9. August 2013

Siedlerökonomie

Während der Nakba, der großen Katastrophe, wurden 1948 über 700000 Einwohner bei der Gründung des Staates Israel und dem anschließenden Krieg systematisch aus ihren Heimatorten vertrieben

Israels Kolonialisierungskonzept ist in den Ideen des Zionismus begründet. Es basiert auf Ausschluß und Vertreibung der arabischen Bevölkerung – im Interesse und mit Unterstützung westlicher Staaten

Moshe Machover

Moshe Machover ist 1936 in Tel Aviv geboren. Er war 1962 Mitbegründer der Israelischen Sozialistischen Organisation, die unter dem Namen ihrer Zeitschrift Matzpen (Kompaß) bekannt wurde. Die Mitglieder dieser linken Organisation wurden zunehmend verfolgt, weshalb der Mathematiker und Philosoph Israel 1968 verließ und nach Großbritannien übersiedelte. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung am Londoner King’s College. 2012 publizierte er sein Buch »Israelis and Palestinians – Conict and Resolution«. Im Laika-Verlag erscheint in wenigen Tagen die deutsche Übersetzung dieser Sammlung politischer Essays aus den Jahren 1966 bis 2011. jW veröffentlicht daraus auszugsweise die Jahresvorlesung des Barry Amiel & Norman Melburn Trust, die Machover am 30. November 2006 hielt. Kürzungen der Redaktion sind mit runden Klammer gekennzeichnet.

Die zionistische Kolonisierung Palästinas ist die Quelle des Konflikts, die fortgesetzte Kolonisierung ist die anhaltende Kraft, die den Konflikt immer wieder anheizt. (…) Daß die Umsetzung des zionistischen politischen Projekts unweigerlich Widerstand der palästinensischen Einwohner hervorrufen und mit unerbittlicher Logik zu einem Gewaltkonflikt führen würde, war von Beginn an abzusehen. Die Klarsichtigsten sowie die hemmungslosesten und freimütigsten Zionisten haben das offen zugegeben. (…)

Ein zweites, eher ungewöhnliches Muster der zionistischen Kolonisierung besteht darin, daß die Siedler nicht Staatsbürger einer europäischen Macht waren, von der sie zu einem Kolonisierungsfeldzug ausgeschickt wurden und die sie beschützte. Deshalb war den Begründern des politischen Zionismus von Anfang an klar, daß für den Erfolg ihres Projekts die Förderung durch eine Großmacht lebenswichtig war – egal, welche Großmacht gerade im Nahen Osten die Oberherrschaft hatte. Diese sollte sie mit einer »eisernen Wand« ausstatten, hinter der die zionistische Kolonisierung weitergehen konnte. Ohne solch eine Förderung, die im Diskurs der frühen Zionisten als »Charta« bezeichnet wurde, wäre die Kolonisierung Palästinas von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen.

Vorposten gegen »Barbarei«

Natürlich sind Großmächte keine Menschenfreunde. Ihren Schutz gibt es nicht umsonst, sondern nur im Tausch gegen andere Dienste. Und von Beginn an war klar, welcher Art diese Dienste sein würden. Der Gründervater des politischen Zionismus, Theodor Herzl (1860–1904), schrieb in seinem programmatischen Buch »Der Judenstaat« im Jahr 1896: »Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müßte.« Das ist weniger ein »Zusammenstoß der Zivilisationen« als ein Zusammenstoß der einzigen und alleinigen Zivilisation mit der Barbarei.

Es geht also um einen Handel, ein Tauschgeschäft. Im Tausch für die lebenswichtige »eiserne Wand« gegen die palästinensischen Araber, die mit Hilfe des westlichen Imperialismus errichtet werden würde, würden die zionistischen Kolonisatoren und schließlich ihr Siedlerstaat ihren Förderern ein »Wall« gegen die »Barbaren« im Nahen Osten sein. (…)

Eine notwendige Folge dieses historischen Abkommens war die Regionalisierung des Konflikts. Der Zusammenstoß des zionistischen Projekts (und schließlich Israels) mit den palästinensischen Einwohnern wurde ausgeweitet zu einem Konflikt mit den Menschen der gesamten Region. Der Grund dafür ist nicht nur die nationale Solidarität der Araber der gesamten Region mit ihren arabischen Brüdern in Palästina, sondern auch die aktive Rolle des Zionismus (und Israels) als Partner westlicher Ausbeutung und Beherrschung des Nahen Ostens.

In den 1880er Jahren hatte Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. Frankreich und Großbritannien als »Freund und Militärberater« des niedergehenden Osmanischen Reichs ersetzt. Palästina gehörte damals zu diesem Reich, weshalb Herzl versuchte, seine Idee dem deutschen Kaiser anzutragen. Aber er erhielt eine Abfuhr, der Kaiser verzichtete dankend auf das vorgeschlagene Abkommen.

Chaim Weizmann hatte zum Ende des Ersten Weltkrieges sehr viel mehr Glück mit der Regierung Lloyd George.1 Der Charta der zionistischen Bestrebungen wurde in Gestalt der Balfour-Erklärung vom 2. November 1917 entsprochen.2 In seinen Erinnerungen kommentierte Sir Ronald Storrs, der Kopf hinter Lawrence von Arabien und erster britischer Gouverneur Jerusalems, die Logik der Balfour-Erklärung: »Obwohl das Land noch keine sechzehn Millionen, nicht einmal acht Millionen aufnehmen konnte, konnten genügend zurückkehren, um vielleicht nicht den Judenstaat zu errichten (den ein paar Extremisten öffentlich forderten), aber um zu beweisen, daß dies ein gesegnetes Unterfangen für den Geber [Großbritannien] wie den Nehmer [Zionismus] war, da »ein kleines loyales jüdisches Ulster« in einem Meer wahrscheinlich feindlichen Arabismus geschaffen wurde.« (…)

Es ist kaum eine Übertreibung zu sagen, daß Palästina, so wie es aus dem arabischen Osten herausgeschält wurde, auf die Bedürfnisse der zionistischen Kolonisation zugeschnitten war, unabhängig von den Wünschen seiner damaligen Bewohner. Im Gegenteil stellte die US-amerikanische King-­Crane-Kommission3 im Jahr 1919 fest, diese Einwohner verspürten nicht den Wunsch nach einem getrennten Palästina, sondern seien mit ihrer Zugehörigkeit zu Großsyrien zufrieden. Zudem gehörten zu diesem Herauslösen erhebliche Beschneidungen.

Das palästinensische Mandat umfaßte ursprünglich auch ein großes, überwiegend trockenes Gebiet östlich des Jordans, aber Großbritannien durfte die Umsetzung der Bestimmungen zur Förderung der zionistischen Kolonisierung in bezug auf dieses Ostgebiet »aufschieben oder zurückhalten«. Daraufhin richtete Großbritannien diese Region als separates Emirat Transjordanien unter seinem haschemitischen Schützling Abdallah ein. Später wurde es zum Königreich Jordanien. Ab 1923 bedeutete »Palästina« das Gebiet westlich des Jordans, für das die Balfour-Erklärung uneingeschränkt unter dem Mandat des Völkerbunds galt. Dieses »Palästina« bestand dann 25 Jahre lang als eigenständige politische Einheit.

Rolle eines Wachhunds

In den 1930er Jahren kühlten sich die Beziehungen zwischen der zionistischen Bewegung und ihrem ehemaligen britischen Beschützer ab. Ihre Ziele und Interessen begannen sich auseinanderzuentwickeln. Schließlich tat sich eine ernsthafte Kluft zwischen ihnen auf und wuchs sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem gewalttätigen Konflikt aus.4 Ich kann hier nicht auf die einzelnen Gründe für diesen Konflikt eingehen. An dieser Stelle kann ich nur darauf verweisen, daß der »Große Aufstand«5 der palästinensischen Araber den Briten die Kosten der Durchsetzung des Mandats vor Augen führte, was zu sehr an ihrer ohnehin begrenzten Macht und ihrem Einfluß zehren würde. Inzwischen war das zionistische Projekt den Kinderschuhen eines »kleinen loyalen jüdischen Ulsters« entwachsen und reif für die Staatssouveränität. In jedem Fall aber verlor Großbritannien seine Vormachtstellung im Nahen Osten; der Zionismus brauchte einen neuen imperialen Patron.

Michael Assaf, ein linksorientierter zionistischer Orientalist, beschrieb die Lage wie folgt: »In jenen Kampfjahren [zwischen Zionismus und britischem Imperialismus] nahm die Entwicklung einer neuen Bindung ihren Anfang: statt England-Zion hieß es jetzt Amerika-Zion. Dieser Prozeß kam in Gang, weil die USA als Hauptmacht in den Nahen Osten einzudringen begannen.«

In dem Moment, da Israel 1948 gegründet war, setzte es diesen Prozeß der Neuanbindung fort. Es suchte ein neues Bündnis – Schutz im Gegenzug für Dienste – mit den USA. Aber der Wechsel zu dem neuen imperialistischen Gönner verlief schrittweise und durchlief verschiedene Stadien. Zunächst behielt Großbritannien nach wie vor einigen Einfluß im Nahen Osten. Das zeigt sich an der folgenden Einschätzung der regionalen Rolle Israels: »Die Feudalregime in diesen Nahoststaaten müssen in einem so hohen Grad wachsam gegenüber den (säkularen wie religiösen) nationalistischen Bewegungen sein, die manchmal auch von eindeutig linkssozialer Färbung sind, daß diese Staaten nicht mehr bereit sind, den Briten und Amerikanern ihre Naturressourcen zur Verfügung zu stellen und ihnen die Nutzung ihrer Länder als Militärstützpunkte für den Kriegsfall zu erlauben. Natürlich wissen die herrschenden Kreise in den Ländern des Nahen Ostens genau, daß sie bei einer sozialen Revolution oder einer sowjetischen Eroberung mit Sicherheit physisch liquidiert werden, aber die unmittelbare Furcht vor der Kugel eines politischen Attentäters überwiegt vorläufig die nicht greifbare Angst vor einer gewaltsamen Eingliederung in die kommunistische Welt. All diese Staaten sind […] militärisch schwach. Israel hat sein militärisches Gewicht im Befreiungskrieg gegen die arabischen Staaten bewiesen, weshalb eine gewisse Stärkung Israels ein durchaus bequemer Weg für die Westmächte ist, das politische Gleichgewicht im Nahen Osten zu erhalten. Unter dieser Prämisse ist Israel die Rolle eines Wachhunds zugewiesen worden. Es ist nicht zu befürchten, daß es mit aggressiven Mitteln gegen die arabischen Staaten vorgehen wird, wenn das eindeutig dem Wunsch der Amerikaner und Briten widerspricht. Aber wenn die Westmächte zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dem einen oder anderen Grund ihre Augen verschließen möchten, dann wird Israel zuverlässig und auf geeignete Art und Weise einen oder mehrere Nachbarstaaten bestrafen, deren Unbotmäßigkeit gegenüber dem Westen die erlaubten Grenzen überschreitet.«

Die Zeit von 1948 bis 1967 war eine schwierige Phase für Israels Bestreben, sich den USA als neuer vorherrschender und imperialistischer Macht anzudienen. Die USA waren durchaus interessiert, aber nicht allzu begeistert. Sie gewährten Israel erhebliche finanzielle und politische Unterstützung, ihr Einsatz für Israel war aber keineswegs uneingeschränkt. Die Nützlichkeit Israels als regionaler Gefolgsmann war noch nicht erwiesen; sie hatte sich den US-amerikanischen Politikern noch nicht gezeigt.

In den 1950er Jahren wandte sich Israel verstärkt an Frankreich, um zu einem engeren politischen Bündnis und an Militärausrüstung zu kommen. Frankreich führte damals seinen Kolonialkrieg in Algerien. Der arabische Nationalismus – an dessen Spitze der charismatische ägyptische Präsident Gamal Abdel-Nasser stand – war der gemeinsame Feind.

Im Suez-Krieg von 1956 bewies Israel dann sein militärisches Können, seine Nützlichkeit als örtlicher Rottweiler – aber dem falschen imperialistischen Boß. Frankreich und Großbritannien waren als Kolonialmächte erledigt. Die USA waren von ihrem linkischen, nicht genehmigten Versuch eines Comebacks nicht sehr begeistert und erstickten ihn gebieterisch im Keim. Israel wurde ebenfalls sehr deutlich aufgefordert, sich von seinen Eroberungen zurückzuziehen, die Ministerpräsident David Ben-Gurion etwas voreilig zum »Teil des dritten Königreichs Israel« erklärt hatte. Dennoch trug Israel aus dieser Episode einen beachtlichen Gewinn davon. Auf der geheimen Klausurtagung in Sevre, wo der Plan zur Zusammenarbeit bei dem Überfall auf Suez geschmiedet wurde, konnten Ben-Gurion, Mosche Dayan und Schimon Peres Frankreich einen Preis für Israels Schlüsselrolle abhandeln, den Krieg zu beginnen: Der Preis bestand in dem Versprechen Frankreichs, in Israel einen Atomreaktor zu bauen und diesen mit spaltbarem Material zu beliefern. Israel wurde dadurch schließlich zur fünftgrößten Atommacht der Welt.

Im Jahr 1967 versicherte Israel sich erst der Zustimmung der USA, ehe es Ägypten und Syrien angriff. Es nutzte die Gelegenheit auch, um sich den verbliebenen Teil Palästinas einzuverleiben, den Abdallah 1948 durch ein Geheimabkommen mit Ben-Gurions Regierung an sich gerissen hatte.

Israel hat dem Westen viele wichtige Dienste geleistet, vor allem den USA; der wertvollste aber war sein Beitrag zur Bekämpfung des säkularen arabischen Nationalismus, der zu Recht im Westen als Gefahr für seine Interessen angesehen wurde und der sich von seinem militärischen Debakel im Jahr 1967 nie wieder erholte. Israel ist zum treuesten und zuverlässigsten Bündnispartner der USA geworden und zum Vollstrecker seiner Interessen in der Region.

Zwei Kolonisationsmodelle

Israel wird häufig mit Südafrika zur Zeit des Apartheidregimes verglichen. (…) Es gibt natürlich viele Ähnlichkeiten. Das Südafrika unter dem Apartheidregime und Israel gehören zu derselben Gattung: dem kolonialen Siedlerstaat. Zur Kolonisation gehört notwendig die Enteignung der alteingesessenen Einwohner, harte rassistische Diskriminierung und die Unterdrückung ihres Widerstands mit brutalen Mitteln. Faktisch jedoch geht es den palästinensischen Arabern innerhalb der Grünen Linie (die israelische Staatsbürger sind) nicht ganz so schlecht wie den Nichtweißen unter dem Apartheidregime, auch wenn sie unter intensiver institutionalisierter Diskriminierung zu leiden haben. Andererseits werden die Palästinenser in den 1967 besetzten Gebieten auf vielfältige Weise brutaler durch das israelische Militär und die Siedler behandelt als die Nichtweißen unter der Apartheid. Aber mir geht es nicht um einen Vergleich des Grads der Unterdrückung. Es gibt einen wichtigen qualitativen, strukturellen Unterschied zwischen den beiden Siedlerstaaten: Sie gehören zwar zu derselben Gattung, aber zu unterschiedlichen Spezies der Gattung.

Eine präzise Einordnung erfordert nicht nur die grobe Feststellung der Gattung, sondern muß auch auf die Besonderheiten hinweisen. Hier erinnere ich an Karl Marx’ grundlegende Einsicht: Der Schlüssel zum Verständnis einer Gesellschaft liegt in der politischen Ökonomie, der Produktionsweise. Und das heißt an erster Stelle: Was ist die Quelle des Mehrprodukts, und wie wird es extrahiert? Jede Art der Kolonisierung war mit der Enteignung der Einheimischen verbunden. Die Frage ist, was dann aus ihnen wurde. Etwas schematisch gesprochen, können wir zwischen zwei Spezies unterscheiden, zwei Hauptmodellen von Kolonisations- und Siedlergesellschaften. Der entscheidende Unterschied besteht darin, ob die Kolonisatoren sich die Einheimischen nutzbar machen, um sie als Arbeitskräfte auszubeuten, als Quelle zur Schaffung eines Mehrprodukts; oder ob sie ausgeschlossen werden aus der Siedlerökonomie, ob sie an den Rand gedrängt, ausgelöscht oder vertrieben, ethnisch gesäubert werden.

Südafrika gehörte zur ersten Variante. Es begann nicht auf diese Weise, aber mit der Entstehung der kapitalistischen Industrie und dem Bergbau entwickelte es sich in ein System, in dem schwarze Afrikaner die Hauptquelle von Mehrwert waren. Die Apartheid war so eingerichtet, daß die Nichtweißen immer zur Hand waren, als wesentliche wirtschaftliche Ressource, aber ohne Bürgerrechte. Der Zionismus ging bewußt und ausdrücklich den anderen Weg: Die Verwendung einheimischer Arbeitskraft mußte vermieden werden. Die palästinensischen Araber werden nicht als nützliche, ausbeutbare Quelle von Mehrwert betrachtet, sondern sind überschüssig angesichts der Erfordernisse. Sie bei der Hand zu haben, bringt keinen Nutzen, nicht einmal, wenn sie auf Abstand gehalten werden, sie müssen aus dem Weg geräumt werden. Sie mußten ethnisch gesäubert oder – in zionistischer Sprachregelung – »transferiert« werden. Transfer geisterte von Anfang an durch die Vorstellungswelt des politischen Zionismus. (…)

Vertreibung statt Ausbeutung

In bezug auf den Ausschluß einheimischer Palästinenser aus der Siedlerökonomie vor 1948 und die Planung und Umsetzung ihres Transfers waren die »linken« oder »Labour«-Zionisten besonders emsig. Sie dachten in Klassenbegriffen und wußten deshalb sehr genau, daß, wie in anderen politischen Ökonomien, die unmittelbaren Produzenten die Mehrheit bilden würden. Der Zionismus konnte keinen jüdischen Staat mit einer überwiegend jüdischen Mehrheit bekommen, ohne die Araber auszuschließen. Die Arbeit mußte von Juden getan werden: von idealistischen europäisch-jüdischen Pionieren und (da es nicht genügend Freiwillige gab) von mittellosen, meist dunkelhäutigen Juden, die in allen vier Ecken der Erde eingesammelt wurden.

Im Großen und Ganzen hielten sich der Zionismus und Israel an dieses Modell, die Abhängigkeit von palästinensischer Arbeit auf ein Mindestmaß zu beschränken, wobei es sehr begrenzte und kurze Abweichungen in den 1970er und 1980er Jahren gab. Gegenwärtig ziehen es die israelischen kapitalistischen Hochtechnologieunternehmen auf kolonisiertem palästinensischem Land in den besetzten Gebieten vor, überausgebeutete israelisch-jüdische Arbeiter statt palästinensischer Araber zu beschäftigen.

Die zionistische/israelische Strategie verfolgte schon immer zwei Ziele: die jüdische Landkolonisierung maximieren, die arabische Bevölkerung minimieren. Zwischen diesen beiden Zielen gab es immer eine gewisse Spannung. Yosef Weitz – ein »Labour«-Zionist, ein besonders glühender Architekt von Transferplänen vor dem Krieg von 1948 und einer derjenigen, die diese Pläne maßgeblich während des Krieges und danach umgesetzt haben – zeigte sich nach dem Krieg von 1967 besorgt: »Als die UN sich entschieden hatten, Palästina in zwei Staaten zu teilen, brach zum Glück [sic!] der Unabhängigkeitskrieg [von 1948] aus, und in diesem ereignete sich ein doppeltes Wunder: ein territorialer Sieg und die Flucht der Araber. Auch im Sechstagekrieg [von 1967] ereignete sich ein großes Wunder: ein außerordentlicher territorialer Sieg, aber die Mehrheit der Einwohner in den befreiten Gebieten blieb an ihren Wohnorten ›hängen‹, was dazu führen könnte, die Grundlagen unseres Staats zu zerstören. Das demographische Problem ist das dringendste, vor allem, wenn zu ihrem zahlenmäßigen Gewicht das der Flüchtlinge hinzukommt.«6

Die feuchten Träume von der Ausdehnung der Kolonisierung werden immer wieder vom Albtraum der demographischen Gefahr getrübt. Verschiedene zionistische Strömungen versuchen diese beiden Ziele auf unterschiedliche Weise auszugleichen. Für einige hat die territoriale Ausdehnung Vorrang vor der ethnischen Reinheit; andere sind starr vor Angst wegen der demographischen Gefahr: Es gibt zu viele Araber in Palästina, und sie haben eine hohe Geburtenrate.

Alle stimmen überein, daß es das Beste wäre, wenn die Palästinenser irgendwie verschwinden würden und damit alle Probleme gelöst wären. Aber eine große ethnische Säuberung kann nur zur »rechten Zeit« [sche’at koscher], wie es im zionistischen Diskurs heißt, durchgeführt werden. Bis dahin besteht die Hauptstrategie darin, die Palästinenser auf leicht zu kontrollierende, bevorzugt sich selbst verwaltende Nischen zu beschränken. Diese unterscheiden sich von Konzentrationslagern insofern, als die Insassen das Gefängnis gerne verlassen dürfen, wenn sie dann emigrieren. Es handelt sich auch nicht um Bantustan7, weil der Hauptzweck von Bantustans darin bestand, als formell unabhängige Schlafräume für eine Reservearmee von Arbeitskräften zu dienen, die von der Siedlerökonomie gebraucht wurde. Am ehesten ähneln sie den Indianerreservaten in den USA. Und die verschiedenen israelischen »Friedenspläne« und Abkommen mit willigen palästinensischen Führern haben sehr viel gemein mit den berühmten indianischen Abkommen.

Die Tatsache, daß die zionistische Kolonisierung diesem Modell folgt, Ausschluß und Vertreibung der Einheimischen statt Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, hat entscheidende Folgen. Erstens: Die Gefahr weiterer Großtransfers ist niemals weit. Die »rechte Zeit« mag beispielsweise während eines extremen Ausnahmezustands oder eines Kriegs gekommen sein, was in dieser leicht entflammbaren Region eine beständige Gefahr ist. Israel könnte sogar dazu beitragen, eine solche Gelegenheit zu schaffen. Unterdessen setzt sich der Transfer in Zeitlupe durch Anwendung einer Salamitaktik – wie Einsatz wirtschaftlicher, verwaltungstechnischer und körperlicher Schikane – tagtäglich fort. Zudem sind ethnische Säuberung und Vertreibung sehr viel schwerer rückgängig zu machen als Ausbeutungsbeziehungen und rassistische Diskriminierung.

Deshalb müssen alle, die gegen dieses Unrecht sind, mit hoher Dringlichkeit handeln, die Weltmeinung wachrütteln und die Zivilgesellschaft auf die Beine bringen, um es Israel so schwer wie möglich zu machen, seine Kolonisierung auszudehnen und das Verbrechen des Transfers zu begehen.

Anmerkungen der Redaktion

1 David Lloyd George war von Dezember 1916 bis Oktober 1922 Premierminister der liberal-konservativen Regierung in Großbritannien.

2 Arthur James Balfour schrieb: »Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte.«

3 Von Juni bis August 1919 bereiste die von den Alliierten des Ersten Weltkriegs eingerichtete und von den USA geleitete King-Crane-Kommission die arabischen Gebiete des zerfallenden Osmanischen Reichs (Syrien, Libanon, Jordanien und Palästina). Die Leiter waren Henry Churchill King, Präsident des Oberlin College, und Charles R. Crane, Chicagoer Geschäftsmann und Kurator des Robert College in Konstantinopel. Es sollte die örtliche Meinung bezüglich der Zukunft der Länder, in den Fragen von staatlicher Selbständigkeit oder Mandatsherrschaft durch imperialistische Staaten, erfaßt werden. Es wurden 36 größere Städte aufgesucht, über 2000 Delegationen aus mehr als 300 Dörfern empfangen. Der 1922 veröffentliche Bericht sprach sich gegen das Selbstbestimmungsrecht und für eine Mandatsherrschaft aus, um so die Umwandlungprozesse in liberale Demokratien zu begleiten.

4 Die jüdische Organisation Irgun verübte ab 1948 Anschläge gegen britische Ziele. Sie forderten einen unabhängigen jüdischen Staat. Der wohl bekannteste Anschlag fand unter der Leitung des späteren Ministerpräsidenten Menachim Begin, am 22. April 1946 gegen das Jerusalemer König-David Hotel statt, in dem die britische Mandatsregierung eine Abteilung untergebracht hatte. Irgun war außerdem an Anschlägen und Massakern gegen die arabische Bevölkerung, wie beispielsweise in Deir Yasin, beteiligt. Mit der Staatsgründung 1948 gingen Teile der Organisation im israelischen Militär auf.

5 Zwischen 1936 und 1939 kam es in Palästina zu einem Aufstand der arabischen Bevölkerung gegen die britische Besatzungsmacht. Die Revoltierenden forderten die staatliche Selbständigkeit und die Regulation des Zuzugs der jüdischen Emigration in das Gebiet. Es kam zu verschiedenen Anschlägen, Demonstrationen bis hin zum Generalstreik.

6 Gemeint ist die Forderung der Palästinenser nach dem Rückkehrrecht der Flüchtlinge, die im Zuge der Besetzung des Landes durch Israel aus ihren Heimatorten vertrieben wurden.

7 Bezeichnet die von der rassistischen südafrikanischen Regierung betriebene Politik der Segregation, Isolierung und Aufsplitterung der schwarzen Bevölkerung in eine räumlich-administrative Struktur während der Zeit der Apartheid.

Moshe Machover: Israelis und Palästinenser – Konflikt und Lösung. Laika-Verlag, Hamburg 2013, 480 Seiten, 29 Euro * auch im jW-Shop erhältlich

Den Artikel finden Sie unter: www.jungewelt.de/2013/08-09/014.php