26. April 2014

Poesie der durchgeschnittenen Kehle

Tadeusz Różewicz, 2006 - Fotoquelle: Wikipedia

Der polnische Lyriker, Erzähler und Dramenautor Tadeusz Rózewicz ist tot

Reinhard Lauterbach

Sein Thema war der Zweite Weltkrieg, Besatzung und Widerstand. Tadeusz Rózewicz, 1921 in der polnischen Kleinstadt ­Radomsko als Sohn eines niederen Beamten geboren, stand kurz vor dem Abitur, als der deutsche Angriff seine Lebensplanung über den Haufen warf. Er arbeitete zuerst in einer Fabrik und ging 1943 zu den Partisanen der nationalkonservativen »Heimatarmee« (AK), mit denen er zwei Jahre kämpfte.

Seine ersten Gedichte schrieb er noch während des Krieges auf Anweisung seines Kommandeurs für eine hektographierte Untergrundzeitung. Nach 1945 machte er das Abitur und begann zu studieren; 1947 erschien sein erster Gedichtband »Unruhe«, der ihn gleichzeitig bekannt und bei der sich stalinisierenden Staatsmacht unbeliebt machte. Denn Rózewiczs Art, die Kriegserfahrung zu verarbeiten, entzog sich dem Drang zur Heroisierung der jüngsten Vergangenheit. Seine Partisanen verschlafen in stinkenden Klamotten ihren Einsatz, sterben an dummen Zufällen. Rózewiczs Behandlung des Kriegserlebnisses fehlt völlig die Weinerlichkeit etwa eines Wolfgang Borchert, der im gleichen Alter auf der deutschen Seite in einer Uniform gesteckt hatte. In der Erzählung »Neue Philosophische Schule« reflektiert der Erzähler: »Wenn man in hundert Meter Entfernung von mir eine Menschenmenge aufstellte (…) und mir ein Maschinengewehr mit dem Befehl in die Hand drückte, diese Leute abzuknallen, so würde ich das ohne weiteres tun. Es würde genügen, daß der Befehlende mein Vorgesetzter ist und daß er eine Uniform trägt. Ich stellte mir vor, daß nur die Hitlerfaschisten Mörder gewesen seien. Aber nein, auch wir, ihre Opfer, verwandelten uns widerstrebend und wider Willen in Mörder. (…) Ich glaube, aus größerer Entfernung kann man eine Menschenmenge ohne Brechreiz und Schwindelgefühl töten.«

Ist das so weit von der Brechtschen Erkenntnis »Auch der Haß gegen die Niedrigkeit / Verzerrt die Züge«? An »An die Nachgeborenen« erinnert auch Rózewiczs 1955 entstandenes Gedicht »Laßt uns«: »Vergeßt uns / und unsere generation / lebt wie menschen / vergeßt uns / wir beneideten / pflanzen und steine / beneideten hunde / (…) vergeßt uns / fragt nicht nach unserer jugend / vergeßt uns«.

Rózewicz nahm explizit die Herausforderung von Adornos Diktum an, nach Auschwitz dürfe man keine Gedichte mehr schreiben. Sein Schaffen ist die Antwort: Man kann, darf und soll. Lakonisch und reduziert. Er selbst nannte seine Gedichte eine »Poesie der durchgeschnittenen Kehle« und »Dichtung einer betrogenen Generation«.

Als sich in den 1960er Jahren die polnische Kulturpolitik liberalisierte, wurde Rózewicz zu einem der erfolgreichsten Gegenwartsautoren seines Landes. Seine Dramen wie »Kartei« oder »Weiße Ehe« wurden viel gespielt und auch außerhalb Polens rezipiert. Nach 1989 verlor der Literaturbetrieb das Interesse an ihm, obwohl seine Werke in Polen weiter Schullektüre sind. Mit mildem Spott machte er sich in einem Gedicht lustig über Abiturienten und ihre Lehrer, die ihn anriefen und fragten, was er mit dieser oder jener Figur »eigentlich« habe sagen wollen.

Die Kritik stellte ihn in eine Reihe mit den westlichen Propheten des Existentialismus wie Samuel Beckett oder Eugène Ionesco; in Wahrheit aber ist sein Werk bis zum Schluß durchzogen von pessimistischem, aber tiefen Humanismus. So in dem Gedicht »Ohne Titel«, einem seiner letzten Texte: »Sie haben sich ermordet / sie morden / und werden morden / der kainsstamm / sie haben die erde bevölkert / das wasser vergiftet / den kosmos zugemüllt / (…) sie saufen öl / beten zum / goldenen kalb / dessen aas / liebe, glauben und hoffnung / vergiftet«.

Tadeusz Rózewicz wurde oft als Kandidat für den Literaturnobelpreis genannt, hat ihn aber nie bekommen. Am Donnerstag ist er mit 92 Jahren in Wrocaw gestorben. In Deutschland ist im Moment nur ein einziger Band mit einer Auswahl seiner Gedichte im Sortiment; den Rest seines Werks muß man sich antiquarisch zusammensuchen.

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