5. Oktober 2013

Sein großer Plan

Gemälde von Benson Lossing aus dem Jahr 1808. Er änderte das Original, indem er Tecumseh in eine britische Uniform steckte, in dem (verbreiteten, aber falschen) Glauben, dass Tecumseh zum britischen General ernannt worden sei. Man beachte das Septumpiercing, welches unter den Shawnee der damaligen Zeit sehr beliebt war und auf den idealisierten Darstellungen der weißen Künstler gerne weggelassen wurde. - Fotoquelle: Wikipedia

Aus den Kriegstagebüchern des US-Imperialismus: Vor 200 Jahren starb Tecumseh

Stefan Wogawa

Am 5. Oktober 1813 stirbt der Shawnee-Häuptling Tecumseh als Verbündeter der Briten im Kampf gegen US-Truppen in Ontario im heutigen Kanada. Mit seinem Tod scheitert der bedeutendste Versuch, die Indianer zu einem Bund gegen die weißen Kolonalisten zu vereinen.

Tecumseh (oder Tikamthi) wurde 1768 im Ohio-Tal geboren. Für seinen Namen gibt es zwei Übersetzungen: »Sich zum Sprung duckender Berglöwe« oder »Sternschnuppe«. Sein Vater und zwei seiner Brüder sterben im Kampf gegen die Weißen. Er selbst wird als Krieger wie als Redner berühmt. Dazu ist er großzügig, verteilt Fleisch an Kranke und Arme, verbietet das Martern von Gefangenen.

Sein Bruder Tenskwatawa wird eine Art Prophet der Shawnee. Er sagt, das Unglück der Indianer beruhe auf der Nachahmung der Sitten der Weißen und dem Vergessen der eigenen Kultur. Die Brüder ziehen mit ihren Anhängern ins westliche Indiana. Dort entsteht ihre Heilige Stadt Tippicanoe. Tecumseh unternimmt ausgedehnte Reisen, er sucht Verbündete für seinen großen Plan: den Zusammenschluß der Indianer – nicht nur als Kriegsallianz, sondern als festen Bund gegen die aggressiv expandierenden Vereinigten Staaten.

Tecumseh und Tenskwatawa verbieten 1809 den Handel mit Indianerland und drohen Häuptlingen, die dagegen verstoßen, den Tod an. General William Harrison, Gouverneur von Indiana, warnt das Kriegsministerium vor dem »blinden Gehorsam und dem hohen Respekt der Stämme für Tecumseh«. In Tecumsehs Abwesenheit marschiert er 1811 mit 900 Soldaten nach Tippicanoe und lagert in Sichtweite der Stadt. Eine Provokation. Tenskwatawa läßt angreifen, gegen den Befehl Tecumsehs. Er erklärt den Kriegern, sie seien durch seine Macht kugelfest. Sie werden in die Flucht geschlagen, Harrisons Soldaten brennen Tippicanoe nieder.

Tecumseh gibt nicht auf und schließt sich den Briten an, denen die USA im Juni 1812 den Krieg erklärt haben. Es kommt zur Schlacht am Fluß Thames. Die Indianer besetzen ein Walddickicht an der britischen Flanke. Kavallerie unter Oberst Richard M. Johnson greift die Stellung direkt an. Tecumseh hat seine Generalsuniform abgelegt und kämpft in der indianischen Kleidung, er stirbt im Nahkampf.

Auf dem Kampfplatz wird die Leiche eines großen, mit Kriegsbemalung geschmückten Kriegers gefunden. US-Soldaten haben ihn skalpiert, im Glauben, es sei Tecumseh. Die Haut ist in Streifen abgezogen, die Sieger haben daraus Souvenirs gemacht. Doch Tecumsehs Leichnam ist von seinen Kriegern weggebracht worden, sein Begräbnisplatz bis heute unbekannt. Der Sieg über Tecumseh zahlt sich für manche Karriere aus: Johnson wird Vizepräsident der USA, Harrison Präsident, gefeiert als »Sieger von Tippicanoe«. Von Johnson heißt es, er habe Tecumseh getötet. Doch nicht zuletzt durch den Kampf der Indianer an der Seite der Briten scheitert die US-amerikanische Eroberung Kanadas. Im Dezember 1814 schließen die USA und Großbritannien in Gent Frieden, Schutz für die indianischen Verbündeten wird nicht vereinbart.

Die USA versuchen, Tecumseh in ihre nationale Geschichte zu integrieren, etwa durch die fragwürdige Namensverleihung an ein Atom-U-Boot. Sicher ist: mit Tecumsehs Tod endet der Widerstand der Indianer zwar nicht, ihm fehlt jedoch das strategische Moment. Der National-Geographic-Autor Alan Axelrod zählt diesen Tod zu den »1 001 Ereignissen, durch die die USA gemacht wurden«. 1972 entsteht der DEFA-Film »Tecumseh«. Gojko Mitic spielt die Titelrolle. 2013 erklärt er: »Man wünscht sich, daß Tecumseh gewonnen hätte!«