12. August 2013

»Schritt halten«

Ein Mitglied des Zentralkomitees der SED führte 1964 die gesamtdeutsche Olympiamannschaft als Chef de Mission in Tokio ins Stadion: Manfred Ewald (erste Reihe links)

Offiziell gestand die Bundesregierung 1977 Doping im BRD-Sport ein. »Leistungsförderung« hat aber eine längere Geschichte

Klaus Huhn

Das Thema Doping gehört zur Geschichte des Sports. Als 1908 London die IV. Olympischen Spiele ausrichtete, wurde ins Reglement des Marathonlaufs die Drohung aufgenommen, daß jeder, der seine Leistung durch Doping erzielte, ausgeschlossen würde. Wie diffizil die Versuche waren, das durchzusetzen, verriet der Fall des 1973 verstorbenen finnischen Langstreckenläufers Paavo Nurmi (geb. 1897). Er hatte von 1922 bis 1931 immerhin 22 Weltrekorde aufgestellt, sechs olympische Goldmedaillen in Einzelwettbewerben und weitere drei in Mannschaftsläufen errungen. Vermutlich hätte er 1932 in Los Angeles sogar seine zehnte Goldmedaille geholt, aber ein deutscher Sportfunktionär bezichtigte ihn vor den Spielen des Verstoßes gegen die Amateurregel, was das IOC zwang, ihn von den Spielen auszuschließen. Der Denunziant hatte ihm vorgeworfen, für die Teilnahme an einem Lauf zu viel Reisekosten kassiert zu haben. In Nurmis Glanzzeit – die Kommerzialisierung des Sports tat in den frühen dreißiger Jahren ihre ersten Schritte – waren in Zeitungen zahlreiche Anzeigen erschienen, die für das deutsche Medikament »Rejuven« warben und zwar mit dem Zitat Nurmis: »Ich war verblüfft, wie Rejuven den Körper stärkt, und kann es Athleten mit einer langen anstrengenden Wettkampfsaison wärmstens empfehlen!«

Ein schwedischer Journalist, der zu Beginn der neunziger Jahre an einer neuen Nurmi-Biographie arbeitete, ging der Anzeige aus dem Jahre 1931 nach und erkundete, daß es sich bei »Rejuven« um ein Anabolikum gehandelt hatte, ein Dopingmittel also, das denn auch vom deutschen Pharma-Hersteller 1938 aus dem Handel genommen werden mußte.

Alleinvertretung

So kam lange nach Nurmis Tod in den neunziger Jahren Streit auf, ob man ihm die Medaillen aberkennen sollte, eine Forderung, die allerdings kaum jemand ernst nahm. Ich hielt es für dienlich, dieses Beispiel zu erwähnen, weil es zwar Nurmis späteren Deutschenhaß erklärt, aber keinen politischen Hintergrund in der Dopingdebatte erkennen ließ. Der tauchte erst auf, als die DDR gegründet worden war und – wie jedes andere Land – die Teilnahme an Olympischen Spielen forderte. Als – gegen die Stimmen der Alt-BRD – 1955 die erste gesamtdeutsche Olympiamannschaft vom IOC beschlossen worden war, sorgte Bonn mit seinem Alleinvertretungsanspruch für endlosen Streit. Dabei ging es auch darum, wer den »Chef de Mission« – Bürovorsteher der Mannschaft – stellt. Der damalige IOC-Präsident Avery Brundage (USA) entschied nach endlosen Debatten, die Funktion dem Mannschaftsteil zu übertragen, der die Mehrheit der Athleten stellt. Da die BRD bei den Spielen 1956 in Melbourne viermal so viel Athleten aufbot wie die DDR, hielt Bonn dieses Problem für alle Zeiten geklärt. Die logische Folge war der auf diese Weise gestartete – sportliche – Wettlauf um die Mehrheit. Schon 1964 in Tokio führte der Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) aus der DDR, der auch Mitglied des Zentralkomitees der SED war, Manfred Ewald (1926–2002), die gesamtdeutsche Mannschaft ins Stadion, was verständlicherweise in Bonn Tobsuchtsanfälle auslöste. So begann ein oft gnadenloser Wettstreit, mit dem die Bonner Alleinvertretungsansprüche durchgesetzt werden sollten.

Als dann die DDR selbst in der Medaillenwertung die Mehrheit errang, wollte man das der bundesdeutschen Öffentlichkeit »erklären« – und erfand die bis heute bewahrte antikommunistische Dopinglegende. Die mußte aber auch verschleiern, daß man in der BRD schon lange keine Hemmungen mehr im Umgang mit Doping hatte und auch die nötigen finanziellen Mittel von den zuständigen Ministerien bewilligen ließ.

Bereits 1968 hatte der an der Universität Mainz forschende Manfred Steinbach über die bundesdeutschen Dopingmaßnahmen in einer Fachzeitschrift berichtet: »In erklärlicher Sorge, nun ins Hintertreffen zu geraten, wird der Sportarzt ständig mit entsprechenden Wünschen von den Athleten angegangen. Diese Tendenzen (…) gaben den Anstoß zur vorliegenden Untersuchung. Zu diesem Zweck wurden 125 Jungen im Alter von 17 bis 19 Jahren 3,5 Monate lang in einer Untersuchungsreihe erfaßt (…) Jeweils 13 Probanden der Gruppen C und D beschränkten sich dabei auf das Beintraining, die restlichen zwölf auf ein Armtraining (...) Wir halten fest, daß das verabfolgte Anabolicum die Zunahme des Körpergewichts deutlich heraufsetzt.« (Sportarzt und Sportmedizin; 1968, S. 485 f)

Wer hielt schon damals woran fest? Die Antwort zu geben, fiel nach diesem Geständnis nicht schwer: Schon 1968 hatte die BRD das Dopingmittel Anabolicum an 125 Testpersonen verabreicht!

1971 war dieser Versuchsreihe mit Jugendlichen eine weitere gefolgt, über die der Freiburger Sportmediziner Joseph Keul (1932–2000) auf einem Sportärztetreffen in Davos (Schweiz) bereitwillig Auskunft gegeben hatte. Er räumte ein, daß in der BRD schon seit Beginn der sechziger Jahre mit Anabolika hantiert worden war. In der Frankfurter Allgemeinen vom 28. April 1971 hieß es: »…berichtete Privatdozent Dr. Keul aus dem Freiburger Arbeitskreis von Professor Reindell auf dem sportärztlichen Seminar in Davos über Untersuchungen an 15 Schwerathleten, bei denen im Krafttraining die Leistung tatsächlich gesteigert werden konnte. Von den 15, seit Jahren im Training stehenden Gewichthebern erhielten acht für drei Monate alle vierzehn Tage eine Injektion mit einem derartigen anabolen Hormon und sieben nicht. Alle führten ihr Training unverändert fort. Während die sieben nicht behandelten Gewichtheber ihre Leistung etwa auf der gleichen Höhe halten konnten, wiesen die acht ›gespritzten‹ Athleten eine deutliche Leistungsverbesserung auf: Alle acht überboten ihre bisherigen persönlichen Bestleistungen. Vorläufig steht noch nicht fest, wie lange diese Wirkung nach Beendigung der Spritzbehandlung anhält; dies wird zur Zeit überprüft.«

Peinliche Diskussionen

Nach den Olympischen Spielen 1976 war es zu peinlichen Diskussionen in der Öffentlichkeit der BRD gekommen. Vor allem das Abschneiden der Mannschaft im Vergleich zur DDR – das sehr viel kleinere Land hatte viermal so viel Goldmedaillen wie die BRD erkämpft – führte zu unliebsamen Disputen.

Am 17. März 1977 hatte der Parlamentarische Staatssekretär Andreas von Schoeler (damals FDP) im Bundestag Fragen des SPD-Abgeordneten Peter Büchner (1943–2009) zu beantworten, von denen eine lautete: »Wie beurteilt die Bundesregierung die besonders nach den Olympischen Spielen 1976 in Montreal bekanntgewordene medikamentöse Beeinflussung des Hochleistungssports und die Tatsache, daß auch Sportler aus der Bundesrepublik Deutschland mit zweifelhaften medizinischen Hilfen versorgt wurden?« (Deutscher Bundestag, 8. Wahlperiode, 18. Sitzung, 17. März 1977, Seite 1113)

Zwei Ereignisse hatten damals die Gemüter besonders bewegt: Ruderfavorit Peter-Michael Kolbe aus der BRD war, in Führung liegend, plötzlich zurückgefallen. Wenige Stunden später wurde mitgeteilt, er habe eine Spritze erhalten, »die ihm nicht bekommen sei«. Das »Sportvolk« wollte wissen: Wer hatte der BRD-Mannschaft Spritzen injiziert?

Die zweite Manipulation war keine chemische, sondern eine mechanische. Ein BRD-Fünfkämpfer war auf die Idee gekommen, die Schwimmer vor den Wettkämpfen »aufzupumpen«. Man führte Luft in ihren Darm ein und versprach sich davon, daß sie höher im Schwimmbecken liegend weniger Wasserwiderstand zu überwinden hatten. Der »Erfinder« hatte mit dem Verband sogar eine konkrete »Zielprämie« vereinbart. Das Experiment mußte allerdings abgebrochen werden, weil man die für die Manipulation nötigen Geräte im Schwimmstadion nicht verstecken konnte.

Staatssekretär von Schoeler hatte sich 1977 bei seinen Antworten sogar auf Kanzler Helmut Schmidt (SPD) berufen: »Es wäre – wie der Herr Bundeskanzler anläßlich des Empfangs der deutschen Olympia-Mannschaft am 9. September 1976 ausgeführt hat – sicherlich eine verhängnisvolle Fehlentwicklung, wenn aus einem Sport mit Rekorden ein Sport aus Retorten würde. Andererseits (…) will man mit der Weltspitze des Sports Schritt halten, wird nicht von vornherein jede Form der Leistungsförderung ausgeschlossen werden können.« (Ebenda)

Das war Geständnis Nummer eins: Die Bundesregierung bekannte sich zum »Schritt halten« und schloß nicht von »vornherein jede Form der Leistungsförderung« aus, Worte, die dechiffriert das Sechsbuchstabenwort »Doping« ergeben. Der Staatssekretär gestand allerdings auch: »Die Bundesregierung stimmt jedoch mit Ihnen darin überein, daß es bei den Olympischen Spielen in Montreal in Einzelfällen auch zweifelhafte medizinische Hilfen gegeben hat.« (Ebenda)

Das war 1977. Seitdem wurde in der Alt-BRD bis hin zum Hormon Erythropoetin (EPO) gedopt. Und irgendwann war auch der Tag gekommen, an dem man damit rechnen mußte, daß sich jemand der Dopingvergangenheit erinnert.

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