10. März 2014

Serbisches Golgota

Feldartillerie der serbischen Armee während des Aufmarsches gegen die österreichisch-ungarischen Truppen zu Kriegsbeginn (ohne Jahresangabe) … - Fotoquelle: jW-Archiv

Die Greuel des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines Offiziers vom Balkan. Ein Romanauszug

Stevan Jakovljevic

Mit dem Begriff Serbisches Golgota wird der Rückzug der Armee des Landes und einer hohen Anzahl von Flüchtlingen aus dem besetzten Serbien im Ersten Weltkrieg bezeichnet. Im Winter 1915/16 gelangten sie nach einem dreimonatigen Fußmarsch über die montenegrinischen und albanischen Berge ans Meer zu den Hafenstädten Drac (Durrës), Valona (Vlorë) und San Giovanni di Medua (Shëngjini), von wo die Überlebenden auf Schiffen der Verbündeten (Frankreich, Italien und Großbritannien) nach Korfu und Bizerta transportiert wurden.

Auf der Grundlage dieser Erfahrungen ist eine ganze Literatur entstanden. Zahlreiche Offiziere, aber auch einfache Soldaten führten Tagebuch bzw. schrieben von Zeit zu Zeit Notizen. Viele dieser Aufzeichnungen sind mit den Erfrorenen und Verhungerten begraben worden oder während des Krieges verlorengegangen. Auf diesem Marsch befand sich auch der spätere Schriftsteller Stevan Jakovljevic.

Wir veröffentlichen hier einen Auszug seines 1937 publizierten Romans »Srpska trilogija«, »Serbische Trilogie«. Er ist der Sammlung »Veliki Rat – Der große Krieg. Der Erste Weltkrieg im Spiegel der serbischen Literatur und Presse« entnommen, die von Gordana Ilic Markovic im Wiener Promedia Verlag herausgegeben wird und in diesen Tagen erscheint. Der Text liegt erstmals in deutscher Sprache vor. Die Übersetzung besorgte Jelena Dabic.

Dezember 1915

Eine lange Kolonne von Pferdeführern zog los. Keiner drehte sich um, um den traurigen Schauplatz zerbrochener Dinge und verbrannten Materials zu sehen. An der Stelle, an der sich die Munitionskolonne befand, blieb eine schwarze Brandstätte übrig, herumliegende Lumpen, Teile von zerschlagenen Kisten und gußeiserne Reste von Wagen, verbrannt und rußgeschwärzt. Wieder das Nachtlager einer Batterie, im Freien. Die Karren ohne Räder liegen wie Särge herum, und die zerschlagenen Gewehrläufe klaffen wie tote Riesenschlangen. Etwas weiter die Asche von verbranntem Stroh und rauchende Brandstummel von Holzteilen. Die aus ihren Hülsen herausgenommenen Kugeln liegen überall verstreut auf dem Boden, ebenso die zerschlagenen und durchlöcherten Hülsen …

Am Weg liegt jemandes Leiche, entstellt und halb verbrannt. Obwohl sich unsere Augen an diese endlose Wüstenei gewöhnt haben, interessieren sich die Leute dennoch für dieses unglückselige Geschöpf und fragen die Soldaten, die stehengeblieben sind und in der Brandstätte herumstochern.

[…]

Gegen Mittag kamen wir bei einigen Siedlungen an, offensichtlich von Holzfällern.

Die Menschen zerstreuten sich in alle Richtungen. Viele Frauen, die mit ihren Männern auf der Flucht sind, haben Uniformmäntel angezogen und sich Schals um den Kopf gebunden; sie haben sich unter die Soldaten gemischt, so daß es keinen Unterschied mehr gibt. Wem würde es denn auch auffallen, jetzt, in diesem Elend … Es gab welche, die schon völlig erschöpft waren und mit traurigem Blick irgendwohin in die Ferne starrten, wie jemand, dessen Haus verbrannt ist und der sich jetzt die armselige Brandstätte ansieht.

Mit vor Müdigkeit leichtem Schritt zogen wir an dieser Masse vorbei und gingen weiter bergauf. Eine geheimnisvolle Dunkelheit umgibt uns, und die Luft scheint uns zu ersticken. Die Soldaten haben sich ihre Kapuzen über die Köpfe gezogen oder die Köpfe mit Tüchern umwickelt; gebückt ziehen sie durch die Wolken wie Gespenster … Wir treffen auf ermattete Soldaten, die am Wegesrand im Schnee sitzen, mit gesenktem Kopf. Gott allein weiß, wann sie ihre Befehlsstellen erreichen.

Ach, du, mein Leben, hast du denn je ein Ende! – jammert jemand hinter mir.

[…]

Vor irgendwoher blitzte die Sonne hervor. Wie das Lächeln der Mutter. Aber bald verschwand sie hinter den Wolken.

Jetzt ist es vier Uhr. Hoffentlich gehen wir nicht mehr lange. Mein Offiziersbursche keucht hinter mir, daher steige ich ab, damit er das Pferd besteigen kann. Er ist jetzt dran. Aber er stieg bald wieder ab und warf sich die Zügel über den Arm. Er meinte, so bekäme er kalte Füße […]

Die Abenddämmerung kam dann irgendwie plötzlich. Jetzt haben wir das Gefühl, daß der Schnee noch lauter unter unseren Füßen knirscht. […] Dann bogen wir in den Wald ab und kehrten dem Wind, der durch die Föhrennadeln rauschte, den Rücken zu.

Aber seltsamerweise denkt niemand mehr über seine Familie nach und spricht auch nicht darüber. Unsere Not ist allzu groß, daher denken wir nur an unmittelbare Ereignisse und an das, was uns heute abend erwartet. Die Dunkelheit ist schon voll und ganz niedergesunken. Wir marschieren immer noch. Wenn jemand stehenbleibt, rempelt ihn der nächste an. […] Aus der Ferne erreichen uns Stimmen. Sicher wird ein Befehl weitergegeben. Wir spitzen die Ohren.

Jeder soll da übernachten, wo er sich gerade befindet. Gib’s weiter.

Die Stimme wird wie eine Welle übertragen und verliert sich in den tiefen, verschneiten Tälern.

Um uns herum ist Wald. Silhouetten von Nadelbäumen. Die Soldaten zerstreuten sich in alle Richtungen und schoben dabei den Schnee auseinander, der bis über das Knie reichte. Die Äxte begannen zu krachen. Hundertjährige Bäume fielen mit lautem Krachen um. Mit den scharfen Ästen der Föhren räumten die Soldaten den Schnee. Dann flackerten Feuer auf. Erst jetzt versammelten wir uns, um die Feuer herum.

[…]

Der Mund bewegt sich, der Bauch spürt es nicht

Man erzählt sich schon, daß wir bis zum Meer ziehen werden, und daß man uns dann irgendwohin versetzen wird, zur Erholung. Manche sagen, nach Frankreich, andere, nach Afrika. Egal, jedenfalls ist das »gelobte Land« in Sicht, wo hoffentlich unsere Qualen und Leiden aufhören werden […] Wir erreichten auch eine Gruppe Soldaten, die auf einer Zeltplane einen Kameraden trugen. Seine Lippen waren vor starkem Fieber aufgesprungen, und sein Blick starrte aus tiefen Augenhöhlen ausdruckslos in die Ferne.

Wir ziehen auf einer breiten Landstraße langsam weiter. […] Nackte Felsen ragen aus der Erde hervor, zerfurcht und zersträubt, als würden der Erde die Haare zu Berge stehen. […] Es sieht so aus, als hätte Gott den Himmel von Steinen gereinigt und dann alles hier ausgeleert.

Mitten in so einem Steinhaufen machten wir halt, um zu übernachten. Am Weg entlang zieht sich die Karstgegend bis zum Horizont. Es sprach sich herum, daß die Brotlieferung gekommen sei. Die Leute wurden gleich munter. Auf der Landstraße standen zwei Lastwagen, von denen Kisten abgeladen wurden.

Der Regimentsadjutant kommt von dort zurück und gibt bekannt, daß man Peximit gebracht habe. Die Kommandeure bestimmten Leute für die Übernahme. Jeder Soldat bekam ein Stück Peximit. Das waren gleichmäßige Quadrate, fingerdick, aus einer steinharten Masse. Die Soldaten versuchten hineinzubeißen und machten dabei Grimassen.

Nach erfolglosen Versuchen meinte einer, einen Peximit betrachtend: »Sie mit ihrer Ehre, statt Brot haben sie uns kleine Bretter gegeben«. Es wurde ihnen erklärt, daß man Peximit nicht wie Brot beißt, sondern daß man es in Tee oder Wasser einweichen muß oder zuerst zerbrechen und dann vorsichtig daran knabbern. Isajlo schmatzt an einem Peximit und meint dann ziemlich abschätzig: »Das hier schmeckt wie Sägespäne, Herr Leutnant«. »Natürlich«, antwortet Luka, »du hast zu Hause immer Pita mit Milch gegessen, deshalb sind deine Zähne weich geworden. Herrschaftszeiten! Friß das und sag danke, daß du es bekommen hast.« Manche sagen, daß man mit Peximit selbst ein Pferd töten könnte. »Wie schmeckt es dir?« frage ich einen Infanteristen, der mißmutig kaut. Er winkt ab und sagt: »Na ja … der Mund bewegt sich, der Bauch spürt es nicht«.

Und nachdem sie alle Nachteile aufgezählt hatten, ließen sie sich Peximit gut schmecken. Selbst die Brösel haben sie aufgepickt.

Lebende Leichen bleiben übrig

Man sagt, Menschen können sich an traurige Ereignisse aus ihrem Leben meist besser erinnern als an freudige Erlebnisse. Wahrscheinlich auch deswegen, weil der Mensch beschwerliche Geschehnisse meidet, wodurch diese seltener werden und damit auch eindrucksvoller. Aber wir leben jetzt ständig mit solchen Ereignissen. Und allmählich wird unser Leben mit jedem Tag immer schwieriger und mühsamer … Es ist schwierig genug, sich an den gestrigen Tag zu erinnern. Aber ein Gefühl bleibt klar: Schlimmer kann es nicht mehr werden. Berge, Gebirgsketten, steile Bergabhänge, Karst, Klippen, Sümpfe, und dazu das allerschlimmste und allerschrecklichste Ungeheuer: der Hunger.

Mit eingefallenen Wangen, mit trockenen, halb geöffneten Lippen und mit glühendem Blick schleppen sich Leute wie Gespenster dahin. Der Körper erschlafft, macht beinahe seinen letzten Atemzug. Aber die Augen leuchteten noch … Alle inneren Triebe und bewußten Motive sind auf einen einzigen Gedanken konzentriert: Brot! … und als ein Reflex des inneren Triebes nach dem letzten Atemzug glühten die Augen und suchten lüstern nach wenigstens einem Bissen, selbst vom Fleisch jenes Aases, das am Weg liegt. Das waren die letzten Zuckungen von vielen. Denn man stieß immer häufiger auf abgezogene Haut und verdorbenes Fleisch von toten Pferden. Manche sagen, sie hätten einige Wahnsinnige gesehen, die das Fleisch dieser Schindmähren gegessen haben. […]

Wir sind in eine unwegsame Gegend gekommen. Wir gehen auf schmalen Pfaden. Und die Aeroplane folgen uns auf Schritt und Tritt und schießen aus Maschinengewehren auf halbtote Soldaten oder werfen Bomben herab, wie es ihnen gerade beliebt. […]

Etwas weiter treffen wir auch auf einen Toten. Höchstwahrscheinlich ist er verhungert. Jemand hat seine Hände über der Brust gekreuzt und zwischen seine Finger eine brennende Kerze gesteckt. Sie ist fast abgebrannt. […]

So gehen wir an den Toten vorbei und keiner erweist ihnen die letzte Ehre. Wir unterbrechen nicht einmal das angefangene Gespräch. Denn auch der kleine Infanterist, der mühsam, auf einen Stock gestützt, vor uns hergeht, wird höchstwahrscheinlich morgen sterben … Sicher. […]

Es bleiben lebende Leichen hinter uns zurück; sie werden nie ankommen.

Die Insel des Todes

Ich betrachte die Insel Vido … Ein Haus ist da, dann Baracken und Zelte. Am Strand liegt etwas Weißes, ein Haufen … […] Leichen, nackte Leichen von Menschen, über hundert tote Menschen, an den Strand geworfen, auf einen Haufen, mit aufgerissenen Kiefern, mit glasigem Blick, mit gespreizten Beinen und verkrampften Händen. Die Wellen brausen teuflisch heran, als würden sie sich über eine so reiche Beute freuen, das Wasser rinnt in breiten Strahlen die erstarrten toten Körper hinunter … Wenn sie wenigstens nicht nackt wären. […]

Ich blieb bei dem älteren Reservisten. »Das ist nicht die Insel Vido, mein Herr, sondern die Insel des Todes. Hunderte sterben hier täglich. Wer hierher gebracht wird, der sieht keinen lichten Tag mehr. Zuerst wurden sie hier bestattet. Aber es bräuchte ein ganzes Bataillon, das den ganzen Tag Gräber aushebt, und dann gäbe es sowieso nicht genug Platz. Jetzt wirft man sie auf den Strand, abends kommt ein Schiff, lädt sie auf und wirft sie dann nachts ins Meer.«

[…] Dann ging ich in Richtung der Soldatenbaracken, getrieben von einem unaufhaltsamen Bedürfnis zu sehen. Ich würde nicht sagen, daß das nur Neugierde war, noch weniger Lust, sondern etwas Schweres und Schmerzhaftes.

Auf dem Höllengrund

Gequält von der Ungewißheit, ermüdet von der Ungeduld, weil wir nicht losziehen konnten, hatten wir den Eindruck, daß die Schallwelle, mit der Schußgeräusche übertragen werden, uns auf den Kopf schlägt. Die Zeitungen verstummten am nächsten Tag. Die Nachricht bewahrheitete sich. Verschiedene Stimmen strömten vorbei. Die Nachrichten der Trainsoldaten hatten die Bedeutung eines offiziellen Kommuniqués. Wir lebten uns langsam in die Situation ein und waren froh, daß uns niemand störte.

Die Malaria mäht die Leute nieder. Täglich ziehen Kolonnen von erschöpften Soldaten und Offizieren vorbei, deren Körper von Fieber wie ausgepreßt wirken. Manche sind im Fieberwahn. […]

Ich war auf dem Beobachtungsstand, als mir ein Soldat einen dicken Brief brachte. Ich drehte ihn nach allen Seiten und überlegte, wer mir einen so langen Brief schreiben könnte. Ich brach das Kuvert auf und schlug ungeduldig die letzte Seite auf … »Dein Dragoslav«.

Ach, ich freute mich! Weil es schon dämmerte, schloß ich die Scharte, in die das Fernglas eingesetzt war und zündete die Feldlaterne an. Glücklich wie ein junger Bursche, der einen Liebesroman liest, setzte ich mich auf einen Feldsessel und begann zu lesen.

1./14. August 1916

Mein lieber und einziger Freund,

viel Zeit ist seit jenem Tag vergangen, an dem uns das Leben aus unserem Studentenzimmer herausgeholt und, einer Zentrifuge gleich, über die weite Welt zerstreut hat. Am Beginn unserer Jugend wurden wir in den Kriegswirbel hineingezogen, wo unsere Träume, Ideale und Liebessehnsüchte im Blut ertranken. Ich frage mich nicht, warum all das notwendig war. Aber ich bestätige die Tatsache, so war es, und so geschieht es noch immer. […]

In einsamen Stunden dachte ich über unsere Freundschaft nach … Wir waren von unserer Jugend inspiriert. Wir trugen wallendes Haar und zerknitterte Krawatten. Durch das offene Fenster unseres Zimmers drang der Duft der Kirschblüte, und wir sangen: Ihr seid als Opfer gefallen im entscheidenden Kampf, Für die Ehre und die Freiheit des Volkes …Als hätten wir schon damals geahnt, daß bald auch wir »als Opfer im entscheidenden Kampf« fallen würden! Unsere Jugend war unbefleckt, nicht lasterhaft, nicht verlebt. Sie erinnert mich an einen ruhigen, reinen Fluß, von Morgensonne beschienen und von duftenden Blumen gerahmt, an einen Fluß, der, nach einer verhängnisvollen Bestimmung, plötzlich in einen Abgrund stürzt. Uns ist nur die Erinnerung an diese Tage geblieben, die von ehrlichen Gedanken und vom Glauben an die Freiheit des Menschen erfüllt waren, an Tage, als die Augen glühten und das Herz flackerte […]

Vergangenes, mein einziger Freund, lang Vergangenes. Kannst du dich eigentlich an sie erinnern? Lach nicht über mich. Seit zwei Jahren waten wir schon im Blut, daher bist du wahrscheinlich schon verroht. Aber ich stelle mir dich immer noch wie ein milchbärtiges Bürschlein vor, das beim Anblick einer Frau errötet. Und nur dir konnte ich mich anvertrauen. Obwohl du es nie eingestanden hast, hast du sie auch geliebt, gib es jetzt zu. Sag es mir. Dann wirst du mir noch vertrauter sein. Sieh mal, dieses schlanke Mädchen hat in schweren, schlaflosen Nächten mein Leben ausgefüllt. Auf langen Märschen oder auf der Rast, als ich stumm und einsam dalag, betrachtete ich wie ein Visionär ihre kleine Gestalt. Sie trug ihr Haar in der Mitte gescheitelt. Gewellte kastanien­braune Strähnen rahmten ihre hohe Stirn. Ihre Augen waren blau; hell wie Tropfen des Morgentaus und von langen Wimpern umkränzt. Ihre Nase wohlgeformt, wie das Werk eines Bildhauers, mit zarten, sinnlichen Nüstern. Der Mund wie eine halb geöffnete Rosenknospe. Ihr Lächeln erinnerte mich an den Sonnenaufgang.

Lieber Freund, erlaube mir, dir alles ehrlich zu beichten. Nur dir allein. Sie ist meine Vergangenheit, die einzige Erinnerung meines Lebens, mit der ich mich nun schon seit drei Jahren unterhalte, die mich als einzige begleitet … Sie, meine kleine Freundin, Gordana. […] Vielleicht findest du, daß das alles, was ich dir schreibe, Unsinn ist. Sie denkt vielleicht gar nicht mehr an mich. Du hast recht … Vielleicht, es kann sein. Unsere Gegenwart hingegen ist schmerzhaft. Wir sind von Stahl, Toten und Verwundeten umgeben.

Das schreibe ich dir im Dienst; alle anderen schlafen jetzt. Es ist spät in der Nacht. Rings um mich ist vollkommene Stille, ich aber bin unruhig. Während ich dir schreibe, zittert meine Hand. Meine Seele wallt auf und ist zugleich voller Trauer … Vielleicht um unsere Jugend? … Ich weiß es nicht. Was mir jetzt alles in den Sinn kommt! … Erinnerst du dich, wie wir protestierten, als wir Schopenhauer lasen? … Denn wir konnten lieben. Wir begeisterten uns an der Liebe. Aber wir wollten nicht, daß die Liebe irgend etwas mit Land und Materie gemeinsam hat. Er hat uns jedoch in seiner »Metaphysik der Liebe« die Wirklichkeit so herzlos entblößt.

Erinnerst du dich, wie wir über blumenbewachsene Fluren wanderten und uns unterhielten: über Bücher, die wir gelesen hatten, über die Freiheit des Volkes, über die nationale Mission Serbiens, über die Liebe, so wie wir sie auffaßten; zornig griffen wir diesen großen Zerstörer aller menschlichen Illusionen an! … Wir waren in der Tat von einem jugendlichen Idealismus verblendet. Voller Gefühl, voller Phantasie, voller Ideale für unsere Brudervölker, unsere Freunde, das Vaterland … für die Menschheit. Wir waren ständig heiter, ständig ausgelassen im Gesang und Jubel. Aber als wir im Zenit unserer Wünsche und Ideen waren, kam die Wirklichkeit. Und was für eine Wirklichkeit! Es kam der Krieg, um uns von diesen sonnenbeschienenen Höhen auf den Grund der Hölle herunterzuziehen. Und wir töten jetzt, seit Jahren töten wir Menschen, beschmieren unsere Hände und Herzen mit Blut. Und auch uns tötet man, einen nach dem anderen, von Tag zu Tag. Man tötet unsere jungen Körper, und, was noch schlimmer ist, unsere jungen Seelen. Vielleicht erscheint dir das alles seltsam. Aber versuch mich zu verstehen und verzeih mir, mein Freund.

Morgen ziehen wir Richtung Vaterland. Wir beginnen die lange erwartete Offensive. Die Gehirne dieser noch nicht getöteten Burschen werden wieder über die heißen mazedonischen Felsen spritzen. Wir werden noch den wenigen übriggebliebenen Leben einer zum Martyrium verurteilten Generation den Rest geben.

[…] Es ist spät. Morgen muß ich früh aufstehen. Wenn ich wieder Zeit habe, schreibe ich weiter.

Dieser Teil des Briefes war ziemlich zerknittert, und darauf waren seltsame dunkle Flecken zu sehen. Ich hielt den Brief näher an die Feldlaterne, und da schien mir, als würde es sich um Blutspuren handeln. Meine Hände erzitterten. Ein Bangen und eine fieberhafte Ahnung erfaßten mich. Ich blätterte um. Das Papier war glatt, die Handschrift eine andere, von jemand unbekanntem. Rechts oben stand »Das 6. französische Spital«.

Der Brief lautete:

Sehr geehrter Herr,

obwohl Sie mich nicht kennen, schreibe ich Ihnen im Auft­rag Ihres und meines Kameraden und Freundes Dragoslav. Er wurde schwer am Kopf verwundet und im beinahe bewußtlosen Zustand in das 6. französische Spital gebracht. Bei der Übergabe seiner Kleider an das Spitalsmagazin haben wir alle Dinge aufgelistet, die er bei sich trug. Unter anderem war auch dieser Brief dabei. Seine Verletzung war am Anfang ziemlich schwer. Sein Schädel war an einigen Stellen gesprungen. Sein Helm hatte ihn vor dem sicheren Tod gerettet. Aber Gott sei Dank geht es ihm seit einigen Tagen wieder gut. Dann zeigten wir ihm den gefundenen Brief. Er bat mich, ihn an Sie weiterzuleiten, zusammen mit der Abschrift­ seines Tagebuchs. »Wenn ich sterbe, soll er diesen Brief an sie übergeben (Sie wissen wohl, an wen), und das Tagebuch an meine Mutter.«

[…]

Kajmakcalan

Kajmakcalan? … Ständig höre ich von diesem Kajmakcalan. Viele von euch kommen ja von dort. Ich habe die Sektion studiert, auf der die Front meiner Division verläuft, aber dieser Name ist dort nicht zu finden. Er steht wahrscheinlich irgendwo weiter links.

Das ist, mein lieber Kamerad, ein riesiges Gebirge, auf dem sich der Teufel selbst gute Nacht sagt. Auf der Karte heißt es Kajmakcalan. Wir nannten es »Das Tor der Freiheit«, weil wir da zum ersten Mal wieder unsere Heimat betreten haben. Die Bulgaren hingegen nannten es »Borisowgrad«, weil sie glaubten, daß die Stellungen auf Kajmakcalan einfach nicht erobert werden könnten

… Verstehst du es jetzt?

[…]

Später hörte ich, daß die bulgarischen Soldaten betrunken waren. Es scheint, daß dieser Brauch bei ihnen üblich ist. Sonst kann man nicht verstehen, wie normale Menschen so viele Greueltaten begehen können. Sie stießen auf eine Schützengrabenbatterie und töteten den Kommandeur … Den schon Toten schlitzten sie auf, bis seine Eingeweide heraushingen … Wirklich unfaßbar! – Die Soldaten hatten sie ebenfalls alle getötet. Später sah ich, wie unsere und ihre toten Soldaten auf einem Haufen lagen; in ihrer Brust oder ihrem Bauch steckten Bajonette.

Unvorstellbar … Wir führen schon so lange Krieg, ich habe schon allerhand Seltsames und Grauenhaftes gesehen, aber das, was ich auf Kajmakcalan gesehen und später selbst erlebt habe, das kann man sich nicht vorstellen.

Tote Menschen lagen da wie umgeworfene Holzklötze. Ich sah, wie ein Bulgare einem unserer Soldaten mit dem Bajonett in den Bauch stach. Dieser hält das Bajonett mit beiden Händen, in seinem Gesicht sieht man noch den Ausdruck des Entsetzens. Ein anderer Soldat erwischte diesen Bulgaren und stach ihm durch den Brustkorb, so daß die Bajonettspitze auf der anderen Seite herauskam. Diesem unseren Soldaten stach ein anderer Bulgare durch den Hals und tötete ihn. Auf diesen Bulgaren schlug einer von unseren Soldaten mit einem Gewehrkolben ein und zerschmetterte seinen halben Kopf … Und so blieben sie liegen, als wären sie mit einer Kette verbunden.

[…]

Gordana Ilic Markovic (Hg): Veliki Rat/Der große Krieg - Der Erste Weltkrieg im Spiegel der serbischen Literatur und Presse. Promedia Verlag, Wien 2014, 272 Seiten, 19,90 Euro

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