27. April 2013

Plumpe Täuschung

Konrad Kujau (1992) - Fotoquelle: Wikipedia

Am 28. April 1983 veröffentlichte das Wochenmagazin Stern Hitlers »Tagebücher«

Kurt Pätzold

Vor drei Jahrzehnten, in den Zeiten deutscher Zweistaatlichkeit, verbreiteten im deutschen Weststaat Nachrichtenagenturen die Meldung, Hitlers Tagebücher seien aufgefunden und würden alsbald veröffentlicht werden. Der Autor war da schon fast 38 Jahre tot, doch das Interesse an ihm unerloschen, weil beständig auch in Zeitungen und Zeitschriften, von Rundfunk und Fernsehen wachgehalten. Deren Redaktionen waren elektrisiert, niemand, der sich die Sensation entgehen ließ, ohne sie zu kommentieren, Diskutanten wurden zu Tische und vor Mikrofone gebeten usw. Der übliche Rummel, mit dem sich Menschen vom Alltag ablenken lassen. Die Reklame gipfelte, das war weder originell, noch blieb es ein einmaliger Vorgang, in der Voraussage, es müßten nun die Geschichte der Nazizeit und das Urteil über Hitler neu geschrieben werden.

Indessen knüpften sich an das späte Annoncieren dieser Geschichtsquelle mehr als die sonst zu stellenden Fragen. Den Spitzenplatz besetzte die nach der Echtheit des Präsentierten. Zu deren Prüfung bedient sich die Historikerzunft eingeübter Verfahren. Am einfachsten liegen die Dinge, wenn Lebende oder Tote bezeugen, daß sie aus der Kenntnis des Verfassers von dessen Arbeit wissen, er mit ihnen darüber auch gesprochen, ihnen womöglich Passagen vorgelesen habe. Klarheit existiert auch, wenn der Weg des Geschriebenen von der Hand des Verfassers bis in die des Editors sich lückenlos verfolgen und offenlegen läßt. Zu Zeiten, da ausschließlich oder meist mit Federn verschiedener Art und Herkunft geschrieben wurde, ließ sich der Text häufig mit anderen Schriftstücken vergleichen und auf diese Weise seine Echtheit bescheinigen oder eine Fälschung nachweisen. Dazu traten Graphologen in Aktion. In anderen Fällen gar Chemiker, die prüften, ob es zu Zeiten, da das Schriftstück angefertigt worden war, diese Sorte Papier gegeben habe.

Echtheitsprüfung

Im Fall der Tagebücher des »Führers« mußte sich Verdacht gegen deren Echtheit schon bei der ersten Frage regen. Wie konnte es geschehen, daß ein Mann, dessen Leben sich nahezu Tag für Tag in der Gesellschaft von Personal vollzog, vom Leibdiener bis zum Adjutanten, Seite um Seite und Tag für Tag mit Aufzeichnungen füllte, ohne daß das je bemerkt wurde? Und selbst, wenn er das heimlich im Bett getan hätte, wo verwahrte er dann, vor aller anderen Augen verborgen, das Niedergeschriebene? Wer forschend gedanklich nur bis dahin geriet, dem mußten auf rot geschaltete Warnlampen vor das Auge treten.

Indessen, Aussicht auf Geschäfte und Gewinne läßt Eigner von Zeitungen und Zeitschriften anders verhalten. Die Redaktion des Wochenmagazins Stern erwarb für eine Kaufsumme von 9,3 Millionen Deutsche Mark insgesamt die vom Karikaturisten der Jungen Welt der frühesten Jahre, Maler und Kunstfälscher Konrad Kujau angebotenen 62 Bände dieser Tagebücher und begann am 28. April mit einem auszugsweisen Abdruck, Leser anzufüttern – nicht ohne den Preis um 50 Pfennig auf 3,50 DM zu erhöhen. Drei Tage vorher hatte Gerd Heidemann, der Stern-Reporter, der den Deal überhaupt – mit einiger krimineller Energie – zustande gebracht hatte, den Besitztum vor einem Auflauf von 27 Fernsehteams und 200 Reportern bekanntgemacht. Da war die Echtheitsprüfung, der sich das Bundeskriminalamt annahm, noch nicht abgeschlossen.

Für diesen Auftritt hatten sich die Sprecher des Blattes auch eine Antwort auf die Frage zurecht geschustert, wie diese »Dokumente« von Hitlers Hand schließlich zu ihnen gekommen wären. In ihr geisterte ein Flugzeug, das sie vom eingeschlossenen Berlin vermutlich Richtung Alpen hatte bringen sollen, aber über einem Gebiet, das später sowjetische Besatzungszone wurde und inzwischen DDR war, abgestürzt sei, ohne daß die darin transportierten Tagebücher vernichtet worden wären. Wie sie dann weiter westwärts gelangt seien, das wurde mit fadenscheinigen Begründungen im dunkeln gehalten. Mit dieser windigen Geschichte gaben sich viele Sensationshungrige zufrieden.

Um dem Unternehmen unangreifbare Glaubwürdigkeit zu geben, mußten Autoritäten her, die den Dokumenten Echtheit bescheinigten. Wer wäre dafür geeigneter gewesen, als namhafte Historiker, besonders aus den USA? Wie einige von ihnen auf den Schwindel hereinfallen konnten, ist schwer erklärbar, zumal es nicht weniger renommierte Kollegen gab, so den Kölner Ordinarius Andreas Hillgruber, die gleichsam den Braten rochen, das auch sagten und – das hat Methode – darauf öffentlich herabgesetzt wurden.

Am 8. Mai 1983 meldeten die Agenturen dann, daß die Gutachten des damals in Koblenz etablierten Bundesarchivs und der Bundesanstalt für Materialprüfung gleichermaßen ergeben hätten, daß es sich bei diesen Tagebüchern um eine Fälschung handele.

Tatsachenfehler

Zu diesem Befund hatten Prüfverfahren geführt, bei denen nachgewiesen wurde, daß für die Herstellung der Bücher Chemikalien, unter anderem Farben, verwendet worden waren, die es zu den vorgeblichen Schreibzeiten Hitlers (die Blätter setzten mit dem Datum des 19. November 1932 ein) nicht gab, sondern daß diese erst nach 1950 entwickelt wurden bzw. in Gebrauch gelangten. Zu dem Ergebnis hätten schon weniger aufwendige inhaltliche Prüfungen führen können, denn der eigentliche Autor der Texte, Kujau, kannte sich im Ablauf der Geschehnisse, die er Hitler schildern oder auf die er ihn Bezug nehmen ließ, nicht immer genau aus. Und so waren ihm schlicht verräterische Tatsachenfehler unterlaufen.

Die skandalöse Täuschung der Öffentlichkeit wird in Darstellungen und Kommentaren als Vorgang dargestellt, der zur Geschichte der Medien und der Medienethik gehört. Das ist wahr und doch eine enge Sicht, mit der die Frage umgangen wird, in welcher Gesellschaft Möglichkeiten und Platz für derlei Betrügerei existieren, die dann genutzt bzw. besetzt werden können. Es genügt zu fragen, ob Gleiches 1983 im »anderen« deutschen Staat möglich gewesen wäre, um dahinter zu kommen, daß erst ein legaler Militariahandel, kombiniert mit der Wertschätzung von Nazidevotionalien, die Umtriebe von unbelehrbaren Militaristen und eine Clique von erfolgs- und profitgeilen Vorstandsvorsitzenden, Mitgliedern von Vorständen der Verlage, von Verlegern und Redakteuren vorhanden sein und zusammenwirken mußte, damit sich derlei ereignen konnte – und kann.

Die Episode hatte ein juristisches Nachspiel. Der Hersteller der Tagebücher wurde vom Landgericht Hamburg wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, nach drei Jahren aber aus Krankheitsgründen auf freien Fuß gesetzt und richtete sich dann einen Verkauf gefälschter Militaria ein. Heidemann, der im Zentrum der Aktion und ihrer Finanzierung gestanden hatte, wurde der Unterschlagung eines Teils der an Kujau zu zahlenden 9,3 Millionen beschuldigt und erhielt eine Strafe von vier Jahren und acht Monaten ausgesprochen – die meiste Zeit im offenen Vollzug.

Quellengattung Tagebücher

Zur Erforschung der Geschichte des deutschen Faschismus und namentlich der Jahre seiner Herrschaft sind seit Jahrzehnten auch Tagebücher herangezogen worden. Zu den früh veröffentlichten gehörten Aufzeichnungen von Dichtern und Schriftstellern, die ins Exil geflohen waren, so die von Bertolt Brecht und Thomas Mann. Keine täglichen Notizen haben aber wohl einen größeren Leserkreis gefunden als die des Romanisten, als Jude in Dresden verfolgten Victor Klemperer, dessen Vorsatz sich in den Worten ausdrückte »Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten«.

Zu den Autoren aufschlußreicher Niederschriften zum Tage gehörten der Diplomat und konservative Widerstandskämpfer Ulrich von Hassel, sie setzen 1938 ein und reichen bis zu seiner Hinrichtung im Jahr 1944, und ebenso die unter der Bezeichnung »Weizsäcker-Papiere« veröffentlichten Dokumente aus der Feder des Diplomaten und Staatssekretärs im Auswärtigen Amt Ernst von Weizsäcker.

Ganz anders die Perspektive der unter dem Titel »Als Hitler mir die Hand küßte« erschienenen Tagebücher der Reporterin des Ullstein Verlags Bella Fromm, die sich 1938 als Jüdin ins Ausland rettete. Aus wieder anderer Sicht wurden in den Jahren 1933 bis 1938 die Aufzeichnungen des US-Botschafters in Deutschland William E. Dodd geschrieben, die unter dem Titel »Diplomat auf heißem Boden« erschienen. Alle diese privaten Aufzeichnungen entstanden auch in der Absicht, eines Tages veröffentlicht zu werden, was auch für William L. Shirers, des Historikers und Publizisten, »Berliner Tagebuch« gilt, in dem Eindrücke und Urteile aus den Jahren 1934 bis 1941 aufgezeichnet wurden.

Niemand von ihnen schrieb aber um seines Nachruhms willen. Jeder hat den Nachgeborenen mit seinem Blick in die Gegenwart und der Warnung vor jeglicher Form ihrer Wiederholung einen Dienst erwiesen. Und der Arbeit der Historikerzunft ohnehin. Anders das Konvolut von Tagebüchern, die in der Bundesrepublik 1987 zu erscheinen begannen und deren Autor Joseph Goebbels glaubte, sich mit ihnen ein monströses Denkmal setzen zu können.

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