4. September 2013

Schaulaufen in Nürnberg

Gemeinsam und nahezu gleichberechtigt: Hitler und der später auf seinen Befehl ermordete Stabschef der SA Ernst Röhm - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 146-1982-159-21A / CC-BY-SA

Vom 31. August bis zum 3. September 1933 zelebrierten die Nazis ihren »Parteitag des Sieges«. Mit dem inszenierten Spektakel sollte unter den faschistischen Anhängern Einheit hergestellt werden

Manfred Weißbecker

Eigenartig: Seit sich im 19. Jahrhundert politische Parteien formierten und im Rahmen bürgerlicher Gesellschaftsverhältnisse zu wirken begannen, fanden zahlreiche Parteikongresse bzw. Parteitage statt. Veranstaltungen also, die parlamentarisch-demokratischem Regelwerk gemäß für Programmfindung, grundsätzliche Entscheidungsprozesse und das Küren des Führungspersonals zuständig zeichnen. Indessen tauchen im Rückblick nur sehr wenige Parteitage auf, denen eine beachtenswerte historische Bedeutsamkeit zuzusprechen ist. Bei näherem Hinsehen erscheinen die meisten eher als solche, die lediglich in das politische Tagesgeschäft eingeordnet zu werden verdienen. Sie blieben ohne dauernden Wert für das reale Wirken der Parteien, erst recht für ihre Entwicklung. Das gilt auch für jene Partei des deutschen Faschismus, die sich als Arbeiterpartei ausgab und sich selbst als nationalsozialistisch bezeichnete. Gleichwohl überrascht die oftmalige Erwähnung und Darstellung der sogenannten Reichsparteitage der NSDAP. Setzten diese wirklich geschichtliche Marksteine und Zäsuren? Läßt sich ihnen tatsächlich historische Bedeutsamkeit zuschreiben? Und wenn ja, worin besteht diese? Welche Rolle spielte insbesondere der »Parteitag des Sieges«, der vom 31. August bis zum 3. September 1933 in Nürnberg stattfand?

Geht man den Fragen nach, wäre zunächst an eine allgemeine Erscheinung zu erinnern: Die Parteitage aller Parteien unterlagen (und unterliegen) stets machtvoller Regie durch die jeweiligen Führungen. Deren Rolle wiederum erwuchs (und erwächst) nicht zuletzt aus dem Wesen gesellschaftlicher Organisiertheit, aus der Tendenz zu einer Oligarchisierung sowie einer Bürokratisierung sich ausweitender, von der Basis abhebender Parteiapparate. Solche Prozesse veranlaßten bereits vor dem Ersten Weltkrieg Soziologen und Politologen zu aufschlußreichen Untersuchungen. In ihrem Ergebnis stellte beispielsweise Robert Michels 1911 fest, daß die SPD – obwohl gerade sie das Ringen um Demokratie auf ihre Fahnen geschrieben hatte – eine fortschreitende innerparteiliche Entdemokratisierung nicht bekämpfen konnte und ihre Führung offensichtlich diese auch nicht einmal bekämpfen wollte. Michels sprach in diesem Zusammenhang von den Wirkungen eines »ehernen Gesetzes der Oligarchie«, das seine Ursachen in der Parteiorganisation, im bürokratischen Apparat habe. Mit zunehmender Organisation sei »die Demokratie im Schwinden begriffen«, und die Macht der Führer wachse »im gleichen Maßstab wie die Organisation«. Und schließlich konstatierte er: »Die Organisation ist die Mutter der Herrschaft der Gewählten über die Wähler, der Beauftragten über die Arbeitgeber, der Delegierten über die Delegierenden.«1

Zelebrierter Gigantismus

Die NSDAP hob auch dies in ein äußerstes Extrem. Bereits vor dem 30. Januar 1933 hatten ihre Parteitage allenfalls etwas mit dem Namen, nicht aber mit dem Begriff zu tun. Die in ihr zur Führung Erhobenen stellten sich zur Schau und wiesen den Beteiligten die Funktion von Schaulaufenden zu. Zuvor getroffene Entscheidungen wurden, wenn überhaupt, lediglich verkündet, bejubelt und vor allem im Auftritt militarisierter Formationen präsentiert. Es dominierte die Selbstdarstellung, zumeist inhaltslos, aber salbungsvoll und sakral-theatralisch, vordergründig und gewaltverherrlichend. In dieser Hinsicht glichen sich alle Reichsparteitage, auch wenn sich die konkreten Veranstaltungskonzepte massiv erweiterten. Zwischen 1933 und 1938 nahmen sie bekanntlich gigantische Dimensionen an. Obwohl sich auch ihre jeweiligen Zielsetzungen veränderten, teilweise sogar recht deutlich, so blieben doch die grundlegenden Intentionen der Organisatoren stets erkennbar.

Was Anfang September 1933 als Reichsparteitag in Nürnberg zelebriert wurde, unterschied sich von den NSDAP-Parteitagen der vorausgegangenen Jahre. Da hatten die Nazis gegen den Staat von Weimar und gegen das Parteienwesen gezetert, generell die Republik als »System« beschimpft, dieses als von »Novemberverbrechern« geschaffen und undeutsch charakterisiert, dessen Repräsentanten »ausgerottet« werden müßten. Parteitage wurden als lästige Pflichterfüllung bewertet, nur weil es das Vereinsrecht erfordere. Anzunehmen war also nach der Errichtung des braunen Regimes, daß Abstand von solch ungeliebter Praxis genommen würde. Entsprechende Überlegungen gab es offensichtlich, der an die Macht gekommenen Partei andere Aufgaben zuzuweisen und ihre Stellung in der Gesellschaft zu ändern. Möglicherweise erklärt sich daraus der späte Beginn der Vorbereitung des Parteitages. Joseph Goebbels vertraute seinem Tagebuch erst am 29. Juli 1933 an, der Parteitag sei »beschlossen«. Aus seinen Notizen, die er unmittelbar vor dem Parteitag zu Papier brachte, gehen zudem Unsicherheit und Unzufriedenheit hervor. Immer wieder heißt es über Gespräche mit Hitler, man habe den Parteitag »durchberaten«. Robert Ley, zuständig für die Organisation des Ereignisses, sei ein unfähiger Dilettant und »seine Arbeitsfront macht uns Sorgen. Viel Marxismus« (sic!). Selbst in den späten Abendstunden des 31. August, nachdem Hitler von Nürnbergs Oberbürgermeister empfangen worden war und der Parteitag damit offiziell begonnen hatte, notiert er: »Ich fahre mit dem Führer ab. Überlegen im Hotel noch zusammen den Ritus der Kongreßeröffnung.« Mehrmals überarbeitete er seinen eigenen Vortrag, dem er den Titel »Die Rassenfrage und Weltpropaganda« gegeben hatte, weil nach seiner Auffassung die Rassenfrage im Mittelpunkt des Parteitages stehen sollte. Am 1. September heißt es indessen: »Ich schreibe meine Rede noch mal um. In der Judenfrage abgemildert. Aus außenpolitischen Gründen.«

Das Konzept des Parteitages lief jedoch grundsätzlich auf eine umfassende Selbstdarstellung des angeblich oder tatsächlich seit dem 30. Januar Geschaffenen hinaus. Alles erschien als lautstark untermalte Lobpreisung der eigenen Macht, des eigenen Erfolges sowie als Rechtfertigung des eigenen brachial-diktatorisch errichteten Herrschaftssystems. Das selbstgezeichnete Bild der neuen Verhältnisse richtete sich sowohl nach innen, in die Partei hinein, als auch nach außen, in die Reihen der übrigen deutschen Bevölkerung. Darüber hinaus galt das Ausland als Adressat diverser Signale und Botschaften, die alle besagen sollten, Deutschland sei eine »geeinte Nation«, eine wahrhaft geschlossene »Volksgemeinschaft«. Das Reich trete in neu gewonnener Stärke auf, wolle aber nichts anderes als Frieden und Verständigung. So hatte es Hitler mit taktisch motivierter Friedensrhetorik am 17. Mai im Reichstag vorgegeben. (siehe jW-Thema vom 17.5.2013)

Die NSDAP betrieb bereits 1933 einen an Gigantismus grenzenden Aufwand, den sie dennoch in den folgenden Jahren immer wieder zu übertreffen vermochte. Die veränderten Verhältnisse erlaubten ihr neue und wesentlich vergrößerte Formen der Selbstdarstellung. Die Organisatoren charterten allein 250 Sonderzüge, um zirka 400000 Parteimitglieder nach Nürnberg zu bringen. SA- und SS-Abteilungen reisten auch auf Lastwagen an, wobei auffiel, daß nur ein Bruchteil der zwei Millionen SA-Angehörigen beteiligt war. Offensichtlich deuteten sich da schon Veränderungen im Machtgefüge der Naziorganisationen an. Verwirrung hatte es sogar um die Beteiligung des Frauenbundes der Partei gegeben. Ursprünglich sollten Frauen nicht teilnehmen, dann war eine Sondertagung der NS-Frauenschaft geplant, doch die wurde eine Woche vor Nürnberg abgesagt.

Fabrikhallen, Gastwirtschaften, Schulen und ähnliche Räume dienten zur Unterbringung der nach Nürnberg gebrachten Massen. Große Lager entstanden, in denen jedes Zelt 400 und mehr Mann aufzunehmen hatte, mitunter zu Bedingungen, die allen hygienischen Vorschriften und menschlichem Miteinander Hohn sprachen. Die Versammelten hatten – in Uniformen gepreßt und ausschließlich auf Befehl – zu marschieren, frenetisch jubelnd auf Ansprachen zu reagieren und ihr Gesicht der beworbenen Idee einer deutschen Volksgemeinschaft zu leihen. Zwar hatte die Sonderausgabe des Völkischen Beobachters zum Parteitag betont, es würde nicht allein marschiert und gefeiert, sondern auch »wichtige Fragen« seien zu erörtern und zu entscheiden, doch dies fand nicht statt, wie sich in diesen Tagen zeigen sollte. Immerhin sollte also nach außen der Hauch eines Anscheins gewahrt bleiben, was Hitler aber nicht daran hinderte, auf die Zeitung der Partei »stark« zu schimpfen – wie Goebbels am 24. August niederschrieb.

Rituale und Gerede

Der eigentliche Kongreß begann am Morgen des 1. September. Zu den langatmigen Zeremonien gehörten: Ovationen für Hitler bei jeder passend erscheinenden Gelegenheit, Einmarsch des Trägers der sogenannten Blutfahne der Partei und Aufstellung hinter der Rednertribüne, Musik (es erklang die Ouvertüre zu Wagners »Meistersinger«), gemeinsamer Gesang des »Altniederländischen Dankgebetes«, rituelle Totenehrung mit dem Verlesen einer Liste mit den Namen getöteter Parteigenossen durch Ernst Röhm, Bekanntgabe einer Grußbotschaft Mussolinis. Danach durften Julius Streicher als fränkischer Gauleiter reden und Gauleiter Adolf Wagner die Proklamation Hitlers an den Parteitag vortragen. Im Text des Parteiführers wurde allerdings nur wiederholt, was seit dem 30. Januar des Jahres stets an Behauptungen über die Schädlichkeit, Verderbtheit und Anstandslosigkeit der zerschlagenen Weimarer Republik verbreitet worden war. Dem Marxismus sei endlich Einhalt geboten worden, ebenso dem »bolschewistischen Ansturm« und der Macht der Juden. Betont wurde, dies gelte als die Erfüllung einer »europäischen Mission«. Die anderen Völker, so der Sinn, hätten eigentlich dankbar zu sein, durch Deutschland gerettet worden zu sein.

Am Nachmittag wetterte Hitler in einer Veranstaltung des Kampfbundes für deutsche Kultur und kündigte an, daß es »Nichtariern« künftig in Deutschland verboten sein würde, sich künstlerisch zu betätigen. Sie würden ohnehin – im Gegensatz zu den kreativen Fähigkeiten nordischer Menschen – nicht über eigene schöpferische Talente verfügen.

Am zweiten Tag fand alles zumeist im Freien statt: Da marschierten die Politischen Leiter der NSDAP – 160000 an der Zahl – auf die Zeppelinwiese, was mehrere Stunden dauerte. Am Nachmittag versammelten sich 60000 Mitglieder der Hitlerjugend im Stadion. Erst am späten Nachmittag ging es wieder in die Kongreßhalle. Vor 15000 sogenannten Amtswaltern redete als erster Alfred Rosenberg frohlockend über das Verschwinden des Internationalismus der früheren Arbeiterparteien und über die Wiedergeburt des Nationalismus, wobei er ausführlich die angebliche Notwendigkeit einer »Rassenreinheit« der Deutschen zu begründen bemüht war. Gottfried Feder, seines Zeichens Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, und Joseph Goebbels folgten. Wieder wurde Deutschlands Rolle als Bollwerk gegen den Marxismus gepriesen: »Die Völker, die die Zweite und Dritte Internationale zulassen, beschwören für sich selbst genau die Gefahr herauf, die wir gerade gebannt haben. Die ständig zunehmende Bolschewisierung der Wirtschaft, der Politik und des Lebens in seiner Gesamtheit ist eine offene Wunde.« Am Ende des Vortrages formulierte der Propagandaminister: »Wir brauchen das Urteil der Welt im Rassenproblem nicht zu fürchten, und in der Lösung dieses Problems liegt die Zukunft unseres Volkes.«

Den Vormittag des folgenden Tages gestaltete die SA. Mehr als 150000 Mann traten in der Luitpold-Arena zu einem Appell und traditioneller Fahnenweihe an. Bekannt sind die Aufnahmen von Hitler und Röhm, die gemeinsam und nahezu gleichberechtigt durch die Reihen hin zur Tribüne schritten; bereits im Jahr darauf gab es das nicht mehr, nachdem die SA-Führung am 30. Juni enthauptet worden war. Am Nachmittag nahm Hitler auf dem Marktplatz den Vorbeimarsch der nach Nürnberg beorderten Nazis ab. Mit einer Rede Hitlers endete der Parteitag. Allerdings sorgten zwei der Nazioberen – Hitler und Hermann Göring – für eine aufschlußreiche Fortsetzung des Parteitages: Gemeinsam besuchten sie militärische Übungen der 5. Reichswehrdivision in der Nähe von Ulm, so die kommenden »Tage der Wehrmacht« als immanenten Bestandteil der Reichsparteitage vorwegnehmend.

Aufgerüstete Propaganda

Die Siegesfeiern täuschten nicht über die Tatsache hinweg, daß dem Hitler-Regime internationaler Gegenwind zu schaffen machte. Das hatte sich beispielsweise in den Protesten gegen den Boykott jüdischer Geschäfte vom 1. April gezeigt, aber auch in dem Entsetzen über Willkür und Brutalität in der Verfolgung politischer Gegner oder über die Bücherverbrennungen. Zwar gab es keinerlei wirksame diplomatische Schritte gegen Deutschland, doch sahen sich die Regierungen der westlichen Länder erheblich dem Druck der öffentlichen Meinung ausgesetzt. Das Reich hatte außenpolitisch – sieht man vom Konkordat ab, das mit dem Vatikan vereinbart werden konnte – noch nichts erreicht. Im Völkerbund standen nach wie vor Verhandlungen über Abrüstung bzw. Rüstungsbegrenzungen auf der Tagesordnung, während es den deutschen Faschisten in erster Linie um die deutsche Aufrüstung ging, um die Erfüllung jenes Programms der Kriegsvorbereitung und der Germanisierung des Ostens, das Hitler der Reichswehrgeneralität schon am dritten Tag seiner Reichskanzlerschaft erläutert hatte.

Daß die Schau von Nürnberg propagandistische Funktionen für die Öffentlichkeit zu erfüllen hatte, läßt sich am Aufwand für die »Berichterstattung« der Presse erkennen: 3000 Reporter waren registriert worden. Weitere 600 erhielten eine besondere Erlaubnis zur Teilnahme an allen Veranstaltungen. Aus dem Ausland kamen nur rund 200 Korrespondenten. Ungefähr 1000 Ehrengäste hatten eine Einladung erhalten, darunter Diplomaten, Reichstagsmitglieder, hohe Offiziere der Wehrmacht und persönliche Gäste Hitlers. In der Zusammensetzung der Gästelisten spiegelte sich nicht zuletzt auch wider, welche inneren Auseinandersetzungen und welches Machtgerangel es zwischen einzelnen Organisationen und Verbänden sowie zwischen einzelnen Naziführern gegeben hat.

Sowohl die nationalsozialistische als auch die gleichgeschaltete Presse übertrafen einander mit Lobeshymnen. Die Zeitung Der Montag schrieb, der Parteikongreß müsse als »Deutschlands wirklicher Reichstag« bewertet werden. Die Börsen­zeitung sprach davon, daß der Parteitag den »magischen Zauber der Herrenrasse« demonstriert habe. In seiner Zeitung Der Angriff stellte Goebbels die Behauptung auf, seine Partei stehe der Welt als ein durch sie vertretenes Reich gegenüber. Der Parteitagsfilm »Sieg des Glaubens« von Leni Riefenstahl wurde ab 1. Dezember in den Kinos gezeigt. 20 Millionen Zuschauer sollen ihn gesehen haben, bevor er nach dem 30. Juni 1934 in der Versenkung verschwand. Das traf auch auf die mit »Herbstparade« betitelte Publikation der SA über den Parteitag zu. In ihr war nicht einmal das Wort Reichsparteitag aufgetaucht und selbstherrlich und machtheischend über den eigenen Auftritt geschrieben worden: »ein Bild von unerhörter Einheitlichkeit und Wucht, wie es selbst die größten Paraden der alten Armee nicht zu bieten vermochten«.

Grundsätzlich Substantielles spielte in den Berichten kaum eine Rolle – nicht verwunderlich angesichts inhaltlicher Leere und inszenierter Begeisterung. Von »Kraft«, »Wille« und »Glaube« wurde getönt, eingebettet in eine zunehmend militarisierte Begrifflichkeit. Der Parteitag wurde als paramilitärische »Heerschau« gepriesen, und seine Wirkung als »Mobilisierung« für weitere Kämpfe hervorgehoben. In mancher Hinsicht, so äußerte sich Hitler später, hätten die Parteitage »wertvolle Vorbereitungsarbeit für den Krieg geleistet«.2

»Ideologische Konsensfabrik«

Dies alles gehörte zu den im Geschehen selbst sowie in den Berichten erkennbaren Zielsetzungen des mit erheblichem Aufwand betriebenen Spektakels. Aufscheinen sollte darin Entschlossenheit der Partei und sich als Verkörperung des Willes des deutschen Volkes zu präsentieren. Teilnehmer wie Beobachter sollten beeindruckt und in ihrer Haltung zum Faschismus bestärkt werden sowie sich selbst zu historischer Bedeutsamkeit erhoben fühlen. Das inszenierte Moment eines egalisierenden Handelns hatte, wie es Albert Speer nach dem Parteitag in der parteiamtlichen Zeitschrift Unser Wille und Weg formulierte, jedem einzelnen in der versammelten Gemeinschaft das Gefühl einer unbedingten Zusammengehörigkeit einzuprägen. Jeder solle »einen lebendigen Begriff von der demonstrativen Wucht« der Riesenkundgebung erhalten und stolz darauf sein, ein kleines Glied darin zu sein. Die Schlußfolgerung des danach zum Baumeister des Parteitagsgeländes Erhobenen lautete: »Dieses psychologische Element ist keinesfalls gering einzuschätzen. Gerade auf einfache Menschen wird es seine gewaltigste Wirkung haben.« Speer dürfte damit aufgenommen haben, wie Hitler in »Mein Kampf« von einer gewaltigen Wirkung des suggestiven Rausches und der Notwendigkeit von Massensuggestion geschwärmt hatte.

Die psychisch wirksame, später durch architektonische Monumentalbauten unterstützte Überwältigung des Individuums entsprach diesen Absichten. Die demonstrative Machtentfaltung hatte jeglichen Zweifel, selbst nachdenkliche Gedanken im Keim zu ersticken. Statt dessen wurde auf Prestigegewinn orientiert und die Sicherung der erreichten Stabilität des Regimes für kommende Zeiten angestrebt. Ebenso wurde eine hinreichende Legitimation für künftige Politik und für erforderlich gehaltene Maßnahmen zur Herrschaftssicherung erhofft. Durchaus zutreffend wird in der neueren Forschung über die Reichsparteitage der NSDAP von deren Funktion als einer »ideologischen Konsensfabrik« gesprochen, die in erster Linie Gemeinschaft zu konstruieren und als – letztlich doch illusionäre – Volksgemeinschaft zu zelebrieren angehalten war. Und Walter Benjamin urteilte damals, der Faschismus sehe sein Heil darin, die Massen zu ihrem Ausdruck kommen zu lassen, aber »beileibe nicht zu ihrem Recht«.

Anmerkungen

1 Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens (1911). Neu hrsg. von Werner Conze, Stuttgart 1969

2 Henry Picker: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941 - 1942. Im Auftrag des Verlages neu hrsg. von Percy Ernst Schramm, Stuttgart 1963, S. 445

Manfred Weißbecker schrieb zuletzt an dieser Stelle am 4. Februar 2013 über Hindenburgs »Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes«.

Aus den Quellen

Hitler über den Sinn nationalsozialistischer Parteitage (1926):

Es soll vermieden werden, »den Parteitag mit Fragen zu belasten, deren Entscheidung oder Klärung in einem solchen Rahmen weder möglich noch von Dauer sein würde. Das Jahr 1924 muß als Warnung in diesem Sinne und als Lehre für die Zukunft im Gedächtnis behalten werden. Damals glaubte man, eine Frage, die eben nur die Wirklichkeit beantworten kann, rein doktrinär von den Sitzplätzen eines Vereinstages aus lösen zu können. Der alte Versuch von einst, statt durch die Realitäten von Blut und Eisen das Reich durch Delegierten-Kongresse erreden zu können!«

Letzte Strophe des für den Kult um Hitler benutzten Altniederländischen Dankgebetes »Wir treten an zum Beten«:

»Wir loben Dich oben, Du Herrscher der Welten,

Und singen und klingen dem König im Licht.

Du wirst uns erhören! Singt, singt in hellen Chören:

Der Herr ist unser Helfer, Er verlässet uns nicht!

Du Herr bist treu!«

Aus dem Bericht der New York Times:

»Hier war dauernd die Rede von Frieden, aber die ganze Atmosphäre zeugte weder von Friedensliebe noch von Friedenspolitik. Deutschland mag wirtschaftlich noch immer schwach sein, doch geistig ist es wieder erstarkt und geeint in dieser Stärke. (…) Jeder, der sich in der Hoffnung wiegt, daß im kommenden harten Winter eine sich ständig verschlechternde Wirtschaftslage Hitler zum Rücktritt zwingen würde, sollte schnellstens aufwachen.«

Aus der den Parteitag abschließenden Rede Hitlers:

»Indem wir uns so der Pflege des uns vom Schicksal anvertrauten eigenen Blutes hingeben, helfen wir am besten mit, auch andere Völker vor Krankheiten zu bewahren, die von Rasse auf Rasse, von Volk auf Volk überspringen. Wenn in West- oder Mitteleuropa erst ein Volk dem Bolschewismus verfällt, wird dieses Gift weiterfressen und das heute älteste und schönste Kulturgut der Erde verwüsten. Indem Deutschland diesen Kampf auf sich genommen hat, erfüllt es nur, wie schon so oft in seiner Geschichte, eine wahrhaft europäische Mission.«

Aus dem Bericht einer Erfurter SA-Standarte vom 26. September 1933:

»Obwohl von der Obersten Führung ein Alkoholverbot erlassen war, wurde von den frühesten Morgenstunden bis spät in die Nacht ohne Pause Bier verschänkt. Dagegen waren Mineralwässer oder Brauselimonaden trotz mehrmaliger Anforderung nicht zu haben. Die Folge davon war, daß namentlich am letzten Abend zahllose SA-Männer völlig betrunken waren. Dasselbe gilt auch für die Hinfahrt.«

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