15. April 2010

Schwitzen im »Fort«

Vorabdruck. Apartheid-Staat 1963: Gefangennahme in Liliesleaf und die 90-Tage-Haft

Denis Goldberg

Denis Goldbergs Memoiren erscheinen in diesen Tagen im Verlag Assoziation A. Der Südafrikaner, geboren 1933 in Kapstadt als Sohn jüdischer Einwanderer, ist bis heute Mitglied der Kommunistischen Partei des Landes. Er war 1963 einziger weißer und zudem jüngster Angeklagter im Rivonia-Prozeß gegen die elfköpfige Führung des »Umkhonto we Sizwe« (Speer der Nation), dem bewaffneten Arm des ANC. Das Apartheid-Gericht verurteilte ihn zu viermal lebenslänglich. 1985 wurde er aus der Haft entlassen und nahm im Exil Führungspositionen in der Freiheitsbewegung ein– zunächst in London, dann in New York als ANC-Vertreter bei der UNO. In Südafrika beriet er nach der Befreiung von der Apartheid 1994 mehrere Minister. jW dankt dem Verlag Assoziation A für die Möglichkeit des leicht gekürzten Vorabdrucks eines Kapitels aus dem Buch. (jW)

Ich war Mitglied im Logistikkomitee des Oberkommandos [OK des Umkhonto We Sizwe, »Speer der Nation«, bewaffneter Armee des ANC – d.Red.] und sollte alles zum Thema Waffen und Bomben recherchieren und diese dann auch anfertigen. Das Waffenarsenal war für die Operation Mayibuye (»Komm’ zurück, Afrika«) gedacht. Geplant war, 7000 bewaffnete Guerillakämpfer in Südafrika darauf vorzubereiten, die Kämpfer aus dem Ausland in ihre Einheiten aufzunehmen. Viele Comrades hatten in China, der DDR und der Sowjetunion eine militärische Ausbildung erhalten. Das Logistikkomitee diskutierte, wie realistisch dieser Plan war.

Es war uns bewußt, daß wir ihn kaum in kurzer Zeit ausführen konnten. MK [Abkürzung für »Umkhonto we Sizwe« – d. Red.] war noch zu unerfahren und der Staat vermutlich zu gut vorbereitet. Aber der bewaffnete Kampf würde auf jeden Fall weitergehen – wenigstens als eine Art bewaffneter Propaganda gegen die Apartheid und gegen wirtschaftlich wichtige Anlagen wie etwa Strommasten. So wollten wir die Menschen gegen das System mobilisieren und in der Zwischenzeit unsere militärischen Kapazitäten aufbauen.

Die Comrades des Oberkommandos waren sich nicht einig, ob die Operation schon beschlossen sei oder nicht. Joe Slovo, Govan Mbeki, Ray Mhlaba und Wilton Mkwayi meinten, sie sei beschlossene Sache. Der Architekt Rusty Bernstein, ZK-Mitglied der im Untergrund operierenden SACP [Kommunistische Partei Südafrika – d.Red.], Walter Sisulu und andere wie Ahmed Kathrada, der seit seinem zwölften Lebensjahr für die indische und afrikanische Community politisch aktiv war, sowie Bram Fischer, ebenfalls im ZK der SACP, wollten noch weiter über die richtige Strategie diskutieren.

Joe argumentierte für die Pro-Fraktion, daß die burische Guerilla im Englisch-Burischen Krieg um die Jahrhundertwende vier Jahre gegen die Briten gekämpft habe, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, sich in Wälder zurückzuziehen und sich dort längere Zeit zu verstecken. Rusty entgegnete für die Kontra-Fraktion, das sei zwar richtig, aber die Buren seien trotzdem von dem weit überlegenen Großbritannien geschlagen worden, das Truppen und Ressourcen aus dem gesamten Empire eingesetzt hätte. Wir könnten davon ausgehen, daß die mächtigen westlichen Staaten sich auf die Seite Apartheid-Südafrikas schlagen würden. Natürlich konnte man dagegenhalten, daß die Sowjetunion unseren Kampf unterstützen und so die Macht des Westens – wie schon in Kuba– neutralisieren würde.

Diskutiert wurde auch, ob es richtig sei, möglichst viele Comrades zur militärischen Ausbildung ins Ausland zu schicken. Die Geschichte und der gesunde Menschenverstand hatten uns doch gelehrt, daß ein bewaffneter Befreiungskampf ein politischer Kampf ist, der nur mit der Unterstützung der Volksmassen Erfolg haben kann. Wenn die Befreiungskämpfer nicht in einem Dschungel untertauchen konnten, dann mußten die Menschen der Dschungel sein. Die Niederlagen Che Guevaras in Bolivien, der Roten Armee Fraktion und der italienischen Roten Brigaden zeigten uns später, daß sie allesamt gescheitert waren, weil sie die Unterstützung der Massen nicht gewinnen konnten. Wir waren uns über die generelle Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes einig, aber der Weg dahin war noch unklar. Ich dachte, so oder so würden wir Waffen und Bomben brauchen. Darum wollte ich diese Aufgabe jetzt anpacken und andere im Waffenbau ausbilden. Die »Militaristen«, wie ich sie für mich nannte, waren ungeduldig, trotz oder gerade wegen ihrer langen Geschichte gewaltloser politischer Kampagnen. Sie waren entschlossen, sofort mit dem bewaffneten Kampf zu beginnen.

Das Treffen auf der Farm

Das letzte Treffen des Oberkommandos (OK) in Liliesleaf [im Norden Johannesburgs – d.Red.] war genau eines zu viel. Aber es gab gute Gründe dafür: Das Treffen fand wegen Rusty Bernstein, dem Langzeitaktivisten und KP-Vertreter im OK, auf der Farm statt. Rusty stand unter Hausarrest und mußte sich zwischen zwölf und ein Uhr mittags bei der Polizei melden sowie werktags um 18 Uhr und an Sonn- und Feiertagen um 13 Uhr zu Hause sein. Das OK mußte sich also in seiner Nähe treffen. Die Alternative für Rusty war Flucht oder Gefängnis wegen des Verstoßes gegen die Ausgangssperre. Auch Walter hatte einen Grund, auf der Farm zu sein. Er hatte eine große Zahnlücke zwischen den Vorderzähnen und mußte diese für seine Tarnung verändern lassen. Dafür brauchte er eine Zahnprothese. Arthur Goldreich hatte es arrangiert, daß er seinen Schwager, einen Zahnarzt, an diesem Schicksalstag sehen konnte. Der nahm einen Zahnabdruck und ging. Dann fand das Treffen in dem strohgedeckten Häuschen statt, und die Polizei hob uns aus.

Wir hatten beschlossen, daß legale MK-Leute die Kämpfer im Untergrund nicht in ihren Unterkünften aufsuchen sollten. Aber viele Leute hatten sich nicht daran gehalten und Liliesleaf besucht, und viele wußten davon. Wir waren ein hohes Sicherheitsrisiko eingegangen. Das war ein Fehler. Deshalb [weil die Farm in Liliesleaf so bekannt war– d. Red.] hatten wir ja auch schon die kleine Farm in Krugersdorp [Stadt nördlich von Johannesburg – d. Red.] gekauft. Erschwerend kam hinzu, daß jedermann unsere Anführer kannte. Sie waren bedeutende politische Aktivisten und bei der politischen Polizei bestens bekannt. Manche operierten gleichzeitig im Untergrund und in der Öffentlichkeit. Es ist nicht leicht, aus der Legalität in die Illegalität zu verschwinden. Und umgekehrt. Die fünf Bewohner von Travallyn [einer Farm zwischen Johannesburg und Krugersdorp – d. Red.] hatten darauf gedrungen, daß niemand sonst da erscheinen sollte. Das machte es sehr schwierig, Genossen in der Legalität zu treffen. Der Kontakt untereinander war aber wichtig. Im Untergrund bildet sich sonst schnell eine isolierte Clique, die den Kontakt zur Wirklichkeit verliert. (…)

Rusty reiste allein von zu Hause an. Ich kam mit meinen Comrades im VW-Bus aus Krugersdorp. Sie waren hinter den hübschen Gardinen versteckt. Als wir an der Polizeiwache vorbeifuhren, bemerkten wir auf dem Gelände ungewöhnlich viel Bewegung. Ein schäbiger LKW mit der Aufschrift »Wäscherei« und ein paar Zivilpersonen standen herum. Wir dachten uns nichts dabei. Tatsächlich war das der LKW der Sicherheitspolizei, und die Beamten waren dabei, die Razzia in Liliesleaf vorzubereiten.

Überfall der Sicherheitspolizei

Bis heute wissen wir nicht, wie sie uns gefunden haben. Dabei unterstehen Akten und Archive der Sicherheitspolizei heute »uns« von der ANC-Regierung. Keiner hat auch nur ein einziges Detail über unsere Gefangennahme preisgegeben. Wer weiß, wer weiß? (…) Nicholas Wolpe, der Sohn von Harold Wolpe, ist heute Direktor des Museums »Liliesleaf Trust«. Er hat mit Hilfe von Rechercheuren Dokumente in offiziellen britischen Archiven ausfindig gemacht. Sie besagen, daß der britische Geheimdienst uns überwachte. Ein Agent lebte nebenan in einem Wohnwagenpark. Wir wissen auch, daß Nelson Mandela von der CIA verraten wurde, um ihn gegen einen ihrer Agenten auszutauschen, der in Südafrika verhaftet worden war. (…)

Waren Bram Fischer und Joe Slovo verfolgt worden? Könnte Walters Zahnarzt uns verraten haben? Ich glaube nicht. Vielleicht ist mir selbst jemand gefolgt. Ich hatte mir Geld geliehen und es auf Umwegen – und wie ich dachte, auf einer sicheren Straße – dem Genossen zurückgebracht. Eigentlich glaube ich auch das nicht, weil mir die Verhörspezialisten während der Befragung stets mit großer Schadenfreude vorhielten, was sie alles über mich wußten. Der Name des Gläubigers fiel dabei nie. Wohl aber die Namen des Gießereibesitzers und des Holzfabrikanten. Ihre Namen hatten in dem Notizbuch gestanden, das ich nicht mehr in der Toilette loswerden konnte, als die Polizei das Haus stürmte. Ich konnte ihnen nicht entkommen. Überall waren Polizisten, und sie faßten mich.

Die Polizei war überrascht, mich auf der Farm anzutreffen, und wußte ganz offensichtlich nicht, wer ich war. Ich hatte im Untergrund mehrere falsche Namen benutzt. Arthur Goldreich hatte mir dabei geholfen, und wir hatten die Namen willkürlich aus dem Telefonbuch herausgesucht. Der Name Charles Barnard zum Beispiel paßte gleichermaßen zu einem Südafrikaner englischer wie burischer Abstammung. Arthur konnte flüssig Afrikaans sprechen und rief den Mann an. Mein Comrade gab sich als Beamter aus und bat um die Geburtsurkunde, weil sein Personalausweis angeblich nicht in Ordnung war. Das Regime hatte erst kürzlich Ausweise eingeführt und darauf bauten wir meine Legende auf. Herr Barnard war sehr verwirrt: Wir hatten in ganz Johannesburg ausgerechnet einen der Männer herausgepickt, die laut Geburtsurkunde »unehelich« zur Welt gekommen waren! Seine Eltern waren nicht verheiratet und er hatte gar keinen Ausweis beantragt. Aber diese Geschichte kam erst nach unserer Verhaftung heraus. Sie hatte die Polizei nicht auf unsere Spur gebracht.

Bei der Verhaftung stellte ich mich also als Charles Barnard, Bewässerungsingenieur, vor. Dann wurde mir blitzartig klar, daß die Sicherheitspolizei mich ohne erkennbare Verbindung zu den Genossen verschwinden lassen konnte. Keiner würde wissen, wer ich wäre, und ohne den Beistand der anderen wäre ich den Häschern hilflos ausgeliefert. Also nannte ich meinen richtigen Namen. Sie aber behaupteten steif und fest, ich sei Goldreich. Ich kam ja aus Kapstadt und die Polizisten aus Johannesburg kannten mich nicht. Da erschien ein Sicherheitspolizist, der meine Wohnung in Kapstadt mehrmals durchsucht hatte. Ich hatte mein Aussehen verändert, trug eine Brille mit komischen, kleinen Brillengläsern und mein Haar war nach vorne gekämmt, um meine Geheimratsecken zu verbergen. Nach einer längeren Pause fragte dieser Beamte: »Sind Sie etwa Goldberg?« Die Frage war ernst gemeint, weil er sich nicht sicher war. Mit großer Erleichterung rief ich aus: »Ja! Sagen Sie ihnen, wer ich bin.«

Die 90-Tage-Haft

Am 11. Juli 1963 sind insgesamt 19 Männer in Liliesleaf verhaftet worden, auch Angestellte, die dort arbeiteten. Zwei Comrades gelang kurz nach der Razzia die Flucht. Harold Wolpe, Arthur Goldreich und zwei weitere Comrades aus dem Indian Congress konnten am 11. August aus dem Gefängnis am Marshall Square entkommen. Sie hatten einen jungen Wächter bestochen. Arthur Goldreich ging ins Exil nach Israel, und Harold Wolpe schaffte es bis Großbritannien. Acht der Verhafteten sollte der Prozeß gemacht werden. Aber zunächst wurden alle nach dem 90-Tage-Gesetz in Einzelhaft genommen. (…) Walter Sisulu, Govan Mbeki, Ahmed Kathrada, Raymond Mhlaba, Rusty Bernstein und ich wurden ins »Fort« gebracht, ein altes Gefängnis mitten in Johannesburg.

Die kalten Winternachmittage schienen immer frostiger zu werden. Im Hof schaute ich über die Brüstung in den dunklen Nachthimmel und wußte, den würde ich erst nach langer Zeit wiedersehen. Die Gefangenen waren nach Hautfarbe getrennt untergebracht. Rusty und ich kamen in den Trakt für weiße Gefangene. Die erste Nacht war lang, aber ich habe geschlafen. Diese Flucht in den Schlaf schützte mich und gab mir Kraft für meine Verteidigung. Ein, zwei Tage später lud man uns auf einen Lastwagen mit zwei getrennten Abteilen für schwarze und weiße Gefangene. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit brachte uns der Fahrer nach Pretoria. Das Reserverad in unserem Abteil schlingerte gefährlich hin und her. Wir hatten Glück und kamen ohne Verletzungen davon.

Das Zentralgefängnis von Pretoria, ein altes Gebäude, das Ende des 19. Jahrhunderts erbaut worden war, war damals der einzige Hochsicherheitstrakt für weiße politische Gefangene. Dort mußten wir uns an eine neue, sehr rauhe Routine gewöhnen: an Essen aus angeschlagenen Emailleschüsseln und an eine Brühe, die sich Kaffee nannte, aber nach gebranntem Mais und Chicorée schmeckte; an eine stinkende Kloschüssel, die morgens und abends geleert wurde und deren Gestank aus Exkrementen und Desinfektionsmitteln bald zur normalen Atemluft im Gefängnis wurde; an verfilzte Decken und an Wärter, die nichts lieber taten als uns einzuschüchtern, so wie es die Sicherheitspolizei von ihnen erwartete. (…)

Im Verhör

Zwei Vernehmungsbeamte haben mich verhört: der vierschrötige Hauptmann Swanepoel mit dem roten Gesicht und dem brutalen Gesichtsausdruck, und sein Untergebener van Zijl, der in seinem schwarzen Anzug, dem weißen Hemd und mit dem kleinen, strammen Krawattenknoten aussah wie ein Pastor der Reformierten Kirche. Sie eröffneten das Verhör relativ freundlich und verlangten zunächst eine Aussage über Sabotageakte. Ich lehnte ab. Die Anwälte hatten uns geraten, nur unsere Namen und Adressen zu nennen und sonst keinerlei Aussage zu machen. Das sei der beste Weg, sich selbst und andere nicht zu belasten. Dann sollte ich eine Erklärung über diese Aussageverweigerung unterschreiben. Ich lehnte wieder ab. Dann wiederholten sie die ganze Prozedur und legten danach einige Fakten auf den Tisch. Daß zum Beispiel ein gewisser Goldberg an dem Tag nach Johannesburg geflogen war, an dem ich mein Haus verlassen hatte. Sie wollten wissen, wohin ich gegangen sei. Ich habe ihnen nicht gesagt, daß ich mit dem Zug unter einem falschen Namen gefahren sei. Nach und nach wurden sie aggressiver. Sie wußten, daß ich manchmal in Liliesleaf übernachtet hatte, und sie hatten das Ferienhäuschen in Mountain View gefunden. Ihren Fragen konnte ich entnehmen, daß Comrades in Kapstadt und Johannesburg ausgepackt hatten. Immer mehr Details über das Mamre-Camp [nördlich von Kapstadt in Mamre gelegenes Militärcamp – d.Red.] kamen zum Vorschein. Jemand habe mir eine Pistole angeboten. Ich hätte abgelehnt, weil das Innere der Waffe gefehlt habe und ich dem Verkäufer nicht getraut hätte. Das war schon viel, aber die in Kapstadt versteckten Bauteile für die Sprengvorrichtungen hatten sie nicht gefunden.

Je mehr Details sie wußten und je mehr der Druck zunahm, desto mehr schwitzte ich. Und so ein Schweißausbruch wird schlimmer und schlimmer, wenn der Fragesteller mit dem Abzug seines Revolvers spielt, dabei auf sein Opfer zielt und Fragen stellt, die auf eine Verurteilung nach einem Gesetz hinarbeiten, das die Todesstrafe vorsieht. Diese Drohung wird noch realer, wenn sie vom Galgen sprechen. Das Antisabotagegesetz, gegen das wir protestiert hatten, zeigte sich mir von seiner häßlichsten Seite. (…)

Während dieser Verhöre hoffte ich inständig, meine Untergrundarbeit in Johannesburg so gut getarnt zu haben, daß sie nichts entdecken würden. Dann kam ein Paket mit Kleidungsstücken für mich im Gefängnis an, darunter auch Sachen, die ich in Krugersdorp gelassen hatte, zum Beispiel eine schwarze Windjacke. (…) »Wie gut«, dachte ich. »Alles ist sauber.« Leider eine trügerische Hoffnung: Die Ermittler fanden Dokumente des ANC, Unterlagen über die Waffenproduktion und Pläne für eine Hühnerfarm als Tarnung für den Bau der Waffen. Es sah wirklich nicht gut für mich aus. (…)

Es war schon schwer, bei den Verhören durchzuhalten. Der Druck wuchs von Tag zu Tag, und ich wußte, daß sie über manche Sachverhalte absichtlich die Unwahrheit sagten und bei anderen herumrätselten. War es falsch zu sagen, daß ein bestimmter Genosse bei keinem Treffen anwesend gewesen war? War es falsch zu sagen, Hazel Goldreich, Arthurs Frau, sei eine nette Haushälterin gewesen, habe aber keinen Schimmer von Politik gehabt? Tut mir leid, Hazel, daß ich dich derart verleumdet habe, aber es war notwendig!

Die Folterer haben mich nicht zusammengeschlagen. Sie saßen einfach da und haben mich bedroht. Hauptmann Swanepoel mit dem gemeinen Blick – man nannte ihn »Rooi Rus«, »Roter Russe«– zielte mit seiner Pistole auf mich, und der Lauf schien während des Verhörs immer größer und größer zu werden, bis er sich wie eine Kanone auf mich richtete. Swanepoel hatte neue Informationen von Leuten aus Kapstadt, die sie unter der Folter gebrochen hatten. Ich wußte, wer ausgepackt hatte, weil ich wußte, wer was in Kapstadt wußte. Ich leugnete alles und stellte die Vermutung in den Raum, daß die Verhörten sich einfach Dinge ausgedacht hätten, um ungeschoren davonzukommen. Ich saß da und schwitzte. Oft trug ich die kleine schwarze Windjacke und hatte den Reißverschluß bis oben hin geschlossen, damit Swanepoel meinen Schweiß nicht riechen konnte. Das hätte ihm verraten, daß er und die anderen meinen Geheimnissen immer näher kamen. Nach einer solchen Vernehmung war mein Hemd klatschnaß durchgeschwitzt. Zurück in der Zelle bin ich dann auf- und abgegangen, um mich etwas abzukühlen, und später habe ich in einer Art Fluchtreflex so viel wie möglich geschlafen, um der Wirklichkeit zu entkommen. (…)

Mißglückte Flucht

Wenige Wochen später wurde ich in ein abgelegenes Gefängnis in Vereeniging, 50 Kilometer südöstlich von Johannesburg, überführt. Bob Hepple, der Anwalt, wurde in einem anderen Gefängnis weiter verhört. Sie haben uns mit Absicht getrennt. In Isolationshaft, ohne gegenseitige Hilfe, waren wir leichter zu treffen. (…)

In der Gefängniszelle von Vereeniging entdeckte ich, daß sich die Zellentür mit ein wenig Geschick öffnen ließ. Die beste Zeit für eine Flucht wäre die Mittagspause der Wärter. Ich könnte in ein nahes Wäldchen rennen, nach Johannesburg trampen und mich dort verstecken. Ich plante den Ausbruch ohne die Gefährten von draußen, zu denen ich Kontakt hatte. Wenn man sie entdeckt hätte, wären noch mehr Comrades verhaftet worden, genau in der Zeit, in der MK wieder aufgebaut werden mußte. Zunächst wollte ich Zeit gewinnen und meinen Oberkörper trainieren. Auf der Flucht müßte ich mich an eine Regenrinne hängen, mich auf das Dach des einstöckigen Gebäudes nebenan schwingen und anschließend sechs Meter hinunter in die Freiheit springen. Die Polizei hatte gerade die Unterlagen in Mountain View gefunden, auch meine Pläne für eine Schmelzvorrichtung für die gußeisernen Hülsen der Handgranaten. Um Zeit zu gewinnen, hielt ich mich in den Verhören lange mit der Erklärung dieser Technik auf.

Ich habe die Flucht gewagt. Zehn Minuten hätte ich gebraucht, um das Gefängnis hinter mir zu lassen. Aber ein Strafgefangener sah mich und löste den Alarm aus. Den schrillen Ton der Sirene höre ich noch heute und erinnere mich an das Gefühl, wie mein Magen immer tiefer sank. Ich hoffte und rannte um mein Leben – in dem klaren Bewußtsein, daß sie mich »auf der Flucht« erschießen könnten. Dann erreichte ich den Grundstückszaun, überwand ihn und zerriß dabei meine Kleidung. Die Kratzer spürte ich nicht, aber meine Kleidung war später voller Blut. Ich rannte weiter in Richtung einer nahen Plantage. In zwei, drei Minuten hätte ich es geschafft. Aber sie haben mich entdeckt, verfolgt und gefaßt. Einer hielt mich mit einem Gewehr in Schach, ein anderer trat mir in die Rippen. Ich kam mit ein paar gebrochenen Rippen, Schrammen und Prellungen davon. Eigentlich war ich sehr stolz auf mich. Aber auch tief enttäuscht, daß es nicht geklappt hatte. Dabei hatte ich noch Glück, daß mich die Gefängniswärter festnahmen und nicht die Sicherheitspolizisten. Die hatten den Befehl, bei Sichtkontakt sofort zu schießen. (…)

Am 8. Oktober 1963 war unsere 90-Tage-Haft zu Ende. Was würde jetzt geschehen? Wie würde es mit uns weitergehen? Inmitten großer Geschäftigkeit brachten sie Rusty, Walter, Govan, Andrew, Jimmy und mich in ein Büro. Hauptmann Swanepoel verkündete uns die Freilassung nach dem 90-Tage-Gesetz. Nach einer kurzen Pause verhaftete er uns erneut, diesmal nach dem wichtigsten Sicherheitsgesetz, dem Antisabotagegesetz. Zurück im Gefängnishof begrüßte uns Jimmy Kantor zum Ärger der Wärter mit lauter Stimme. Jimmy, der Anwalt, wußte, daß unsere Gespräche nun nicht mehr unter Strafe standen. Er sagte uns, wir wären jetzt Untersuchungsgefangene und die 90-Tage-Regeln hätten keine Geltung mehr. Ich hatte keinen Plan für meine Verteidigung, aber ich vertraute meinen Comrades. Sie würden alles Notwendige in die Wege leiten.

Erscheint in diesen Tagen: Denis Goldberg, Der Auftrag. Ein Leben für die Freiheit in Südafrika. Verlag Assoziation A, Hamburg und Berlin 2010, 304 Seiten, 19,80 Euro

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