24. Juli 2012

Politik und Ökonomie

Antifaschist, Marxist, Kommunist: Josef Schleifstein (1915–1992) - Fotoquelle: Marxistische Blätter

Zur Entwicklung der Staats- und Demokratieauffassung des jungen Marx

Josef Schleifstein

Vor 20 Jahren, am 24. Juli 1992, verstarb Josef »Jupp« Schleifstein. Geboren am 15. März 1915 im polnischen ódz, trat er 1931 in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) ein und wurde ein Jahr später Mitglied der KPD. Im November 1933 wurde er wegen Hochverrats von den Nazis verhaftet und zu 20 Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Haft wurde er zuerst nach Polen abgeschoben, emigrierte dann in die Tschechoslowakei, später nach London. Dort arbeitete er in der Freien Deutschen Jugend und an der Bildungsarbeit der exilierten KPD mit. Nach dem Krieg, im Oktober 1946, kehrte Schleifstein nach Deutschland zurück. In der Folgezeit war er in unterschiedlichen Positionen für die kommunistische Bewegung in Deutschland aktiv: stellvertretender Chefredakteur der Volksstimme, Mitglied im Parteivorstand der KPD, Mitbegründer der Marxistischen Blätter und des Instituts für Marxistische Studien und Forschung (IMSF). In der 1968 gegründeten Deutschen Kommunistischen Partei war er im Parteivorstand tätig. Seine wissenschaftlichen, am historischen Materialismus orientierten Publikationen dienten vielen inner- wie außerhalb der Partei als Leitfaden, seine »Einführung in das Studium von Marx, Engels und Lenin« bleibt ein wichtiges Buch zur Vermittlung von marxistischem Grundlagenwissen.

Anläßlich seines Todestages veröffentlicht jW einen um Fußnoten gekürzten Auszug aus einem Text Josef Schleifsteins, der zuerst 1981 in dem von ihm zusammen mit dem österreichischen Marxisten Ernst Wimmer herausgegebenen Band »Plädoyers für einen wissenschaftlich Humanismus« erschien.

Wir wissen, daß schon der Abi­turient Karl Marx in seinem Deutschaufsatz zum Thema »Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes« ein von humanistischen Idealen geprägtes Interesse für politische und allgemeinmenschliche Angelegenheiten bekundet, daß er davon träumt, den Beruf ergreifen zu können, »in dem wir am meisten für die Menschheit wirken können«.

In einem fragmentarischen Romanmanuskript des noch nicht Zwanzigjährigen finden wir die erste direkte schriftliche politische Anspielung, die zeigt, daß der Student unter dem Einfluß des Universitätslehrers und Hegelianers Eduard Gans bereits für die damals progressive liberale und demokratische Richtung Partei nahm. Da Marx als Student in Berlin im Hause Varnhagen von Enses verkehrte, kam er auch mit den führenden Köpfen der liberalen bürgerlichen Opposition zusammen, denn Varnhagens Haus galt als »Zentrum der liberalen Opposition«.

Auch wenn Marx sich zunächst in seinen Studien der Philosophie zuwandte, so blieb doch sein praktisches politisches Interesse stets lebendig und bestimmte in hohem Maße seinen Drang, philosophische Studien nicht um ihrer selbst willen zu betreiben, sondern um damit wirksamer in die praktischen gesellschaftlichen Kämpfe der Zeit eingreifen zu können. Wenige Jahre später, bereits nach seinen Erfahrungen als politischer Journalist bei der Rheinischen Zeitung, wird Marx an Arnold Ruge schreiben und damit seine eigenen Ziele abstecken: »Feuerbachs Aphorismen sind mir nur in dem einen Punkt nicht recht, daß er zu sehr auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber das einzige Bündnis, wodurch die jetzige Philosophie eine Wahrheit werden werden kann. Doch wird’s wohl gehen wie im 16. Jahrhundert, wo den Naturenthusiasten eine andere Reihe von Staatsenthusiasten entsprach.«

Marxens Interessen hatten sich bereits vor seinem Eintritt in die Rheinische Zeitung von religiösen und ästhetischen Fragen ab- und politischen Fragen zugewandt. Sein Debut als politischer Schriftsteller gibt er mit dem Artikel über die Zensurinstruktion des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. vom Dezember 1841, den Marx im Februar 1842 schreibt. Er erschien erst ein Jahr später in den von Ruge in der Schweiz herausgegebenen Anecdota zur neuesten deutschen Philosophie und Publicistik, also nachdem Marx seine im Mai 1842 begonnene Tätigkeit an der Rheinischen Zeitung in Köln bereits wieder hatte aufgeben müssen. Es war die erste Arbeit, mit der er den literarischen Kampf gegen die politische Reaktion aufnahm und mit der er sich – bereits in einem revolutionär-demokratischen Sinne – den Fragen des Staates und der Demokratie ­zuwandte.

Marx arbeitet an der Rheinischen Zeitung vom Mai 1842 bis zum Januar 1843, zuerst als Mitarbeiter, dann als Chefredakteur. Hier schreibt er über zahlreiche politische und erstmals auch über soziale Fragen: zu den Debatten über Pressefreiheit im rheinischen Landtag, über das Holzdiebstahlsgesetz, über die Lage der 81 Moselbauern. Rückblickend berichtet er, an der Rheinischen Zeitung sei er zum ersten Mal in die Verlegenheit gekommen, »über sogenannte materielle Interessen mitsprechen zu müssen«.

 

Marx steht in den für die Rheinische Zeitung geschriebenen Artikeln theoretisch noch ganz im Banne der Hegelschen idealistischen Staatsauffassung, für ihn ist der Staat die Verkörperung der Sittlichkeit; in den Gesetzen sieht er »die positiven, lichten, allgemeinen Normen, in denen die Freiheit ein unpersönliches, theoretisches, von der Willkür des einzelnen unabhängiges Dasein gewonnen hat«, das Gesetzbuch ist für ihn »die Freiheitsbibel des Volkes«. Dennoch ist er bereits weit über seine junghegelianischen Freunde hinausgegangen. Er greift praktisch in die politischen Auseinandersetzungen und Kämpfe der Zeit ein, sein ganzes Streben ist auf die aktive Veränderung der Verhältnisse gerichtet. Seine aktuellen Vorschläge, Forderungen und Ziele sind revolutionär-demokratischer Natur. Obwohl Marx in seiner Tätigkeit bei der Rheinischen Zeitung (Holzdiebstahlsgesetz und Lage der Moselbauern) die große Bedeutung der sozialen Fragen zu erkennen beginnt, bleibt für ihn der Staat zunächst das regulierende Prinzip des gesellschaftlichen Lebens. (…)

Auch wo Marx, wie in seiner ätzenden Kritik der Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz, bereits soziale Übel angriff und erkannte, daß das Gesetz die Interessen der Privateigentümer schützte, sah er darin einen Verstoß gegen das Wesen von Gesetzen, die Ausdruck der Gerechtigkeit und Vernunft zu sein hätten. Seine Kritik war keine soziale und ökonomische, sondern eine moralische und juristische. Aber zweifellos war die Beschäftigung mit sozialen Problemen und nicht zuletzt die brutale Unterdrückung des Blattes durch den preußischen Staat ein entscheidender Anstoß für Marx, sich gründlicher mit den theoretischen Voraussetzungen seiner Auffassung über den Staat – der Hegelschen Staats- und Rechtsphilosophie – auseinanderzusetzen. (…)

Kritik an Hegel

Die Studien, die Marx nun betrieb, konzentrierten sich zunächst auf historische und staatsphilosophische Werke: Er las Rousseau, Montesquieu, Macchiavelli, Rankes »Deutsche Geschichte«, Hamiltons »Geschichte Nordamerikas«, Wachsmuths »Geschichte Frankreichs im Revolutionszeitalter«, aber noch nicht die großen französischen Revolutionshistoriker, die er erst später in Paris kennenlernte. Schon am Ende seiner Tätigkeit bei der Rheinischen Zeitung waren ihm Zweifel an der Hegelschen Staatstheorie gekommen.

Er sucht jetzt auf dem Wege der theoretischen Selbstverständigung vor allem dem Verhältnis von Staat und Gesellschaft auf den Grund zu kommen. Darüber berichtet er rückblickend: »Die erste Arbeit, unternommen zur Lösung der Zweifel, die mich bestürmten, war eine kritische Revision der Hegelschen Rechtsphilosophie, eine Arbeit, wovon die Einleitung in den 1844 herausgegebenen ›Deutsch-Französischen Jahrbüchern‹ erschien. Meine Untersuchung mündete in dem Ergebnis, daß Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind, noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgang der Engländer und Franzosen des 18. Jahrhunderts, unter dem Namen ›bürgerliche Gesellschaft‹ zusammenfaßt, daß aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei.«

Die Auseinandersetzung mit der Hegelschen Staatsauffassung, an der Marx im Sommer 1843 arbeitet, erfolgt in dem Manuskript »Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261–313)«, das erstmals aus dem Nachlaß 1927 vom Marx-Engels-Lenin-Institut in Moskau veröffentlicht wurde. Inzwischen hat Marx eine grundlegende Wandlung seiner philosophischen Grundanschauung erlebt, die ihn – unter dem Einfluß der kurz zuvor erschienenen Schriften Feuerbachs »Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie« und »Grundsätze der Philosophie der Zukunft« – zum philosophischen Materialismus geführt hat. Er ist nun bemüht, die erkenntnistheoretische Methode Feuerbachs auf das Gebiet anzuwenden, auf dem ihm dessen Arbeiten absolut nichts geben können: auf Gesellschaft, Staat und Politik.

Erkenntnistheoretisch betont Marx mit Feuerbach gegen Hegel, dieser erhebe wie in seiner gesamten Philosophie so auch in seiner Staatstheorie überall die Idee zum Subjekt, das wirkliche Subjekt aber zum Prädikat; nicht die Logik der Sache, sondern die Sache der Logik bilde bei ihm das philosophische Moment, die Logik diene nicht zum Beweis des Staates, sondern der Staat zum Beweis der Logik: »Es ist dies der Dualismus, daß Hegel das Allgemeine nicht als das wirkliche Wesen des Wirklich-Endlichen, d.i. Existierenden, Bestimmten betrachtet oder das wirkliche Ens (Seiende – d.Red.) nicht als das wahre Subjekt des Unendlichen.« Marx kehrt Hegels idealistische Voraussetzungen um, er zeigt, daß nicht der Staat als Verkörperung der absoluten Idee die Grundlage von Familie und bürgerlicher Gesellschaft bildet, daß vielmehr Familie und bürgerliche Gesellschaft die Voraussetzungen des Staates sind, daß der politische Staat nicht sein kann »ohne die natürliche Basis der Familie und die künstliche Basis der bürgerlichen Gesellschaft«.

Hegel, sagt Marx, stellt die Bedingung als das Bedingte, das Bestimmende als das Bestimmte, das Produzierende als das Produkt dar. Der bedeutende Fortschritt, den er in seiner theoretischen Entwicklung in diesem Manuskript erreicht, besteht aber nicht nur in der materialistischen Kritik der Hegelschen Grundanschauung, er ist vor allem historischer und politischer Natur. Marx untersucht mit der ihm eigenen Gründlichkeit konkrete staatliche Zustände und Verfassungen, die absolute Monarchie, die konstitutionelle Monarchie, den von der französischen Revolution hervorgebrachten bürgerlich-parlamentarischen Repräsentativstaat, und zieht aus der Analyse konkrete Schlußfolgerungen für den politischen Kampf, die in eine radikal-demokratische Position einmünden.

Das Volk als »Konkretum«

Wie sieht nun die Staats- und Demokratieauffassung aus, die Marx in diesem Manuskript entwickelt? Den Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit Hegel bildet die Frage der Souveränität. Marx wendet sich vehement gegen die monarchistische Anschauung Hegels, die den Fürsten zum Souverän erklärt und die in der Vorstellung einer dem Monarchen entgegengesetzten Volkssouveränität »verworrene Gedanken sah, denen die wüste Vorstellung des Volkes zugrunde liegt«. Für Marx ist das Volk »der wirkliche Staat«: »Der Staat ist ein Abstraktum. Das Volk allein ist das Konkretum.«Und daher lautet für ihn bereits die Frage: Souveränität des Monarchen oder des Volkes? Volkssouveränität aber – das ist Demokratie. Die Demokratie ist der »wahre Staat«, nur in der Demokratie erscheint die Verfassung als Selbstbestimmung des Volkes, nur hier ist die Verfassung nicht nur ihrem abstrakten Ideal nach, sondern in der Wirklichkeit auf ihren eigentlichen Grund, »den wirklichen Menschen, das wirkliche Volk«, zurückgeführt.

Während Hegel vom Staat ausgehe und den Menschen zum versubjektivierten Staat mache, gehe die Demokratie vom Menschen aus und mache den Staat zum verobjektivierten Menschen: »So ist die Demokratie das Wesen aller Staatsverfassungen, der sozialisierte Mensch als eine besondre Staatsverfassung. (…) Die Demokratie verhält sich zu allen übrigen Staatsformen als ihrem alten Testament. Der Mensch ist nicht des Gesetzes, sondern das Gesetz ist des Menschen wegen da, es ist menschliches Dasein, während in den andern der Mensch das gesetzliche Dasein ist. Das ist die Grunddifferenz der Demokratie. (…) Alle übrigen Staatsbildungen sind eine gewisse, bestimmte, besondere Staatsform. In der Demokratie ist das formelle Prinzip zugleich das materielle Prinzip.«

Es wird erkennbar, daß der junge Marx sich zur Zeit der Niederschrift dieses Manuskripts auf dem Standpunkt eines revolutionären Demokraten befand. Zwar wurzelten für ihn die staatlichen Verhältnisse bereits in den realen gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen. Aber diese gesellschaftlichen Beziehungen waren für Marx noch abstrakter Natur, die ökonomischen Grundlagen dieser Beziehungen, die Klassenstruktur der bürgerlichen Gesellschaft und die aus ihr entspringenden Interessen hatte er noch nicht untersucht. Der Begriff des Volkes ist hier noch unstrukturiert, seine unterschiedlichen sozialen Klassen und Schichten in ihren Interessen noch nicht differenziert; das Volk soll die Verfassung, die Demokratie, den wahren Staat aus einem abstrakten Gemeininteresse schaffen, das nicht näher definiert ist.

In anderen Worten, die Marx’sche Staats- und Demokratieauffassung basiert hier noch auf einem abstrakt-humanistischen Ideal im Geiste Feuerbachs, die wahre gesellschaftliche Funktion des Staates als Werkzeug der Klassenherrschaft bleibt ihr noch verschlossen. (…)

Unter dem »politischen Staat« versteht Marx im Manuskript über das Hegelsche Staatsrecht sowohl die konstitutionelle Monarchie als auch die bürgerliche Republik, wie sie aus den französischen und nordamerikanischen Revolutionen hervorgegangen waren. Der konstitutionelle Staat ist für ihn der Staat, in dem das wirkliche Interesse des Volkes nur formell vorhanden ist.

Daraus schlußfolgert er, daß nur die Überwindung der Trennung von bürgerlicher Gesellschaft und Staat, die Vereinigung des politischen und sozialen Lebens zu einem wahren Gemeinwesen, eben zur Demokratie und zur »menschlichen Emanzipation« führen kann: »In allen von der Demokratie unterschiednen Staaten ist der Staat, das Gesetz, die Verfassung das Herrschende, ohne daß er wirklich herrschte, d.h. den Inhalt der übrigen nicht politischen Sphären materiell durchdringe. In der Demokratie ist die Verfassung, das Gesetz, der Staat selbst nur eine Selbstbestimmung des Volks und ein bestimmter Inhalt desselben, soweit er politische Verfassung ist.«

Marx kommt bereits hier zu der bemerkenswerten, die spätere historisch-materialistische Begründung des Zusammenhangs von Gesellschaft und Staat, von ökonomischer Basis und politischem Überbau im Keim enthaltenden Feststellung, daß der Streit zwischen Monarchie und Republik selbst noch einer »innerhalb der abstrakten Staatsform« sei: denn die wirklichen inhaltlichen Bestimmungen, das Eigentum, »der ganze Inhalt des Rechts und des Staats« sei mit wenigen Modifikationen in Nordamerika derselbe wie in Preußen: »Dort ist also die Republik eine bloße Staatsform wie hier die Monarchie. Der Inhalt des Staats liegt außerhalb dieser Verfassungen.« Hier ist die Einsicht von dem durch die Eigentumsverhältnisse bedingten (die Marx allerdings noch nicht als Klassenverhältnisse versteht) Charakter des Staates, ungeachtet seiner politischen Form, mit Händen zu greifen.

Wenn »der Inhalt« des Staats »außerhalb« der Verfassungen liegt, dann liegt er im wirklichen sozialen Leben, in den ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft. So abstrakt also noch das damalige Marxsche Ziel des »wahren Staates«, der das soziale und politische Leben aussöhnenden und vereinigenden »Demokratie« blieb, so konkrete Umrisse nahm bereits die analytische Durchdringung der staatlich-politischen Realität seiner Zeit in diesem Manuskript an. Einer der interessantesten, die zukünftige Entwicklung seiner Auffassungen andeutenden Gedanken in diesem Manuskript weist aber – sicher als Frucht seiner Lektüre der französischen Sozialutopisten – bereits auf die sozialen Kräfte, auf die Menschen, auf die Teile des »Volks« hin, die infolge ihrer gesellschaftlichen Situation berufen sein könnten, die wirkliche Demokratie zu erkämpfen. (…)

Bourgeois und Citoyen

Einen bedeutsamen Fortschritt in seiner Staats- und Demokratieauffassung – wie in seiner gesamten Gesellschaftsauffassung und politischen Zielsetzung – markieren die beiden für die im Februar 1844 in Paris erschienenen Deutsch-Französischen Jahrbücher verfaßten Beiträge »Zur Judenfrage« und »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie – Einleitung«. Geschrieben wurden sie im Herbst 1843 bzw. Dezember/Januar 1843/44. Ende Oktober 1843 war Marx zum Zwecke der gemeinsam mit Arnold Ruge vorbereiteten Herausgabe der Deutsch-Französischen Jahrbücher nach Paris übersiedelt.

Hier lernte er zum ersten Male die sozialistischen und kommunistischen Arbeiter in ihren Debatten und ihrem geselligen Verkehr kennen, was einen tiefen Einfluß auf ihn ausübte. Die sozialen Auseinandersetzungen der Klassen, der Klassenkampf, eine bereits politisch aktive Avantgarde von Arbeitern waren hier lebendige Realität; in den Schriften der sozialistischen und kommunistischen französischen Schriftsteller und in der liberalen französischen Revolutionsgeschichtsschreibung wurde sie empirisch und theoretisch reflektiert. Das gibt Marx in der Herausbildung seiner historisch-materialistischen Grundanschauung, seiner Auffassung über Staat und Politik entscheidende Anstöße. In seinem Aufsatz »Zur Judenfrage« knüpft Marx zunächst unmittelbar an seine in der »Kritik des Hegelschen Staatsrechts« entwickelte Konzeption von der bürgerlichen Revolution als der »politischen Revolution« und von der bürgerlich-demokratischen Republik als dem »politischen Staat« an. Politische Revolution und politischer Staat sind nicht gleichbedeutend mit dem von Marx – hier noch in seiner abstrakt-anthropologischen Form – aufrechterhaltenen Ziel der »menschlichen Emanzipation«, weil sie die Trennung von bürgerlicher Gesellschaft und Staat nicht überwinden. Politische Gleichheit, allgemeines Wahlrecht, die Aufhebung des Wahlzensus (der »letzten politischen Form«, die das Privateigentum anerkennt) können nicht die durch das Privateigentum bedingte soziale Ungleichheit aufheben. Ja, im Gegenteil: Diese faktischen sozialen Ungleichheiten sind die Voraussetzung, unter der der »politische« – der noch bürgerliche – Staat existiert.

Der Bürger des von der französischen und nord­amerikanischen Revolution geschaffenen »politischen Staates« führt ein Doppelleben: In der politischen Sphäre fühlt er sich als Gemeinwesen, im sozialen Leben ist er als der egoistische Privatmensch tätig, der »die andern Menschen als Mittel betrachtet, sich selbst zum Mittel herabwürdigt und zum Spielball fremder Mächte wird«. Es ist der Widerspruch zwischen dem bourgeois und dem citoyen. Aber wie in den politischen Folgerungen der »Kritik des Hegelschen Staatsrechts« betont Marx auch jetzt, daß die »politische Emanzipation« einen großen historischen Fortschritt darstellt, daß sie zwar nicht die letzte Form der menschlichen Emanzipation überhaupt sei, aber die letzte »innerhalb der bisherigen Weltordnung«, also innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft des Privateigentums. (…)

Rolle des Proletariats

Stärker unter dem Eindruck seiner bereits in Paris in der Begegnung mit französischen Arbeitersozialisten und -kommunisten gesammelten Erfahrungen steht der zweite Aufsatz in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern, der unter dem Titel »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie – Einleitung« erschien und auf die Absicht von Marx verweist, das Manuskript über die »Kritik des Hegelschen Staatsrechts« auf seinem neuen Stand der Erkenntnis für eine Publikation zu verwenden. Was nun die Staats- und Demokratieauffassung betrifft, so sind es zwei Probleme, die abermals einen wichtigen Fortschritt markieren: erstens die noch akzentuiertere Betonung des Verhältnisses von Ökonomie und Politik und zweitens die Rolle der Klassen und des Klassenkampfes für Politik und Staat, für die revolutionären Veränderungen sowohl in der jüngeren Vergangenheit als auch im Deutschland der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, dem Marx hier den Spiegel vorhält. Zum ersten Mal verknüpft Marx die »menschliche Emanzipation« mit einer konkreten gesellschaftlichen Kraft, mit dem Proletariat.

Marx unterstreicht, daß das Verhältnis der Industrie, der Welt des Reichtums zur Politik ein »Hauptproblem der modernen Zeit« ist; in den wirtschaftlich fortgeschritteneren Ländern – Frankreich und England – laute die Frage bereits: »Politische Ökonomie oder Herrschaft der Sozietät über den Reichtum.« Er zeigt, daß die bürgerlichen Revolutionen darauf beruhten, daß das Bürgertum die politische Herrschaft erlangte, daß eine »bestimmte Klasse von ihrer besonderen Situation aus die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft unternimmt. Diese Klasse befreit die ganze Gesellschaft, aber nur unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der Situation dieser Klasse befindet, also z.B. Geld und Bildung besitzt und beliebig erwerben kann«. In Frankreich habe die negativ-allgemeine Bedeutung des Adels die positiv-allgemeine Bedeutung »der zunächst angrenzenden und entgegenstehenden Klasse, der Bourgeoisie« bedingt.

Die positive Möglichkeit der deutschen Emanzipation liege in der »Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten«, einer Klasse, »welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist«, die durch ihr universelles Leiden einen universellen Charakter besitze, die sich nicht emanzipieren kann, »ohne sich von allen übrigen Sphären der Gesellschaft und damit alle übrigen Sphären der Gesellschaft zu emanzipieren.« Diese Klasse ist das Proletariat, das in der Philosophie seine geistigen Waffen findet. Marx verbindet hier zum ersten Mal die Rolle des Proletariats mit der hereinbrechenden industriellen Entwicklung und damit, daß von ihm die Negation der vom Privateigentum beherrschten Gesellschaft ausgeht: Das Proletariat ist das Herz dieser »Emanzipation der Deutschen zu Menschen« wie die Philosophie deren Kopf.

Noch hat der Begriff der Klasse bei Marx keine konkrete ökonomische Fundierung, noch werden die revolutionären Potenzen des Proletariats allein aus seinen extremen Leiden, aus dem an ihm verübten furchtbaren Unrecht abgeleitet, noch bleibt das abstrakt-humanistische Ziel der »menschlichen Emanzipation«; aber Marx hat einen entscheidenden neuen Ausgangspunkt gewonnen: die Rolle der Arbeiterklasse.

Den Beitrag entnahmen wir dem Digital­archiv »100 Bücher aus (fast) 50 Jahren«, das kürzlich im Verlag Marxistische Blätter erschienen ist. Gespeichert auf einem USB-Stick, enthält die Sammlung vorwiegend Texte von kommunistischen BRD-Autorinnen und -Autoren zu – in weitestem Sinne – BRD-bezogenen Themen, konkret zur Analyse des bundesdeutschen Imperialismus, seiner Macht- und Eigentumsverhältnisse und seiner Politik sowie zu Problemen der Strategie und Taktik der organisierten Arbeiterbewegung und ihrer Bündnispartner. Der Stick kann zum Preis von 76 Euro bestellt werden unter www.neue-impulse-verlag.de

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