27. März 2010

Rangelei der Imperien

31. März 1905: Kaiser Wilhelm II. löst mit Besuch in Marokko eine Krise aus

Alexander Bahar

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die europäischen Großmächte die Welt im kolonialen Wettlauf längst in Einflußsphären aufgeteilt. Das Deutsche Kaiserreich, das sich im Vergleich mit seinen europäischen Nachbarn erst spät vom Agrar- zum Industriestaat gewandelt hatte, war mit entsprechender Verspätung in den Wettlauf um die Aufteilung der Welt eingetreten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts hatte Deutschland mit einer planmäßigen und gesteuerten Kolonialpolitik begonnen, um dann aber erstaunlich schnell in die weltpolitische Offensive zu gehen. Diese Aufholjagd konnte aber nicht mehr verhindern, daß sich Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien und Frankreich mit vergleichsweise kleinen und unbedeutenden Kolonialgebieten in Afrika und im Fernen Osten begnügen mußte.

Die deutschen Eliten in Wirtschaft, Politik und Militär strebten daher nach weiterem Gebietsgewinn und der Vergrößerung des eigenen Einflusses. Dabei mußte es zwangsläufig zu Konflikten mit anderen Großmächten wie Frankreich kommen. Das hatte ab 1904 mit der »friedlichen Durchdringung« Marokkos begonnen, um seinen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Einfluß kontinuierlich auszubauen.

Deutsches Reich isoliert

Ermöglicht wurde dies durch einen Ausgleich mit Großbritannien über die gemeinsame Aufteilung der afrikanischen Kolonialgebiete (8. April 1904), Grundlage der sogenannten Entente Cordiale. Dieser Freundschaftsvertrag zwischen den beiden ehemals verfeindeten Mächten gab Großbritannien u.a. freie Hand in Ägypten und dem Sudan, während er Frankreich das Recht zusprach, in Marokko »über die Ruhe zu wachen« und »bei allen Verwaltungs-, Wirtschafts-, Finanz- und Militärreformen Beistand zu leisten«. Nach einer geheimen Abmachung, die erst 1911 bekanntgegeben wurde, gingen die Vereinbarungen allerdings noch deutlich weiter. Demnach sollte u. a. Spanien ein Teil von Marokko angeboten werden. Frankreich begann daraufhin, den Maghrebstaat systematisch unter seine Kontrolle zu bringen.

Die politische Lage hatte sich dadurch mit einem Schlag verändert. Die beiden westlichen Mächte Europas hatten sich die Hand gereicht und der für Deutschlands außenpolitische Ambitionen stets günstige Umstand des englisch-französischen Gegensatzes war verschwunden. Für die politischen und geostrategischen Bestrebungen Berlins bedeutete die neue Situation einen herben Rückschlag, konterkarierte sie doch das Ziel der deutschen Außenpolitik, den – vor allem hinsichtlich des Flottenausbaus – als bedrohlich empfundenen Rivalen Großbritannien zu isolieren. In der Annäherung der beiden Mächte sah die deutsche Führung nun im Gegenteil eine für sich selbst gefährliche und isolierende Konstellation, weshalb sie nach neuen europäischen Bündnispartnern suchte. Mehrfach bemühte sich die Reichsregierung daher, Rußland, das sich im Krieg mit Japan befand, zur Errichtung eines Kontinentalbündnisses zu gewinnen – allerdings ohne Erfolg. Rußland war bereits durch den »Zweibund« vertragliche Verpflichtungen mit Frankreich eingegangen, die in Verbindung mit dem britisch-französischen Ausgleich faktisch auf eine »Einkreisung« Deutschlands hinausliefen.

Inzwischen begannen die Franzosen, ihre Abmachungen mit den Engländern durchzusetzen. Sie gingen allmählich dazu über, in Marokko eine Politik der stillen Aneignung durchzuführen, die in der Sprache der Diplomatie als »friedliche Durchdringung« bezeichnet wird. Am 3. Oktober 1904 erreichten sie eine Vereinbarung mit Spanien, dem der Hauptsache nach der Küstenstreifen im Norden Marokkos mit Ausnahme von Fez zugesprochen wurde. Dieses Vorgehen allerdings stand ebenso wie der Geheimvertrag zwischen London und Paris im Widerspruch zu der Madrider Konvention vom 3. Juli 1880. In der zwischen dem Sultan von Marokko mit dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Großbritannien, Belgien, Dänemark, Schweden, Frankreich, Italien, Spanien, der Niederlande und den USA getroffenen Vereinbarung waren die Unabhängigkeit und der Besitzstand des Maghrebstaates sowie die Rechte der dort lebenden Ausländer festgelegt worden.

Frankreich herausgefordert

Zur gleichen Zeit hatten Deutschland und Marokko ein Handelsabkommen geschlossen. Zu den in Madrid getroffenen Abmachungen gehörte insbesondere, daß kein einzelnes Land ohne die Zustimmung der übrigen die internationalen Verträge brechen dürfe. In Berlin fühlte man sich vom Verhalten Frankreichs übergangen, das mit dem Beistand Großbritanniens seinen Einfluß nach Belieben ausdehnte. Die deutsche Führung ging nun dazu über, unmittelbaren Druck auf Frankreich auszuüben, indem man auf die Einhaltung des Madrider Abkommens pochte sowie die Sicherung deutscher Wirtschaftsinteressen hinsichtlich der Eisenerzgebiete Südmarokkos verlangte. Ziel dieser Politik war es, Frankreich aus dem Bündnis mit Großbritannien zu lösen. Die Marokko-Frage sollte nach dem Willen Berlins auf einer einzuberufenden internationalen Konferenz geregelt werden.

Gleichzeitig entschloß man sich zu einer weithin sichtbaren Geste des Protestes: Nach anfänglicher Weigerung gab Kaiser Wilhelm II. Ende März 1905 dem Drängen von Reichskanzler Fürst von Bülow nach und stattete anläßlich einer Reise ins Mittelmeer dem Sultan von Marokko einen Staatsbesuch ab, der diesen diplomatisch aufwerten und die Unabhängigkeit Marokkos unterstreichen sollte. Am 31. März traf der Kaiser mit dem Dampfer »Hamburg« in Tanger ein. Der würdevoll empfangene Monarch sagte mit deutlicher Spitze gegen Frankreich, er hoffe, daß unter der Herrschaft des Sultans »ein freies, souveränes Marokko der friedlichen Konkurrenz aller Mächte geöffnet« werde. Öffentlich brachte er außerdem den Wunsch nach »Handel auf dem Boden der Gleichberechtigung« zum Ausdruck.

Damit demonstrierte Wilhelm II., daß Frankreich nur mit Einbindung des deutschen Kaiserreichs seine Interessen in Nordafrika verfolgen könne. Das brüskierte Frankreich bot den Deutschen daraufhin im Mai 1905 eine bilaterale Beilegung der kolonialen Streitigkeiten nach dem Muster der Entente Cordiale an. Deutschland hielt aber starrsinnig an seiner Forderung nach der Einberufung einer internationalen Konferenz zur Marokko-Frage fest, die schließlich im Januar 1906 im spanischen Algeciras unter Beteiligung der Vertragsstaaten der Madrider Konvention sowie Rußland stattfand.

Die Reichsführung hatte allerdings den britisch-französischen Zusammenhalt und den großen Einfluß beider Länder auf die anderen Konferenzteilnehmer unterschätzt. Nur Deutschland, Österreich-Ungarn und Marokko selbst forderten eine vollständige Internationalisierung Marokkos. Ergebnis der langwierigen Verhandlungen war die am 7. April 1906 unterzeichnete »Algeciras-Akte«. Sie garantierte zwar Handelsfreiheit, sah aber die Schaffung internationaler Institutionen zur Kontrolle Marokkos vor, in denen Frankreich – sehr zum Verdruß Deutschlands– besonders stark repräsentiert war. Frankreich setzte u. a. durch, daß die marokkanische Polizei französischen und spanischen Offizieren unterstellt wurde.

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