9. November 2013

Pogrom in der Kleinstadt

Seit 2008 erinnert eine Gedenktafel am Alten Rathaus an 68 aus Einbeck vertriebene, deportierte und ermordete Juden - Fotoquelle: Stadtarchiv Einbeck

9. November 1938: Auch in Einbeck in Südniedersachen wurden Juden ausgeraubt, vertrieben und ermordet. Ermittlungen gegen die Täter verliefen im Sande

Christine Wittrock

Im November 1938 herrscht Pogromstimmung in der kleinen Stadt zwischen Harz und Weser. In Einbeck, einer Gemeinde mit damals 10000 Einwohnern in Südniedersachsen, läuft ähnliches ab wie im ganzen Deutschen Reich: Überall werden Synagogen angezündet und Wohnungen und Geschäftshäuser von Juden geplündert. Wie kam es dazu?

Jedes Jahr am 9. November gedachte die NSDAP ihrer Anfänge. 1938 versammelte man sich und erinnerte an den mißglückten Hitler-Putsch 15 Jahre zuvor, als die Nazis der ersten Stunde auf die Feldherrnhalle in München marschierten und die versuchte Machtübernahme der Faschisten blutig scheiterte (siehe jW-Themaseiten vom 8. November 2013).

Auch in Einbeck gedachte man feierlich dieses Tages und der »toten Helden der Bewegung«. Die SA und die SS, die Wehrmacht und viele Einwohner marschierten abends am 9. November zum Ehrenmal, wo SA-Sturmhauptführer Ewers die Gedenkansprache hielt. Mit Fackeln und Kranzniederlegung, mit Deutschlandlied und dem Lied vom guten Kameraden – es wurde immer viel gesungen, wenn es hieß, Gefühle zu mobilisieren – folgte man dem üblichen Ritus faschistischer Regieanweisung. Den Abschluß bildete Horst Wessels »Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen«, und dann ging es zum Gasthaus Traube, wo NSDAP-Kreisleiter Wichmann, Sturmhauptführer Ewers und SS-Sturmbannführer von Törne aus Bad Gandersheim den Vorbeimarsch der Formationen abnahmen. Danach pflegte man geselliges Beisammensein. Die SA – so etwa zwanzig Mann – saß in ihrem »Sturmlokal« Goldener Löwe. Die SS traf sich im Gasthaus zum Kronprinzen.

Aufklärung verschleppt

Was einige Stunden später geschah, versuchte die Staatsanwaltschaft nach Kriegsende lustlos und vergeblich zu rekonstruieren. Erste Ermittlungen der Einbecker Polizei im März 1946 kommen zu dem Schluß: »Mit Sicherheit kann angenommen werden, daß die ehemaligen Einbecker SS-Angehörigen Herbert Dähnhardt, Fritz Dörries und Karl Vockel maßgeblich an der Brandlegung beteiligt waren. Eine Vernehmung dieser Personen kann nicht vorgenommen werden, da Vockel gefallen und die beiden anderen Personen bisher noch nicht zurückgekehrt sind. Wahrscheinlich befinden sie sich noch in Gefangenschaft ...«

Das Interesse an der Aufklärung der Vorkommnisse vom 9./10. November 1938 verblaßte merklich. Bereits nach wenigen Monaten schloß die Staatsanwaltschaft Göttingen die Akten. Immerhin hatte sie gegen drei mutmaßliche Beteiligte ermittelt: den Stellmachermeister Friedrich Lambrecht, den Kaufmann Friedrich Ziegenfuß und den Elektriker und früheren NSDAP-Ratsherrn Helmut Metje.

Aus den Zeugenvernehmungen nach 1945 ergibt sich etwa folgendes Bild: Der 52jährige Lambrecht verläßt gegen ein Uhr nachts das »SS-Sturmlokal« und trifft am Marktplatz seinen »Parteigenossen« Friedrich Ziegenfuß in SA-Uniform. Mit diesem geht er zu dessen Kolonialwarenladen, wo man im Kreis von SA-Leuten noch einen Imbiß zu sich nimmt; selbstverständlich wird auch Alkohol getrunken. Dann nimmt der 48jährige Ziegenfuß eine Fünf-Liter-Kanne Petroleum mit und sie marschieren gemeinsam zu der angeblich schon brennenden Synagoge. Die SS überfällt derweil systematisch die Wohn- und Geschäftshäuser der Einbecker Juden in der Innenstadt. SS-Mann Metje erinnert sich: »Die Einbecker SS marschierte durch die Straßen zu den Wohnungen der Einbecker Juden, deren Verhaftung Gegenstand unseres Einsatzes bildete. Mit marschierte Herr von Törne. Vor den Wohnungen der Juden wurde halt gemacht, und es ging ein Führer mit einigen SS-Leuten in die Wohnung der betreffenden Juden, die festgenommen wurden und einzeln durch Trupps in das hiesige Gerichtsgefängnis abgeführt wurden. Festgenommen wurden nur die männlichen Juden. Etwa gegen sieben Uhr morgens war die Aktion durchgeführt …«

Angesichts der vielfältigen Berichte dieser Art scheint es skandalös, mit welcher Biedermeierlichkeit der ehemalige Nazilandrat Kurt Heinrichs die Geschehnisse 30 Jahre später dazustellen pflegte. Er behauptete allen Ernstes, die Synagoge sei von Auswärtigen angezündet worden. Einbecker seien weder daran noch an Gewalttaten gegen Juden beteiligt gewesen. Lokallegenden solcher Art finden sich in ganz Deutschland. Immer kamen die Täter angeblich von außerhalb.

Die auswärtigen SS-Männer, die zusammen mit den Einbeckern den Pogrom inszeniert hatten, wurden befehligt vom SS-Sturmbannführer Hermann von Törne aus Bad Gandersheim. Er fiel 1942 in Rußland.

Die Nachkriegsermittlungen zu den Synagogen-Brandstiftungen und den Überfällen auf jüdische Häuser verliefen im Sande – fast überall im Deutschen Reich, so auch in Einbeck. Den Tätern war in der Regel nichts nachzuweisen, viele Aussagen wurden wieder zurückgenommen, die Opfer waren tot oder weit weg, und Zeugen waren rar.

Etwa 30000 Juden aus dem ganzen Deutschen Reich waren in Konzentrationslager verschleppt worden. Die jüdischen Besitzer der zerstörten Geschäfte mußten auf eigene Kosten »das Straßenbild wiederherstellen«. Die ihnen zustehende Versicherungssumme von 225 Millionen Reichsmark beschlagnahmte der Staat. Gleichzeitig wurde den Juden eine »Sühneleistung« von einer Milliarde Reichsmark auferlegt. Sie durften ab jetzt keinen selbständigen Betrieb mehr führen oder in leitender Stellung tätig sein. Sie durften keinen Haus- und Grundbesitz mehr haben, mußten ihn also zwangsweise veräußern. Ihr Vermögen kontrolliertr der deutsche Staat: Alles, was über 5000 Reichsmark hinausgingen, mußte angemeldet werden. Wenn sie das Deutsche Reich verließen, wurden sie zur Zahlung einer »Reichsfluchtsteuer« gezwungen. Die geringen Erlöse, die unter den Verhältnissen dieser Zwangsarisierung noch übrig blieben, wurden auf streng kontrollierten »Sicherungskonten« deponiert, von denen monatlich nur beschränkte Summen zum Lebensunterhalt abgehoben werden durften.

Unter diesen Umständen wechseln die Geschäfte der Einbecker Juden ihre Besitzer. 1939 ist die »Entjudung« abgeschlossen. Die Aufgabe der NSDAP-Gau- und Kreiswirtschaftsberater war es, die Verkaufspreise so niedrig wie möglich zu halten. Man mußte nicht unbedingt Antisemit sein, um sich ohne viele Skrupel an der Schnäppchenjagd zu beteiligen. Die Cleveren nutzten die Gunst der Stunde.

Das Filetstück unter den damals zum Verkauf stehenden Immobilien in der Einbecker Marktstraße, das der jüdischen Familie Goldschmidt gehörte, ging an den Nazi-Kreiswirtschaftsberater Willy Hunecke, der sein Geschäft nebenan hatte. Noch vor der Pogromnacht vom November 1938 war Walter Goldschmidt von einem Sondergericht zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt worden, weil er einen Witz erzählt hatte, der unter das Heimtückegesetz fiel. So agierten Justiz, Straßenterror und Bürokratie Hand in Hand. Auch die Kulturpolitik stimmte in diesen Chor ein. Antisemitische Filme liefen 1940/1941 überall in Nazideutschland in den Kinos auch der kleinsten Orte, so auch in Einbeck. »Jud Süß« war allabendlich ausverkauft. Die Aufführung mußte verlängert werden.

Friedhöfe enteignet

Zuletzt, es war schon Krieg, wurden auch noch die beiden jüdischen Friedhöfe verkauft, oder besser gesagt, enteignet. Das letzte noch in Einbeck verbliebene Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Martin Cohn, wurde 1940 genötigt, den alten jüdischen Friedhof zu veräußern. Diesen, nun Eigentum der Stadt, ebnete man ein und verpachtete ihn zu landwirtschaftlicher Nutzung. Ein Jahr darauf starb Martin Cohn durch Selbsttötung. Danach verkaufte das Deutsche Reich den neuen jüdischen Friedhof ebenfalls an die Stadt. Und da in Deutschland »Ordnung und Sparsamkeit« herrschten, wurden obendrein auch noch die Grabsteine verwertet: Sie gingen für 270 Reichsmark an das Granitwerk Lauschke. Spuren der jüdischen Geschichte in Einbeck waren damit weitgehend ausgelöscht. Erst später – auf Geheiß der alliierten Besatzer in der Nachkriegszeit – wurden die noch vorhandenen Grabsteine wieder auf dem jüdischen Friedhof aufgestellt.

Die letzten, noch verbliebenen Juden wurden im März 1942 zusammengeholt und deportiert. Aber noch konnte sich die Stadt nicht mit dem Prädikat »judenrein« schmücken. Es gab weiterhin zwei Jüdinnen in der Stadt, die mit »Ariern« verheiratet waren und daher noch kurzfristig einen gewissen Schutz genossen: Marta Giebe und Friederike Winter. Erstere wurde 1943 von der Gestapo abgeholt. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. Letztere nahm sich im März 1944 das Leben, vier Tage nachdem ihr Mann gestorben war.

Die Pogromnacht ist näher beschrieben im Buch von Christine Wittrock »Idylle und Abgründe. Die Geschichte der Stadt Einbeck mit dem Blick von unten 1900–1950«, Verlag Pahl-Rugenstein, Bonn 2013, 264 Seiten, 19,90 Euro

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