22. April 2014

Scharfe Kirchenzucht

Max Weber erlebte in Chicagos Schlachthöfen mechanisierte Produktion (Foto von 1896) – lange vor Fords erstem Fließband - Fotoquelle: picture alliance/akg-images

Ein Buch über Max Weber in Amerika

Arnold Schölzel

Vom 17. August 1904 bis zum 27. November 1904 dauerte die Reise, die den Soziologen Max Weber (1864–1920) und seine Frau Marianne (1870–1954) von Heidelberg über Bremerhaven nach New York und von dort u. a. nach Chicago, Arkansas, Oklahoma, Washington D. C. und zurück führte. Der äußere Anlaß war die Weltausstellung in St. Louis, in deren Rahmen ein internationaler Wissenschaftskongreß stattfand. Der US-Politikwissenschaftler Lawrence A. Scaff hat die Stationen und die Eindrücke beider Reisender im ersten Teil seines Buches »Max Weber in Amerika« auf der Grundlage von Archivstudien und z. T. noch nicht publizierten Manuskripten akribisch nachgezeichnet. Er schildert soziale Verhältnisse, für die sich die Webers sehr interessierten, geht auf das Wissenschaftsleben in den USA jener Zeit ein und skizziert Biographisches zu den Verwandten, die das Ehepaar besuchte. Der zweite Teil des Werks greift den Doppelsinn der Wendung »in Amerika« auf und gibt penibel die Abfolge der Übersetzungen von Werken Max Webers in den USA seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder.

Das Augenmerk des Autors gilt in beiden Buchteilen ausschließlich den nachweisbaren Dokumenten. Einige von ihnen, etwa den Briefwechsel Webers mit US-Wissenschaftlern wie mit dem afroamerikanischen Philosophen und Bürgerrechtler William E. B. Du Bois (1868–1963), sind im vorzüglichen Anhang enthalten. Das macht das Buch zu einem Werk für an den Zeitumständen oder der Biographie Webers Interessierte.

Es zeigt aber auch Facetten eines Gesamtkonzepts kapitalistischer Entwicklung, die von allgemeinem Interesse sind. Weber, der die autoritäre Verfassung des deutschen Kapitalismus für problematisch hielt, sah im US-Modell Triebkräfte, die er mit ihm vereinigen wollte. So studierte er auf der Reise intensiv die Integration der zu Hunderttausenden ins Land strömenden Einwanderer, die ethnischen Spannungen unter ihnen, aber auch die mit Afroamerikanern und Ureinwohnern, und besuchte zahlreiche Gottesdienste jener Kirchen, die aus seiner Sicht eine wichtige Rolle für die Spezifik des US-Kapitalismus spielten. In Chicago, wo er die brutalen sozialen Folgen einer mechanisierten Industrieproduktion notierte, beschrieb er, daß »gerade in den Arbeitervierteln die Zahl der (von den Arbeitern selbst bezahlten) Kirchen sehr groß« sei. »Hier liegen die charakteristischen Züge amerikanischen Lebens, zugleich auch die schicksalvollsten Momente tieferer innerer Umgestaltung.« Denn »die alte scharfe methodistische Kirchenzucht« sei verblaßt. In ihr hatte Weber Druck auf den einzelnen und auf dessen Berufsethos als Kern US-kapitalistischer Dynamik ausgemacht.

Die Betonung der Verschiedenartigkeit nationaler Kapitalismen war letztlich Teil seines ideologisch motivierten Versuchs, den historischen Materialismus und dessen Deutung der kapitalistischen Produktionsweise zu entschärfen. Insofern reiste als stiller Begleiter Karl Marx mit den Webers in die USA. Was in Scaffs Buch allerdings kaum erwähnt wird.

Lawrence A. Scaff: Max Weber in Amerika. Duncker & Humblot, Berlin 2013, 375 Seiten, 39,90 Euro

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