15. November 2012

Praktiker der Aufklärung

Der »große Zorn« des Volkes: Jacques-René Hébert (15.11.1757–24.3.1794). Stich von H. Rousseau - Fotoquelle: Wikipedia

Vor 255 Jahren wurde Jacques-René Hébert geboren – ein Wortführer der ­einfachen Volksmassen und Protagonist der »Entchristianisierung« während der Französischen Revolution

Alexander Bahar

An Jacques-René Hébert scheiden sich die Geister. Er war eine zentrale Figur in den revolutionären Geschehnissen der Jahre 1792 bis 1794. Sein Andenken jedoch verfiel schnell einer nahezu vollständigen Ächtung und Verfemung. Wenn ihn die Historiographie überhaupt der Erwähnung für wert erachtet, dann voller Geringschätzung und feindseliger Verzerrung seines Lebens und Wirkens, die bereits kurz nach seinem gewaltsamen Tod im März 1794 einsetzte. Tatsächlich aber war Hébert der wohl entschiedenste Praktiker der Aufklärung, der »konsequent zu Ende geführte Holbach oder Helvetius«, so der Historiker und Literaturwissenschaftler Peter Priskil.1 Hébert, so sein Urteil, stehe für »die Einheit von tabuloser Aufklärung und revolutionärer Aktion, den gleichzeitigen Kampf gegen Thron und Altar, gegen Despotie und Religion«.

Jacques-René Hébert erblickte als zweites von insgesamt vier Kindern am 15. November 1757 in Alençon in der Normandie die Welt. Als Sproß einer begüterten Bürgersfamilie schien dem jungen Hébert eine unbekümmerte Zukunft bevorzustehen. Er war neun Jahre alt, als sein Vater 1766 starb. Von der Mutter wurde er auf das ehemalige Jesuitenkolleg von Alençon geschickt. Nach Abschluß seiner Kollegiatszeit trat der 18jährige eine Praktikantenstelle in einer Anwaltskanzlei an, um Advokat zu werden. Ein unüberlegter Streich sollte Hébert fast zum Verhängnis werden. Im April 1779 zur Zahlung eines hohen Schmerzensgeldes verurteilt, war er finanziell ruiniert und mußte untertauchen. Seine Wahl fiel auf Paris. Eine Brotarbeit als Texter für ein illustriertes Bändchen mit dem Titel »Die magische Laterne oder die Geißel der Aristokraten« sollte den Startschuß für Héberts publizistische Karriere legen.

Die Klassenfrage gestellt

Die Klassengegensätze in Frankreich hatten sich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts dramatisch zugespitzt. Zu den enormen Ausgaben für die königliche Hofhaltung gesellten sich die Kosten für die Beteiligung der französischen Krone am Unabhängigkeitskrieg der amerikanischen Kolonien gegen das britische Mutterland. Die Haupteinnahmen der Krone wurden bei der besonders ungerechten Salzsteuer erzielt, die nach zahlreichen Erhöhungen im Volk ganz besonders verhaßt war. Die Krone dürstete nach zusätzlichen Einnahmen, ohne auch nur auf eines ihrer Privilegien verzichten zu wollen. Dabei stieß sie auf den wachsenden Widerstand der obersten Gerichtshöfe, die mehr und mehr von ihrem Recht Gebrauch machten, den von der königlichen Regierung erlassenen Steuergesetzen ihre Zustimmung zu verweigern – eine Haltung, die auch im Volk Rückhalt fand und dazu führte, daß der Monarch an der seit 1614 ausgesetzten Einberufung der Generalstände nicht mehr vorbeikam, wollte er die Krise der Staatsfinanzen nicht weiter eskalieren lassen.

Aus dem, was als Generalstände einberufen worden war, ging bekanntlich am 17. Juni 1789 die Nationalversammlung hervor, die sich das Recht auf Steuergenehmigung zusprach, was Ludwig XVI. als unzulässigen Eingriff in seine feudalen Privilegien zurückwies. Als die Mitglieder der Nationalversammlung der Unnachgiebigkeit des Monarchen am 20. Juni den »­Ballhausschwur« entgegensetzten – »sich niemals zu trennen und sich überall zu versammeln, wo es die Umstände erforderlich machen sollten, bis die Verfassung errichtet und auf festen Grundlagen gestaltet wäre« –, ließ dieser neben allerlei kleinlichen Schikanen um Paris eine Armee von 20000 Soldaten zusammenziehen. Die Bevölkerung der Hauptstadt reagierte, indem sie die Arsenale stürmte und sich bewaffnete. Überall im Land brachen Bauernaufstände aus, Schlösser wurden gestürmt und die Aristokraten gezwungen, auf ihre feudalen Vorrechte zu verzichten oder über die Klinge zu springen. Zigtausende Urkunden und Dokumente, die die alten Ausbeutungsverhältnisse festschrieben, wanderten ins Feuer; Klöster und klerikale Ländereien wurden in Volkseigentum überführt. Dem Pariser Vorbild folgend, beendeten auch in den anderen Städten des Landes bürgerliche Selbstverwaltungen die Administration der Krone. Der Beschluß in der Nacht des 4. August – »Die Nationalversammlung schafft das Feudalregime vollständig ab« – und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789 waren die logische Folge.

Als »Passivbürger« waren Hébert die grundlegenden politischen Rechte verwehrt, und so blieb ihm nur, die Brennpunkte des Geschehens aufzusuchen, sich an den Debatten, an diesem oder jenem Konflikt zu beteiligen. Die Verkündigung der Meinungsfreiheit hatte eine Flut von Publikationen zur Folge. Die in revolutionäre Gärung geratene Bevölkerung gierte nach Informationen, und Hébert wandte sich dem Gebiet der revolutionären Publizistik zu. Bereits die erste seiner Schriften, die er noch anonym veröffentliche, stand im Zeichen des Kampfes gegen die klerikale Konterrevolution. Dem am 21. Februar 1790 erschienenen Bändchen »Kleine Fastenpredigt des Abbé Maury, oder: geistliche Ermahnungen, vorgetragen bei der Versammlung der Tobsüchtigen« sollten bald weitere gegen den Abbé Jean Siffrein Maury gerichtete Schriften folgen. Dem glühenden Royalisten und Wortführer des Klerus rückte Hébert vor allem mit dem Stilmittel der Parodie zu Leibe. Doch seine »Fastenpredigten« zeichnen sich durch ein weiteres Merkmal aus, das für ihn prägend bleiben sollte: die Klassenfrage, die Gegenüberstellung der Armen und Entrechteten mit den Reichen und Privilegierten.

»Der Kampf gegen die Kirche, die Konfiszierung ihrer Güter, die Eidleistung der Geistlichen auf die Verfassung – das heißt die Ersetzung der Glaubensdiktatur durch die Herrschaft der Gesetze, die für alle Franzosen in gleicher Weise verbindlich sein sollten –, kurz: die Trennung von Kirche und Staat war die entscheidende Frage der Revolution« (Peter Priskil). Aber es war bei weitem nicht das einzige Problem, das die Nationalversammlung zu lösen hatte. Vor allem stellte sich die Frage: Wie konnte das Volk auf den Fortgang des Geschehens Einfluß nehmen? Marat hatte als erster erkannt, daß es dazu einer politischen Zeitschrift bedurfte und mit der Gründung seines Ami du Peuple die praktischen Konsequenzen gezogen. Marats Volksfreund war das Sprachrohr all derer, die von der politischen Willensbildung faktisch ausgeschlossen waren. Auch Hébert wählte diesen Weg. In der Zeitschrift Katze und Hund, die er im April 1790 ins Leben rief, führte er die Kontrahenten der politischen Arena vor, die sich in der Nationalversammlung sprichwörtlich wie Katze und Hund stritten. Hier entwickelte er den Stil, der ihn bei den Pariser Massen, besonders den Sansculotten, berühmt, bei seinen Gegnern berüchtigt machen sollte: eine erfrischend kraftvolle und dabei geschmeidige Sprache voller Witz und Parodie, auf den Klassikern der Literatur fußend und doch gespickt mit den oft derben Ausdrücken des Volkes.

Auch in dieser Zeitschrift überwog der Kampf gegen die Kirche, wobei sich Hébert anfangs hauptsächlich auf gemäßigt fortschrittliche Geistliche stützte, die als Abgeordnete vom Klerus zum Dritten Stand übergelaufen waren; schließlich war die Spaltung des klerikalen Lagers in den Jahren 1789/90 eine Überlebensfrage der Revolution. Ursprünglich als reine Brotarbeit gedacht, stand auch die Zielgruppe von Héberts nächstem Projekt von Anfang an fest: die Volksmassen. Der Publizist war mittellos, er mußte sich daher bei der Gründung seines neuen Blattes Père Duchesne auf einen für ihn finanziell äußerst unvorteilhaften Vertrag einlassen, der ihn überdies zu großen inhaltlichen Konzessionen zwang. Dies mag neben seinen anfänglichen Illusionen in den »gütigen Vater aller Franzosen« einer der Hauptgründe für die politische Mäßigung der ersten 130 Nummern gewesen sein, in denen er so manches Lob auf Ludwig XVI. anstimmte. Mit der wachsenden Popularität seiner Zeitschrift befreite sich Hébert von diesem Knebelvertrag und agierte fortan als selbständiger Unternehmer.

Alter Ego Père Duchesne

Der »Vater Duchesne« bezeichnet eine populäre Figur der französischen Volkskomödie, einen Mann aus dem Volk, einen grantelnden Ofensetzer, der in unverstellter Sprache ausspricht, was er denkt. Der Père Duchesne wurde in der Folge zu Héberts Kampfnamen und alter ego, sein Schlachtruf, der auch das Titelblatt zierte: »Ich bin der echte Père, verdammt noch mal.« Jede Ausgabe wurde mit einer Überschrift eröffnet, meist »Der große Zorn …« oder (weit seltener) »Die große Freude des Père Duchesne« – je nach dem Gang der revolutionären Ereignisse. Darauf folgte eine geraffte, rhythmisch strukturierte und daher für die Ausrufer leicht wiederzugebende Inhaltsangabe, die sich die Passanten ebenfalls leicht einprägen konnten. »Er hat mal wieder eine Sauwut heute, der Père Duchesne«, wurde in Paris bald zum geflügelten Wort: »Weder Marats Volksfreund noch die konkurrierenden Ausgaben des Père Duchesne verstanden sich auf eine solch gezielte Massenwirkung, so daß sich der Aufstieg von Héberts Blatt aus der Vielzahl schnellebiger Publikationen bald abzuzeichnen begann« (Peter Priskil).

»Die Presse, das war Hébert« – mit dieser auf das Jahr 1793 bezogenen Feststellung trifft der französische Historiker Jules Michelet (1798–1874) den Nagel auf den Kopf. Mit der Ermordung Marats habe der Pere Duchesne den Ami du Peuple ersetzt, so daß selbst Robespierre, der als Verkörperung der Revolution gelten wollte und im Hintergrund die Fäden spann, sich in dieser Phase zur Nachsicht gegenüber den Anhängern Héberts gezwungen sah, welche, so nochmals Michelet, »durch die Presse allmächtig waren«.

Doch woher rührte diese vermeintliche Allmacht Héberts? Sie hatte ihre materielle Grundlage in den Klassenwidersprüchen, die mit dem Fortgang der Revolution in zunehmender Schärfe zutage traten. Die Interessen des Großbürgertums auf der einen sowie der kleinen Handwerker, Händler und Tagelöhner auf der anderen Seite mußten zwangsläufig kollidieren. Die Pariser Massen, insbesondere die Sansculotten, wollten weit radikalere Reformen des Wirtschaftslebens als die Bourgeoisie. Das Bürgertum bremste, widersprach doch eine Politik der Preisbeschränkungen und Zwangsbewirtschaftung seinen wirtschaftsliberalen Interessen. Doch auch die Interessen des Kleinbürgertums differenzierten sich mit dem Fortgang der Revolution, was sich in den Programmen und dem Agieren der Klubs und Gesellschaften widerspiegelte.

War der Jakobinerklub, der durch entsprechende Mitgliedsbeiträge dem gehobenen Handwerkerstand vorbehalten blieb, das organisatorische Rückgrat der Revolution, so wirkte der Klub der Cordeliers als deren Motor. Hier trafen sich die kleinen Handwerker und Ladenbesitzer, die »Passivbürger«, die aufgrund des von Dezember 1790 bis Juli 1792 geltenden Zensuswahlrechts nicht wahlberechtigt waren.

Die Cordeliers hatten zwar für den Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792 und die Verhaftung des Königs wenige Tage später maßgeblich die Vorarbeit geleitet, die Erstürmung selbst war aber das Werk der Volksmassen aus den Faubourgs. Neue Männer, schreibt Pjotr A. Kropotkin2 »traten in jenen Tagen hervor, als ein neuer Generalrat, die revolutionäre Kommune vom 10. August, von den Sektionen ernannt wurde«. Zum Prokurator der aufständische Kommune von Paris wählte das Volk Pierre Gaspard Chaumette, Hébert wurde sein Stellvertreter. Spätestens jetzt war er zu einem der einflußreichsten, womöglich dem einflußreichsten Führer der revolutionären Volksbewegung geworden. Die Kommune sollte einen mächtigen Einfluß auf den Gang der weiteren Ereignisse nehmen und die Berg-Partei im Nationalkonvent dazu drängen, »wenigstens die bisherigen Ergebnisse der Revolution zu sichern« (Kropotkin). Die Girondisten vertraten die Interessen der Großbourgeoisie und des Grundeigentums. Der »Berg« setzte sich aus Jakobinern (Robespierre, Saint-Just) sowie aus Cordeliers (Danton, Marat) zusammen und wurde von den Volksrevolutionären der Kommune (Chaumette, Hébert) gestützt. Der »Ebene« oder dem »Sumpf« schließlich gehörten die Unentschlossenen an, die aus Instinkt aber in der Regel für den Besitz eintraten und konservativ waren.

Unter dem Druck der Volksrevolutionäre erließ die gesetzgebende Versammlung am 11. August einige fortschrittliche Dekrete. Danach sollte jeder Priester, der nicht binnen 14 Tagen den Eid auf die Verfassung leistete, nach Cayenne deportiert werden. Alle Güter der Emigranten wurden mit Beschlag belegt, sollten in kleine Teile zerschlagen und zum Verkauf ausgeschrieben werden. Jede Unterscheidung zwischen Passivbürgern und Aktivbürgern wurde abgeschafft, alle wurden fortan mit 21 Jahren wahlberechtigt und konnten mit 25 Jahren gewählt werden. Bereits am 14. Juli 1792 hatte die Linke unter dem Druck der Volksbewegung einige persönliche Feudalrechte, insbesondere die Kasualrechte, ohne Entschädigung abgeschafft.

Kampf gegen Feudalstaaten

Am 18. Januar 1793 wurde Ludwig XVI. von der Nationalversammlung zum Tode verurteilt und am 21. Januar 1793 als Bürger Louis Capet hingerichtet. Seine Frau Marie-Antoinette folgte ihm am 16. Oktober 1793 auf das Schafott. Vehement hatte sich Hébert für die Hinrichtung des Königspaares eingesetzt, das sich nicht nur der gnadenlosen Ausbeutung und Unterdrückung des Volkes, sondern auch der Konspiration mit dem Ausland zwecks Ausmerzung der Revolution schuldig gemacht hatte. Doch er wollte mehr, er sah die Zeit gekommen, um die Macht von Klerus und Adel endgültig zu brechen, alle Monarchien zu stürzen und die Weltrepublik zu errichten. Das forderte er nicht nur im Père Duchesne, er nutze darüber hinaus sein Amt in der revolutionären Kommune, seine Forderungen durch praktische Taten zu unterstreichen, indem er öffentlich Reliquien verbrannte, Kirchen schloß und die Religion ein für allemal durch einen säkularen Kult der Vernunft ersetzen wollte.

Wenn Hébert nach Marats Ermordung am 21. Juli 1793 im Jakobinerklub erklärte, »wenn Marat einen Nachfolger braucht, so steht dieser Mann schon bereit, ich bin’s«, so war das mehr als nur eine Spitze gegen den mit ihm um die Nachfolge Marats rivalisierenden Jaques Roux. Zusammen mit Chaumette nahm Hébert auch das Programm der von Roux angeführten »Wütenden«, den Enragés, wieder auf und griff mit zunehmender Schärfe die »Handelsaristokratie, die Bürger- und Krämeraristokratie« an.

Im Jahre 1793 hatten die Revolutionsarmee und die fortschrittlichsten Gemeinden den Père Duchesne abonniert – das militärische Schicksal Frankreichs stand auf Messers Schneide. Eine Armee europäischer Feudalstaaten stand vor den Landesgrenzen, die Kampfmoral der Truppen mußte erhöht und die Erfolge der Revolution konsolidiert werden. Der Père Duchesne sprach die Sprache jener Hunderttausenden einfachen Handwerker, Bauern und städtischen Kleinhändler, die sich zum Massenaufgebot meldeten und, schlecht ausgerüstet und verproviantiert, an die Grenzen eilten, um die Revolution zu verteidigen. Hébert war es, der in seiner Zeitschrift einen Feldzugsplan ausarbeitete und dabei auf die Notwendigkeit der Wirtschaftslenkung in einem große Krieg verwies.

Der König war abgeurteilt, die konstitutionell-monarchische Verfassung von 1791 durch eine republikanische ersetzt, der Kampf gegen die Invasion wurde mit äußerster Entschlossenheit geführt. Mußte sich daraus nicht die endgültige Abschaffung der Feudalrechte sowie der klerikalen Macht, der royalistischen Organisation der Provinzverwaltung und aller anderen Überreste des feudalen Absolutismus notwendig ergeben? Doch die Großbourgeoisie, von den »Staatsmännern« der Gironde vertreten, wollte davon nichts wissen. Die Gironde, die eine knappe Mehrheit im Konvent hielt, betätigte sich nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. als der entschiedenste Feind der Volksbewegung und schürte in den Provinzen im Pakt mit den Königstreuen den Bürgerkrieg gegen das revolutionäre Paris.

In Lyon waren bei derartigen Umtrieben 800 Patrioten getötet worden, und das mehrheitlich von Girondisten besetzte Komitee der Zwölf hatte Hébert verhaften lassen, mußte ihn auf Druck der Pariser Bevölkerung aber wieder freigeben. In den letzten Mai- und Junitagen 1793 verlangte eine aufgebrachte Menschenmenge vom Konvent die Auslieferung von 27 girondistischen Abgeordneten. Mit ihrer Verhaftung und Hinrichtung im Oktober 1793 erfüllte sich eine zentrale politische Forderung Héberts – und ohne größeres Blutvergießen, wie er erleichtert feststellte, denn dies hätte das Fanal zu einem landesweiten Bürgerkrieg gegeben.

Wende gegen Hébert

Von seinen linken Kritikern wurde Hébert immer wieder vorgeworfen, er habe kein »sozialökonomisches Programm« gehabt, sei kein Kommunist gewesen. Wie kann man ihm aber ernsthaft vorhalten, etwas nicht oder nur ansatzweise gewesen zu sein, was er nicht gewesen sein konnte? Das Großkapital benötigte noch über ein halbes Jahrhundert zu seiner Ausformung – auch ein Proletariat gab es in diesem Sinne noch nicht. Die soziale Kernfrage der Jahre 1793/94 war daher nicht die Vergesellschaftung des (nicht existenten) Großkapitals, sondern die Enteignung des adligen und bürgerlichen Großgrundbesitzes, der Kampf gegen die »Handels­aristokratie, die Bürger- und Krämer­aristokratie«, also die Handels- und Manufakturbourgeoisie in den großen Städten sowie die Schaffung einer breiten Schicht ländlicher Kleinproduzenten. Diese Frage war unter den Revolutionären heiß umstritten, und auch Hébert schwankte in seiner Position. Sein wirtschaftliches Programm war die Grundversorgung der armen Stadtbevölkerung, notfalls durch Zwangsrequisitionen auf dem Land, und die Festlegung von Höchstpreisen für Lebensmittel, dabei stützte er sich auf die Stadtarmut, die um ihr täglich Brot kämpfte.

Von Dezember 1793 bis März 1794 spitzten sich die Intrigen der um die Macht streitenden Gruppen und Fraktionen unaufhörlich zu. In ihrem Kampf gegen die Kirche und die christliche Religion hatten sich Hébert und seine Anhänger sehr weit vorgewagt. Daß sich ihr antiklerikaler und antireligiöser Kampf mit dem entschlossen praktizierten Eintreten für soziale Gleichheit verband, machte sie gleichermaßen bei den Sansculotten beliebt wie bei ihren Feinden verhaßt. Obwohl erbitterte politische Gegner, gingen Danton und Desmoulins mit Robespierre Hand in Hand in der Bekämpfung der antireligiösen Bewegung. Am 21. November gab Robespierre in einer Rede vor der Nationalversammlung den Kurs vor: Der Konvent werde den katholischen Kultus nicht anrühren, der religiöse Fanatismus sei bereits tot, es gebe nur noch den Fanatismus der unmoralischen Elemente, die vom Ausland bezahlt würden, um die Revolution zu diskreditieren.

Damit hatte Robespierre, der »Unbestechliche«, der Kommune den Krieg erklärt. Vom 18. bis 29. November 1793 beschloß der Konvent die Gesetze zur Schaffung einer Notstandsregierung, die – notwendiges Instrument zur Behauptung der Republik – ihren entscheidenden Schlag, von niemandem erwartet, nicht gegen rechts, sondern gegen links, gegen die revolutionäre Volksbewegung führte, die selbst die Einrichtung einer Revolutionsregierung gefordert hatte. Nach der Zerschlagung der Kommune auf bürokratischem Weg (Dezember 1793) schickte sich Robespierre an, ihre führenden Protagonisten auch physisch auszuschalten. Der Wohlfahrts- und der Sicherheitsausschuß waren mit Getreuen Robespierres besetzt. Das bedeutete nicht nur die Kontrolle über die Ministerien, sondern auch über die »umfassende Geheimpolizei«, wodurch er »das Mittel hatte, jeden, wer es auch sei, auf die Guillotine zu schicken« (Kropotkin).

Geschickt spielte Robespierre seine verfeindeten Kontrahenten gegeneinander aus. Zuerst galt es, den gefährlicheren Feind auf der Linken zu liquidieren, die Volksrevolutionäre um Hébert, bevor er sich den Indulgents um Danton und Desmoulins zuwandte. Robespierre war bereit, den Dantonisten Zugeständnisse zu machen, wenn sie ihm dabei halfen, die Linke zu eliminieren. »Das taten sie gern und mit großer Heftigkeit durch die Feder (des im Verleumden geübten; A. B.) Desmoulins in seinem Vieux Cordelier« (Kropotkin). Ein Aufruf der Cordeliers zum Aufstand gegen den Jakobiner-Konvent verhallte, die Revolution war ausgeblutet, die Sansculotten rührten sich kaum noch.

In der Nacht vom 13. auf den 14. März 1794 wurden die »hébertistischen Führer« Hébert, Momoro, Vincent, Ronsin, Ducroquet und Laumur verhaftet, am 18. März Chaumette, den der Wohlfahrtsausschuß am Tag zuvor abgesetzt hatte. Die Regierung triumphierte.

Über die Verhafteten ließ der Wohlfahrtsausschuß die abwegigsten Verleumdungen verbreiten, insbesondere über Hébert schüttete man kübelweise Lügen aus. Die 141 Seiten starke Anklageschrift des Revolutionstribunals »gegen Hébert und Konsorten« war »schlampig präsentiert, schludrig zusammengestellt, bar jeder Logik, frei von Gesetz und Recht« (Priskil). Das Urteil stand bereits fest, als der Prozeß begann; am 24. März, nach nur drei Tagen, wurden die Angeklagten guillotiniert.

Mit der Ausschaltung der »Hébertisten« hatte Robespierre endlich den Sieg über die Kommune von Paris errungen. Nun konnte der Streich nach rechts, gegen Danton, geführt werden. Die Liquidierung der Volksrevolutionäre um Hébert war, um nochmals Kropotkin zu zitieren, der »Triumph der Gegenrevolution schon im Frühjahr 1794«. Es war der Vorgeschmack auf die Thermidortage, als die Jakobinerdiktatur gestürzt, Robespierre mitsamt dem engsten Kreis seiner Mitarbeiter enthauptet wurde und die offene Konterrevolution triumphierte.

Anmerkung

1 Jacques René Hébert: »Den Papst an die Laterne, die Pfaffen in die Klapse«, Schriften zu Kirche und Religion 1790–1794, übersetzt und erläutert von Peter Priskil, Ahriman: Freiburg im Breisgau 2003

2 Pjotr A. Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789–1793, aus dem Französischen übersetzt von Gustav Landauer (2 Bde.), Kiepenheuer: Leipzig/Weimar 1982

Von Alexander Bahar erschien zuletzt: Folter im 21. Jahrhundert. Auf dem Weg in ein neues Mittelalter? dtv: München 2009. Eine ausführliche Version dieses Beitrags ist in Kürze auf der Website www.globale-gleichheit.de abrufbar

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