31. August 2013

Rechte Aktionseinheit

Signalwirkung für ganz Deutschland: 100000 ­Reaktionäre rotteten sich in Nürnberg zu einer Machtdemonstration zusammen - Fotoquelle: Bundesbildarchiv; Georg Pahl; Bild 102-00163

Der »Deutsche Tag« in Nürnberg am 1. und 2. September 1923

Reiner Zilkenat

Nürnberg am 1. September 1923, am Vorabend des »Sedantages«, der im Deutschen Kaiserreich von vielen Städten und Gemeinden als Feiertag begangen wurde. Er sollte an die Kapitulation der französischen Armee nach der Schlacht von Sedan am 2. September 1870 erinnern. »Kriegerdenkmale« wurden eingeweiht, Paraden und Umzüge veranstaltet, nationalistische Reden gehalten.

Mittlerweile waren fünf Jahre nach der Niederlage des deutschen Imperialismus im Ersten Weltkrieg vergangen, doch die Erinnerung an den »Sieg bei Sedan« wurde von rechten politischen Kräften wachgehalten, die auf eine Revision der politischen Verhältnisse im Innern und nach außen drängten. Für die aktuellen Feierlichkeiten hatten sie deshalb einen großangelegten »Deutschen Tag« in Nürnberg vorbereitet, der weit über die fränkische Stadt hinausgehend Signalwirkungen für ganz Bayern, ja für Deutschland haben sollte.

Putschpläne

Im Spätsommer des Jahres 1923 befand sich die Weimarer Republik in einer schwerwiegenden Krise. Die Inflation hatte mittlerweile schwindelerregende Ausmaße angenommen. Der Kurs für einen US-Dollar betrug Anfang September mehr als 50 Millionen Mark (siehe jW-Thema vom 30.7.2013). Nach wie vor wurde gegen die Besetzung des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen der »passive Widerstand« praktiziert. Die dringend benötigte Steinkohle sowie die Erzeugnisse der Eisen- und Stahlindustrie gelangten nicht zu den Fabrikationsstätten in den übrigen Gebieten Deutschlands. Bis zum Jahresende sollte die Arbeitslosigkeit auf über 28 Prozent steigen. Konnte die am 13. August 1923 installierte neue Reichsregierung der großen Koalition unter Gustav Stresemann (Deutsche Volkspartei) Abhilfe schaffen, in der mehrere Sozialdemokraten als Minister amtierten, darunter Rudolf Hilferding (Finanzen) und Wilhelm Sollmann (Inneres)?

Zunächst witterten nationalistische und militaristische Kräfte Morgenluft. Ihre Niederlage beim Kapp-Putsch im März 1920 hatte zu Neugruppierungen im rechten Lager geführt. Dabei spielte Bayern als sogenannte Ordnungszelle eine zentrale Rolle. Hier bildete sich eine Vielzahl von reaktionären Vereinen und Verbänden heraus, die den rücksichtslosen Kampf gegen alles propagierten, was der politischen Linken zugeschlagen wurde. Von Bayern ausgehend, sollte in Deutschland eine rechte Diktatur errichtet werden. Putsch- und Diktaturgerüchte machten die Runde. Die Vorstellung von einem »Marsch nach Berlin«, ähnlich dem »Marsch auf Rom« des italienischen Faschistenführers Benito Mussolini am 24. Oktober 1922, gewann an Zugkraft.

Welche Gruppen und Organisationen verfolgten in Bayern derartige Pläne? An erster Stelle sei der »Bund Oberland« genannt. Hervorgegangen war er aus dem gleichnamigen Freikorps, das eine wichtige Rolle bei der Zerschlagung der Münchner Räterepublik im Mai 1919 gespielt hatte. Der Bund gehörte zur »Schwarzen Reichswehr«. Dabei handelte es sich um bewaffnete Gruppen, die angesichts der Bestimmungen des Versailler Vertrages, die Deutschland nur ein 100000-Mann-Heer zubilligten, offiziell nicht zu den Formationen der Reichswehr gezählt wurden. Tatsächlich erhielten sie von dort Waffen und wurden als »Reserve« für den Fall eines Krieges bzw. eines Bürgerkrieges behandelt. Ein weiterer Verband war die paramilitärische Organisation »Kriegsflagge«. Sie agierte vor allem in Oberbayern.

Immer mehr schob sich jedoch eine Partei in den Vordergrund, die in München und mittlerweile in vielen Teilen Bayerns politischen Einfluß gewinnen konnte: Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP) unter der Führung Adolf Hitlers. Die ursprünglich im Januar 1919 als »Deutsche Arbeiterpartei« (DAP) gegründete Organisation war vor allem ein Kind der »Politischen Abteilung« des Münchner Reichswehrgruppenkommandos. Hauptmann Karl Mayr hatte diese Partei in der Hoffnung gründen lassen, daß sie in nennenswerter Zahl Angehörige der Arbeiterklasse durch die Verbreitung sozialer Demagogie, durch Antisemitismus und Antisozialismus an sich binden könnte. Das Konzept ging zunächst nicht auf. Doch Mayr beschäftigte als Informanten und Redner eben gerade Hitler, der auf seine Anordnung hin im September 1919 in die DAP/­NSDAP eingetreten war. »Mensch, hat der a Gosch’n, den kunnt ma braucha!« Mit diesen Worten charakterisierte der Hauptmann die Fähigkeiten des Weltkriegsgefreiten. Und tatsächlich: Hitler verstand es, als geschickter Demagoge allmählich den Aktionsradius der NSDAP zu erweitern. Im Spätsommer 1923 war er bereits eine bayerische »Lokalgröße«.

Eine weitere Organisation von Bedeutung war die »Sturmabteilung« (SA), die vom Hauptmann a.D. Hermann Göring angeführt wurde und später zur Bürgerkriegsarmee der Nazis avancierte. Daneben existierte eine Unzahl von kleinen paramilitärischen und nationalistischen Verbänden, die sich häufig spalteten, zusammenschlossen, neu konstituierten und nicht selten gegenseitig den Rang streitig machen wollten.

Der »Kampfbund«

Etwa 100000 Teilnehmer waren nach Nürnberg gekommen, um den »Deutschen Tag« zu begehen. Reichlich Prominenz hatte sich eingestellt, um der Veranstaltung einen »würdigen Rahmen« zu geben: Genannt seien nur Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern, der Großherzog Carl-Eduard von Sachsen-Coburg-Gotha, der 1920 den Kapp-Putsch unterstützte, der ehemalige Generalstabschef des kaiserlichen Heeres, General Erich Ludendorff, der Nestor des Antisemitismus und Verfasser des legendären »Antisemiten-Katechismus« Theodor Fritsch, Admiral Reinhard Scheer, ehemals Chef der kaiserlichen Hochseeflotte. Aktiven Offizieren hatte der Reichswehrminister Otto Geßler (Deutsche Demokratische Partei) die Teilnahme verboten ebenso wie dem Reichswehrkapellen die Beteiligung an den diversen Aufmärschen. Für sie sprang schließlich die Nürnberger Polizei in die Bresche. Josef Roth, ein katholischer Priester der Erzdiözese München, hielt einen Gottesdienst ab.

Das wichtigste Ergebnis des »Deutschen Tages« bestand jedoch nicht in der »Heerschau« der äußersten politischen Rechten, sondern in der Bildung des »Vaterländischen Kampfbundes«, in dem sich die NSDAP und die SA, »Reichsflagge« und »Bund Oberland« zu einem einheitlichen Block zusammenschlossen. Für den geplanten Putsch galt es, die Kräfte zu bündeln. Das Problem: Wer sollte in diesem Gebilde den politischen Takt angeben? Oberstleutnant a.D. Hermann Kriebel, ein ehemals enger Mitarbeiter Ludendorffs, wurde zum militärischen Leiter ernannt, Max-Erwin von Scheubner-Richter, ein ehemaliger Diplomat und persönlicher Freund Hitlers, amtierte als Geschäftsführer. Am 25. September wird Hitler zum politischen Leiter des »Kampfbundes« berufen. Ihm ging es besonders darum, den Einfluß altkonservativer und monarchistischer Kräfte zurückzudrängen, um innerhalb des »Kampfbundes« die Basis für »völkisches« Ideengut zu verbreitern. Eine Rückkehr zu den politischen und sozialen Verhältnissen des Kaiserreiches, die von anderen Kräften bevorzugt wurde, war aus seiner Sicht chancenlos, weil hierfür keine ausreichende Massenbasis mobilisiert werden könnte.

Quelle: »Wir wollen Kämpfer sein und Kämpfer sammeln«

Das Versailler Diktat ist das Todesurteil für Deutschland als selbständiger Staat und als Volk. Unser innerstaatliches Leben ist zersetzt von den Auswirkungen der Revolution. Revolution und Versailles stehen miteinander in untrennbarem, ursächlichem Zusammenhang. (…) Die Freiheit muß erkämpft werden durch die nationale Selbsthilfe des Volkes. Der in Weimar errichtete neudeutsche Staat kann nicht Träger der deutschen Freiheitsbewegung sein. Die Wahrung der vollen Unabhängigkeit der vaterländischen Bewegung von allen Revolutionsregierungen bildet daher eine Hauptvoraussetzung für ihren Erfolg.

Wir sind eine vaterländische Kampfbewegung, keine Partei! Wir treiben keine Parteipolitik, sondern wollen Kämpfer sein und Kämpfer sammeln. Wir bekämpfen vor allem die Schergen des äußeren Feindes, die marxistische Bewegung, die Internationale in jeder Form, das Judentum als Fäulniserreger im Völkerleben und den Pazifismus. (…)

Das Privateigentum wird als die Grundlage Werte schaffender Arbeit vom Staate anerkannt und geschützt. Enteignung durch Steuergesetze ist Mißbrauch der Staatsgewalt. (…) Aber dieses Reich wird nur von Dauer sein, wenn es getragen und geschützt wird durch eine starke bewaffnete Macht, die sich gründet auf die Wehrfähigkeit des deutschen Volkes, dem die Wehrpflicht zum Wehrrecht des freien Mannes geworden ist.

Aus: Aufruf des Vaterländischen Kampfbundes vom 2.9.1923

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