15. Juni 2013

Schlappe für den RIAS

In der BRD konnte man – sicher zähneknirschend – auch anders: Freundlicher Empfang Otto Nuschkes am Düsseldorfer Flughafen, 19.9.1952 - Fotoquelle: Bundesarchiv, Bild 183-16407-0001 / CC-BY-SA

Am 18. Juni 1953 bekannte sich der nach Westberlin entführte stellvertretende Ministerpräsident der DDR Otto Nuschke (CDU) im Interview zu seinem sozialistischen Land

Mark Alten

Ohne den RIAS hätte es, was wir heute den 17. Juni nennen, nicht gegeben«, räumte im Februar 2006 der SPD-Altvordere Egon Bahr, in den 50er Jahren Chefkommentator des Rundfunks im amerikanischen Sektor, im Berliner Tagesspiegel ein. Ein Exempel für die führende Rolle des Senders beim westdeutschen Putschversuch ist die für westliche Geheimdienste und ihre Funkleitstelle RIAS peinliche Episode der Entführung des stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR und dortigen CDU-Vorsitzenden Dr. Otto Nuschke und sein Interview mit dem Sender.

Der RIAS hatte sofort nach dem Scheitern des Putsches eine Rechtfertigungsschrift fabriziert. Der Fall »Nuschke« wird darin in beredter Arroganz zur Marginalie: »Otto Nuschke kam mit seinem Wagen zu einer kleinen Stippvisite nach Westberlin. Er firmierte diesen – vielleicht unfreiwilligen – Abstecher als ›Menschenraub‹. Wir begegneten ihm auf dem Berliner Polizeipräsidium. Und so entstand ein Interview mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR vor dem RIAS-Mikrofon.«

Die Entführung

Was hatte es wirklich mit dem »Abstecher« Nuschkes am 17. Juni 1953 auf sich? Einer seiner Fahrer lieferte den Augenzeugenbericht, der, in den DDR-Zeitungen veröffentlicht, ein anderes Bild ergab: »Otto Nuschke befand sich in Begleitung der beiden Fahrer in einem Wagen der Parteileitung der Christlich-Demokratischen Union. (…) Auf dieser Fahrt kam er durch die Mühlenstraße in Richtung Treptow. In der Gegend der Oberbaumbrücke, etwa 100 Meter vor der Kreuzung Warschauer Straße, wurde der Wagen durch eine randalierende Menschenmenge zum Halten gebracht. Der Fahrer M., der am Steuer saß, wurde sofort aus dem Wagen gezerrt und die Personalausweise der Insassen verlangt.«

Zur gleichen Zeit, heißt es weiter, habe »offenbar einer der Provokateure Otto Nuschke erkannt, der vorn neben dem Fahrer saß, da sein Name laut gerufen wurde. Die Menge stürzte sich auf den Wagen und zwang den Fahrer M., sich wieder ans Steuer zu setzen. Von der den Wagen begleitenden Menge wurde er gezwungen, weiter zu fahren. Die Sicht wurde ihm von den auf der Motorhaube Sitzenden genommen. Obwohl einzelne besonnene Menschen verschiedentlich versuchten, den Wagen zu befreien, konnten sie nicht verhindern, daß dieser von einem neben dem Wagen Laufenden gelenkt und über die Oberbaumbrücke nach dem amerikanischen Sektor gezogen wurde. Nachdem die Sektorengrenze überschritten war, griff die Stummpolizei (nach dem Westberliner Polizeichef Johannes Stumm, d. Red.) ein. Die Menge wurde vom Wagen abgedrängt. Trotzdem gelang es einigen, durch die Polizeikette hindurch ins Fenster zu schlagen.«

In der Sprachregelung des Westens war Nuschke an der Oberbaumbrücke von einer »aufgebrachten Menschenmenge« mitsamt seinem Dienstwagen in den Westen geschoben und dort der Polizei übergeben worden. Inzwischen ist bekannt, daß die Entführungen nicht ohne tatkräftige Anleitung durch den Geheimdienst über die Bühne ging. Siegfried Berger brüstete sich Jahrzehnte später, am 17. Juni 1953 einer derjenigen gewesen zu sein, die an der Entführung Nuschkes aktiv beteiligt waren. Berger, Mitglied der SPD in Neukölln, rühmt sich, sich bereits 1948 dem unter dem US-amerikanischen Geheimdienst operierenden Ostbüro der SPD angedient zu haben, »um einen Beitrag zum Kampf gegen die sich deutlich etablierende SED-Diktatur zu leisten«.

Er beschreibt seinen »Fronteinsatz« während einer Zusammenrottung am 17. Juni 1953 nachmittags: »Um den Weg abzukürzen, passierten wir in der Nähe des ›Schlesischen Tores‹ für wenige Schritte den Westsektor, um ihn an der ›Oberbaumbrücke‹ wieder zu verlassen. Als Kollegen den Ost-CDU-Vorsitzenden und stellvertretenden DDR-Ministerpräsidenten, Otto Nuschke, in einer schweren Tatra-Regierungslimousine langsam am Demonstrationszug (…) vorbeifahren sahen, wurde er von uns aus seinem PKW herausgeholt und der Westberliner Polizei übergeben.«

Was Berger verschweigt, berichtete am 18. Juni 1953 der Westberliner Telegraf triumphierend: »Pankows stellvertretender Ministerpräsident Nuschke wurde gestern nachmittag auf der Fahrt durch Ostberlin von Demonstranten erkannt und in die Westsektoren geprügelt.« Nuschke war auf Westberliner Seite von der Polizei festgenommen worden.

Keine Gallionsfigur

Nachdem man Nuschke zunächst in das Polizeirevier 109 in der Schlesischen Straße geschleppt hatte, überstellte man ihn von dort ins Polizeipräsidium. Anschließend wurde er den US-Besatzern übergeben. Was nun geschah, wird tunlichst in fast allen Darstellungen verschwiegen. Der Fernsehmoderator Wilfried Rott vom Sender Freies Berlin brachte das Naheliegende jedoch auf den Punkt: Dann wurde Nuschke »von amerikanischen Sicherheitskräften vernommen und zum Verbleiben aufgefordert«.

Rott spricht aus, was westliche Strategen von dem Kidnapping erhofften: Allzu gerne hätten sie Nuschke als Galionsfigur für die Konterrevolu­tion aufgebaut. Schon kurz nach seiner Verschleppung hatte man im RIAS die Meldung lanciert, der Stellvertreter des Ministerpräsidenten der DDR habe sich unter den Schutz der Westberliner Polizei gegeben. Diese Falschmeldung sollte augenscheinlich ein Prolog für den Seitenwechsel Nuschkes sein.

Schon im Polizeipräsidium in der Friesenstraße durfte der RIAS-Frontmann Peter Schultze dem CDU-Politiker das Mikrofon vor die Nase halten. Schultze, der »den Rußlandfeldzug von 1941 bis zur Kapitulation als Leutnant der Nachrichtentruppe mitgemacht« hatte, erlebte in seiner neuen Nachrichtenarbeit erneut eine herbe Pleite. Nuschke dachte nicht im geringsten daran, sich vor den Karren der Putschisten spannen zu lassen. Er nannte als Grund für seine Anwesenheit in Westberlin, daß er »geraubt« worden sei, verwies auf die Rolle Westberliner Provokateure und begrüßte das Eingreifen der Roten Armee.

Nach Protesten gegen die Inhaftierung Nuschkes und einer Intervention des Hohen Kommissars der UdSSR in Deutschland, Wladimir Semjonow, gaben die US-Besatzer auf. In einer knappen Meldung des Telegraf hieß es dazu: Nuschke wurde am 19. Juni um die Mittagszeit »an der Sektorengrenze in der Prinzenstraße von etwa 50 sowjetzonalen Funktionären und von einem vorher verständigten sowjetischen Vertreter in Empfang genommen. Noch am Vormittag hatte die Westberliner Kripo versucht, Belastungsmaterial gegen Nuschke im Zusammenhang mit einem Menschenraub zu erhalten. Auch die amerikanischen Behörden hatten ihn einen Tag lang vernommen.«

Quelle. Auszüge aus Otto Nuschkes Interview mit dem RIAS-Reporter Peter Schultze

Herr Nuschke, hier ist RIAS Berlin, wie sind die nach Westberlin reingekommen – freiwillig?

Nach Westberlin, ich wurde geraubt! Mein Auto wurde aus dem Ostsektor von einer erregten Menge Westberliner nach Westberlin geschleppt.

Wie beurteilen Sie die Lage im Ostsektor?

Günstig!

(…)

Wann glauben Sie, werden die die Kontrolle über die Lage wieder haben im Sowjetsektor?

Die haben wir bereits.

Woraus erklären Sie sich das, daß Sie die Kontrolle im Ostsektor wieder haben, es ist ja Ausnahmezustand?

Ich bin ja unberührt durch den ganzen Ostsektor gefahren, ich bin an Demonstranten vorbeigefahren, niemand hat irgend etwas gegen meinen kleinen Wagen unternommen. Erst als ich an diese, an diese kritische Grenze kam – es gab keine Volkspolizei auf der Seite des Ostsektors, aber es standen erregte Westberliner auf dieser Ostseite und schoben mein Auto herüber.

Wie stehen Sie zu der Tatsache, daß die Bevölkerung der Ostzone die Absetzung der Regierung fordert?

Die Bevölkerung fordert sie nicht, sondern ein Teil der Demonstranten, und zwar sehr stark durchsetzt von Westberlinern.

(…)

Ist die Regierung mit dem Einsatz sowjetischer Panzer in Ostberlin einverstanden?

Selbstverständlich!

Warum selbstverständlich?

Selbstverständlich, weil sie ein Interesse daran hat, daß Ruhe und Ordnung zurückkehren. Und wenn das nicht mit polizeilichen Mitteln möglich ist, dann muß selbstverständlich die Besatzungsmacht – und jede Besatzungsmacht – ihre Machtmittel einsetzen. Das ist ganz selbstverständlich.

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