28. September 2013

Reaktionäres Komplott

Deutsche Militaristen unter sich: Juncker und Industrielle stellten paramilitärischen Verbänden Mittel und Unterkunft für die Niederschlagung von ­Arbeiteraufständen zur Verfügung (Freikorps Lützow in Zossen, 1920) - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-R29338 / CC-BY-SA

Der Küstriner Putsch vom 1. Oktober 1923

Reiner Zilkenat

Berlin in den Nachmittagsstunden des 1. Oktober 1923. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht, daß in Küstrin an der Oder ein Putschversuch stattgefunden habe. Angehörige der »Schwarzen Reichswehr« unter dem Befehl des Majors a.D. Ernst Buchrucker hätten versucht, die Festung mit ihrer Garnison und die Stadt in ihre Gewalt zu bekommen sowie den Kommandanten seines Postens zu entheben.

Tatsächlich kam diese Aktion nicht überraschend. Ernstzunehmende Gerüchte über bevorstehende Putsche reaktionärer politischer Kräfte, womöglich mit aktiver Beteiligung oder zumindest unter Duldung der Reichswehr, machten seit Wochen die Runde. Dem Chef der Reichswehrführung, Generaloberst Hans von Seeckt, wurden nicht ohne Grund Absichten unterstellt, in Deutschland eine rechte Militärdiktatur aufzurichten. In Bayern breiteten sich unter der Parole »Los von Berlin!« separatistische Strömungen aus. In diese explosive innenpolitische Lage ordnete sich der Küstriner Putsch nahtlos ein. Er sollte nach dem Willen seiner Urheber als Fanal für gleichzeitige Aktionen überall in Deutschland dienen. Vor allem sollte er Ausgangspunkt für einen »Marsch auf Berlin« sein, wobei die Besetzung von Ministerien und anderen strategischen Lokalitäten sowie die Verhaftung unliebsamer Politiker exakt vorbereitet worden war.

»Wir hauen den ganzen Sauladen zusammen!« Mit diesen Worten brachte Buchrucker die vorherrschende Stimmung innerhalb der »Schwarzen Reichswehr« auf den Punkt.

Zunächst ist jedoch die Frage zu klären, worum es sich bei dieser »Schwarzen Reichswehr« handelte, wie sie entstanden war und welche Aufgaben sie erfüllen sollte.

Armee im Verborgenen

Im Versailler Vertrag von 1919 war die Stärke der Reichswehr auf lediglich 100000 Mann festgelegt worden. Von Anfang an gab es Bestrebungen, mit vielerlei Tricks diese völkerrechtlich verbindliche Bestimmung auszuhebeln. Ein probates Mittel bestand in der Organisation einer im Verborgenen existierenden Armee, deren Einheiten als »zivile Arbeitskommandos« bezeichnet wurden. Offiziell sollten diese Kommandos die »überzähligen« Waffen einsammeln und unbrauchbar machen. Tatsächlich wurden sie jedoch in Kasernen der Reichswehr stationiert und verrichteten den gleichen Dienst wie die regulären Truppen.

Darüber hinaus waren paramilitärische Einheiten auf Gütern adliger Großgrundbesitzer in Brandenburg, Pommern, Mecklenburg, Ostpreußen und Schlesien getarnt untergebracht worden. Die finanziellen Mittel stellten zumeist die Unterschlupf gewährenden Junker und vereinzelt Industrielle zur Verfügung. Das Kommando übten ehemalige Frontoffiziere aus. Waffen und Ausrüstungen – darunter Maschinengewehre und sogar Geschütze – stammten aus den Arsenalen der Reichswehr, die offiziell jede Unterstützung dieser Truppenteile leugnete. In Wäldern, aber auch auf Übungsplätzen der Reichswehr, wurden Manöver abgehalten. Großangelegte Waffenverstecke befanden sich an schwer zugänglichen Orten.

Viele Fäden liefen in der Kurfürstenstraße 63 in Berlin zusammen, wo der Oberleutnant a.D. Paul Schulz im Auftrag der regulären Reichswehr die »Arbeitskommandos« organisierte und – so ganz nebenbei – offensichtlich auch den »Mordkommandos« befahl, welche »Verräter« zu exekutieren seien.

Die Existenzberechtigung der »Schwarzen Reichswehr« bestand nicht nur darin, im Falle eines erneuten Krieges, zum Beispiel mit Polen, die Reihen der regulären Reichswehr aufzufüllen. Vielmehr sollte diese Truppe vorrangig als Instrument gegen alle revolutionären Kräfte, unter Umständen auch als militärische Speerspitze gegen die sozialdemokratisch geführte Regierung in Preußen, eingesetzt werden. Einschlägige Erfahrungen hatten die meisten Angehörigen der »Schwarzen Reichswehr« als Freikorpssoldaten gesammelt. Ihr Weltbild war strikt antidemokratisch, antisozialistisch und antisemitisch geprägt.

Major Buchrucker

Der Initiator des Putsches, Major Buchrucker, hatte im Verlauf seiner militärischen Karriere reichhaltige Erfahrungen sammeln können. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte er zeitweilig dem Großen Generalstab angehört, fand Verwendung als Kompaniechef und diente während des Krieges in verschiedenen Stäben. 1919 war er als Bataillonskommandeur im Freikorps des Grafen Siegfried zu Eulenburg an den Kämpfen gegen die Rote Armee im Baltikum beteiligt. Im Jahr darauf unterstützte er als Reichswehrkommandeur in Cottbus den Kapp-Putsch, wofür er für kurze Zeit aus der Reichswehr entlassen wurde. Im gleichen Jahr wurde er jedoch als »Zivilangestellter« dem für Berlin und Brandenburg zuständigen Wehrkreiskommando zugeteilt.

Gemeinsam mit Paul Schulz organisierte Buchrucker die »zivilen Arbeitskommandos« und sorgte vor allem für die militärische Ausbildung der insgesamt 20000 Mann starken Truppe. Doch Buchrucker wollte mehr. Da ihm die Zahl der zu verpflichtenden Männer als zu gering erschien, warb er darüber hinaus weitere Angehörige für die »Schwarze Reichswehr«. Als Begründung gab er an, daß er in Kürze einen »Kommunistenaufstand« erwarte, für dessen Niederschlagung zusätzliche Soldaten nötig seien. Die Konsequenzen bestanden in seiner Entlassung und in der Ausstellung eines gegen ihn gerichteten Haftbefehls, von dessen Existenz er am Vorabend des Putsches erfuhr.

Das Verhalten Buchruckers war keineswegs untypisch. Denn die Männer der »Schwarzen Reichswehr« waren sehr schwer von den Befehlshabern der regulären Reichswehr zu kontrollieren. Im Gegensatz zu den Reichswehroffizieren waren sie nicht gewillt, aus taktischen Erwägungen gelegentlich Rücksicht auf politische Autoritäten zu nehmen oder langfristig angelegten Planungen zu folgen. Statt dessen herrschte die Auffassung vor, Politik »auf eigene Rechnung« und ohne jede Rücksichtnahme auf politische Kräfteverhältnisse machen zu können.

Buchrucker löste am 1. Oktober 1923 den Putsch in dilettantischer Weise aus, da er es offensichtlich versäumt hatte, sich einen Rückhalt beim Offizierskorps der in der Festung liegenden Truppen zu verschaffen. Die Befehlshaber in Küstrin weigerten sich schließlich, seinen Anordnungen Folge zu leisten, führten Einheiten aus umliegenden Garnisonen heran und ließen das Unternehmen somit kläglich scheitern.

Und dennoch wurde schon am 1. Oktober die Frage gestellt: War der Küstriner Putsch Bestandteil eines größer angelegten Putschprojektes? Hatte Buchrucker seine Aktion lediglich zu früh und zu schlecht vorbereitet ausgelöst? Vieles spricht für diese Annahme. Aber weder aus Buchruckers Aussagen beim gegen ihn geführten Prozeß vor dem Cottbuser Landgericht noch aus den erhalten gebliebenen Dokumenten läßt sich bislang ein in diesem Sinne schlüssiger Beweis ziehen.

Neue Strategien nötig

Dem Küstriner Putsch folgten einen Monat später die tagelangen antisemitischen Pogrome im Berliner Scheunenviertel und der Hitler-Ludendorf-Putsch in München. Doch mit der Überwindung der Hyperinflation (siehe jW-Thema vom 30. Juli 2013) und der daraus folgenden Stabilisierung der ökonomischen Verhältnisse schienen die Zeiten für einen gewaltsamen Umsturz von rechts vorbei zu sein. Die reaktionären politischen Kräfte, unter denen die Hitlerfaschisten allmählich einen immer größeren Einfluß gewannen, mußten umdenken und neue politische Strategien entwickeln. Dabei erwiesen sich letztlich die Nazis am erfolgreichsten.

Gefragt waren jetzt nicht länger schlecht vorbereitete und isoliert durchgeführte Putsche, sondern es ging den maßgeblichen Kräften in der Monopolbourgeoisie vor allem darum, die Massenbewegungen der Arbeiterbewegung mit eigenständigen Massenbewegungen wirkungsvoll zu bekämpfen. Hierbei waren zum einen Handlungen nötig, wie sie gewöhnlich von bürgerlichen Parteien praktiziert wurden: die Teilnahme an Parlamentswahlen, die Beteiligung an bürgerlichen Koalitionsregierungen, der »Legalitätseid« Hitlers auf die Weimarer Verfassung, die Infiltration von Vereinen und Verbänden, aber auch die Gewinnung von Einfluß innerhalb der protestantischen Kirche. Nötig war ferner die Entfaltung von schrankenloser sozialer Demagogie, um ideologische und politische Einbrüche in die Arbeiterklasse und das Kleinbürgertum erzielen zu können.

Flankiert wurde all das durch das Bemühen der ökonomisch Herrschenden, die noch vorhandenen Errungenschaften der Novemberrevolution sukzessive zu zerstören. Und der Terror? Er wurde zielgerichtet eingesetzt, um die »roten Kieze« in Berlin und anderen »roten Hochburgen« zu erobern.

Diese Kombination unterschiedlicher Methoden machte die neuartige Qualität dieser konterrevolutionären Strategie aus, deren Umsetzung sich mächtige Industrielle und Bankiers einiges kosten ließen. Dagegen blieb der Dilettantismus der Buchrucker und Co. eine – wenn auch gefährliche – ­Episode in der Geschichte der Weimarer Republik.

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