein nach London an die Bank of England. Diese zertifizierte die Fälschungen als echt.

»Operation Bernhard«

Trotz dieser erfolgreichen Echtheitsprüfung kam die Produktion nicht über handwerkliche Verfahren hinaus, an eine Massenfertigung war nicht zu denken. Die Führung im RSHA übertrug im Sommer 1942 die Leitung des Projektes an den SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger, der die Aktion fortan »Operation Bernhard« nannte. Er sah die Lösung darin, auf das schier endlose Repertoire der KZ-Gefangenen zurückzugreifen. Unter Todesdrohung, so der perfide Plan, würden die Verschleppten die geforderte Qualität in Serienfertigung schon erbringen. Das abgeschottete KZ-System und die ohnehin geplante Vernichtung der Gefangenen schloß einen Geheimnisverrat nahezu aus.

SS-Offizier Krüger war mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet. Er ließ im KZ-Sachsenhausen zwei Baracken vom übrigen Lager isolieren und die Druckerei im Dezember 1942 dorthin verlegen. Ihm wurden jüdische Häftlinge aus anderen Konzentrationslagern, die zuvor im grafischen Gewerbe tätig waren, überstellt (siehe Quelle). Das Projekt war derart geheim, daß sogar die KZ-Kommandantur in Sachsenhausen nicht wußte, was in den Blöcken 18 und 19 vor sich ging.

Die Produktion erreichte nach und nach tatsächlich Massenauflagen. Die KZ-Insassen stellten unterschiedlichste Dokumente her, darunter Urkunden, Soldbücher, Propagandabriefmarken und Ausweise für die SS (einige ihrer Führer sollen sich mit dem drohenden Untergang der Naziherrschaft eigene Papiere haben drucken lassen). Hauptsächlich wurden jedoch Pfundnoten produziert. Zum Kriegsende ließ die SS dann sogar den Druck von US-Dollar erproben.

Die Drucker, Buchbinder, Bankangestellten, Graveure und andere Spezialisten arbeiteten im Schichtbetrieb. Sie konnten die Baracken nur in Ausnahmefällen und unter strenger Aufsicht verlassen. Ihnen blieben jedoch quälende Strafmaßnahmen der KZ-Leitung erspart. Da die Experten nicht ohne weiteres austauschbar erschienen und ihre Arbeitskraft für die SS bedeutsam war, gewährte sie ihnen Vergünstigungen. So durften sie zivile Kleidung tragen, bekamen höhere Nahrungsrationen und wurden regelmäßig ärztlich untersucht. Sechs erkrankte Häftlinge ließ SS-Mann Krüger jedoch töten, um die Ansteckung zu verhindern.

Sabotage in KZ-Haft

Die Männer des Kommandos waren sich ihrer kriegswichtigen Arbeit bewußt. Ein Teil von ihnen leistete Widerstand, insbesondere diejenigen, die vor ihrer Deportation bereits antifaschistisch tätig waren. Die zumeist erfahrenen Handwerker konnten ihr Wissen über technische Prozesse und Schwachstellen an Maschinen zur stillen Sabotage nutzen. Der spätere Schriftsteller Peter Edel erinnerte sich: »Wo immer es ging, setzten Maschinen plötzlich aus, war ein Zubehörteil nicht mehr aufzufinden.« Kurt Lewinski, Buchbinder aus Berlin, wollte dem »Illegalen Lagerkomitee« und so auch Widerstandsgruppen im Reich Informationen über das Geheimprojekt überbringen. In einem erst nach seinem Tod publizierten Buch schrieb er: »Seit Monaten schon hatten wir zwei gefälschte Noten versteckt. Wir mußten etwa 200 Meter durchs Lager. (…) Wir krochen über den schwarzen Schotter am Rand des Appellplatzes. Wir fanden die Baracke und auch den Mann. Wir gaben ihm die gefälschte Pfund-Note und erzählten ihm in aller Eile, was er wissen mußte.« Lewinski traf in dieser Nacht Robert Uhrig, kommunistischer Widerstandskämpfer aus Berlin.

Aufgrund des Kriegsverlaufes wurden Ende Februar 1945 sämtliche Anlagen demontiert und zusammen mit mehreren Tonnen Material per Zug in das KZ Mauthausen in Österreich verbracht. Von dort ging es weiter ins Außenlager Redl-Zipf, wo die Maschinen für kurze Zeit noch einmal aufgebaut wurden. Ende April 1945 verkündete SS-Mann Krüger dann das endgültige Aus des Projekts und ordnete die Ermordung der Männer des Falschgeldkommandos an. Sämtliche Spuren sollten vernichtet werden. Jede Menge Pfundnoten sowie Material wurden im nahegelegenen Toplitzsee versenkt. In den Wirren der letzten Kriegstage – erste SS-Wachmannschaften waren bereits getürmt – ließ die SS das Lager in Richtung des KZ Ebensee räumen. Dort trafen die Männer auf ein Lager, in denen KZ-Häftlinge bereits die Kontrolle übernommen hatten.

Eine juristische Aufarbeitung der »Operation Bernhard« gab es nicht. SS-Offizier Krüger bezeichnete sich als »Technischer Berater« und verbrachte vier Jahre in alliierter Haft. Er lebte anschließend unbehelligt in der BRD und nutzte seine während der NS-Zeit geknüpften Kontakte für seine berufliche Karriere. Er fand Anstellung bei der Firma, die bereits das Spezialpapier für die Notenfälschungen im KZ Sachsenhausen hergestellt hatte. Ein vom DDR-Geheimdienstexperten Julius Mader angestrengtes Verfahren gegen Krüger wegen der Ermordung der sechs kranken KZ-Häftlinge wurde von BRD-Behörden ergebnislos eingestellt.

Im Jahr 2006 erlangte die Geschichte durch den österreichisch-deutschen Film »Die Fälscher« internationale Aufmerksamkeit. Die als »Bester fremdsprachiger Film« mit einem Oscar ausgezeichnete Produktion basiert auf den Aufzeichnungen von Adolf Burger, Buchdrucker und Vizepräsident des Internationalen Sachsenhausen-Komitees.

Florian Osuch: »Blüten« aus dem KZ. Die Falschgeldaktion »Operation Bernhard« im Konzentrationslager Sachsenhausen«, VSA, 2009

»Die Fälscher«, Regie: Stefan Ruzowitzky, Österreich/Deutschland 2007

Quelle: SS sucht »geschickte Handarbeiter«

Auf der Suche nach geeigneten Fachkräften erließ das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) der SS in Berlin folgenden Befehl, unterzeichnet von SS-Standartenführer Gerhard Maurer, Amtsgruppenchef beim WVHA:

»An die Kommandanten der KL Buchenwald, Ravensbrück u. Sachsenhausen. Es sind mir umgehend die im dortigen Lager befindlichen jüdischen Häftlinge zu melden, die aus dem graphischen Gewerbe stammen, Papierfachleute und sonstige geschickte Handarbeiter (z.B. Frisöre) sind. Diese jüdischen Häftlinge können fremder Nationalität sein, müssen jedoch deutsche Sprachkenntnisse besitzen. (…) Termin: 3. August 1942.«

In einer Antwort aus dem KZ Buchenwald hieß es beispielsweise:

»Betreff: Meldung von jüdischen Fachkräften. An das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt, Amtsgruppe D – Amt II, Oranienburg. Zu obigem Betreff meldet das K.L. Buchenwald: Friseure 16, Graphik 13, Papierfach 3. Bei der vorstehenden Aufstellung handelt es sich ausschließlich um Juden (…) I.A. SS-Obersturmführer und Arbeitseinsatzführer Hermann Pister.«

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