22. Juni 2012

»Rathenau liegt…«

Von der Reaktion als »Erfüllungspolitiker« denunziert: Walther Rathenau (geboren am 29. September 1867 in Berlin, ermordet am 24. Juni 1922 ebenda) - Quelle: Wikipedia

24. Juni 1922: Der deutsche Außenminister wird ermordet

Manfred Weißbecker

Politische Morde – man könnte sie als ein besonderes, leider oft in Erscheinung tretendes Markenzeichen (un)menschlicher Geschichte bezeichnen. Ihre lange Reihe begann nicht erst mit dem Dolchstoß des Brutus gegen Caesar und wird wohl auch nicht mit ähnlichen Verbrechen aus jüngster Zeit beendet sein. Zu den bekanntesten Opfern solcher Art von Terrorismus gehörten im 20. Jahrhundert Erzherzog Franz Ferdinand, Engelbert Dollfuß, Patrice Lumumba, Mahatma Gandhi, John F. Kennedy, Martin Luther King und Itzhak Rabin.

Die deutsche Vergangenheit kennt allerdings eine Zeit, in der mörderische Attentate auf einzelne Persönlichkeiten nahezu zum Alltag gehörten. Unmittelbar nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution, aus der die Weimarer Republik hervorging, fanden u.a. Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner, Leo Jogiches, Karl Gareis und Matthias Erzberger den Tod durch Mörderhand. Anschläge, die nicht tödlich endeten, wurden auf Philipp Scheidemann, Maximilian Hardenberg u.a.m. verübt. Für diese Zeit ist alles vom Heidelberger Mathematiker Emil Gumbel (siehe jW vom 18./19.6.2011) akribisch erfaßt worden, in Statistiken dargestellt, die zugleich Aufschluß darüber bieten, von welchen Kräften die meisten Untaten verübt worden sind. Gerichtet waren diese in der Regel gegen führende Männer der deutschen Arbeiterbewegung und ebenso gegen bürgerliche Befürworter einer parlamentarisch-demokratischen Verfaßtheit der Weimarer Republik.

Aus der Fülle an politischen Morden jener Zeit ragt einer heraus – verübt am Reichsaußenminister Walther Rathenau. Die Untat vom 24. Juni 1922 steht zwar in einer Reihe mit allen anderen, sie war jedoch in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich und folgenreich. Dies sowohl wegen der Ziele, die mit ihr erreicht werden sollten, als auch wegen des riesigen Ausmaßes der Proteste, die sie auslöste. In deren Ergebnis unternahmen Regierende einige Versuche, die Weimarer Republik mit Hilfe eines Schutzgesetzes und mit Verboten völkisch-faschistischer Organisationen vor der Zerstörung zu bewahren.

Haßerfüllt

Walther Rathenau wurde gehaßt wie kaum ein anderer bürgerlicher Politiker, vergleichbar darin allenfalls mit dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, den zwei junge Mitglieder der Organisation Consul am 26. August 1921 im Schwarzwald umbrachten (siehe jW vom 25.8.2011). Schon lange zuvor hatte sich der Unterzeichner des Waffenstillstandes vom 11. November 1918 und spätere Reichsfinanzminister im Visier reaktionärer Kreise befunden. So erging es auch Rathenau: Keine Unterstellung schien verächtlich und kein Schimpfwort grell genug. Man scheute keine Mühe, ihn zu verunglimpfen und zu diffamieren. Schmähschriften kursierten zuhauf. Widerwärtig reimte man von ihm als einer »gottverfluchten Judensau«. Seit 1919 verbreitete einer der schlimmsten Judenhasser und Verfasser eines oftmals aufgelegten antisemitischen »Handbuches«, Theodor Fritsch, eine Broschüre mit dem provozierenden Titel »Anti-Rathenau«. Deutschvölkische Haßprediger nannten Rathenau einen »Fremdling aus Judaan«, die konservative Deutsche Tageszeitung meinte, er sei ein »Landesverderber«. Ernst von Borsig titulierte ihn als einen opportunistischen »Affen der Revolution«. Viele Seiten wären zu füllen allein mit der Aufzählung ähnlicher Suaden.

Der 1867 in Berlin geborene und vielseitig begabte Walther Rathenau war zunächst in die Fußstapfen seines Vaters getreten, eines deutsch-jüdischen Fabrikbesitzers, der 1887 die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) gegründet hatte. In die Leitung eines der bedeutendsten deutschen Elektro-Unternehmens stieg der Sohn kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein. Doch nicht nur als einer der einflußreichsten Wirtschaftsführer war er in Erscheinung getreten, sondern auch als Schriftsteller. Bekannt wurde er u.a. mit dem Aufsatz »Höre, Israel!« (1907), mit den Büchern »Impressionen« (1902), »Reflexionen« (1908) und »Zur Kritik der Zeit« (1912). Ferner erschienen »Zur Mechanik des Geistes« (1913) und »Von kommenden Dingen« (1917). Letzteres sollte sein wohl wirksamstes literarisches Werk unter all den Arbeiten werden, in denen er sich mit wirtschaftlichen, sozialen, philosophischen und kulturkritischen Themen befaßte. Nicht zuletzt verarbeitete er darin Erfahrungen, die er in den ersten Jahren des Krieges als Leiter des Kriegsrohstoffamtes im preußischen Kriegsministerium mit der Begrenztheit privatwirtschaftlichen Handelns hatte sammeln können. An Kenntnissen, Geistesgröße und Weitsicht anderen überlegen zu sein – allein das machte ihn für viele verdächtig und hassenswert.

In der Revolutionszeit gehörte Walther Rathenau zu den Mitbegründern der Deutschen Demokratischen Partei, die – in einer Koalition mit den Sozialdemokraten und der großbürgerlich-katholischen Zentrumspartei – wesentlich zu Bildung und Formung der Weimarer Republik beitrug. Als im März 1920 der Kapp-Lüttwitz-Putsch das Land erschütterte und rasch am machtvollen Widerstand der Massen scheiterte, zog es ihn in vordere Reihen politischer Ämter. Im April 1920 wurde er als Wirtschaftsfachberater in die Zweite Sozialisierungskommission berufen, die den revolutionären Bemühungen der Arbeiterbewegung den Wind aus den Segeln nehmen sollte und nach neuen Formen des kapitalistischen Wirtschaftens suchte. Hier geriet er mitten in die Auseinandersetzungen hinein, die das politische Leben der Weimarer Republik beherrschten und prägten. Sein Eintreten für eine Rohstoffbewirtschaftung – von manchen furchtsam als Wirtschaftsdiktatur bewertet oder gar als kommunistisch verpönt – und insbesondere die angeblich einen Ausverkauf Deutschlands bewirkende »Erfüllungspolitik« gegenüber den Reparationsforderungen der Siegermächte ließen ihn immer stärker ins Visier nationalistisch-konservativer und völkisch-faschistischer Kreise geraten. Deren haßerfülltes Machtstreben machte vor Gewalteinsatz aller Art, vor Terrorismus und politischem Mord keinen Halt.

Reichskanzler Joseph Wirth, ein liberaler Zentrumsmann, holte 1921 Rathenau in das Wiederaufbauministerium. Dieses zeichnete verantwortlich für die Koordination und Abwicklung wesentlicher Bestimmungen des Versailler Vertrages. Da ging es um die Reparationsleistungen an die Alliierten, um einen Forderungs- und Schuldenausgleich gegenüber den Siegerstaaten und um die Entschädigungen für Auslandsdeutsche. Die ausgesprochen harten Bedingungen der Siegermächte zu erfüllen, sah sich ein Teil der Herrschenden gezwungen, wenngleich in der Erwartung, über deren Verringerung Schritt für Schritt mit den Westmächten verhandeln zu können. Die zugleich erhoffte Klassensolidarität mit der englischen und französischen Bourgeoisie ließ sich in ihrer Argumentation erkennen, eine allzu große Not in Deutschland würde nicht nur hier die Tür und Tor für den »Bolschewismus« öffnen …

Chef des Auswärtigen Amtes

Als sich die deutsche Regierung auf die Konferenz von Genua vorbereitete, die das Konzept einer wirtschaftlichen Genesung Europas entsprechend britischer und französischer Vorstellungen erarbeiten und beschließen sollte, übernahm Rathenau im Januar 1922 das Amt des Reichs­außenministers. Deutschnationale und andere rechte Blätter spuckten wiederum Gift und Galle. Für die stockkonservative Deutsche Zeitung bedeutete Rathenaus Regierungsfunktion den »Beginn einer unumschränkten Herrschaft der Kreise, die wir für die Todfeinde bewußten und aufrechten Deutschtums ansehen müssen«. Es sollten, so hieß es, doch besser »deutsche Männer« die deutschen Interessen in Genua vertreten. Mehr als zehn reaktionäre Organisationen veröffentlichten in München eine »Entschließung« gegen Rathe­naus Ernennung. Die Zahl der Morddrohungen, die ihn auf unterschiedlichen Wegen erreichten, nahm enorm zu, weniger hingegen der polizeiliche Schutz, der den Ministern zustand, zumal ihn Rathenau für sich verboten hatte und sich ihm oft entzog. »Vorsicht ist zwecklos. Das sind Dinge des Schicksals«, soll er geäußert haben.

Als Außenminister unterzeichnete Rathenau am 16. April 1922 in Rapallo den Vertrag zwischen Deutschland und der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (siehe jW-Thema vom 14./15.4.2012). Er tat dies im Grunde widerwillig und in Sorge, die Westmächte damit allzu sehr zu verärgern. Dennoch bleibt seitdem gerade sein Name mit dem Rapallo-Vertrag verbunden, ja er wird auch heute noch als Repräsentant einer unentschiedenen, oftmals zu rußlandfreundlichen deutschen Außenpolitik betrachtet; erst am 31. Mai meinte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk (anläßlich einer Auszeichnung durch die Walther-Rathenau-Stiftung, bei der Kanzlerin Merkel den damaligen deutschen Außenminister als einen nüchternen Visionär und Vernunftrepublikaner pries), Rathenau habe mit dem Abkommen von Rapallo ein »verheerendes Signal in Richtung Mitteleuropa« gesandt. Im Deutschland des Jahres 1922 hatte allerdings der mit Sowjetrußland geschlossene Vertrag für die ausgesprochen rechtsorientierten und gewaltbereiten Kreise gleichsam der letzte Tropfen das Faß zum Überlaufen gebracht: Massiv setzten schon im Vorfeld, erst recht danach wieder regelrechte Kampagnen gegen Rathenau ein. Und erneut trat Karl Helfferich in Erscheinung, jener deutschnationale Spitzenpolitiker also, der mit seinen Haßtiraden bereits große Schuld an der Ermordung Erzbergers auf sich geladen hatte. Einen Tag vor dem Attentat gegen Rathenau geiferte er im Reichstag, der Außenminister sei die Ursache des allgemeinen Notstandes der Bevölkerung. Seine Tiraden gipfelten in der Forderung, Rathenau müsse angeklagt und vor ein Gericht gestellt werden.

Es waren nicht zuletzt diese gehässigen und feindseligen Kampagnen, die in den völkisch-radikalen und frühfaschistischen Verbänden alle moralischen Schwellen sinken und Mord als völlig berechtigt ansehen ließen. Bald entstanden konkrete Pläne für einen Anschlag auf Rathenau. Doch weshalb er? Weshalb nicht Wirth oder andere aus den Reihen der bekannten »Erfüllungspolitiker«? Warum werde gerade ich so gehaßt, fragte Rathenau einen ihm nahestehenden Bekannten. Weil er ein Jude sei, antwortete dieser. Auch manche Historiker führen diesen Mord darauf zurück. Doch es handelte sich wohl eher um ein Zerrbild vom Juden, das seine politischen Gegner zimmerten, um ihre eigenen Ziele erreichen zu können. In diesem Bild ließen sich alle anderen Feindbilder zusammenfassen, die es unter den deutschen Rechtskräften aller Richtungen gegeben hat: Rathenau wurde als Repräsentant der ungeliebten republikanischen Verhältnisse gesehen, als einer, in dem sich das »System« von Weimar zu verkörpern schien. Ihm kreidete man alle Schwächen, alle Mißerfolge und Wirkungen der sogenannten Erfüllungspolitik gegenüber den Reparationsforderungen der Siegermächte an. Sein Name stand unter dem Vertrag, der während der europäischen Wirtschaftskonferenz von Genua in Rapallo geschlossen worden war – mit den Russen, mit Verfechtern eines als jüdisch-bolschewistisch verfemten neuen Gesellschaftssystems. Im Bild vom Juden kam alles unter, was zu bekämpfen – mit welchen Mitteln auch immer – für berechtigt gehalten worden ist.

Einzeltäter ohne Drahtzieher?

Am 24. Juni 1922 schlugen die Täter zu, nachdem sie zuvor die Gewohnheiten des Außenministers sorgfältig erkundet hatten. Der bestieg 15 Minuten vor elf Uhr den Wagen, ein Kabriolett ohne Verdeck, das ihn von seinem Wohnhaus in das Auswärtige Amt bringen sollte. Zehn Minuten darauf war er tot. Ein anderes Auto hatte das Gefährt des Ministers in einer Kurve überholt. Der Ort war günstig gewählt – die Kreuzung an der Grunewalder Königsallee zwang zu langsamer Fahrt, und sie bot Fluchtmöglichkeiten in unterschiedliche Richtungen. Aus einer Maschinenpistole gaben die Mörder acht, neun oder zehn Schüsse ab und warfen zusätzlich eine Handgranate. Fünf Patronen trafen das Opfer, doch tödlich war bereits die erste, die seinen Rücken durchbohrte. Eine Frau eilte herbei, zufällig eine Krankenschwester, doch auch sie konnte ihn nicht mehr retten. In ihren Armen verschied Rathenau. Das Auto der Mörder jagte davon. Sie blieben unerkannt und entkamen – jedenfalls zunächst. Ihre Meldung an einen der Mitverschworenen lautete: »Die Sache hat geklappt. Rathenau liegt.«

Schon in den ersten Mitteilungen und Stellungnahmen wurden Stimmen laut, die das Attentat als von langer Hand vorbereit bezeichneten. Rasch vermutete man die Urheber in der Organisation Consul. Tatsächlich wurden vier ihrer Mitglieder in den darauffolgenden Tagen verhaftet; im Grunde ins Blaue hinein, auch um die erregte Öffentlichkeit zu beruhigen. Erst am 29. Juni konnte Ernst Werner Techow, der die Täter Erwin Kern und Hermann Fischer chauffiert und dafür 1000 Mark zur Erstattung seiner Auslagen erhalten hatte, in der Nähe von Frankfurt/Oder festgenommen werden. Innerhalb von 14 Tagen stand dann die Identität fast aller an der Tat Beteiligten fest; es hatte sich für die Kriminalpolizei ausgezahlt, ihre Ermittlungen auf die Organisation Consul und deren Umfeld zu konzentrieren.

Nur die Mörder selbst befanden sich noch auf freiem Fuß. Erst am 17. Juli, eher zufällig denn durch systematische Fahndung, wurden sie auf der Burg Saaleck in der Nähe von Naumburg aufgespürt. Die Beamten konnten hören, wie diese von der Spitze des Turmes zwei Leipziger Studenten (Spaziergänger?) zuriefen, sie mögen doch bitte Kapitän Ehrhardt, den Chef der Organisation Consul, Grüße von ihnen ausrichten und übermitteln, daß sie für ihre Ideale zu sterben wüßten und auf ihre Nachfolger hoffen würden. Bei einem kurzen Feuergefecht wurde Kern tödlich getroffen. Dies erkennend, nahm sich Fischer selbst das Leben.

Zwischen dem 3. und 14. Oktober 1922 wurden 13 Angeklagte des Mordes bzw. der Beihilfe zum Mord sowie der Nichtanzeige eines geplanten Verbrechens beschuldigt. Die Anklageschrift klammerte allerdings von vornherein die Organisation Consul aus und beschränkte sich auf eine Darstellung der Tatvorbereitungen. Der Oberreichsanwalt wollte ursprünglich sogar mit der Feststellung beginnen, dieser Geheimbund sei »als solcher« nicht beteiligt gewesen, was nur dank einer Intervention des Reichsjustizministers Gustav Radbruch verhindert wurde. Dieser argumentierte überzeugend, es sei doch »die schnelle Anknüpfung von Beziehungen zwischen bisher miteinander unbekannten Beteiligten der Tat« nicht verständlich. Dafür müsse es eine »Vertrautheit über geheimste Vorhaben« und die dem zugrundeliegende »Organisation und Treue- und Verschwiegenheitspflicht« gegeben haben. Da einige der beteiligten Richter dafür bekannt waren, auf dem Boden der Republik zu stehen, stellten die Verteidiger als erstes einen Befangenheitsantrag gegen sie, allerdings vergebens. Ungeprüft blieb die Frage, woher die Mittel gekommen sind, mit denen das Unternehmen finanziert worden war. Das Verfahren wurde außerdem geteilt – das Reichsgericht bearbeitete lediglich die Anklagen gegen einzelne Mitglieder der Organisation Consul, das wegen »Geheimbündelei« schwebende Verfahren wurde dem bayerischen Landgericht übertragen.

Die Angeklagten unternahmen ebenfalls alles, um ihre geheime Terror- und Femeorganisa­tion außen vor zu lassen. Dessen Chef, Korvettenkapitän a.D. Hermann Ehrhardt, wurde erst am 30. November 1922 verhaftet, konnte aber im Juli des folgenden Jahres aus dem Leipziger Untersuchungsgefängnis fliehen; das Netzwerk des Geheimbundes funktionierte weiter, auch trotz der offiziell am 2. Dezember 1923 erfolgten Selbstauf­lösung. Nicht nur die aktive Teilnahme mehrerer Mitglieder dieses Bundes am Hitler-Putsch belegt seine nicht unerhebliche Unterstützung für die Formierung des Frühfaschismus in Deutschland. Als Techow am 7. Januar 1930 aus der Haft entlassen wurde, empfingen ihn Spielleute der Nazipartei vor dem Gefängnistor mit schmetternder Marschmusik. Der Rathenau-Biograph Helmut M. Böttcher sah im Toten vom 24. Juni 1922 das »erste Opfer des Dritten Reiches«.

Massenprotest

Millionen Deutsche, kaum daß sich die schockierende Nachricht von der Ermordung Rathenaus verbreitet hatte, verliehen ihrer Empörung lautstarken Ausdruck, übereinstimmend im Protest und in den Forderungen nach einer strikten Verurteilung der Mörder sowie nach einem wirksamen Schutz der Republik. Am 25. Juni trat der Reichskanzler vor dem Reichstag mit einer nachdrücklichen Verurteilung des Mordes und der klaren Benennung ihrer Urheber auf. An die Adresse der Abgeordneten auf der rechten Seite des Parlaments gerichtet, sagte Wirth: »Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunde des Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts.«

Im Berliner Lustgarten fand schon am 25. Juni die größte aller bisherigen Massendemonstrationen statt. Auch in zahlreichen anderen Städten gab es Protestveranstaltungen, zumeist friedlich. Und das trotz aufgeheizter Stimmung, die u.a. in der Parole »Bis hierher und nicht weiter!« zum Ausdruck kam. Auf dem Bundeskongreß der Freien Gewerkschaften, der am gleichen Tag in Leipzig stattfand, war es der kommunistische Delegierte Jakob Walcher, der als erster den Bundesvorstand zu energischen Aktionen aufforderte. Vom politischen Streit zwischen den proletarischen Parteien sei abzulassen – dieser Gedanke führte nach heftigen Auseinandersetzungen zur Empfehlung des Kongresses, am 27. Juni überall die Arbeit einzustellen und öffentliche Protestkundgebungen zu organisieren. Gemeinsam unterzeichneten SPD, USPD, KPD und der Afa-Bund ein Manifest mit dem wegweisenden Titel »Zur Verteidigung der Republik und der Grundrechte der Arbeitnehmerschaft«. Darin wurden Regierung und Reichstag aufgefordert, gesetzliche Maßnahmen zu fixieren und die monarchistische Agitation zu bestrafen. Alle »Behörden, einschließlich der Gerichte und der Reichswehr« sollten von »antirepublikanischen Elementen« gesäubert werden. Dem Manifest folgte drei Tage darauf ein weiterer gemeinsamer Aufruf, vor dem Beginn der parlamentarischen Verhandlungen über ein Republikschutzgesetz erneut für kurze Zeit die Arbeit niederzulegen und »in geschlossenen Massen auf Straßen und Plätzen« zu demonstrieren. Wie im März 1920 gegen den Putsch, wie nach der Ermordung von Gareis und Erzberger überwog unter den Arbeiterorganisationen der Gedanke an Zusammenarbeit und einheitliches Auftreten. Auch wenn es paradox zu sein schien, der tote Unternehmer und Minister Rathenau wurde so etwas wie eine Integrationsfigur vieler Organisationen der Arbeiterbewegung; zumindest zeitweilig und nur in punktueller Partnerschaft.

Erreicht wurde schließlich ein Gesetz zum Schutz der Republik, das eine Mehrheit des Reichstages nach heftigen Wortgefechten am 18. Juli annahm. In den Debatten der Parlamentarier waren jedoch einige der ursprünglichen Forderungen entschärft und ausgerechnet jene Bestimmungen entfernt worden, die sich ausschließlich gegen die ultrarechten Verbände gerichtet hatten. In der Handhabung und Umsetzung des Gesetzes erwiesen sich seine Grenzen. Streit entbrannte sofort über die im Gesetz festgelegte Schaffung eines Staatsgerichtshofes. Die bayerische Landesregierung – in deren Machtbereich sich die meisten der terroristischen Republikfeinde organisiert hatten und relativ frei bewegen konnten – verweigerte die Anerkennung der neuen Einrichtung. Sie setzte die Existenz ihrer Sondergerichte durch, die gegen die Arbeiterbewegung ins Leben gerufen worden waren. Und sie beauftragte mit der Durchführung des Republikschutzgesetzes ausgerechnet einen deutschnationalen Minister, also einem Mann aus jener Partei, deren Führer offen gegen Rathenau gehetzt und faktisch dessen Ermordung vorbereitet hatten.

Aus den Quellen:

Rückblickend schrieb Walther Rathenau über seine Jugendzeit:

»In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.«

Alfred Roth, Chef des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, über Rathenau (1921):

»Frankreich und das Weltjudentum sind mit ihm zufrieden. Die deutsche Not ist weiter auf dem Vormarsche. Der Strick ist gedreht, an dem wir Deutschen durch den Judaismus immer tiefer hineingeführt werden. Dank Rathenau.«

Der Historiker Lothar Gall schrieb 2005 über den Rathenau-Mord:

»Ein antinationaler Jude mit Sympathie für den Bolschewismus – dieses von rechtsradikalen Kreisen propagierte Zerrbild begleitete ihn bis zu seinem gewaltsamen Ende und motivierte die Tat seiner Mörder.«

Der Schriftsteller Arnold Zweig äußerte sich 40 Jahre nach dem Mord:

»Niemand darf vergessen, daß sich in diesen vierzig Jahren das Leichenfeld des ersten Weltkrieges in einen Leichenberg verwandelte! Die Einwohnerschaft eines Reiches von fünfzig Millionen Menschen, also etwa die ganze Deutsche Bundesrepublik, wurde als Kadaver aufgetürmt, wobei auch jener fünfeinhalb Juden gedacht werde, die Walther Rathenau durch Abstammung verwandt, ihm als Asche folgen mußten. Immer ist es der Geist der Gewalt, Abkömmling der seit Menschengedenken vergötterten Einrichtung des Krieges, dem wir diese Leichenhaufen verdanken; und wenn wir heute jenen einzelnen und Vorläufer Walther Rathenau als Helden eines Films und Fernsehspiels auf uns wirken lassen, fühlen wir uns verbunden mit der Hauptader jener vierzig Jahre, in denen die Menschheit nach Frieden suchte, statt ihn sich durch geballte Tatkraft zu erobern.«

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/06-22/001.php