31. August 2013

Raketen für den Endsieg

»Das erste, was wir hinter dem Stacheldrahtzaun sahen, waren Holzstapel. Als wir aber näher ­traten, sahen wir, daß es Menschen waren« (Foto eines Soldaten der 3. US-Panzerdivision im KZ »Mittelbau-Dora«) - Fotoquelle: United States Army Signal Corps/Wikimedia Commons

Vor 70 Jahren begannen die Nazis in großer Hektik die Produktion der »V2«-Rakete. Tausende KZ-Häftlinge mußten sie unter schwersten Arbeitsbedingungen und permanent vom Tod bedroht herstellen

Gerd Bedszent

Am 28. August 1943 traf ein Transport mit 107 Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald im Außenlager »Dora« am Kohnstein bei Nordhausen ein. Mit ihrer Ankunft begann das Kapitel der Massenproduktion von Raketen für das faschistische Deutschland.

Die Idee einer Entwicklung solcher Flugkörper war in Deutschland nicht neu. Schon in der Zeit der Weimarer Republik, 1927, hatte sich zu diesem Zweck ein »Verein für Raumschiffahrt« konstituiert. Der private Klub von Weltraumenthusiasten rückte schnell ins Interesse der Reichswehr, die eine militärische Verwendungsmöglichkeit in der neuen Technik erkannte. Nach dem ersten Start einer Modellrakete im Jahr 1932 nahm das Heereswaffenamt die weitere Forschung in eigene Hände.

Einer der beteiligten Techniker, die in die Dienste des Militärs traten, war Wernher von Braun. Schon Anfang 1936 wurde unter seiner Mitwirkung die künftige Rakete »A4« als Ferngeschoß konzipiert. Später benannte man sie aus Propagandagründen in »V2« – »V« für Vergeltungswaffe – um. Als man 1937 den westlichen Zipfel der Ostseeinsel Usedom zur Heeresversuchsanstalt Peenemünde ausbaute, wurde von Braun zum technischen Direktor ernannt.

Hitler hatte während der »Luftschlacht um England« im September 1940 angekündigt, die britischen Städte »auszuradieren«. Doch die faschistischen Flieger verloren. Die Naziführung räumte nun der Entwicklung der »A4«-Rakete oberste Priorität ein. Wegen des zunehmenden Arbeitskräftemangels setzte sie ab 1943 in den ­Peenemünder Produktionshallen auch ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlingen ein. Die dort an der Entwicklung der »A4« beteiligten Wissenschaftler konkurrierten mit einem weiteren Projekt, das unter Verantwortung der faschistischen Luftwaffe stand. Entwicklung und Einsatz der unbemannten, ferngesteuerten Flügelbombe »Fi103« – später »V1« – erfolgten parallel zu denen der »A4«. Der Bau von Raketen war im Vergleich mit den Flügelbomben wesentlich aufwendiger. Letztere wurden jedoch von den Briten häufig abgeschossen. Dagegen fehlte damals jegliche Abwehrmöglichkeit für Raketen, weshalb sie höchst attraktiv für die faschistischen Militärs waren.

Am 3. Oktober 1942 erfolgte ein erster erfolgreicher »A4«-Testflug über eine Strecke von 190 Kilometern. Die Zielgenauigkeit der überstürzt entwickelten Rakete erwies sich dabei jedoch als gering und konnte auch später nicht wesentlich verbessert werden. Da sich ihr militärisch sinnvoller Einsatz in engen Grenzen hielt, wurde die Waffe, ebenso die »Fi 103«, ausschließlich für Terrorangriffe gegen die Zivilbevölkerung größerer Städte konzipiert und eingesetzt.

Am 7. Juli 1943 wurde das »A4«-Programm auf direkten Befehl Hitlers mit der höchsten Dringlichkeitsstufe in das faschistische Rüstungsprogramm aufgenommen. Den bereits geplanten Beginn der Serienproduktion verzögerte eine gezielte Bombardierung der Heeresversuchsanstalt Peenemünde durch die alliierte Luftwaffe in der Nacht vom 17. zum 18. August 1943. Die Produktion sollte daraufhin aus Sicherheitsgründen ausschließlich in unterirdischen Produktionshallen erfolgen. Es begann eine fieberhafte Suche nach geeigneten Standorten. Schnell wurde man im nördlichen Zipfel Thüringens fündig – das Außenlager »Dora« des KZ Buchenwald wurde errichtet.

Vernichtung durch Arbeit

Das Rüstungsministerium gründete im September 1943 eigens für die Raketenproduktion die Mittelwerk GmbH. Das Industrieunternehmen wurde privatwirtschaftlich betrieben, war aber zu 100 Prozent im Staatseigentum. Seine Geschäftsleitung setzte sich ausschließlich aus Wehrwirtschaftsführern und höheren SS-Dienstgraden zusammen.

Sowohl der Ausbau der unterirdischen Fertigungsanlagen als auch die Raketenproduktion selbst wurde überwiegend von KZ-Häftlingen geleistet. Insgesamt wurden etwa 60000 von ihnen in das eigens errichtete Außenlager transportiert, darunter auch die Überlebenden aus der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. »Dora« wurde im Oktober 1944 unter dem Namen »Mittelbau« ein eigenständiges Konzentrationslager und verfügte in der näheren Umgebung über eigene Außenlager, deren Häftlinge ebenfalls hauptsächlich in der Rüstungsproduktion arbeiteten. Im Frühjahr 1945 war der Lagerkomplex Mittelbau mit etwa 40000 Häftlingen belegt, davon 15000 im Hauptlager.

Als Sonderbeauftragter des Reichsführers SS für die »A4«-Fertigung war SS-Obergruppenführer Dr. Hans Kammler eingesetzt. Kammler gilt als Hauptverantwortlicher für die mörderischen Arbeitsbedingungen vor allem während der ersten Monate beim Ausbau der unterirdischen Stollen als Produktionsanlagen. Im Kohnstein, zwischen Nordhausen und dem Dorf Niedersachswerfen gelegen, hatte man Mitte der 1930er Jahre im Zuge der Kriegsvorbereitungen mit der Aushöhlung des Gebirgsstocks begonnen, um im Bedarfsfall über bombensichere Lagerstätten verfügen zu können. Mehrere bereits fertige unterirdische Lagerhallen wurden ab 28. August 1943, mit dem Eintreffen der ersten Häftlingstransporte, sofort zu Montagehallen ausgebaut, die Aushöhlung des Berges gleichzeitig weiter vorangetrieben.

Zeit für das Anlegen eines Barackenlagers nahmen sich die Verantwortlichen zunächst nicht – die Häftlinge wurden einfach in den ungelüfteten unterirdischen Hallen zusammengepfercht und erbarmungslos zur Arbeit angetrieben, ohne Rücksicht auf Gesundheit und Leben. Binnen kurzem kam es zu unbeschreiblichen hygienischen Bedingungen untertage. Völlig entkräftete Häftlinge starben zu Hunderten an Unterkühlung, Schlafentzug, an Mißhandlungen, bei Arbeitsunfällen, an Hunger und Durst. Die noch Lebenden schliefen zwischen Toten. Der französische Häftling Jean Michel schrieb später: »Kapos und SS treiben uns mit höllischer Geschwindigkeit an, Schreie schallen durch die Reihen, drohen mit Erschießung; es sind Dämonen! Der Lärm bohrt sich in den Kopf hinein und legt die Nerven blank. Der wahnsinnige Rhythmus dauert fünfzehn Stunden an. (…) Bald liegen tausend verzweifelte Männer da, am Rand ihrer Kräfte angelangt und von Durst geplagt, und warten auf einen Schlaf, der nie kommt, schließlich sind die Schreie der Wachen, der Lärm der Maschinen, die Explosionen und das Pfeifen der Lokomotiven auch hier zu hören.« Der polnische Häftling Wincenty Hein sagte im Jahre 1945 bei seiner Vernehmung durch die US Army aus: »Das Schlagen durch die SS-Männer, einen bedeutenden Teil der Blockältesten und der Kapos (bildete) die Lebensgrundlage des Lagers.« Von September 1943 bis März 1944 starben etwa 2900 Häftlinge in den unterirdischen Hallen, 3000 Erkrankte wurden von der SS in Vernichtungslager abgeschoben, wo nur wenige überlebten. Der ehemalige Häftling Ludwig Leineweber berichtete 1945: »Die Suche nach vermißten Häftlingen endete meist damit, daß sie irgendwo in einem Winkel verhungert aufgefunden wurden. Fest steht, daß im Stollen viele Häftlingsleichen mit einzementiert wurden.«

SS-Hauptsturmführer Dr. Karl Kahr, Lagerarzt von »Dora«, bestätigte nach dem Krieg vor Gericht: »Der Zweck des Lagers ›Dora‹ war an erster Stelle die Arbeit in der Rüstungsindustrie; wenn ich mir aber überlege, wie die Häftlinge behandelt wurden und wie man sie sterben ließ, dann muß ich feststellen, daß man systematisch versuchte, die Häftlinge zu vernichten.« Der Résistance-Kämpfer und spätere französische Diplomat Stéphane Hessel zog für seine mehrmonatige Lagerhaft das Fazit: »Für mich (…) bleibt die Erinnerung an ›Dora‹ wie ein Alptraum, den man zu vergessen versucht.«

Widerstand und Hinrichtungen

Ende 1943 waren die wichtigsten Umbauarbeiten im Kohnstein abgeschlossen und die Serienfertigung der »A4« konnte beginnen. Im Frühjahr 1944 wurde schließlich doch ein oberirdisches Barackenlager angelegt, in das die überlebenden Häftlinge schrittweise umzogen. Hintergrund war offensichtlich die Einsicht der Verantwortlichen, daß unter den zuvor herrschenden katastrophalen Bedingungen in den Stollen eine kontinuierliche Raketenproduktion nicht möglich war.

Anfang Januar 1944 wurden die ersten fertiggestellten Raketen an die Wehrmacht ausgeliefert. Allerdings schickte sie in dieser Anfangsphase der Produktion die Mehrzahl der Raketen als funktions­untüchtig wieder zurück. Wieviel vom extrem hohen Ausschuß auf das Konto von Entwicklungsfehlern und Produktionshetze ging und wieviel auf bewußte Sabotage von Häftlingen zurückzuführen war, wird sich schwerlich genau klären lassen. Nachgewiesen ist beides.

Die ursprünglich ab Dezember 1943 geplante Fertigstellungsrate von monatlich 2000 Raketen konnte von der Mittelbau GmbH nie erreicht werden. Erst am 8. September 1944 traf die erste »A4« einen Londoner Vorort. Insgesamt wurden etwa 6000 Raketen produziert, von denen knapp die Hälfte tatsächlich abgefeuert wurde – hauptsächlich auf London. In der Endphase des Krieges wählte man überwiegend das befreite Belgien, aber auch Städte in den Niederlanden und in Frankreich als Ziel für mörderische Angriffe. Die militärische Bedeutung tendierte gegen null – die Opfer waren fast ausschließlich Zivilisten.

Die Mehrzahl der Häftlinge, soweit sie unter den unmenschlichen Bedingungen nicht schon völlig zusammengebrochen waren, leisteten passiven Widerstand, indem sie versuchten, sich der mörderischen Produktionshetze soweit als möglich zu entziehen. Unter den Zwangsarbeitern aus etwa 40 Ländern hatten sich nachweislich auch nationale Widerstandsgruppen formiert. Die in der Nachkriegszeit von Überlebenden bezeugte Existenz eines internationalen Lagerkomitees wird jedoch von der aktuellen historischen Forschung angezweifelt.

Ziel der Widerstandsgruppen war es, das Überleben möglichst vieler Häftlinge zu ermöglichen und die faschistische Rüstungsproduktion zu sabotieren. Deutsche politische Häftlinge gab es im Lagerkomplex Mittelbau-Dora nur wenige – am bekanntesten ist der kommunistische Politiker und ehemalige Landtagsabgeordnete Albert Kuntz. Ihnen gelang es zwar anfangs, einige entscheidende Positionen in der Lagerverwaltung zu besetzen und damit die Voraussetzungen für einen organisierten Widerstand zu schaffen. Durch das Einschleusen von Spitzeln konnte die Lagerführung jedoch im November 1944 die meisten Widerstandsgruppen zerschlagen. Die Mehrzahl ihrer Mitglieder fiel Massenhinrichtungen zum Opfer oder wurde im Bunker zu Tode gefoltert. Albert Kuntz kam ebenfalls in den Bunker und wurde am 23. Januar 1945 von SS-Leuten erschlagen.

Zuletzt regierte im Lager der nackte Terror. Schon auf bloße Vermutungen hin oder als Abschreckung wurde von der Lagerführung die Hinrichtung Verdächtiger angeordnet. Allein im März 1945 wurden bei Massenexekutionen 118 Häftlinge gehenkt. Der als Henker fungierende kriminelle Kapo Josef Kilian beschrieb vor Gericht einen solchen Massenmord: »Es sind je 30 Häftlinge in zwei Partien erhängt worden. (…) Auf Befehl der SS mußten die Zuschauer in Sechser- oder Achterreihen an den Erhängten (…) vorbeimarschieren. Ich weiß mit Bestimmtheit, daß SS-Leute (…) auf diejenigen einschlugen, die den Kopf abwandten.«

Schließlich Todesmärsche

Mit dem Vorrücken der sowjetischen Armeen kam es zur Evakuierung weiter östlich gelegener Konzentrationslager durch die Nazis. Die Zahl der Häftlinge im Lagerkomplex Mittelbau schwoll im Frühjahr 1945 lawinenartig an. Allein aus den KZ Auschwitz und Groß-Rosen kamen im März 1945 etwa 16000 Häftlinge, dazu ungefähr 1000 SS-Bewacher. Sturmbannführer Richard Baer, letzter Kommandant von Auschwitz, übernahm in dieser Endphase das Kommando über das KZ Mittelbau und besetzte alle führenden Positionen mit seinen Vertrauten. Unter ihm stieg die Todesrate drastisch an. Im Erinnerungsbericht des Überlebenden Jan Kaczmarek ist die Ankunft eines Transports jüdischer Häftlinge beschrieben: »Es war ein Zug, gemischt von Greisen, Erwachsenen und Kindern jeden Alters. Die meisten fielen infolge Erschöpfung wie Fliegen um. So haben wir nach der Ankunft eines Sammeltransportes mehr als 200 Leichen in der Nähe des Krematoriums in einem Graben aufgestapelt sehen können. Sie waren vollständig nackt, und man konnte sich durch ihre verzerrten Gesichter und Muskeln überzeugen, daß sie haarsträubende Leiden durchgemacht hatten.«

Etwa 11000 Kranke und Sterbende schob die SS in die leerstehende Boelke-Kaserne in Nordhausen ab und überließ sie dort weitgehend ihrem Schicksal. Etwa die Hälfte von ihnen starb an Hunger und Krankheiten oder als Folge des alliierten Luftangriffs, der am 3. und 4. April 1945 Nordhausen in Trümmer legte. US-amerikanischen Militärs, die am 11. April 1945 die Stadt erreichten, bot sich ein Bild des Grauens. Der Sanitätssoldat David Machalowsky berichtete später in einem Interview: »Das erste, was wir hinter dem Stacheldrahtzaun sahen, den wir überschritten, waren Holzstapel. Als wir aber näher herantraten, sahen wir, daß es Menschen waren. Körper, total ausgezehrt, viele von ihnen nackt, ohne Kleidung. (…) Was mich absolut entsetzte, waren die Körper, die unter den Stapeln lagen, und da gab es dann eine Bewegung. Unter drei anderen Körpern liegend bewegte sich dann ein Arm, und plötzlich kam dir zu Bewußtsein, daß es da ja noch Menschen gab, die zwischen den Leichen liegend noch am Leben waren.«

Am 3. April 1945 begann eine überstürzte Evakuierung des Lagerkomplexes. Ein Teil der SS-Leute setzte sich in Panik ab; für die Bewachung der Todesmärsche wurden kriminelle Kapos in Uniformen gesteckt und bewaffnet. Als US-Truppen am 11. April das Hauptlager erreichten, fanden sie nur noch einige hundert Schwerkranke vor, von denen viele nach wenigen Tagen starben.

Mehrere tausend Häftlinge gelangten in Güterzügen oder zu Fuß in das damals schon hoffnungslos überfüllte KZ Bergen-Belsen. Eine unbekannte Zahl verhungerte unterwegs oder wurde von den Wachen ermordet, andere starben in den letzten Tagen von Bergen-Belsen oder noch nach der Befreiung an Entkräftung. Weitere Todesmärsche, die ebenfalls zahlreiche Opfer forderten, gingen nach Norden, in Richtung der KZ Sachsenhausen und Ravensbrück. Mehr als 1000 Häftlinge, hauptsächlich aus Außenlagern des KZ Mittelbau, wurden am 11. April 1945 im Kreis Gardeleben Opfer des Massakers in der Isenschnibber Feldscheune. SS-Männer, Wehrmachtssoldaten, Hitlerjungen und Volkssturmmänner trieben die Häftlinge in die Scheune, setzten sie in Brand und erschossen jeden, der aus den Flammen zu flüchten versuchte. Der für diesen Massenmord verantwortliche ­NSDAP-Kreisleiter, Gerhard Thiel, wurde nie belangt und starb als unbescholtener Bürger der Bundesrepublik Deutschland.

Schaurige Bilanz

Die letzte »A4«-Rakete wurde am 27. März 1945 auf die belgische Stadt Antwerpen abgeschossen. Wie viele Menschen durch die Raketenangriffe starben, konnte in den Kriegswirren nicht genau ermittelt werden. Man geht heute von 5000 bis 8000 zivilen Opfern, hauptsächlich in Großbritannien und in Belgien, aus. Hinzu kam eine wesentlich größere Anzahl von Verletzten, Hunderte Gebäude wurden zerstört. Für den Kriegsverlauf war der »A 4«-Einsatz ohne Bedeutung. Mehr als 20000 Häftlinge des KZ-Komplexes Mittelbau-Dora fielen der Vernichtung durch Arbeit, Hinrichtungen und Massakern während der Todesmärsche zum Opfer.

Die letzten etwa 100 in den Stollen aufgefundenen »A4« kamen im Juni 1945 in die USA, ebenso sämtliche Unterlagen, Teile der Produktionsanlagen und das an der Raketenproduktion beteiligte leitende Personal. Etwa 115 deutsche Wissenschaftler und Techniker trafen unter Umgehung bestehender Gesetze in den USA ein und wurden klammheimlich eingebürgert.

Die im Juli 1945 nach Abzug der US-Armee in Thüringen einrückenden sowjetischen Truppen räumten die Produktionshallen endgültig leer und sprengten gemäß bestehender Vereinbarung zwischen den Siegermächten die Stolleneingänge.

Karrieren der Täter

SS-General Dr. Hans Kammler ist seit dem Frühjahr 1945 verschollen; wahrscheinlich starb er in den letzten Kriegstagen durch Suizid. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden von den Alliierten mehrere SS-Leute und Kapos, die nachweislich an den Morden im KZ Mittelbau-Dora beteiligt waren, zum Tode oder zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die meisten von ihnen setzte man jedoch kurz darauf bzw. vorzeitig wieder auf freien Fuß. Im einzigen bundesdeutschen Prozeß zu den Massenmorden im KZ Mittelbau-Dora, der von 1967 bis 1970 vor dem Landgericht Essen geführt wurde, verurteilte man zwar zwei der drei angeklagten SS-Leute. Diese mußten ihre Haftstrafe aber nie antreten. Das Verfahren gegen den Hauptangeklagten SS-Obersturmbannführer Helmut Bischoff stellte das Gericht aus gesundheitlichen Gründen ein; er erfreute sich dann noch 23 Jahre seines Lebens und der Freiheit. Rüstungsminister Albert Speer wurde in den Nürnberger Prozessen zu 20 Jahren Haft verurteilt, die er auf Forderung der Sowjetunion auch absitzen mußte.

Die Mehrzahl der Hauptschuldigen wurde aber nie ernsthaft belangt: SS-Hauptsturmführer Karl Maria Hettlage, Speers Experte für Finanzen, entscheidend an der Gründung der Mittelbau AG beteiligt, arbeitete 1959 als Staatssekretär im bundesdeutschen Finanzministerium. Heinrich Lübke, als Ingenieur und Bauleiter am Aufbau der Heeresversuchsanstalt Peenemünde beteiligt, brachte es 1964 sogar zum Bundespräsidenten. Als seine Vergangenheit ihn einholte, stritt er wahrheitswidrig bis zum Schluß ab, am Einsatz von KZ-Häftlingen beteiligt gewesen zu sein.

Generalmajor Walter Dornberger, Verantwortlicher der Wehrmacht für das »A4«-Raketenprogramm, war von 1945 bis 1947 in Großbritannien interniert, durfte dann in die USA ausreisen, wo er zunächst bei der Air Force, dann in der Flugzeug­industrie Beschäftigung fand. Georg Rickhey, Generaldirektor der Mittelwerk GmbH, arbeitete zunächst für das US-Verteidigungsministerium. Im Dachauer »Dora«-Prozeß von 1947 war er als einziger ziviler Verantwortlicher angeklagt. Obwohl seine Gegenwart bei mindestens einer Massenhinrichtung bezeugt war, sprach das Gericht ihn aus Mangel an Beweisen frei. Zurück in den USA erklärte er, die Anklageerhebung sei Resultat der Falschaussagen von Kommunisten und russischen Agenten gewesen.

SS-Hauptsturmführer Arthur Rudolph, Betriebsdirektor der Mittelwerk GmbH, beteiligte sich in den USA unter anderem an der Entwicklung der Pershing-Rakete, ging später als leitender Mitarbeiter zur Weltraumbehörde NASA. 1982 ermittelten US-Behörden gegen ihn; um einer Verurteilung zu entgehen, kehrte er 1984 in die Bundesrepublik zurück, die ihn einbürgerte. SS-Sturmbannführer Wernher von Braun war viele Jahre lang führend in der US-amerikanischen Raketenforschung tätig, unter anderen leitete er das Apollo-Mondforschungsprogramm. Obwohl mehrere ehemalige Häftlinge seine Anwesenheit im Konzentrationslager bezeugten, stritt er dies stets ab und gerierte sich als völlig unpolitischer Wissenschaftler. Er ist bis heute Ehrendoktor zahlreicher Universitäten. Seine Beteiligung an den Verbrechen der Nazis wurde bis in die jüngere Vergangenheit hinein von US-amerikanischen Publizisten geleugnet und als Verleumdungen »des KGB, der Stasi und anderer ehemaliger Geheimdienste der Sowjetunion und des Ostblocks« bezeichnet.1

Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Mittelbau-Dora wurde 1964 von der DDR-Regierung eine Mahn- und Gedenkstätte eröffnet. In den 1990er Jahren erfolgte ein Ausbau als Museum, dem allerdings die DDR-Ausstellung weitgehend zum Opfer fiel. Seit 1995 sind die Stollen der Raketenproduktion im Kohnstein wieder zugänglich (Näheres unter: www.buchenwald.de).

Anmerkung

1 Zitiert nach Torsten Hess/Thomas A. Seidel (Hg.): Vernichtung durch Fortschritt am Beispiel der Raketenproduktion im Konzentrationslager Mittelbau. Berlin/Bonn 1995, S. 87

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/08-31/028.php