18. Mai 2013

Sang- und klanglos

Aber was ist »entartete« Musik? Die Nazis waren sich da nicht einig - Fotoquelle: jW-Archiv

Die am 24. Mai 1938 eröffnete Ausstellung »Entartete Musik« war eine Pleite

Kai Köhler

Unmittelbar nach der Machtübergabe am 30. Januar 1933 begann das neue Regime in Deutschland, auch das kulturelle Leben unter seine Kontrolle zu bringen. Für den Bereich der Musik bedeutete dies, daß jüdische oder zu Juden erklärte Komponisten und Interpreten verdrängt und verfolgt wurden; daß im Bereich der Unterhaltungsmusik der als »fremdrassig«, internationalistisch und unsittlich diffamierte Jazz ebenso bekämpft wurde wie im Bereich der Ernsten Musik avantgardistische Kompositionsstile. Als undeutsch galten auch expressionistische und neusachliche Versuche, Elemente aktueller Tanzmusik wie eben des Jazz in die Kompositionen zu integrieren.

Der Sieg der Faschisten bedeutete keineswegs das Ende aller Konflikte. Ein renommierter Akteur wie der weltberühmte Komponist Richard Strauss, der 1933 der erste Präsident der neugegründeten Reichsmusikkammer wurde, mußte erst lernen, daß er von nun an auf seinen jüdischen Librettisten Stefan Zweig zu verzichten habe. Die Frage, wo die Grenze zwischen »Niggerjazz« und akzeptablem deutschen Swing verlaufe, konnte nie eindeutig beantwortet werden und führte – zumal im Zweiten Weltkrieg, als der propagandistische Bedarf nach launefördernder Unterhaltungsmusik stieg – zu Meinungsverschiedenheiten. Auch war im Einzelfall umkämpft, was volksfremde Avantgarde war und was nicht. Die »Carmina Burana« Carl Orffs etwa, der den Nazis durchaus nahestand, wurde einerseits als Affront gegen die große klassisch-romantische Tradition deutscher Musik gewertet, andererseits als vital-urtümliches Zeugnis einer gesunden Zeit.

Goebbels und Rosenberg

Solche Kontroversen dienten auch der Abgrenzung und Machtbalance zwischen den konkurrierenden Akteuren des Nazikultursystems, vor allem zwischen Goebbels’ Propagandaministerium und dem Amt Rosenberg, das für die weltanschauliche Schulung der NSDAP zuständig war. Die Differenzen waren solche der Taktik oder Resultat persönlicher Karrierenetzwerke, sie berührten aber nicht die grundsätzliche Feinderklärung.

In die Konsolidierungsphase der faschistischen Herrschaft fallen zwei Ausstellungen, die aus Sicht der Sieger Rückschau auf die zerschlagene Kultur der Weimarer Republik halten. Auf die staatliche initiierte Ausstellung »Entartete Kunst« von 1937 folgte 1938 die zur »Entarteten Musik«. Die Musikausstellung entstand aus der privaten Initiative eines Kreises um Hans Severus Ziegler, dem Intendanten des Nationaltheaters Weimar, der gleichzeitig profilierter NS-Kulturfunktionär war.

Die Musikausstellung war durch die zur »Entarteten Kunst« angeregt und wurde aus Gründen, die durch Machtverschiebungen im Bereich der Musikpolitik begründet waren, relativ kurzfristig verwirklicht. 1936 war Goebbels –nicht ohne Einwirkung Zieglers – zur Einschätzung gekommen, daß der Allgemeine Deutsche Musik-Verein, so bereitwillig er sich hatte gleichschalten lassen, doch immer noch zuviel Raum für avantgardistische Musik ließ. So wurde der ADMV aufgelöst und die Kontrolle des Propagandaministeriums über die Reichsmusikkammer verschärft.

Die ersten Reichsmusiktage als Zeichen für das Neue fanden vom 22. bis 29. Mai 1938 in Düsseldorf statt und waren auch dadurch hervorgehoben, daß sie zum 125. Geburtstag Richard Wagners begannen. Ziegler gelang es, sowohl zum Amt Rosenberg als auch zum Propagandaministerium arbeitsfähige Kontakte zu knüpfen und seine Ausstellung bei diesem herausgehobenen Anlaß zu präsentieren. Inmitten von Sinfonie- und Kammerkonzerten, von »festlicher Morgenmusik der Hitlerjugend« und einer pseudowissenschaftlichen Tagung zum Thema »Musik und Rasse« wurde die Ausstellung »Entartete Musik« am 24. Mai eröffnet.

Was aber war zu sehen? Was »entartete Kunst« gewesen sei, ließ sich leicht durch Bilder veranschaulichen. Musik hingegen ist zum Hören. Das Problem wurde einerseits gelöst, indem in Kojen Ausschnitte aus verfemten Werken zu hören gab. Andererseits waren nicht nur Fotos und Karikaturen verfolgter Musiker zusammengetragen und zahlreiche aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, die den Eindruck antideutschen Musizierens erwecken sollten. Auch der Bereich der Verbreitung von Musik war erfaßt, von positiven Zeitungskritiken zu Neuer Musik bis hin zu Zeitschriften wie Melos, die eben diesem Neuen besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

Übereifriger Leiter

Nun war Ziegler kein Musikfachmann. Seine Begleitbroschüre mit dem Titel »Entartete Musik – Eine Abrechnung« übererfüllte die ideologischen Anforderungen mit unzähligen antisemitischen und völkischen Stereotypen, doch vermochten die peinlich-ungelenken Anwendungen der Weltanschauung auf musikalische Einzelheiten nicht einmal die durchaus niedrigen Anforderungen der Zeit zu erfüllen. Goebbels, vorgewarnt, wies die Presse an, in Berichten über die Reichsmusiktage die Ausstellung nur am Rande zu nennen. Herbert Gerigk, der Rosenberg-Spezialist für Musik, berichtete in der zum NSDAP-Organ heruntergekommenen Zeitschrift Die Musik über die Düsseldorfer Veranstaltung, ohne Zieglers Ausstellung auch nur zu erwähnen.

Die Schau wurde vorzeitig am 14. Juni geschlossen, war jedoch ab März 1939 in Zieglers Wirkungsstätte Weimar zu sehen und ab Mai 1939 in Wien. In beiden Fällen allerdings war die »Entartete Musik« nur Anhängsel der erfolgreicheren Ausstellung »Entartete Kunst«.

Passiert ist keinem der beteiligten Nazis was. Ziegler flüchtete 1945 in den Westen und durfte dort als Gymnasiallehrer die Jugend beeinflussen. Heinz Drewes, als Verantwortlicher für Musik im Goebbels-Ministerium, lebte als Dozent und Musikkritiker in Nürnberg. Für viele der in der Ausstellung als »entartet« diffamierten Künstler bedeutete die Naziherrschaft das Ende ihrer Karriere.

Literaturhinweis: Hanns-Werner Heister (Hg.): »Entartete Musik« 1938. Weimar und die Ambivalenz, 2 Bände, Saarbrücken 2001

»Entartete« Musik – ein Kampfbegriff des Faschismus

Rassismus und Antisemitismus haben im deutschen Schreiben über Musik eine lange Geschichte. Bereits Richard Wagner unternahm es in »Das Judentum in der Musik« (1850), die Musik als eine deutsch-völkischen Kunst zu verklären, die vor Ausländern und besonders vor angeblich geschäftsgierigen und fremdrassigen Juden zu schützen sei.

Und auch der eigentlich biologische Begriff der »Entartung« wurde schon lange vor dem deutschen Faschismus auf Erscheinungen der Kunst bezogen. Max Nordau etwa wandte sich in seinem Buch »Entartung« (1892/93) gegen Erscheinungen von Schwäche und Übernervosität, die er durch die moderne Zivilisation hervorgerufen sah; die Musik Wagners war in Nordaus Augen eine dieser Erscheinungen.

Die antisemitisch-kulturalistische und die sozialdarwinistisch-biologistische Argumentation fanden – wenn auch nicht bruchlos – bald zusammen und wurden in Deutschland zumal nach dem Ersten Weltkrieg auf die Musik angewendet. Die »Tonkunst« als vorgeblich »deutscheste der Künste« eignete sich als Identifikationspunkt, der nach der Niederlage und in den Konflikten der Weimarer Republik einen festen Standort verhieß. Analog zu den politischen Kämpfen wurde von der Reaktion in jenen Jahren das Schlagwort vom »Musikbolschewismus« geprägt.

»Musikbolschewismus« konnte viel sein: so im Bereich der Unterhaltung der Jazz als »Negermusik« (wobei die Unterscheidung »fremdrassiger« Einflüsse von akzeptabler deutscher Tanzmusik ein Problem blieb). Im Bereich der Ernsten Musik konnten Jazz-Einflüsse (oder was dafür gehalten wurde) »Entartung« anzeigen. Der Vorwurf konnte aber auch eine schwer zugängliche, avantgardistische Kompositionsweise wie Arnold Schönbergs Zwölftontechnik treffen. »Entartung« konnte thematisch begründet werden: So mußte sich Franz Schreker die Kritik gefallen lassen, in seinen Opern pathologische Sexualität auf die Bühne gebracht zu haben; und zwar warfen ihm das dieselben Leute vor, die Wagners gewiß nicht weniger sexuell aufgeladenes Musikdrama »Tristan und Isolde« als Gipfelpunkt deutscher Kunst feierten. Außerdem konnte die Herkunft der Komponisten – Schönberg wie Schreker hatten jüdische Vorfahren – als Beweis für »Entartung« dienen.

Die Spannbreite des Begriffs »Entartete Musik« erweiterte den Kreis potentieller Opfer. Im Kulturbetrieb der Nazizeit mit ihren zahlreichen, oft konkurrierenden Akteuren ermöglichte die Widersprüchlichkeit des Konzepts es jedoch kollaborierenden Musikern, die von einer Fraktion angegriffen wurden, sich unter die Obhut einer konkurrierenden Fraktion zu flüchten. Im Verhältnis der Faschisten zu ihren Feinden und im Konflikt von Faschisten untereinander ist »Entartete Musik« keine analytische Kategorie, sondern ein Kampfbegriff.

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