9. Juni 2012

Retter von Madrid

Mate Zalka (links) wenige Tage vor seinem Tod am 11. Juni 1937. Neben ihm sein Stabschef, der spätere sowjetische Armeegeneral Pawel Batow - Quelle: jW-Archiv

An der Front vor Huesca starb vor 75 Jahren der ungarische Spanienkämpfer und Divisionskommandeur der Volksarmee Mate Zalka

Peter Rau

Es hat im Spanischen Krieg 1936–1939 höchstens ein Dutzend ausländische Freiwillige gegeben, die mit der Führung einer Division des »ejercito popular«, der spanischen Volksarmee, betraut wurden. Der ungarische Schriftsteller Mate Zalka war einer von diesen wenigen. Auf der Iberischen Halbinsel kannte man ihn allerdings nur unter seinem Kampfnamen Pal Lukacz, seit er an der Spitze der XII. Internationalen Brigade im November 1936 einer der vielgerühmten Verteidiger der Hauptstadt Madrid wurde. Dabei war der damals gerade 40jährige gebürtige Ungar mit einem ganz anderen Auftrag nach Spanien entsandt worden, wie sich sein deutscher Schriftstellerkollege Ludwig Renn später an den Kampfgefährten erinnern sollte. »Ich bin hier, um den Partisanenkrieg zu organisieren. Du weißt, früher in der österreichischen Armee war ich Husaren-Rittmeister und habe dann mit den Bolschewiki gekämpft. In der Sowjetunion bin ich im Partisanenkrieg ausgebildet worden und befinde mich hier im Rang eines Generals. Man muß die Bauern endlich bewaffnen und mit ihren beweglichen Einheiten die Faschisten von hinten her angreifen oder wenigstens stören«, habe Zalka seine Mission beschrieben.

Offizier der Roten Armee

Wie Mate Zalka zu diesem Auftrag kam, ist rasch erzählt: Am 23. April 1896 als Bela Frankl in einer jüdischen Familie in Matolc nahe der Kleinstadt Mátészalka im Osten Ungarns geboren, das damals zur österreichisch dominierten k. .k.-Monarchie gehörte, kämpfte er während des Ersten Weltkrieges als Honvéd-Offizier an der italienischen und später an der russischen Front. Dabei geriet er 1916 in Ostpolen in russische Kriegsgefangenschaft und schloß sich im Jahr darauf unter dem Eindruck der Oktoberrevolution den Bolschewiki an.

1918 organisierte er unter den Kriegsgefangenen Freiwilligenverbände für den Kampf gegen die einheimische Reaktion und die ausländische Intervention. Hinter der Front gehörte er zu den Führern von Partisaneneinheiten, die erfolgreich u. a. gegen die weißgardistischen Truppen des Admirals Koltschak operierten. Dafür wurde er mit dem Rotbannerorden ausgezeichnet. Bis 1923 diente er als Offizier in verschiedenen Dienststellungen der Roten Armee, zuletzt im Rang eines Brigadekommandeurs, also Obersten, bevor er sich der Schriftstellerei zu widmen begann und erste Erzählungen vor allem über seine Kriegserlebnisse veröffentlichte. 1925 gründete er in Moskau das »Theater der Revolution« – das spätere Majakowski-Theater –, das er bis 1928 auch leitete. In der Folgezeit übernahm Mate Zalka wichtige Funktionen im ZK der KPdSU und in der Zentrale der MOPR, der Internationalen Roten Hilfe. Im Oktober 1936 wurde er schließlich als erfahrener Offizier nach Spanien entsandt.

Daß zunächst nichts aus der erwähnten Partisanenarmee wurde, hing Ludwig Renn zufolge mit der Abneigung des damaligen spanischen Ministerpräsidenten, Largo Caballero von der Sozialistischen Partei, gegenüber einer bewaffneten Bauernbewegung zusammen. Statt dessen wurde dem Ungarn die Führung der gerade formierten zweiten Internationalen Brigade übertragen, zu der zunächst das von Italienern domininierte Garibaldi-Bataillon, das deutsche Thälmann-Bataillon und ein französisch-belgisches Bataillon gehörten. An der Seite von »General Lukacz« agierten der Bulgare Karlo Lukanow als Stabschef und der Italiener Luigi Longo alias »Gallo« als Politkommissar, dessen Aufgabe im Dezember 1936 der deutsche Schriftsteller Gustav Regler übernahm. Regler hat in seinen Büchern über den spanischen Freiheitskampf »Das große Beispiel« und »Das Ohr des Malchus« »seinem« General ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt. Auch der Prawda-Korrespondent Michail Kolzow aus der Sowjetunion traf wiederholt mit Mate Zalka – diesen Namen hatte der Ungar in Erinnerung an die nahegelegene Stadt in der Heimat während der Kämpfe zur Verteidigung Sowjetrußlands angenommen – zusammen und beschrieb ihn in seinem »Spanischen Tagebuch«. Unter dem Datum des 24. November 1936 notierte er zum Beispiel über den Kommandeur der XII. Internationalen Brigade: »Sein Einfluß auf die Truppen ist gewaltig; er gehört zum Typ des väterlichen, brüderlichen Kommandeurs, tapfer, herzlich, fröhlich, frisch. Er findet für jeden einige Worte, mitunter in sehr merkwürdiger Aussprache: spanisch – französisch – deutsch – ungarisch – russisch. Doch beklagt sich niemand, daß er ihn nicht verstehe. (…) Der Verlust an Menschen erschüttert ihn. In Gegenwart anderer nimmt er sich noch zusammen, doch sobald wir zu zweit sind, stützt er den Kopf auf die Arme, seine Schultern beben, aus seinem Mund strömen Verwünschungen und Seufzer.«

Mit taktischem Geschick

Der untersetzte, stämmige Mann mit dem kleinen Oberlippenbart führte im Herbst 1936 die ihm unterstellten Bataillone umsichtig und erfolgreich in den Kämpfen zur Abwehr der faschistischen Angriffe auf Madrid und ebenso im Februar 1937 in der Schlacht am Jarama, der ersten offenen und für beide Seiten verlustreichen Feldschlacht des Krieges. Daraufhin wurde ihm das Kommando über eine der seinerzeit etwa 50 Divisionen übertragen, zu der in der Regel zwischen zwei und vier Brigaden mit jeweils maximal 2500 Kämpfern gehörten. An ihrer Spitze bewies »General Lukacz« auch in den im März folgenden Kämpfen bei Guadalajara großes taktisches Geschick, in denen der Vormarsch der Franco-Truppen und ihrer ausländischen Verbündeten Richtung Madrid endgültig gestoppt werden konnte. Immerhin fügten seine Einheiten dabei den italienischen Legionären auf der Gegenseite eine empfindliche Niederlage zu, von der sich die von Mussolini nach Spanien entsandten Truppen so rasch nicht wieder erholen sollten.

Kein Vierteljahr später bereitete er mit seinem inzwischen als 45. Divi­sion ausgewiesenen Verband vor Huesca im Aragon eine größere Offensive zur Entlastung der im Baskenland von den Faschisten bedrohten republikanischen Kämpfer vor. Zwei Tage vor Beginn der Operation unternahm er gemeinsam mit seinem Stabschef »Fritz« – das war der sowjetische Militärberater Pawel Batow – und Politkommissar Regler von der XII. Internationalen Brigade eine Inspektionsfahrt in die Umgebung der nordspanischen Provinzstadt. Dabei traf ein feindliches Artilleriegeschoß ihr Fahrzeug; Zalka wurde tödlich verwundet, seine Begleiter überlebten schwerverletzt. Bei der wenige Tage später erfolgenden feierlichen Beisetzung in Valencia erwiesen ihm gemeinsam mit Zehntausenden der spanische Ministerpräsident Juan Negrín und Vicente Rojo, der Generalstabschef der Volksarmee, die letzte Ehre.

Von Peter Rau erschien soeben: »Der Spanienkrieg 1936–1939«, PapyRossa Verlag Köln. Buchpremiere mit dem Autor am 19.6.2012 um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6, Berlin-Mitte

Quelle: Spanien nimmt Abschied von einem Helden

Michail Kolzow notierte am 11. Juni 1937 in seinem »Spanischen Tagebuch«:

»Barcelona kam um in schrecklicher Schwüle. Alles versteckte sich im Schatten. Ich bestellte einen Wagen nach Valencia. Im ›Majestic‹ traf ich Ilja Ehrenburg. Er litt unmenschlich unter der Hitze, erzählte mir, gestern habe ein republikanischer Vorstoß auf Huesca begonnen. Als Stoßgruppe diene hierbei die Division unter dem Kommando von Lukácz. Nachrichten von der Front gab es noch nicht. Wir beschlossen, zusammen zu frühstücken. Er ging irgendwohin und kehrte sofort zurück. Er war kreidebleich. ›Ein Telefonanruf‹ sagte er. ›Lukácz soll tot sein.‹ (…)

15. Juni: Man brachte Lukácz. Sein Leichnam wurde in den großen, kühlen Saal eines früheren Jesuitenseminars übergeführt, wo jetzt das Komitee des Bauernverbandes von Valencia untergebracht ist. Ein Bacchanal bunter, südlicher Blumen umtoste sein bleiches, dunkles Antlitz. Im Norden können Blumen ein gramvolles, einem Begräbnis angemessenes Aussehen annehmen. Hier schreien sie wild und leidenschaftlich vom Leben, sie widerlegen den Tod. Gegen Abend wurde er begraben. Das Meeting wurde auf der Straße abgehalten, im Zentrum der Stadt, zwischen Bahnhof und Stierkampfarera. Der Verkehr wurde behindert, die Klingelzeichen der Elektrischen und die Automobilhupen unterbrachen die Redner. Das neue Regierungshaupt Juan Negrín, der neue Generalstabschef Rojo standen am Grabe. Die Redner sprachen davon, daß der heldenhafte Antifaschist General Lukácz als unvergeßlicher Held in die Geschichte des spanischen Volkes eingehe. Eine Ehrenwache präsentierte die Gewehre. Eine unzählbare Menge hörte schweigend mit entblößten Häuptern zu.«

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