25. Februar 2010

Politisches Hasardspiel

Geschichte. Vor 65 Jahren wollten die Nazis mit der Ardennenoffensive die Anti-Hitler-Koalition sprengen und eine Kriegswende erzwingen

Martin Seckendorf

Zwischen dem 16. Dezember 1944 und Ende Februar 1945 kam es in den Ardennen zu heftigen Kämpfen zwischen deutschen und US-amerikanischen Truppen. Auf den Gesamtkriegsverlauf hatte diese Schlacht kaum Einfluß. Ihre Bedeutung ergibt sich vor allem daraus, daß die sie auslösende deutsche Offensive ausschließlich unter politischen Gesichtspunkten geplant worden war.

Ende Juli 1944 konnten anglo-amerikanische Truppen die Landungsräume in der Normandie verlassen und zu einem motorisierten Bewegungskrieg übergehen. Am 15. August 1944 waren amerikanische und französische Verbände in Südfrankreich gelandet (Operation Dragoon). Sie drangen durch das Rhône-Tal zum Oberrhein. Die deutsche Front zwischen Holland und dem Mittelmeer brach zusehends auseinander. Bis Anfang September 1944 waren Frankreich sowie große Teile Belgiens und Luxemburgs befreit. Der deutsche Rückzug nahm vielfach die Form einer heillosen Flucht an. Oft ohne Verbandszusammenhang drängten die Soldaten und ihr mit Beute beladener Troß in riesigen Kolonnen nach Osten. Die letzte Haltelinie war der Westwall. Die von Kleve bis an die Schweizer Grenze reichende Befestigungslinie war seit dem Frankreichfeldzug der Wehrmacht 1940 verlassen und wurde erst im Spätsommer 1944 wieder notdürftig in Betrieb genommen. Mehr als 210000 Arbeitskräfte errichteten Drahthindernisse und Minenfelder, verstärkten Unterstände und Panzersperren.

An der deutschen Ostfront hatte die Rote Armee mit ihren am 22. Juni 1944 begonnenen Offensiven binnen weniger Wochen mehrere Heeresgruppen der Wehrmacht zerschlagen. Die sowjetischen Soldaten waren bis in die rechts der Weichsel liegenden Stadtteile Warschaus, an die Reichsgrenze in Ostpreußen und in die ungarische Tiefebene vorgedrungen (siehe jW-Thema vom 25.6. und 19.8.2009) Im Herbst 1944 wurde deutlich, daß der Sieg über Deutschland nahe war. Alliierte Militärs und Politiker gingen sogar davon aus, daß der Zusammenbruch des Nazireiches eine Frage weniger Wochen sei. Der Chef der Operationsabteilung im britischen Kriegsministerium, General John Kennedy, notierte am 6. September: »Wenn wir im gleichen Tempo weitermachen wie in jüngster Zeit, müßten wir am 28. September in Berlin sein.« Spätestens im Dezember 1944 habe man Deutschland besiegt, so die allgemeine Meinung.

Kontakte für den Separatfrieden

Angesichts der Kriegslage kam es vermehrt zu Versuchen deutscher Politiker, Wirtschaftsvertreter und Militärs, mit den Westmächten in Gespräche zu kommen. Grundtenor der deutschen Absichten war, eine Einstellung der Kampfhandlungen im Westen, in Italien oder im Südosten zu erreichen, um Kräfte für den Kampf gegen die Rote Armee freizumachen, damit dieser der Weg nach Deutschland versperrt bliebe. Das liege, so die Annahme der Emissäre, auch im Interesse des Westens. In diesem Zusammenhang sollte auch eine Abkehr der Westalliierten von der Casablanca-Linie herbeigeführt werden. Im Januar 1943 hatten der US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill mit Zustimmung der Sowjetunion in der marokkanischen Stadt beschlossen, den Kampf gegen Deutschland solange zu führen, bis das Nazireich bedingungslos kapituliert.

Ein bevorzugter Ansprechpartner deutscher Emissäre war der Gesandte des US-Geheimdienstes Office of Strategic Services (OSS) in Bern, Allen Dulles, dessen antisowjetische Einstellung sich schnell herumgesprochen hatte. Zu den Personen, die ihn kontaktierten, gehörten der Bevollmächtigte deutsche General beim kroatischen Ustascha-Regime, Edmund Glais von Horstenau, hohe Beamte der deutschen Botschaft beim Vatikan und der Befehlshaber der Sicherheitspolizei im besetzten Italien, Wilhelm Harster. Selbst Beauftragte des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, und des Höchsten SS-und Polizeiführers in Italien, Karl Wolff, suchten Verbindung zu Dulles. Der in der Sowjetunion führende Diplomat Valentin Falin berichtet in seinem Buch »Zweite Front. Die Interessenkonflikte in der Anti-Hitler-Koalition« (dt. München 1995): »Dulles suchten Angehörige des italienischen Klerus, österreichische Industrielle, der deutsche Militärattaché in Bern und viele andere auf – alle mit demselben Motiv, eine heilige Allianz gegen den östlichen Kommunismus zu schmieden.«

Sehr früh kam es in Griechenland zu Gesprächen zwischen deutschen und britischen Militärs. Sie dienten zunächst der gemeinsamen Bekämpfung der Griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS. Nach Beginn der sowjetischen Offensive bei Iasi-Kischinjow am 20. August 1944, in deren Verlauf das deutsche Okkupations- und Satellitensystem in Südosteuropa zusammenbrach, kam es auf höchster Ebene zwischen Deutschland und Großbritannien zu einer Vereinbarung, die sich direkt gegen die Rote Armee richtete. Das von Generaloberst Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), eingefädelte Abkommen sah vor, daß die in Griechenland stationierte Heeresgruppe E unbehelligt von britischen Operationen zu Lande, zur See und in der Luft zum Aufbau einer Front gegen die an der Donau nach Westen stürmenden sowjetischen Soldaten abziehen konnte. Meldungen deutscher Behörden in Griechenland bestätigten, daß sich die Briten an die Abmachungen hielten. Der Vertreter des Sonderbevollmächtigten Südost in Athen berichtete am 10. September 1944, der Transport der deutschen Verbände von den Inseln laufe »reibungslos«. Er fügte hinzu: »Engländer, die im kretischen und ägäischen Meer volle Luftherrschaft haben, verhalten sich völlig passiv.« Die Briten, so der deutsche Diplomat, würden die deutschen Truppen aus Griechenland »im Hinblick auf einen auch im britischen Interesse liegenden Einsatz gegen die Bolschewisten« unbehelligt noch Norden ziehen lassen. Eines der letzten Abkommen zwischen Deutschen und den Westalliierten betraf die Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien. Generalfeldmarschall Alfred Kesselring schrieb an das OKW, er halte »es für notwendig, daß dieser ohne Mitwirkung der Sowjets abgeschlossene Vertrag (…) auf alle im Westen eingesetzten Truppen ausgedehnt wird«. Am Schluß des Briefes heißt es: »Durch sofortige Verschiebung von Kräften aus diesen Fronten nach dem Osten könnte eine in größtmöglichem Umfang vorzunehmende Verstärkung der gegen den Bolschewismus eingesetzten Kräfte vorgenommen werden.«

Auf Spaltung gesetzt

Hitler lehnte solche Gespräche mit den Westmächten ab oder billigte sie nur widerwillig, wie etwa das Griechenland betreffende Abkommen. Er verfolgte eine andere Konzeption. Auch ihm war klar, daß es einen Siegfrieden für die Deutschen nicht geben werde. Hitler setzte darauf, daß die Anti-Hitler-Koalition bald zerbrechen und es auf der Grundlage eines neuen Kräfteverhältnisses mit Großbritannien oder den Vereinigten Staaten zu Vereinbarungen kommt, damit sich die Wehrmacht auch im Interesse der Westmächte gegen die Rote Armee wenden könne. Solche Verhandlungen seien aber nur dann sinnvoll, wenn man sie von einer Position der Stärke aus und nicht als Bittsteller führe. Denn, so Hitler in einer Rede am 12. Dezember 1944 vor Kommandeuren und Befehlshabern der zur Ardennenoffensive bereitgestellten Verbände: »Das leiseste Anzeichen irgendeiner solchen Kapitulationsstimmung führt beim Gegner dazu, daß er dann wieder seine Hoffnung auf einen Sieg steigen sieht.« In der Rede legte er dar, wie man aus der aussichtslosen Lage herauskommen könne. Kernpunkt war die Hoffnung, daß die Anti-Hitler-Koalition an inneren Widersprüchen zerbrechen werde. Hitler spekulierte auf die klassenmäßig bedingten Differenzen zwischen den Westmächten und der Sowjetunion und auf die nicht unerheblichen Gegensätze zwischen den USA und Großbritannien, die aus oft gegensätzlichen imperialistischen Zielsetzungen entstanden. Zur Anti-Hitler-Koalition sagte er: »Es gab in der Weltgeschichte niemals Koalitionen, die wie die unserer Gegner aus so heterogenen Elementen mit so völlig auseinanderstrebender Zielsetzung zusammengesetzt sind (…) Es sind Staaten, die in ihrer Zielsetzung schon jetzt Tag für Tag aneinandergeraten.« Die Gegensätze würden sich »mehr und mehr entwickeln«. Er schlußfolgerte, »man muß die Zeit abwarten«. Wichtig sei darüber hinaus: »Wenn hier noch ein paar ganz schwere Schläge erfolgen, so kann es jeden Augenblick passieren, daß diese künstlich aufrechterhaltene Front plötzlich mit einem riesigen Donnerschlag zusammenfällt.« Mit den »ganz schwere (n) Schläge (n)« könne man den Zerfallsprozeß beschleunigen und dem westlichen Gegner klarmachen, »daß er nie auf eine Kapitulation rechnen kann, niemals, niemals. Das ist das Entscheidende.« Den Westmächten blieben nur Verhandlungen gleichsam auf Augenhöhe mit den Deutschen. Ein Erfolg werde den Westmächten auch den Wert der Wehrmacht vor Augen führen, ohne die man nicht gegen den »Bolschewismus« siegen könne.

Abenteuerliche Planung

Diese Grundlinien bestimmten die militärischen Erwägungen Hitlers und seines engsten Beraterkreises seit dem Zusammenbruch des deutschen Westheeres im August/September 1944. Sie waren der Meinung, es müsse möglich sein, an der 750 Kilometer langen Westfront, die von nur etwa 70 alliierten Verbänden gehalten wurde, an einer Stelle eine solche Kräftemassierung vorzunehmen, die für einen tiefen Durchbruch reiche.

Der streng geheim gehaltene Plan für eine Offensive an der Westfront lief unter der Deckbezeichnung »Wacht am Rhein«. So illusionär die politische Zielsetzung, so abenteuerlich waren die operativen Grundlinien. Der deutsche Plan sah in Anlehnung an den erfolgreichen Vorstoß durch die Ardennen im Jahr 1940 vor, auf einem etwa 120 Kilometer langen Frontabschnitt zwischen südlich Monschau in der Eifel und nördlich Echternach in Luxemburg die Front der 1. US-amerikanischen Armee zu durchbrechen, mit starken Panzerkräften die Maas zu forcieren und weiter an Brüssel vorbei bis nach Antwerpen vorzustoßen. Für die 150 Kilometer lange Strecke bis Antwerpen waren sieben Tage eingeplant. Die nördlich dieser Linie stationierten vier westalliierten Armeen sollten in einer riesigen Kesselschlacht vernichtet werden. Außerdem würden durch die Besetzung Antwerpens der wichtigste westalliierte Nachschubhafen ausgeschaltet und die südlich dieser Linie stehenden US-amerikanischen Verbände in große Schwierigkeiten gebracht. Als entscheidende Voraussetzung für das Gelingen des Plans galt eine stabile »Ostlage«. Die erwartete sowjetische Offensive an der Weichsel durfte nicht vor Beendigung der Ardennenoffensive beginnen. Der westliche Gegner mußte operativ und taktisch überrascht werden. Das sollte verhindern, daß nach Beginn der Offensive die Westalliierten Truppen umgruppieren und Reserven heranführen. Auch auf das Wetter kam es an. Der Angriff sollte beginnen, sobald eine 14tägige Schlechtwetterperiode eintrat, damit die überlegene gegnerische Luftwaffe am Boden bleiben mußte.

Der deutschen Führung war es gelungen, aus Kräften von den Flügeln der Westfront und durch Zuführung von Neuaufstellungen eine stark gepanzerte, motorisierte Angriffsgruppe zu bilden und unbemerkt an die Durchbruchstellen heranzuführen. Für die erste Angriffswelle standen drei Armeen mit mehr als 200000 Soldaten in sieben Panzer- und 13 Infanteriedivisionen, die in hohem Maße mit modernen »Panther«- und »Tiger II«-Panzern ausgestattet waren, zur Verfügung. Obwohl angenommen wurde, der Treibstoffverbrauch sei wegen des schwierigen Geländes höher als üblich, lag die Zuteilung unter den normalen Mengen. Die Truppen sollten ihren Zusatzbedarf durch die Eroberung amerikanischer Treibstoffdepots decken. Für das Unternehmen wurden 2 470 Flugzeuge zusammengezogen, darunter erstmals im Zweiten Weltkrieg in größerem Umfang Düsenflugzeuge, die während der Ardennenschlacht 60 Einsätze flogen. Die schwachen Einwände einiger Befehlshaber mit Blick auf das für die Deutschen insgesamt ungünstige Kräfteverhältnis im Westen wischte Generaloberst Jodl in einem Schreiben an den Oberbefehlshaber West mit der Bemerkung hinweg, der Generalfeldmarschall habe bei seiner regionalen Vorbereitung der Offensive folgendes als gegeben hinzunehmen: »Unabänderlich ist das Wagnis der großen Zielsetzung, die – rein technisch betrachtet – in einem Mißverhältnis zu den eigenen Kräften zu stehen scheint. Jedoch darf nicht davor zurückgeschreckt werden, jetzt alles auf eine Karte zu setzen.« Auch im Aufmarschbefehl Hitlers vom 10. November kommt dieses Hasardspiel zum Ausdruck. Er werde an »der Operation unter Inkaufnahme des größten Risikos auch dann festhalten, wenn der feindliche Angriff beiderseits Metz und der bevorstehende Stoß auf das Ruhrgebiet zu großen Gelände- und Stellungsverlusten führen sollte«. Denn, so Hitler, die Ardennenoffensive werde »eine Wendung des Westfeldzuges und damit vielleicht des ganzen Krieges« herbeiführen.

Vom Blitz- zum Stellungskrieg

Am 16. Dezember begann um 5.30 Uhr die Offensive. Die taktische Überraschung war den Deutschen gelungen. Schnell durchbrachen sie die vordersten amerikanischen Stellungen. Die operative Überraschung gelang jedoch nicht. Dwight D. Eisenhower, Oberkommandierender in Westeuropa, schrieb in seinem Kriegsbericht, schon am 17. Dezember sei dem Oberkommando klar gewesen, daß es sich nicht um einen örtlichen Vorstoß handele, sondern »daß der Feind einen großangelegten Versuch unternahm, unsere Front aufzuspalten«. Er habe »sogleich vermutet«, daß der Feind plane, »bis zur Maas zwischen Lüttich und Namur vorzustoßen (und) beabsichtigte, bis nach Antwerpen, unserem wichtigsten Nachschubhafen, vorzudringen«. Starke Kräfte wurden herangeführt, der amerikanische Widerstand versteifte sich. Keines der Marschziele konnten die Deutschen erreichen. Die Hauptkraft der deutschen Offensive, die 6. Panzerarmee, die den direkten Stoß in der Richtung Lüttich-Brüssel-Antwerpen führen sollte, kam insgesamt nur zehn Kilometer weit nach Nordwesten voran. Man rächte sich an amerikanischen Kriegsgefangenen. Bei Malmedy erschoß eine SS-Einheit am 17. Dezember auf der Grundlage der Befehle, nach denen keine Gefangenen gemacht werden sollten, 87 gefangene amerikanische Soldaten. Die südlich davon vorstoßende 5. Panzerarmee kam insgesamt zirka 80 Kilometer nach Westen, blieb aber neun Kilometer vor der Maas liegen. Um die Weihnachtszeit wurde, auch weil das Wetter aufklarte und die überlegene westalliierte Luftwaffe eingreifen konnte, aus dem Blitzkrieg ein Stellungskrieg und wenig später ein verlustreicher Rückzug. Daß das Zurückweichen nicht zu einem Desaster für die Wehrmacht wurde, hatten die deutschen Generale der Zaghaftigkeit des alliierten Hauptquartiers zu verdanken. Die von den Deutschen erreichte Frontausbuchtung bot sich für eine Zangenoperation hart westlich des Westwalls geradezu an. Drei deutsche Armeen wären in diesem Kessel gefangen gewesen. Diese zögerliche Vorgehensweise ermöglichte den Deutschen, den größten Teil ihrer Truppen an den Westwall zurückzuführen und die Front bis Ende Februar wieder zu stabilisieren.

Hilferuf an Stalin

Auf dem Höhepunkt des deutschen Vormarsches besannen sich die westlichen Politiker und Militärs auf ihren Verbündeten Sowjetunion. Auf Drängen Eisenhowers bat Roosevelt die Sowjet­union um Auskunft über geplante Operationen der Roten Armee. Vor allem ging es um die Frage, ob durch sowjetische Operationen das deutsche Oberkommando daran gehindert werden könne, die Truppen an der Westfront zu verstärken. Eisenhower vermerkt in seinem Kriegsbericht, Stalin habe seinem Stellvertreter, Luftobermarschall Arthur W. Tedder, »umfassende Auskünfte über die von der Roten Armee an vier Frontsektoren geplante Offensive in Stärke von 150 bis 160 Divisionen« gegeben. Außerdem habe Stalin versichert, daß, falls sich aus meteorologischen Gründen der Beginn der großen Offensive verzögere, »die Rote Armee örtliche Operationen durchführen würde, um genügend feindliche Truppen zu binden, so daß die Deutschen nicht in der Lage wären (…) stärkere Kräfte von Osten nach Westen zu entsenden.« Am 6. Januar wandte sich Churchill mit einem dramatischen Appell an Stalin: Er schrieb, »die Schlacht im Westen ist sehr schwer«. Stalin möge doch mitteilen, ob noch im Januar »mit einer größeren Offensive an der Weichselfront oder anderswo gerechnet werden könne«. Am 7. Januar antwortete Stalin: »Das Hauptquartier hat (…) angesichts der Lage unserer Verbündeten an der Westfront beschlossen, (…) umfangreiche Angriffsoperationen gegen die Deutschen am gesamten Mittelabschnitt der Front, spätestens in der zweiten Januarhälfte, einzuleiten.« Die für den 20. Januar geplante Großoffensive wurde auf den 12. vorgezogen.

So schwierig die Ardennenschlacht für die Westalliierten auch war, wirklich dramatische, für den Kriegsverlauf entscheidende Ereignisse spielten sich zur selben Zeit an der Ostfront ab. Sie brachten in kurzer Zeit auch eine effektive Entlastung der Westalliierten. Die am 12. Januar von der Ostsee bis zu den Karpaten begonnene Weichsel-Oder-Operation führte die Rote Armee binnen zwei Wochen bis 70 Kilometer vor Berlin. Sowjetische Soldaten hatten zu Weihnachten 1944 Budapest mit mehr als 70000 feindlichen Soldaten eingeschlossen und den Weg nach Wien und Bratislava geöffnet. »Im Hinblick auf die Ostlage«, so ein Vermerk im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, habe Hitler befohlen, »im Westen zur Verteidigung überzugehen« und in größerem Umfang Truppen von der West- an die Ostfront zu verlegen. Um die Einnahme Wiens zu verzögern und die damals für Deutschland wichtigsten Ölvorkommen und Raffinerien in Ungarn so lange wie möglich zu nutzen, wurde die eigens für die Ardennenoffensive aufgestellte 6. SS-Panzerarmee mit 600 Panzern und gepanzerten Fahrzeugen an den Balaton verlegt. Außerdem wurden vier Artilleriekorps, ein Panzerkorps, zwei Panzerdivisionen, zwei Panzergrenadierdivisionen sowie in großem Umfang Heerestruppen vom Westen an die Ostfront geworfen. Auch drei Jagdgeschwader kamen an die Ostfront, obwohl sie angesichts der Überlegenheit der alliierten Luftwaffe, die täglich mit »1000-Bomber-Angriffen« deutsche Städte attackierte, im Westen dringend notwendig gewesen wäre.

Das Hasardspiel Ardennenoffensive kostete Zehntausenden alliierten und deutschen Soldaten das Leben, führte zu starken Zerstörungen in Belgien, Frankreich und Luxemburg und fügte der Wehrmacht beträchtliche materielle Verluste zu, die nicht mehr ersetzt werden konnten. Den westalliierten Vormarsch auf den Rhein hat die Ardennenschlacht allerdings mehrere Wochen verzögert. Erst am 25. Februar war es den Amerikanern gelungen, die deutsche Eifelstellung zu durchbrechen und den Weg in Richtung Rhein zu öffnen. Politisch war das Ardennenabenteuer für die Hitlerclique ausgesprochen kontraproduktiv. Im Gegensatz zur illusionären deutschen Planung zerbrach die Anti-Hitler-Koalition nicht, sie wurde vorübergehend sogar gestärkt.

Dr. Martin Seckendorf ist Historiker und Mitglied der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung

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