23. Dezember 2013

»Red keine Brühe!«

Friedrich Wolf (1952) - Fotoquelle: Wikipedia

Zum 125. Geburtstag des deutsch-jüdischen Schriftstellers und Arztes Friedrich Wolf (1888-–1953)

Cristina Fischer

Nichts hätte besser zum Berliner Themenjahr »Zerstörte Vielfalt« gepaßt als eine Wiederaufführung des 1933 bereits im Exil entstandenen Dramas »Professor Mamlock« von Friedrich Wolf. Es ist wohl das beste, eindringlichste Stück über den Beginn des faschistischen Terrors in Deutschland, das zugleich auf frappierende Weise die damalige Atmosphäre im Lande zwischen Fanatismus, Anpassung und Widerstand skizziert. Ein Stück voller »Action« und Leidenschaft, mit ernsten, klugen und sogar erheiternden Dialogen, wie es sich kein Theater besser wünschen könnte.

Etwa wenn die 14jährige Ruth Mamlock naiv-schwärmerisch zu einem Genossen ihres Bruders, der nach dem Reichstagsbrand mit illegalen Flugblättern unterwegs ist, sagt: »Und da meine ich, Sie müssen doch einen wunderbaren Idealismus haben, wenn Sie so für Ihre Ideen eintreten!« Darauf antwortet der kurz angebunden: »Mädel, red keine Brühe! Idealismus, das ist doch bloß, wenn’s einem nicht weh tun soll.«

Dieses Zeitstück will einfach nicht veralten. Wenn Mamlock nach dem Verrat seiner Kollegen in der Klinik wettert: »Wie? Ihr zittert, ihr wollt nicht kämpfen, ihr meint, man kann mit weichen Knien durch die Reihen der Gegner schleichen, man kann den Kampf vermeiden? Ihr täuscht euch!«, dann ist das aktuell und wird es bleiben.

Doch die deutschen Bühnen – ernsthaft verwundern wird das kaum jemanden – haben den »Mamlock« nicht inszeniert. Vermutlich reicht dafür allein die Tatsache, daß der kommunistische Widerstand in Gestalt von Mamlocks Sohn Rolf, eines »roten Studenten«, als Alternative zum Selbstmord des resignierten Vaters dargestellt wird. Dabei war diese Konstellation – konservatives Elternhaus versus radikale Jugend – in der Weimarer Republik typisch. Um so unsinniger, wenn heutige Kritiker die Figur des Rolf als »aufgesetzt«, gar als eine Konzession an KPD-Vorgaben empfinden.

Gelegentlich gezeigt wurde in diesem Jahr immerhin die hervorragende DEFA-Verfilmung von 1961, (Regie: Konrad Wolf), seit kurzem auf DVD bei Icestorm erhältlich.

Von Nietzsche zu Marx

Der 1888 in Neuwied am Rhein als Sohn des jüdischen Kaufmanns Max Wolf und dessen Frau Ida geborene Friedrich hatte sich durch eine Menge Metaphysik sowie durch handfeste Nöte und Erfahrungen hindurchzukämpfen, bevor er 1928, nicht mehr als jugendlicher »Triebtäter«, sondern als 40jähriger praktizierender Arzt und Familienvater, zur KPD stieß. Nach dem Abitur hatte er Medizin, aber auch Bildhauerei und Malerei studiert, schließlich 1912 promoviert. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Arzt an der Front, wurde dort politisch radikalisiert. Seine lange, von Nietzsche zu Marx führende und von vielen Zweifeln geprägte Suche war ihm später selbst so peinlich, daß er sie gern verkürzt darstellte.

Es ist an dieser Stelle unmöglich, sein abenteuerliches Leben zu schildern, das ihn »durch die Welt warf«, oder seine Werke aufzuzählen. Sein erstes expressionistisches Drama »Das bist du« wurde 1919 in Dresden uraufgeführt. Neben seinen berühmten Stücken wie »Cyankali« und »Die Matrosen von Cattaro« gibt es Romane, Hörspiele, Essays, Gedichte und bezaubernde Kindergeschichten (»Die Weihnachtsgans Auguste«). Die in der DDR erschienene Werkausgabe umfaßt immerhin 16 Bände. Nicht unerwähnt bleiben soll sein medizinisches Hauptwerk »Die Natur als Arzt und Helfer« von 1927, ein Wälzer, der damals in Tausenden deutschen Haushalten zu finden war.

Wolfs Engagement für Frauenrechte steht in der männlichen deutschen Literaturgeschichte ziemlich einzigartig da. Von diesem Engagement zeugt nicht nur sein Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218, der ihn sogar ins Gefängnis brachte, sondern das zeigen auch seine starken Frauengestalten. Frauen galt seine unverhohlene Bewunderung. Zuletzt schuf er noch für die DEFA eine durchaus ernsthafte Komödie um eine junge Frau, die nach dem Krieg in einem märkischen Dorf Bürgermeisterin wird (»Bürgermeister Anna«).

Kunst als Waffe

Wer Friedrich Wolfs Stil zu wenig raffiniert, »sophisticated« und »tricky« findet, dem sei gesagt, daß es dem Mann in der Tat darauf ankam, von möglichst breiten Leserkreisen verstanden zu werden. Er wollte Wirkung erzielen, nicht morgen oder übermorgen, sondern sofort.

Er selbst hatte sich seinen Weg der Erkenntnis – wie gesagt, von Nietzsche ausgehend – zu mühsam durch nebelhafte idealistische Weltinterpretationen hindurch bahnen müssen. Formal entsprachen der Bauhausstil und die Neue Sachlichkeit seinem Ideal.

In einem Aufsatz formulierte er 1921 Sätze, die bis heute Gültigkeit haben: »Der Kampf gegen das Zuviel, das ist der Kampf um den neuen Menschen! Doch solange der Kulturmensch noch Manschetten und Kragenknöpfchen ›braucht‹, solange ist an eine Vereinfachung nicht zu denken. (…) Ballast! Zentnerlast! Bedrückung durch die Objekte! (…) Nicht Produktion, sinnlos ins Uferlose, wird die Losung sein. Reduktion zum Notwendigsten!« Das galt ihm auch für die Literatur: Das Wort solle »nackt, pur, Wurzel, Signal« sein, der »Existenzkampf der Sprache (…) der bewußte Kampf zum Existenzminimum hin«. In einem Gedicht von 1928 reimte er sein berühmtes Motto: »Kunst ist nicht Dunst noch snobistisch Gegaffe, / Kunst ist Waffe!«

Dieses oft verspottete Dogma des »sozialistischen Realismus« hat er in seinem Schaffen bis zuletzt umzusetzen versucht. Tagesaktualität war ihm wichtiger als Nachruhm. So war es wohl unvermeidlich, daß einige seiner Werke nicht die Höhe des »Mamlock« erreichten und verblaßten.

Lion Feuchtwanger hat in einem Beitrag zu Wolfs 60. Geburtstag »die Einheit des Mannes und seines Werkes« gerühmt: »Es ging von ihm aus ein jugendlich revolutionäres Feuer, ein geradezu knabenhaft ungestümer Wille, die Welt aus dem, was sie ist, zu dem zu machen, was sie sein soll.«

So bedauerlich es ist, daß weder eine aktualisierte Biographie noch eine umfassende Briefausgabe dieses Schriftstellers vorliegen – es genügt, seine Bücher zu lesen, um unverzüglich von seinem Temperament, seiner Überzeugungskraft, seiner Lebensfreude und seinem Witz angesteckt zu werden.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/12-23/020.php