12. April 2014

Persepolis

Iranische Frau vor einem antiken Relief in Persepolis, das zwei persische Soldaten zeigt - Fotoquelle: Utz Anhalt

Politische Archäologie im Iran

Utz Anhalt und Somayeh Ranjbar

Persepolis ist der griechische Name der Hauptstadt des antiken Perserreiches. König Dareios I. gründete sie unter dem Namen Parsa 520 v. u. Z. Sein Herrschaftsgebiet erstreckte sich von Afrika bis Indien. Die Ruinen der Stadt sind ein UNESCO-Weltkulturerbe. Persepolis ist ein Freilichtmuseum. Archäologische Fundstücke von dort befinden sich in Museen auf der ganzen Welt, in New York ebenso wie in Ontario, Berlin und London. In der iranischen Geschichte wurde dieses Erbe auf verschiedene Weise politisch instrumentalisiert. Das gegenwärtige Tauwetter zwischen der iranischen Regierung und dem Westen bietet eine Chance, die wissenschaftliche Kooperation und den kulturellen Austausch zu intensivieren.

Das erste Straßennetz vom Mittelmeer bis in den fernen Osten, der Ursprung der Worte »Paradies« und »Magie«, die arabischen Ziffern, die Königskrone, der Monotheismus, die Vorstellung der Geburt des Messias durch eine Jungfrau, die Engel, das Datum von Weihnachten, die Geschichten von tausendundeine Nacht, die Mitra (Kopfbedeckung) des Bischofs – diese Errungenschaften, Gegenstände und Symbole stammen aus dem alten Iran. Die Gelehrten Persiens wiederum stützten sich auf das Wissen Ägyptens, Babylons, Indiens und Chinas.

Die Perserkönige

Dareios ließ 900 Kilometer südlich vom heutigen Teheran, eine 130000 Quadratmeter große Terrasse aufschütten und legte darauf 515 v. u. Z. den Apadana (Palast) an. Die Mauersteine des von ihm errichteten »Dareios-Palasts« in Persepolis wiegen bis zu dreißig Tonnen. Die ihm nacholgenden Perserkönige ließen weitere Gebäude auf der Plattform errichten. Reliefs zeigen Delegierte der unterworfenen Völker, die dem Großkönig Geschenke bringen. Eine »Armeestraße« führt zu dem Palast von Dareios Nachfolger Xerxes. Wenige Kilometer entfernt liegen die Gräber der Könige, die in Persepolis regierten – am »Berg der Barmherzigkeit«: Dareios I. (522–485 v. Chr.), Xerxes I. (485–465), Artaxerxes I. (464–425) und Dareios II. (425–405).

Seit Kyros dem Großen (559–539 v. Chr.), verstanden sich die Perserkönige als »Hüter der Völker«. Kyros ist bekannt für die erste Erklärung der Menschenrechte, eine Tonrolle, auf der er seinen Untertanen Schutz vor Diebstahl, Reisefreiheit und freie Berufswahl zusicherte.1

Vermutlich verstand er, daß purer Terror, wie er von seinen Vorgängern, den Assyrern augeübt wurde, keine langfristige Herrschaftsperspektive eröffnete, sondern den Widerstand der Unterworfenen geradezu provozierte. Kyros stilisierte sich daher nicht als Eroberer, sondern als Erlöser, der sein Volk in eine Zeit des Glücks und Wohlstands führt.

Er und seine Nachfolger eroberten ein Reich, das sich von Ägypten bis nach Indien erstreckte. Berittene Boten transportierten Informationen bis in die entferntesten Winkel des Reiches, das von einem Heer von Beamten verwaltet wurde. Mit dem geballten Wissen der Gelehrten des Mittleren Ostens ließ Kyros Kanäle anlegen, die die persische Wüste mit Wasser aus dem Alburz-Gebirge versorgten: Vom persischen Wort für Garten leitet sich das Wort Paradies ab.

Die Botschaft, die Dareios mit dem Bau von Persepolis an die Völker Asiens richtete, lautete: Schutz und die Annehmlichkeiten der persischen Zivilisaton gegen Gehorsam. Von Äthiopien bis Indien war jede Provinz in das Steuersystem eingebunden. Die assyrische Herrschaft brachte Pyramiden aus abgeschlagenen Köpfen hervor, Dareios baute seinen Berg aus Tontafeln mit Vorschriften.

Weil Persepolis das Symbol des persischen Reiches war, wurde die Stadt von Alexander, dem Großen 330 v. u. Z. niedergebrannt, nachdem er Dareios III. bei Issos geschlagen hatte. 10000 Maultiere und 5000 Kamele trugen das Gold und Silber aus den Palästen. Der Brand war ein Glück im Unglück für Archäologen, denn 30000 Tontafeln mit Texten härteten im Feuer; so wissen wir heute mehr über Persien als über die meisten anderen Kulturen des alten Orients. In der Spätantike wurde die Stadt Istachr aus den Ruinen gebaut. Die benachbarte Stadt Shiraz wurde die Hauptstadt von Fars. Die islamischen Araber des Mittelalters kannten die Geschichte von Persepolis nicht mehr.

Um 1900 war Persien eine Brücke zwischen Europa und dem fernen Osten, und wie die Europäer suchten auch die Perser nach ihren nationalen Ursprüngen: Persepolis wurde das Symbol für die Perser, und der in Europa Historismus genannte Stil verbreitete sich: Tapeten und Teppiche, Gebäude und Möbel kopierten die antiken Reliefs.

Der deutsche Archäologe Ernst Herzfeld leitete die Ausgrabungen. Er war strikt gegen das koloniale Plündern historischer Schätze und beriet die persischen Behörden für ein Gesetz zum Schutz nationaler Kulturgüter. 1931 finanzierte das Oriental Institute in Chicago seine Arbeit, doch 1934 erteilten die Nazis ihm Berufsverbot, weil er Jude war. 1935 floh Herzfeld vor der faschistischen Barbarei in die USA.

André Godard, Ali Sami und Sayyed Mohammad-Taqui Mostafawi setzten die Arbeit fort. Gerald Walser und Walter Hinz erforschten in den 1960er Jahren die Darstellungen in Persepolis. Shapur Shabazi gründete das »Institute of Achaemenid Research at Persepolis« und schuf damit eine zentrale Behörde, um die internationale Forschung zu organisieren. 2002 begann die »Foundation of Parsa-Pasargadae Research« ihre Tätigkeit mit Unterstützung der Unesco.

Geschichtsspektakel

Nicht nur Archäologen interessierten sich für Persepolis. Der letzte Schah, Reza Pahlevi (1919–1980) stellte sich als moderne Variante von König Kyros dar. In Wirklichkeit war er eine Marionette der britischen Ölkonzerne, die den Reichtum aus der iranischen Erde saugten, und ein Autokrat, der die Iraner mit einer mörderischen Geheimpolizei unterdrückte.

Der Schah stand im Konflikt mit den islamischen Autoritäten und versuchte sie kaltzustellen, indem er einen vorislamischen Nationalmythos entwarf. 1971 ließ er eine »Stadt der Zelte« am Eingang von Persepolis errichten und feierte »2500 Jahre persische Monarchie«. Das Spektakel geriet zu einem der opulentesten und am schärfsten kritisierten Events der Moderne. Darsteller spielten »Living History« als persische Soldaten, und Staatsgäste schwelgten im Luxus: Der äthiopische Kaiser Haile Selassie ebenso wie der rumänische Diktator Ceausescu und die englische Prinzessin Anne.

Pahlevi stellte sich an Kyros’ Grab und rief: »Kyros, ruhe sanft; ich halte Wache.« Während der Schah zum Popstar der westlichen High Society wurde, zahlten die Iraner für seinen Größenwahn mit einem hohen Preis: Potentielle Kritiker verschwanden im Gefängnis; Straßen für die Gäste durchkreuzten die Routen der Nomaden. Ihre Schafe verhungerten, und die Hirten verloren ihre Existenz. Während sich die Boulevardpresse Europas mit Lobhudeleien für den Schah überschlug, attackierte Ajatollah Khomeini die Feier als »Fest des Teufels«.

Der Schah gab Khomeini eine Steilvorlage, um den vorislamischen Mythos als ausbeuterisch zu geißeln. Der Schah brandmarkte Khomeini als Kommunisten, und die atheistische Linke akzeptierte den »Volksislam« als Partner im Kampf gegen den »Klassenfeind«.

1976 etablierte Pahlevi einen Kalender, der mit Kyros und nicht mit Mohammed begann. Sein Versuch, den Iran zugleich zu modernisieren, schlug fehl. Seine »Öffnung zum Westen« war verbunden mit politischem Terror gegen Kritiker. Sein »Persepolis« erschien als Symbol für einen Autokraten, der dem Volk das Blut aussaugte.

Als Ajatollah Khomeini Ende der 1970er Jahre versprach, das Schah-Regime zu beenden, waren viele Iraner begeistert. Der Schah hatte sie gezwungen, »westlich« zu sein, und das bedeutete Luxus für Phalevis Günstlinge, nicht aber »westliche« Demokratie – die Demokraten saßen in den Folterkellern. Die meisten Iraner glaubten indessen nicht, daß bald eine totalitäre Form des Islam Handel, Regierung und die Justiz kontrollieren würde.

Doch das neue Regime unterdrückte alles, was die Iraner mit ihrer vorislamischen Geschichte identifizierten: Symbole des altpersischen Zarathustra-Glaubens wurden durch islamische Propaganda ersetzt und archäologische Schätze auf dem internationalen Markt verkauft. Der Mullah Hojjat-Al-Khalkaali und seine islamischen Militanten ließen Bulldozer auffahren, um Persepolis dem Erdboden gleichzumachen. Doch Nosrattolah Amini (1915–2009) stellte sich ihnen entgegen. Der Gouverneur von Fars war damals einer der beliebtesten Politiker des Landes. Er galt als moralisch absolut integer, war Minister unter dem demokratisch gewählten Präsidenten Mossadegh gewesen, den der Schah und die CIA gestürzt hatten, kam in der Revolution aus dem Exil in den USA zurück und erklärte: »Persepolis wird nur über meine Leiche zerstört werden.« Die religiösen Bilderstürmer zogen sich daraufhin nach Teheran zurück.

Befreiung und Unterdrückung

Das Regime befand sich in einer Zwickmühle: Khomeini propagierte einen Iran, der frei sein sollte vom imperialistischen Einfluß des Westens. Sogar Linke sympathisierten deshalb 1980 mit der »islamischen nationalen Befreiung« – die in Wirklichkeit ihr Todfeind war. Persepolis aber gab den steinernen Beweis, daß der Islam selbst als imperialistischer Angreifer in den Iran gekommen war. Die Mullahs unterdrückten die Zoroastrier, aber die Symbole Zarathustras prunkten auf den Ruinen. Ahuramazda, ein Ursprung des einen Gottes im Islam, war immer noch da.

Sie mußten entweder zugeben, daß es im Iran niemals einen »reinen Islam« gegeben hatte, oder eingestehen, daß ihre Interpretation des Islam die iranische Kultur unterdrückte, was bedeutete, daß er keine »nationale Befreiung« war. Das Regime wußte nur zu genau, daß viele Iraner die »Islamische Revolution« hinter verschlossenen Türen die »zweite arabische Invasion« nannten.

Ein einseitig die Welt erklärender Islam war konfrontiert mit einer vielschichtigen Zivilisation: Während der Islam die bildliche Darstellung von Gott und Mensch verbot, zeigten die Figuren der Antike diese bis ins Detail. Während jeder Muslim Mekka besuchen sollte, besuchten Millionen Iraner Persepolis. Mekka ist eine arabische Stadt; aber die Stadt der Iraner blieb Persepolis.

Vermutlich begriffen die Mullahs, daß die Wirkmacht von Persepolis zu groß war, um es zu zerstören; also versuchten sie, die Bedeutung zu schwächen. Am Eingang errichteten sie Bilder mit den wachenden Blicken der theokratischen Herrscher. Aber wenn die Iraner das »Tor der Länder« durchschritten, erwarteten sie andere Wächter: Riesige Skulpturen mit Stierkörpern, Menschenköpfen und Adlerschwingen. Persepolis belegte, daß die Zivilisation älter war als der Islam – und Alter ist im geschichtsbesessenen Iran ein elementarer Wert.

Die religiösen Herrscher bestraften alles, was die lebensfrohe iranische Kultur auszeichnete: 100 Peitschenhiebe für Weingenuß, Gefängnis für körperbetonte Kleidung oder Musik in der Öffentlichkeit. Während der Schah Persepolis zu einem iranischen Disneyland gemacht hatte, blieben jetzt die Touristen aus den USA aus. Die Iraner hatten ihre Geschichte für sich selbst und teilten sie nur mit den wenigen Forschern, die sich von dem westlichen Bild des Schurkenstaates nicht beirren ließen. Die Anhänger des Schahs flohen vor den Mullahs, die Linken zuerst vor dem Schah jetzt vor Khomeini. Iranern, die im Land ausharrten, blieb das innere Exil – und wieder einmal wurde Persepolis ein wichtiges Symbol. Es war nicht möglich, das Gedenken an Persepolis zu zerstören; und das islamische Regime versuchte, es zu vereinnahmen. 2007 lud Präsident Ahmadinedschad die »Mächte der Welt« ein, nach Persepolis zu kommen, um die »Macht unseres Volkes« zu sehen. Die alten Iraner hätten »Mächten getrotzt, gegenüber denen die heutigen nichts sind.« Wieder einmal wurden die antiken Perser mißbraucht, dieses Mal für religiös aufgeheizte nationalistische Propaganda gegen die USA und Israel.

Zukunftschancen

Im Krieg, den US-Präsident George W. Bush wenige Jahre zuvor gegen den Irak geführt hatte, waren unschätzbare archäologische Schätze Mesopotamiens zerstört worden. Die iranische Soziologin Somayeh Ranjbar warnte vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen dem Iran und den USA: »Persepolis wurde zweimal zerstört, zuerst von Alexander, dann von den Arabern. Jetzt könnte es endgültig zerstört werden – von den Amerikanern.«

Iraner, die mit dem Slogan »Israelis we love you« gegen den verbalen Krieg zwischen Ahmadinedschad und Ministerpräsident Netanjahu demonstrierten, knüpften an die Geschichte von Persepolis an, die eine gemeinsame Geschichte der Religionen und Kulturen ist. Das antike Persien inspirierte die jüdische Kultur mit den Ideen vom einen Gott, von Engeln und von einem Messias. In der jüngeren Geschichte verbindet Iraner und Europäer eine Geschichte der wissenschaftlichen Zusammenarbeit: Ein deutscher Archäologe und seine iranischen Kollegen gruben Persepolis aus. Ernst Herzfeld wurde von faschistischen Barbaren verfolgt – weil er Jude war.

Persepolis war zwar einerseits ein Symbol für Autokratie. Auf der anderen Seite aber beweist es, daß es im Mittleren Osten keine homogene Religion und Kultur gibt. Das antike Persien nahm alle Zivilisationen in sich auf: Juden, Christen und Muslime, Iraner und Israelis zehren vom Erbe von Persepolis. Wenn sie gegeneinander Krieg führen, kämpfen sie auch gegen die eigenen historischen Wurzeln. Die Öffnung des Iran durch die jetzige Regierung Rohani sollte ernst genommen werden. Der neue Ton in der Außenpolitik öffnet die Tür, um den Austausch zwischen iranischen und westlichen Wissenschaftlern wieder aufzunehmen.

1 Während die (westliche) Demokratie in Athen entstand, dort aber wenig mit einem Rechtsstaat zu tun hatte, geht die erste Erklärung von Grundrechten auf Persien zurück – das aber war keine Demokratie

Aktuelle Buchveröffentlichung von Utz Anhalt: »Die gemeinsame Geschichte von Wolf und Mensch: Von Wolfsmenschen und Werwölfen«, Cadmos Verlag, Schwarzenbek, 160 Seiten, 9,90 Euro

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