24. November 2012

Rückschlag für Hitler

Koordinierte Aktion: Englische Soldaten und griechische EDES- und ELAS-Partisanen bringen die Brücke zum Einsturz - Fotoquelle: Privat

Vor 70 Jahren zerstören Partisanen eine Eisenbahnverbindung in Griechenland

Martin Seckendorf

Am 26. November 1942 gegen ein Uhr zerrissen Gewehrfeuer, MG-Salven und explodierende Handgranaten die nächtliche Stille am Thermopylen-Paß in Mittelgriechenland. Nach einer Stunde war der Gefechtslärm abgeebbt. Danach erfolgte eine gewaltige Detonation. Ein riesiger Lichtblitz schoß in den Nachthimmel. Nach einer zweiten kleineren Explosion kehrte wieder Ruhe in das Tal ein – in diesem Moment war eine der spektakulärsten Aktionen des europäischen Widerstandes gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg erfolgreich abgeschlossen worden.

Der Angriff richtete sich gegen den Eisenbahnviadukt über den Fluß Gorgopotamos, der das Tal des Flusses auf 220 Metern Länge in einer Höhe von über 20 Metern überspannt. Der Viadukt lag in der von den Deutschen nach der Eroberung Griechenlands im April 1941 den italienischen Truppen zur Sicherung übergebenen Besatzungszone. Über die Brücke lief die einzige Eisenbahnverbindung zwischen Thessaloniki und Athen, von dort zum Hafen Piräus. Erste Schätzungen der deutschen Behörden gingen davon aus, daß der Zugverkehr etwa eine Woche unterbrochen sei. Tatsächlich fuhr am 6. Januar 1943 – nach sechs Wochen – der erste Zug wieder über die Brücke.

Die Zerstörung des Viadukts war eine Gemeinschaftsaktion von zwölf britischen Geheimdienstsoldaten und griechischen Partisanen. Die Vorbereitung der »Operation Harling«, wie die Deckbezeichnung für die Aktion lautete, begann im August 1942. Premierminister Winston Churchill war nach Kairo gereist, um mit den regional verantwortlichen britischen Militärs eine für Ende Oktober 1942 vorgesehene Großoffensive gegen die bis 80 Kilometer vor Alexandria nach Ägypten vorgedrungene Panzerarmee Afrika unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel vorzubereiten (jW vom 20.10.2012). Etwa 80 Prozent des Nachschubs für Rommel wurden über die Schiene von Thessaloniki nach Piräus gebracht und dann per Schiff oder Flugzeug nach Afrika überführt. Im 20-Minuten-Takt fuhren Züge auf der eingleisigen Strecke. Die britische Sabotageorganisation SOE erhielt den Auftrag, diese, wie deutsche Militärs meinten, »Nabelschnur« Rommels zu durchtrennen. Das Gebiet südlich Lamia bis Gravia bot sich als Ziel an, weil die Zerstörung der dortigen Viadukte wegen der tiefen Schluchten eine nachhaltige Unterbrechung der Verbindung gewährleistete.

Am 1. Oktober 1942 wurden die britischen Soldaten von Kairo aus in das besetzte Griechenland eingeflogen und mit dem Fallschirm nahe des Einsatzraumes bei Delphi abgesetzt. Mit großen Verzögerungen konnten sie mit den zwei größten Partisanenorganisationen, dem nationalistisch-bürgerlichen Bund EDES unter Oberst Napoleon Zervas und der linksgerichteten Griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS Verbindung aufnehmen und zur Mitarbeit bewegen. Das Regionalkommando der ELAS im Einsatzgebiet wurde von dem legendären Partisanenführer Aris Velouchiotis geleitet.

Die Teilnahme der Partisanen war für das Gelingen der Operation entscheidend. Vor dem Anbringen der Sprengladungen durch britische Spezialisten mußte mit infanteristischen Kräften die starke italienische Brückensicherung ausgeschaltet werden. An dieser Operation waren 150 ELAS-Soldaten und 60 Soldaten der EDES beteiligt.

Nachschub gestoppt

Die Sprengung der Brücke hatte enorme politisch-militärische Auswirkungen auf das besetzte Griechenland. Fast der gesamte Nachschub für die faschistischen Truppen in Südgriechenland und auf Kreta hing an dieser verwundbaren Strecke. Deren Bedeutung erhöhte sich ab Ende 1942 enorm. Nach der Schlacht von El Alamein und der Landung alliierter Verbände in Nord- und Westafrika Anfang November war die Befreiung Nordafrikas in kurzer Zeit absehbar. Die deutschen Militärs vermuteten, daß sich der nächste Schlag der Alliierten gegen die faschistischen Verbände in Griechenland richten werde. Griechenland wollte man zu einer Festung ausbauen. Dazu gehörte auch, daß die empfindlichen Punkte der Bahnlinie durch festungsmäßigen Ausbau gesichert werden sollten. Unsummen wurden für Befestigungsanlagen ausgegeben, die die notleidende Bevölkerung in Griechenland aufzubringen hatte.

Die Ausbeutung der Griechen wurde beträchtlich gesteigert, die allgemeine Zwangsarbeit für die Wehrmacht eingeführt. Zur Sicherung der Strecke griffen die Deutschen auf einen perfiden Trick zurück, den sie zuvor schon massenhaft in Jugoslawien angewandt hatten. Sie verpflichteten die Bewohner der an der Strecke liegenden Dörfer zu Wachdiensten an den Gleisen. Für Sabotageakte durch Partisanen sollten sie hart bestraft werden. Der Terror gegen die Zivilbevölkerung wurde allgemein verstärkt, um Ruhe, Friedhofsruhe, in der Festung Griechenland zu haben.

Für die Schlappe am Gorgopotamos machten die Deutschen in rassistischer Überheblichkeit ihre italienischen Verbündeten verantwortlich nach dem Motto: Bei uns wäre das nicht passiert. Eine Folge war, daß man eine deutschen Division und spezielle Bautrupps an die Strecke im italienischen Besatzungsgebiet verlegte, die Hoheit der Italiener in diesem Bereich außer Kraft setzte und das »schärfere« deutsche Besatzungsregime auf dieses Gebiet ausdehnte. Am 13.12.1942 heißt es im Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht, die Sicherung wesentlicher Teile der Eisenbahnstrecke sei »durch deutsche Kräfte übernommen worden«. Die Differenzen zwischen den faschistischen Partnern wurden infolge der Brückensprengung erheblich verschärft.

Viele Siegessignale

Die Nachricht über die Aktion verbreitete sich in Griechenland wie ein Lauffeuer. Den grausamen Feinden war eine schwere Schlappe beigebracht worden. Die Nachricht reihte sich in andere für die Griechen freudige Informationen ein: In der Sowjetunion hatte die Rote Armee bei Stalingrad seit dem 19. November eine der kampfstärksten deutschen Heeresgruppierungen, die 6. Armee, eingeschlossen. In Nord­afrika trieb seit dem 4. November die britische Nil-Armee die faschistischen Verbände binnen weniger Wochen Hunderte Kilometer nach Westen. Von Algerien aus marschierten seit dem 8. November fast 70000 alliierte Soldaten in den Rücken der Nazitruppen.

In Griechenland war Ende 1942 das Okkupationsregime in eine schwere Krise geraten. Durch die ungeheure Ausbeutung seit dem 6. April 1941 waren Wirtschaft und Währung kollabiert. Eine neue Hungerkatastrophe, wie Ende 1941, zeichnete sich ab. Die wirtschaftliche »Ausnutzung« Griechenlands, die angesichts der Kriegslage für die Deutschen immer wichtiger wurde, geriet ins Stocken. Die soziale Basis der Kollaborateure wurde immer schmaler.

Die Brückensprengung wirkte als Fanal. Tausende Griechen gingen zu den Partisanen. Der Bevollmächtigte des Reiches in Griechenland«, Günther Altenburg, meldete ein »bedrohliches Anschwellen der Aufstandsbewegung«. Der Zustrom erfolgte trotz antikommunistischer Propaganda und Aktionen der Briten und der immer weiter nach rechts driftenden EDES vor allem zur ELAS, die binnen weniger Monate eine militärisch effektive Partisanenarmee aufbauen konnte. Die Gräben zwischen linkem und rechtem Flügel des Widerstands wurden immer tiefer. Eine gemeinsame Aktion wie bei dem Gorgopotamos-Viadukt gab es nicht mehr.

Die »Operation Harling« im Spiegel deutscher Dokumente

Die Nachricht über die Sprengung des Viadukts erreichte noch am 26. November die militärische Führungsspitze in Deutschland. Der »Sonderbeauftragte für wirtschaftliche und finanzielle Fragen in Griechenland«, Hermann Neubacher, wies auf die große Bedeutung der Strecke Thessaloniki-Athen angesichts der durch den Vormarsch der Alliierten in Nordafrika veränderten Rolle Griechenlands im Konzept der Naziführung hin. Am 2. Dezember telegrafierte er nach Berlin: »Die Operationsbasis Griechenland war bis zur Änderung der Situation in Afrika wesentlich eine Brückenstellung für den Nachschub Kreta und Nordafrika. (…) (D)as griechische Festland (könne) (…) über kurz oder lang Gegenstand einer feindlichen Aktion werden. (…) Die Folgen der Brückensprengung von Gorgopotamos sind überaus schwerwiegend. Wiederholungen solcher Anschläge müssen die Haltbarkeit der gesamten operativen Basis einschließlich Kreta in Frage stellen.«

Am 12. Dezember forderte der stellvertretende Wehrmachtsbefehlshaber Südost, Alexander Löhr, in einem Bericht an das OKW mehr Truppen und ein »härteres« Vorgehen gegen die Bevölkerung: »Heranziehen der Bevölkerung für die Sicherung und Begehung der Bahnstrecken (…). Bei Hochgehen einer Mine, Lösen von Schienen usw. den vorher patroulierenden Zivilisten (…) unter Umständen erschießen, die in der Nähe der Überfallstelle liegenden Dörfer strafen! (…) Weitestgehende, rücksichtslose Heranziehung der Zivilbevölkerung zum Stellungsausbau.«

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