21. Juni 2013

»Planmäßig gesteigerte Sabotagetätigkeit«

Casablanca 1943: US-Präsident Roosevelt (l.) und der britische Premier Churchill. Stalin wollte wegen der Schlacht an der Wolga Moskau nicht verlassen. Die deutschen Faschisten erfuhren von dem Treffen erst hinterher - Fotoquelle: www.ibiblio.org

Vor 70 Jahren begann in Griechenland eine großangelegte Täuschungsoperation zur Verschleierung der Landung der Alliierten auf Sizilien. Die Griechische Volksbefreiungsarmee ELAS hatte entscheidenden Anteil an der Aktion

Martin Seckendorf

Anfang des Jahres 1943 zeichnete sich ab, daß der Zweite Weltkrieg in Europa in eine Phase grundlegenden Wandels eingetreten war. Am 19. November 1942 hatte die Sowjetarmee eine gewaltige Offensive begonnen, die Ende Januar zur Vernichtung der 6. deutschen Armee bei Stalingrad führte. Das Ansehen der Sowjetunion in der Welt war enorm gewachsen. In der Winteroffensive der Roten Armee wurden auch die in der Sowjetunion eingesetzten Großverbände der faschistischen Bündnispartner Italien, Rumänien und Ungarn, die zu den kampfstärksten Formationen ihrer Länder gehörten, fast vollständig aufgerieben. Die schweren Verluste sowie die Tatsache, daß die Deutschen den Verbündeten »rassebedingtes« Versagen vorwarfen und rücksichtslos ihre Führungsrolle durchzusetzen versuchten, hatten bedeutende Rückwirkungen auf die innenpolitische Situation der Vasallenstaaten und die Stabilität des Bündnisses

Gleichzeitig begannen die Briten in Nordafrika eine Großoffensive gegen die in Ägypten eingedrungenen deutschen und italienischen Truppen unter Erwin Rommel. Bernhard Montgomerys Nil-Armee trieb Rommels Truppen bis nach Tunesien, wo sie sich mit den im November 1942 dort gelandeten deutschen und italienischen Kontingenten verschanzten. Im Mai 1943 mußten sie kapitulieren. Der Mannschaftsbestand und die Ausstattung einer ganzen Heeresgruppe gingen verloren (siehe jW vom 13. Mai). Hitlerdeutschland geriet auch im Mittelmeerraum in die strategische Defensive. Sein Hauptverbündeter, das faschistische Italien, in eine sich immer schneller verstärkende allgemeine Krise.

Casablanca

Für die Alliierten bestand angesichts der Kriegslage großer Gesprächsbedarf. Zwischen dem 14. und 26. Januar 1943 trafen sich der Präsident der Vereinigten Staaten, Franklin D. Roosevelt, und der britische Premierminister Winston Churchill in Casablanca, nur neun Wochen nachdem anglo-amerikanische Truppen Französisch-Marokko besetzt hatten. Auch die Sowjetunion war eingeladen. Stalin ließ jedoch mitteilen, er könne die Sowjetunion wegen der Schlacht an der Wolga nicht verlassen.

Das Gipfeltreffen beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage, wo die westalliierten Streitkräfte nach dem Sieg in Tunesien den nächsten Angriff gegen die Achsenmächte führen sollten. In dem am 27. Januar veröffentlichten Kommuniqué heißt es, man habe »völliges Einvernehmen zwischen dem Präsidenten und dem Premier und ihren Stabschefs über die Kriegspläne erreicht sowie über die Unternehmungen, die im Laufe des Jahres 1943 gegen Deutschland, Italien und Japan geführt werden sollen«. Außerdem sei in vollem Umfang »die ungeheure Kriegslast, die Rußland erfolgreich an der gesamten Landfront trägt« anerkannt worden. Roosevelt und Churchill »betrachten es als ihr Hauptziel, so viele (faschistische) Truppen wie möglich von den russischen Armeen dadurch abzuziehen, daß der Feind an den bestgewählten Punkten so schwer wie möglich in den Kampf verwickelt wird«. Roosevelt verkündete in einer öffentlichen Rede, man habe sich auch darauf verständigt, niemals separate Verhandlungen mit dem Feind aufzunehmen, sondern bis zu dessen bedingungsloser Kapitulation zu kämpfen.

Der wohl wichtigste Beschluß der Konferenz war streng geheim: Im Sommer 1943 wollte man auf Sizilien landen. Roosevelt stimmte trotz schwerer Bedenken diesem Vorschlag Churchills zu. Die Eröffnung einer zweiten Front, die diesen Namen verdiente, die Invasion in Frankreich, war auf 1944 verschoben worden. Der Mittelmeerraum blieb für längere Zeit Hauptkriegsschauplatz für Briten und US-Amerikaner.

Letzte hatten die Invasion Frankreichs nicht nur wegen der topographischen Vorteile, die die langen Küsten mit flachem, verkehrstechnisch gut erschlossenem Hinterland und den kurzen Anmarschwegen von den britischen Inseln boten, favorisiert. Sie wollten sich damit vor allem ein Mitspracherecht bei den Nachkriegsregelungen in Europa erkämpfen. Mächtige Kräfte in der britischen Politik dagegen glaubten, mit einer Landung auf Sizilien und in Süditalien das Ausscheiden des Landes aus dem Achsenbündnis herbeiführen und eine Basis für Operationen gegen den Balkan erobern zu können. Von Süditalien wollte man nordostwärts über die Adria vorstoßen, um den britischen Einfluß auf dem Balkan wieder herzustellen, vielleicht sogar die Türkei zum Eintritt in den Krieg gegen Deutschland zu veranlassen und vor der Roten Armee das ölreiche Rumänien, das zum »Absprung« aus dem faschistischen Bündnis bereite Ungarn und Österreich zu erreichen.

Die Sowjetunion protestierte dagegen, daß die Eröffnung der zweiten Front verschoben werden sollte. Am 15. März schrieb Stalin an Churchill: »Der Wichtigkeit Siziliens bin ich mir wohl bewußt; dennoch muß ich darauf hinweisen, daß die Operation kein Ersatz für die zweite Front in Frankreich darstellt «. In einem Brief vom 11. Juni faßte er die Gründe für die sowjetische Haltung zusammen: »Durch diesen Beschluß werden der Sowjetunion, die schon zwei Jahre lang unter äußerster Anspannung aller Kräfte im Kampf gegen die Hauptkräfte Hitlers und seiner Satelliten steht, außerordentliche Schwierigkeiten bereitet und die sowjetischen Streitkräfte, die nicht nur für ihr eigenes Land, sondern auch für ihre Verbündeten kämpfen, auf ihre Kräfte gestellt, im Kampf mit dem noch sehr starken und gefährlichen Feind fast alleingelassen.« Stalin kritisierte, daß dadurch die Völker der Sowjetunion, die so unermeßlich große Opfer gebracht haben, »ohne die erwartete ernsthafte Unterstützung durch die anglo-amerikanischen Armeen bleiben« werden.

Das Gipfeltreffen wurde den faschistischen Behörden erst nach dessen Abschluß bekannt, obwohl es außerhalb der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, praktisch auf besetztem Gebiet stattfand und viele Menschen daran teilnahmen. Das Protokoll zählte neben Roosevelt und Churchill weitere 22 Principals, Entscheidungsträger aus Militär und Politik, die jeder von einem Mitarbeiterstab begleitet wurden. Außerdem galt Marokko als Dorado der Spionagedienste. Die Naziführer schäumten. Zwei Tage nach dem Ende der Konferenz vertraute Propagandaminister Joseph Goebbels seinem Tagebuch an: »Das sensationelle Ereignis dieses Tages ist die Zusammenkunft zwischen Churchill und Roosevelt in Casablanca …. Unser Nachrichtendienst hat … nicht einmal den Ort der Besprechungen feststellen können … Es ist bewundernswert, wie die Engländer und Amerikaner das Geheimnis dieser Zusammenkunft gewahrt haben. Umso beklemmender aber ist das Gefühl, daß unsere Nachrichtendienste, obschon sie so viel Geld verschlingen und so viel Personal beschäftigen, nichts davon herausbekommen haben.«

Operation »Hackfleisch«

Ein schwieriges taktisches Problem der Alliierten war, den Beschluß über die Landung auf Sizilien, die die Deckbezeichnung »Husky« erhielt, gegenüber den Faschisten geheimzuhalten.

Die britische Führung ging davon aus, daß auch den Deutschen die strategische Ausgangslage nach der Befreiung Tunesiens bewußt war. Churchill äußerte, jedermann, selbst ein Dummkopf, könne erkennen, daß das nächste Ziel der Alliierten Sizilien sei. Die angesichts der harten geostrategischen Fakten fast unlösbare Aufgabe des britischen Geheimdienstes bestand darin, die Deutschen glauben zu machen, daß die Alliierten nicht auf Sizilien, sondern an der Nordküste des Mittelmeeres landen werden.

Im Mai 1943 wurden den Deutschen auf abenteuerliche Weise im Rahmen einer raffinierten Geheimoperation mit der Bezeichnung »Mincemeat« (Hackfleisch) Dokumente zugespielt, die den vermeintlichen Kriegsplan der Briten und US-Amerikaner skizzierten. Danach sollten Großlandungen in Westgriechenland und auf Sardinien sowie ein Scheinangriff gegen Sizilien geführt werden. Die deutschen Geheimdienste prüften die Dokumente und kamen zu dem Schluß, daß die Papiere echt und ihnen nicht absichtlich in die Hände gespielt worden seien. Dadurch änderte sich auch deren Lagebeurteilung grundlegend. Noch am 8. Februar 1943 hatte die Spionageabteilung »Fremde Heere West« im Oberkommando des Heeres geschrieben, nach Abschluß der Kämpfe in Nordafrika wäre Sizilien »erstes Ziel einer Landungsoperation« der Alliierten. Nach dem »Dokumentenfund« notierte die gleiche Abteilung, aus den Papieren gehe zweifelsfrei hervor, daß die Alliierten »für das ost (wärtige) und west (liche) Mittelmeer je ein Landungsunternehmen größeren Ausmaßes vorgesehen« hätten. Ziele seien die »Westküste des Peloponnes« und Sardinien, »das vorgesehene Scheinziel (…) ist Sizilien«,

Sabotageoffensive

Um die den Deutschen zugespielten Informationen zu erhärten, starteten die Briten eine weitere, wesentlich umfangreichere Täuschungsoperation unter dem Tarnnamen »Animals« (Tiere). Am 29. Mai 1943 erhielt der Chef der britischen Militärmission bei den Partisanen im besetzten Griechenland, Edmund Meyers, aus dem Hauptquartier Middle East in Kairo die Mitteilung, daß die alliierten Streitkräfte in der zweiten Julihälfte auf Sizilien landen werden. Ihm wurde befohlen, im Juni mit »großflächigen Sabotageunternehmen in ganz Griechenland zu beginnen, um den Feind glauben zu lassen, diesem Teil des Mittelmeergebietes drohe die (alliierte – M. S.) Invasion.«

Britische Verbindungsoffiziere waren seit Oktober 1942 in Griechenland. Damals hatten sie mit Hilfe der Partisanen die Gorgopotamos-Brücke gesprengt und die einzige Eisenbahnverbindung zwischen Thessaloniki und Athen/Piräus für sechs Wochen unterbrochen (siehe jW vom 23. Oktober 2012). Auf dieser Linie wurden etwa 80 Prozent des Nachschubs für die Rommel-Armee in Nordafrika transportiert. Das größte Truppenkontingent bei der Brückensprengung stellte die linksgerichtete Griechische Volksbefreiungsarmee ELAS. Die Aktion wirkte als Fanal und brachte der ELAS enormen Zulauf. Daraufhin versuchten die britischen Offiziere, durch Förderung rechtsgerichteter Partisanengruppen und verstärkte antikommunistische Propaganda den schnell wachsenden Einfluß der ELAS zurückzudrängen. Außerdem wurden Pläne geschmiedet, sie der britischen Militärmission zu unterstellen, um sie kontrollieren zu können. Man versprach dafür Waffen und Geld. Die Partisanen forderten, daß die Briten die ELAS als verbündete Armee anerkennen und entsprechend behandeln. Man wolle sich zwar dem britischen Hauptquartier unterstellen, so die Armeeführung, aber die organisatorische, taktische und vor allem die politische Selbständigkeit behalten.

Für die Sabotageoffensive gegen die feindlichen Verkehrs- und Verbindungseinrichtungen brauchten die Briten die ELAS. Nach deutschen Schätzungen kämpften mehr als 70 Prozent aller Partisanen in der Volksbefreiungsarmee. Die ELAS war die einzige überregionale Gruppierung. Sie hatte ein zentrales Kommando- und Stabsorgan, das Operationen auch mit größeren Einheiten in ganz Griechenland ermöglichte. Meyers erhielt den Befehl, auf jede Forderung der Volksbefreiungsarmee einzugehen, um den für den 20./21. Juni geplanten Beginn der Offensive zu ermöglichen. Nach »Animals« glaubten die Briten, die ELAS nicht mehr zu brauchen und kehrten zu der alten antikommunistischen Politik zurück.

Gemäß den Absprachen mit den Briten beteiligte sich die ELAS an der Täuschungsoperation. Sie trug dabei die Hauptlast und zahlte einen hohen Blutzoll im Gegensatz zu den von Großbritannien gut ausgerüsteten »nationalen« Partisanengruppen, genannt EDES. Diese wollten ihre Kräfte nicht in Gefechten gegen die Deutschen aufreiben, sondern für den nach dem Kriege zu erwartenden Machtkampf um die Zukunft Griechenlands aufsparen.

Die Führung der Volksbefreiungsarmee wurde nicht über den Zweck der Diversionsoffensive informiert. Ihr wurde mitgeteilt, die Operation diene der Vorbereitung von Landungen alliierter Truppen in Griechenland. London täuschte nicht nur die Deutschen, sondern auch die Griechen.

Der Operation »Animals« ging eine Propagandaoffensive der Briten voraus. Im Lagebericht des deutschen Militärbefehlshabers Südgriechenland vom 4. Juni 1943 heißt es: »Die …Feindpropaganda versucht, die Befreiung Griechenlands von den ›Eroberern‹ als unmittelbar bevorstehend darzustellen. Die Griechen werden dadurch … in einem Zustand der Erregung gehalten, ihr Widerstands- und Freiheitswille stets von neuem aufgepeitscht.«

»Animals« beginnt

Am 21. Juni 1943 setzte schlagartig die Diversionsoffensive ein. Im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) wird vermerkt: »In der Nacht vom 20./21.6. Bahnlinie Saloniki-Athen … an sechs Stellen durch Brücken- und Gleissprengungen unterbrochen. Durch Luftaufklärung Sprengung von zwei Brückenbogen (am) Nordteil (der) Asoposbrücke festgestellt … In gleicher Nacht auf Straße Kozani–Servia (nordwestl. Olymp) zwei Durchlässe gesprengt. Auf Straße Katerini-Ajos Dimitrios Holzbrücke in Brand gesetzt.« Der Bevollmächtigte des Reiches in Athen, Günther Altenburg, ergänzte die Meldung in einem Telegramm vom 22. Juni an das Auswärtige Amt: »1. Zustand Asoposbrücke derart, daß mit Wiederherstellung vorerst nicht gerechnet werden kann … Herstellungszeit zwei bis drei Monate.

2. Nördlich von Lamia … insgesamt vier kleine Brücken beschädigt.

3. In Olympgegend … ist (Eisenbahn-)Strecke auf Länge von vier Kilometern mittels 47 Sprengungen zerstört.« Außerdem seien sämtliche Fernsprechleitungen in Mittelgriechenland und nach Albanien durch Sabotage unterbrochen worden.

Am 22.6. erfolgte ein Partisanenangriff auf einen stark gesicherten Konvoi der 117. Jägerdivision. Die Lkw-Kolonne mit 108 Soldaten wurde bei Servia vollständig aufgerieben.

Das OKW meldete am 22. Juni: »Griechenland: Planmäßig gesteigerte Sabotagetätigkeit an Verkehrs- und Nachrichtenanlagen.« Dieser Text erscheint – mitunter leicht abgewandelt – in den nächsten Wochen immer wieder in den Meldungen.

Die zu einer Bodenoffensive der ELAS weiterentwickelte Operation »Animals« wurde durch verstärkte Angriffe der Royal Air Force auf deutsche Anlagen in Griechenland, die den Okkupanten erhebliche Verluste zufügten, begleitet. Große Sorge bereiteten den deutschen »Feindlagebearbeitern« Informationen, wonach die Partisanen an strategisch wichtigen Stellen Feldbefestigungen und Vorratslager sowie Abwurfplätze für Nachschub durch die britische Luftwaffe und Feldflugplätze anlegten.

Der Oberbefehlshaber Südost, Alexander Löhr, berichtete am 27. Juni nach Berlin, in Griechenland habe die Partisanentätigkeit »schlagartig und im großen Umfang … eingesetzt.« Dies sei als »Vorzeichen eines beabsichtigten Angriffs« der Alliierten zu werten. Das OKW erwiderte, man habe »diese Möglichkeit schon seit langem in Rechnung gestellt«. »Animals« wirkte. Die deutschen Militärs in Griechenland und im OKW waren eine Woche vor der Invasion Siziliens am 10. Juli einhellig der Auffassung, die Offensive der Partisanen sei der Auftakt für eine bald einsetzende alliierte Landung in Griechenland.

Das OKW machte aber auch deutlich, daß frontfähige Großverbände nicht zur Verfügung stünden – vor allem wegen der am 5. Juli begonnenen Schlacht um den Kursker Bogen. Die Operation »Zitadelle«, wie deren Deckname lautete, sollte nach dem Debakel von Stalingrad den Deutschen Handlungsfähigkeit zurückbringen und mindestens eine leicht zu verteidigende Front im Osten schaffen. Dann seien nach der Strategie des Kampfes auf der »inneren Linie« genügend Kräfte frei, so die illusionäre Vorstellung, um eine alliierte Landung an jedem Ort der »Festung Europa« abzuwehren.

Exzessiver Terror

Vorläufig standen nur »Aushilfen« zur Verfügung (z.B. durch die Neuaufstellung von unausgebildeten und schlecht bewaffneten, kaum beweglichen Verbänden). Die Dienststellen vor Ort sollten die möglichen Landungsgebiete pioniermäßig sichern und mit den »Aushilfen« vor allem die Partisanen vernichten. Die »Befriedung« des Hinterlandes galt als Voraussetzung zur erfolgreichen Abwehr einer alliierten Invasion. Die Nachschub- und Verbindungswege zu den kämpfenden Verbänden an der Küste mußten offengehalten werden.

Die Faschisten gingen davon aus, daß die Bevölkerung mit den Partisanen sympathisierte. Schrankenloser Terror sollte die Zivilisten davon abhalten, die Untergrundkämpfer zu unterstützen und sich im Invasionsfall offen gegen die Deutschen zu erheben. In einem Befehl des Kommandeurs der in Mittelgriechenland stationierten 1. Panzerdivision vom 5. Juli heißt es: »Das Oberkommando des Heeres hat befohlen, daß … nach etwaigen Anschlägen und Sabotageakten rasche und durchgreifende Sühnemaßnahmen ergriffen werden, um die Bevölkerung abzuschrecken. Der Führer erwartet, daß diese Maßnahmen mit äußerster Tatkraft und in einer Weise zur Durchführung kommen, die ihre Wirkung auf weiteste Kreise der Bevölkerung nicht verfehlen.«

Folge der verbrecherischen Befehle war, daß die Zahl der ermordeten griechischen Zivilisten 1943 sprunghaft anstieg und ganze Landstriche verwüstet wurden. Das auch nach der Landung der Alliierten auf Sizilien am 10. Juli 1943 anhaltende flächendeckende Morden und Zerstören veranlaßte selbst den Chef der Kollaborationsregierung Ioannis Rallis zu einer Beschwerde bei seinem deutschen Dienstherrn. Er wies darauf hin, daß allein im Oktober 1943 in Nordwestgriechenland bei »Säuberungsaktionen« über 1000 Menschen ermordet und 100 Dörfer zerstört worden seien.

Die deutsche Führung fiel komplett auf »Mincemeat« und »Animals« herein. Dennoch erfolgte kaum eine signifikante Konzentration von Abwehrkapazitäten oder eine Rochade von Truppen, die wegen der alliierten Überlegenheit in der Luft und auf See sowie wegen der Partisanentätigkeit in den Transitgebieten aber ohnehin sehr schwierig gewesen waren. Nach Griechenland wurde außer militärisch minderwertigen Ersatz- und Neuaufstellungseinheiten nur ein kampftauglicher Verband, die 1. Panzerdivision aus Frankreich, zeitweilig verlegt.

Auch nach Sizilien und Sardinien entsandte man keine hochwertigen Verbände. Nur jene deutschen Einheiten aus den noch nicht nach Nordafrika überführten Truppenteilen sowie Pionier- und Ersatzeinheiten waren auf der Insel stationiert. Die deutsche Führung hoffte, daß die Landung erst nach dem – siegreichen – Ende von »Zitadelle« erfolgt und daß in Sizilien die dort stationierten, zahlenmäßig starken italienischen Truppen entgegen allen Anzeichen einer verbreiteten Kriegsmüdigkeit bei einer Invasion mit Verve ihr Heimatland verteidigen würden.

Hier zeigte sich die grundlegende und zunehmende Schwäche des deutschen Faschismus. Nach den Schlachten vor Moskau 1941, bei Stalingrad und in Tunesien 1943 verfügte das Oberkommando der Wehrmacht über keine strategischen Reserven für einen feldzugentscheidenden Einsatz an einer neu entstehenden Front. Der »Osten« band immer stärker die deutschen Ressourcen. Nach »Zitadelle« würde alles anders werden, so hoffte man im OKW. Bis dahin wollte man mit Aushilfen Zeit gewinnen.

Insofern lief die großartige Geheimoperation der Alliierten ins Leere. »Animals« hatte aber ein von den Briten nicht beabsichtigtes Ergebnis: Die Griechen honorierten den opferreichen Einsatz der ELAS und der sie tragenden Nationalen Befreiungsfront EAM gegen die fremden Eroberer. EAM wurde zur größten politischen Massenorganisation in der griechischen Geschichte. Sie hatte Ende 1944 etwa 1,6 Millionen Mitglieder (bei 6,5 Millionen Einwohnern). Die ELAS war zu einer taktisch klug geführten Massenarmee herangereift. Es bestand die Gefahr, daß die britischen Pläne zur Etablierung eines erzreaktionären Nachkriegsregimes in Griechenland durchkreuzt werden.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/06-21/036.php