12. März 2011

Seitenwechsel

Vor 80 Jahren sagte sich der Reichswehrleutnant a.D. Richard Scheringer von der NSDAP los und schloß sich der kommunistischen Bewegung an

Thomas Eipeldauer

Im Frühjahr 1931 trafen in einem kleinen, verrauchten Café am Rande der westpommerschen Stadt Gollnow (heute Goleniów) zwei sehr unterschiedliche Charaktere zusammen: Der eine, Reichswehrleutnant a.D. Richard Scheringer, war seit frühen Jahren im Umfeld nationalistischer Organisationen aktiv. 1923 hatte er sich am militanten Widerstand gegen die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen und am Küstriner Aufstand der »Schwarzen Reichswehr« beteiligt, später sympathisierte er mit der NSDAP.

Der andere, Hans Kippenberger, war 1920 über die USPD zur KPD gestoßen und hatte eine maßgebliche Rolle bei der Organisation des Hamburger Aufstands 1923 gespielt. Neben seiner Tätigkeit als Reichstagsabgeordneter leitete er die sogenannte Abteilung Militärpolitik (AM), den klandestinen Nachrichtendienst der Partei.

Die unmittelbare Vorgeschichte dieses Treffens begann im September 1930. Richard Scheringer und zwei Mitangeklagte, Hans Ludin und Hans Friedrich Wendt, waren im »Ulmer Reichswehrprozeß« wegen ihres Versuchs, im deutschen Heer NSDAP-Zellen zu bilden, verurteilt worden.

Front des Proletariats

Scheringer und Wendt hatten ihre Strafen in der Festung Gollnow zu verbüßen, wo sie auf eine Reihe kommunistischer Mitgefangener trafen. Das gemeinsame Leben in der Haft und die langen politischen Diskussionen mit den Kommunisten hinterließen einen bleibenden Eindruck bei dem jungen Soldaten: Heinrich Kurella, Redakteur der Internationalen Pressekorrespondenz, brachte Scheringer Russisch bei; Rudolf Schwarz, ehemals in der Bundesführung des Roten Frontkämpferbundes und Mitarbeiter in Kippenbergers AM-Apparat, ließ ihn an Schießübungen mit einer heimlich angeschafften Luftpistole teilnehmen, und Fritz Gäbler versorgte ihn mit Literatur. Scheringer bemerkt später in seiner Autobiographie: »Es war eine neue Welt, die uns unter diesen kommunistischen Arbeitern aufging, eine Welt der bedingungslosen Hingabe an eine Sache, ohne daß der einzelne davon viel Aufhebens machte, eine Welt mit viel Humor und Selbstkritik, eine Welt des Lernens und Studierens, wo es radikal und gründlich zuging, eine Welt, erhellt vom Schein der Revolution.« Das politische Selbstverständnis des Leutnants begann zu wanken.

Also beantragte er Hafturlaub und fuhr nach Bayern, um seine Zweifel bei einem Treffen mit der NSDAP-Reichsleitung auszuräumen. Die Unterredungen mit den Naziführern aber bestätigten seine Bedenken, im Münchener »Braunen Haus« war keine Spur von revolutionärem Antikapitalismus, an dem Scheringer doch lag.

Als er in die Festung zurückkehrte, pfiff er zum Zeichen seines Übertritts die »Internationale«. Hans Kippenberger wurde informiert, und Scheringer verfaßte eine Rede, die der KPD-Abgeordnete am 19. März 1931 im Rahmen einer Debatte über den Wehretat im Reichstag verlas. Sie schloß mit den Worten: »Es gibt keinen Zweifel mehr, die Freiheit steht allein bei den revolutionären Arbeitern, Bauern und Soldaten. Hier ist der Platz aller ehrlichen Kämpfer, nicht bei den Garden der Reaktion. Ich sage mich daher endgültig von Hitler und dem Faschismus los und reihe mich als Soldat ein in die Front des wehrhaften Proletariats. Für die Revolutionierung und Bewaffnung der breiten Massen! Für die nationale und soziale Befreiung! Für Arbeit, Freiheit und Brot!«

Die KPD sah in Scheringers Schritt die Chance, Teile des nationalistisch verhetzten (Klein-)Bürgertums für sich zu gewinnen. So entstanden die »Aufbruch-Arbeitskreise« (AAK), die sich »vor allem an diejenigen Offiziere der Reichswehr bzw. der Polizei und an solche SA-Führer richteten, die sich selbst als nationalrevolutionär bezeichneten und im Glauben, der Nation zu dienen, dem Faschismus folgten« (Geschichte der Militärpolitik der KPD, Berlin/DDR 1987). Ihnen sollte klargemacht werden, daß die Ziele, die sie verfolgten, soweit sie überhaupt legitim waren, nur in einer Front mit der Arbeiterklasse zu erreichen waren.

Denselben Zweck verfolgte auch die monatlich erscheinende Zeitschrift Aufbruch. Kampfblatt im Sinne des Leutnant a. D. Scheringer. Herausgegeben zunächst von Willi Korn, dann von Rudolf Rehm und ab Mai 1932 vom ehemaligen Mitgründer des berüchtigten Freikorps Oberland, Josef »Beppo« Römer, der sich schon seit längerem vom bürgerlichen Nationalismus abgewandt hatte und der KPD beigetreten war.

Das Kampfblatt richtete sich, so hieß es in der ersten Ausgabe, explizit an »Nationalisten«, denen man helfen wollte, »alle bürgerlichen Vorurteile abzuschütteln« und den »revolutionären Weg Lenins zu beschreiten«. Die Autoren der Zeitschrift – Intellektuelle wie Ludwig Renn und Bodo Uhse, Politiker wie Hans Kippenberger, Offiziere wie Bruno von Salomon oder ehemalige Freikorpsmitglieder und Nazis – verfolgten dabei zwei Strategien: Zum einen wollten sie zeigen, daß die Kommunisten keineswegs »vaterlandslose Gesellen« waren, sondern die Frage der Nation nur im Verbund mit der Arbeiterklasse zu klären war. Zum anderen sollten die demagogischen Phrasen der Nazis entlarvt werden.

Ossietzkys Einwurf

Die dabei angeschlagenen Töne waren sicher nicht unproblematisch. Carl von Ossietzky hatte schon vor dem Erscheinen der ersten Ausgabe des Aufbruch in der Weltbühne (vom 23. Juni 1931) auf die Gratwanderung, die der Scheringer-Kurs für die KPD bedeutete, hingewiesen: »Die Beziehungen der Kommunisten zu Feldgrau sind noch etwas pulvergeschwärzt, und deshalb kommen die Beteuerungen, die KPD wäre die eigentliche nationale Partei und habe auch ein Herz fürs Militär, noch etwas beklommen heraus.« Ossietzky warnte davor, Freudentänze um einen »geschaßten Leutnant« aufzuführen: »Die KPD muß sich entscheiden, auf welchen Zuzug sie Wert legt. Will sie die in den Gewerkschaften aller Richtungen vertretenen Arbeiter und Angestellten, oder will sie krakehlende Studentchen und zeitweilig unbeschäftigte Freikorps­existenzen?«

Ossietzky trifft hier sicherlich einen wunden Punkt. Aber selbst wenn die Sprache der im Aufbruch versammelten Texte bisweilen mit ihrer Betonung des Nationalen befremdlich anmutet, einen »nationalbolschewistischen« Kurs hatte die KPD damit keineswegs eingeschlagen. Ihr ging es nicht darum, Zugeständnisse zu machen, sie wollte Leute aus dem gegnerischen Lager zum Überlaufen bewegen: »Gefordert wurde von den nationalen Aktivisten der Bruch mit ihrer Vergangenheit und ihr Einsatz für ein neues Vaterland, das nur ein Sowjetdeutschland sein konnte«, so der Historiker Hans Coppi. Dasselbe Ziel hatte bereits die »Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« des ZK der KPD vom August 1930 verfolgt.

Das Aufgreifen, die Kritik und Neubesetzung nationaler Themen war ein legitimer Versuch, in die Reihen der Nazis einzubrechen und sie zu schwächen. Massenhafte Übertritte wurden so allerdings nicht organisiert. Dennoch hatten die Aufbruch-Arbeitskreise eine gewisse Bedeutung für die nachrichtendienstliche Arbeit der Partei: »Offensichtlich war die politische Bedeutung der AAK für die KPD größer, als dies aus deren Mitgliederzahl, die auf 200 bis 300 beziffert wird, abgeleitet werden kann. Aus nachrichtendienstlicher Sicht war die personelle Begrenztheit der einzelnen AAK eher von Vorteil und deshalb vermutlich auch gewollt. (…) Denn je kleiner und vertrauter der Gesprächskreis und je intimer die Atmosphäre, desto größer ist bekanntlich die Bereitschaft, Hemmungen fallen zu lassen und Geheimnisse auszuplaudern.« (Bernd Kaufmann u. a.: Der Nachrichtendienst der KPD, Berlin 1993, S. 236)

Zumindest bemerkenswert ist auch, daß das Gros der Mitarbeiter des Aufbruch nach 1933 nicht den Weg zurück in die braunen Reihen antrat. Josef Römer wurde 1944 von den Nazis ermordet, Bruno von Salomon schloß sich der Résistance an, und Richard Scheringer war bis zu seinem Tod 1986 Mitglied der DKP.

Quelle: Aus Richard Scheringers Rede vom 19. März 1931

Wer heute die praktische Politik der nationalsozialistischen Führer mit ihren radikalen Phrasen vergleicht, erkennt, daß ihre Handlungen im schärfsten Gegensatz zu dem stehen, was sie reden und schreiben und was wir von ihnen erwarteten.

Die praktische Politik dieser Führer wird durch folgende Tatsachen gekennzeichnet: 1.) Sie haben sich im Laufe der letzten Monate eindeutig vom Sozialismus losgesagt. 2.) Sie haben das Privateigentum heilig gesprochen. 3.) Sie haben bei innerpolitischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen die Interessen der Kapitalisten gegen die Interessen des Proletariats vertreten. 4.) Sie haben keinem Kapitalisten ein Haar gekrümmt, aber den Terror gegen das Proletariat organisiert. 5.) Sie haben gegen die Zerreißung des Young-Plans gestimmt. 6.) Sie haben die Verschuldung Deutschlands an das internationale Finanzkapital anerkannt. 7.) Sie haben den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund verhindert. 8.) Sie haben sich mit den Bureaugeneralen ins Einvernehmen gesetzt. 9.) Sie haben innerhalb der eigenen Reihen einen Byzantinismus hochgezüchtet, der zum Himmel stinkt.

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