18. Dezember 2010

Planmäßige Umgestaltung

Vor 85 Jahren: XIV. Parteitag der KPdSU beschloß die sozialistische Industrialisierung

Jörg Roesler

Vom 18. bis 31.Dezember 1925 fand der XIV. Parteitag der Kommunistischen Partei Rußlands (Bolschewiki), die sich in jenen Tagen in KPdSU (B) umbenannte, statt. Der Parteitag proklamierte den Übergang zur sozialistischen Industrialisierung als entscheidendes Mittel »zur Umgestaltung der Wirtschaft der UdSSR auf sozialistischer Grundlage«. Die Wirtschaftspolitik des jungen Sowjetstaates trat damit in ihre dritte Etappe – nach den Jahren des Kriegskommunismus (1918–1920) und der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP), deren Verwirklichung 1921 begonnen hatte.

Anders als der Übergang zur NÖP vollzog sich der Politikwechsel Ende 1925 nicht als »jähe Wende«. Der Parteitagsbeschluß unterstrich, daß sich die sozialistische Umgestaltung »auf der Basis der neuen ökonomischen Politik« vollziehen würde. Betont wurde, daß man mit dem Beschluß für eine sozialistische Industrialisierung Forderungen Lenins erfülle. Der zwei Jahre zuvor verstorbene Führer des sowjetischen Proletariats hatte wiederholt darauf hingewiesen, daß die Revolution erst endgültig gesiegt haben würde, wenn sich die sowjetische Wirtschaft »eine moderne großindustrielle technische Grundlage« geschaffen habe.

Die sozialistische Industrialisierung ging in drei Richtungen: Es galt erstens, sich die fortgeschrittenste Technologie, wie man sie in Westeuropa und den USA vorfand, anzueignen; dazu war der Maschinenbau zu modernisieren und weiterzuentwickeln. Zweitens sollte die Sowjetwirtschaft unabhängig werden von Importen aus dem Ausland. Eisen und Stahl, Halbfabrikate und Komponenten für den Maschinenbau mußten im Lande selbst hergestellt werden können. Drittens war die Grundlage für eine moderne Verteidigungsindustrie zu schaffen. Der Erste Weltkrieg mit seinen »Materialschlachten« hatte zu der Erkenntnis geführt, daß auf Dauer ein Sieg oder eine erfolgreiche Verteidigung ohne den ununterbrochenen Nachschub von Waffen und Munition aus dem Hinterland nicht möglich wäre.

Zumindest die zweite und die dritte Anforderung machten den Auf- bzw. Ausbau der Schwerindustrie notwendig. Die sozialistische Industrialisierung auf dieses Ziel zu verkürzen, wie es später und vor allem in den Geschichtsbüchern geschah, war allerdings nicht angebracht.

Konsolidierung und Aufbau

Wenn sich die Verkündung der sozialistischen Industrialisierung durch den XIV. Parteitag auch ganz auf der von Lenin vorgezeichneten Entwicklungslinie – in der Geschichtsschreibung später zum Leninschen Plan des sozialistischen Aufbaus hochstilisiert – befand und in sofern keine Überraschung darstellte, so bleibt doch zu fragen, warum die neue Etappe der Wirtschafts­entwicklung in der Sowjetunion Ende 1925 eingeleitet wurde – und nicht schon früher.

Eine Antwort läßt sich an der wirtschaftlichen Entwicklung Sowjetrußlands in den Jahren nach der Oktoberrevolution ablesen. Weltkrieg und Bürgerkrieg hatten Landwirtschaft und Industrie ruiniert. Bevor an die Errichtung eines modernen Industriestaates gedacht werden konnte, mußte die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft wiederhergestellt werden. Das entscheidende Kettenglied war dabei die Landwirtschaft. Mit dem Verzicht auf die (totale) Abgabepflicht und dem Übergang zur Naturalsteuer, die den Bauern einen Teil der Ernte zum Verkauf auf eigene Rechnung überließ, konnten Stagnation und Rückgang der landwirtschaftlichen Erzeugung überwunden werden. Damit die Bauern sich für ihre Einnahmen Waren – meist handelte es sich um Produktionsmittel – kaufen konnten, mußte der Wiederherstellung der Leichtindustrie besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Schwerindustrie – mit Ausnahme der Energiewirtschaft, deren Entwicklung über dem GOELRO-Plan gesteuert wurde – stand in ihrer Bedeutung erst an dritter Stelle, war, wenn man so will, das Stiefkind der Wirtschaftspolitik in der zweiten Etappe. Dementsprechend erreichte die Agrarproduktion 1925 erfreuliche 87 Prozent des Vorkriegsstandes, die Großindustrie dagegen nur 73 Prozent. Der Wiederherstellungsgrad der Leichtindustrie lag zwischen beiden Werten. Es war weniger das Ausmaß der Wiederherstellung der Wirtschaft selbst als das unterschiedliche Tempo der Rekonstruktion, das die KPdSU-Führung Ende 1925 veranlaßte, zur sozialistischen Industrialisierung überzugehen, nachdem die Konsolidierung der Wirtschaft mit der Vollendung der Währungsreform 1924 finanztechnisch ihren Abschluß gefunden hatte.

Die Hinwendung zur sozialistischen Industrialisierung rückte für Jahrzehnte die Zweige der Schwerindustrie, der Schwarz- und Buntmetallurgie, des Maschinenbaus und der elektrotechnischen Industrie in den Mittelpunkt sowjetischer Wirtschaftspolitik. Dabei handelte es sich technologisch gesehen um eine nachholende Industrialisierung. Was an technischem Niveau im Vergleich zu den westeuropäischen Industrieländern und den USA während der Industrialisierung im zaristischen Rußland nicht erreicht wurde bzw. in Krieg und Bürgerkrieg wieder verloren gegangen war, galt es aufzuholen.

In anderer Hinsicht betrat man in der UdSSR mit den Beschlüssen des XIV. Parteitages Neuland. Erstmals sollte die Industrialisierung in einem Land auf breiter Front, d.h. in vielen Zweigen gleichzeitig vorangetrieben werden. Völlig aus dem Rahmen des bisher Bekannten fielen die Finanzierungsmethoden für den Auf- bzw. Ausbau der neuen Werke. Die in der »kapitalistischen Industrialisierung« mit Banken, Börsen und ausländischen Anleihen gemachten Erfahrungen halfen da nicht weiter. An die Stelle investitionswilliger Kapitalisten mußte der Sowjetstaat treten. Der Ausbau der bestehenden und der Aufbau der neuen Industriebetriebe wurde hauptsächlich mit den Gewinnen der Staatsbetriebe finanziert. Um diese Summe möglichst groß zu halten, wurden in der Regel auch die als Abschreibungen deklarierten Finanzmittel in die Industrialisierungsfonds überführt. Insgesamt flossen so 90 Prozent des Reineinkommens der Staatsbetriebe in Projekte der sozialistischen Industrialisierung. Akkumulationsmittel wurden zweitens über Steuern aufgebracht, die die »kapitalistischen Elemente«, die Kulakenwirtschaften und Privatunternehmen der NÖP-Leute aufzubringen hatten, aber auch die Arbeiter und Angestellten im staatlichen Sektor bzw. im Staatsdienst. Eine dritte Quelle waren die Ersparnisse der Bevölkerung. 1927 wurde die erste sowjetische »Industrialisierungsanleihe« aufgelegt, sie brachte dem Staat 200 Millionen Goldrubel. Das bewies: Es war der KPdSU gelungen, die Notwendigkeit der sozialistischen Industrialisierung einem breiten Kreis in der Bevölkerung zu vermitteln. Bezogen auf die Gesamteinnahmen des Staatshaushalts betrug der Anteil freiwilliger Anleihen 3,3 Prozent, der Beitrag der (Lohn-)Steuereinnahmen der Werktätigen lag demgegenüber bei 12 Prozent.

Wende eingeleitet

Die 1926–1928 erreichten Ergebnisse rechtfertigten die seitens des Sowjetstaates unternommenen Industrialisierungsanstrengungen. In Angriff genommen werden konnten in den Jahren 1926 bis 1928 die Eisen- und Stahlfabriken in Kusnezk in Westsibirien und in Magnitogorsk am Ural sowie das Kriwoiroger Werk in der Ukraine. Im Maschinenbau überwog die Rekonstruktion vorhandener Werke, wie der Lugansker Lokomotivfabrik und des Moskauer Automobilwerkes. Eine Ausnahme bildete der Landmaschinenbau. Bei den Werken in Gomel (Weißrußland) und Saratow sowie dem Traktorenwerk in Stalingrad handelte es sich um Neubauten. Insgesamt bezifferte sich die Zahl der 1926–1928 errichteten oder verbesserten Industrieobjekte auf 700, davon waren 528 Neubauten »auf der grünen Wiese«. Die Wende zum modernen Industriestaat, die Lenin Anfang der 20er Jahre beharrlich gefordert und deren Verwirklichung der XIV. Parteitag der KPR (B) beschlossen hatte, war erfolgreich eingeleitet.

Quellentext

Die Rettung für Rußland ist nicht nur eine gute Ernte in der Bauernwirtschaft – das ist zu wenig –, und nicht nur ein guter Zustand der Leichtindustrie, die der Bauernschaft Gebrauchsgegenstände liefert – das ist ebenfalls zu wenig – , wir brauchen auch eine Schwerindustrie. (…) Ohne Rettung der Schwerindustrie, ohne ihre Wiederherstellung können wir keinerlei Industrie aufbauen, ohne diese aber werden wir überhaupt als selbständiges Land zugrunde gehen. (…) Die Schwerindustrie braucht Staatssubsidien. Wenn wir sie nicht finden, so gehen wir als zivilisierter Staat – ich sage schon gar nicht als sozialistischer – zugrunde.

Lenin, Werke, Bd. 33, S. 412

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/12-18/008.php