26. Januar 2013

Sieg im Volkskrieg

Flagge der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams

Das Pariser Abkommen von 1973 besiegelt die Niederlage der USA in Vietnam

Gerd Bedszent

Am 27. Januar 1973 wurde in Paris das »Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam« von Vertretern der Demokratische Republik Vietnam (Nordvietnam), den USA und der Republik Vietnam (Südvietnam) unterzeichnet.

Mit dem Abkommen endete die militärische Intervention der USA in Vietnam; der Abzug der US-Truppen wurde offiziell am 31. März 1973 abgeschlossen. Die hochgerüstete Supermacht mußte ihre Niederlage gegen einen kleineren und schwächeren Staat eingestehen.

Der Krieg, den US-Bürger und Europäer »Vietnam-Krieg«, Vietnamesen dagegen den »amerikanischen Krieg« nennen, war der letzte Abschnitt eines langwierigen Entkolonialisierungsprozesses.

1884 hatte sich das vietnamesische Kaiserreich der Kolonialmacht Frankreich unterworfen; zusammen mit Laos und Kambodscha wurde Vietnam Bestandteil des Marionettenstaates Indochina.

Ab 1944 organisierte die kommunistisch dominierte Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Viet Nam Doc Lap Dong Minh) im Norden des Landes einen Guerillakrieg gegen die japanischen Truppen, denen die französische Kolonialverwaltung Indochina kampflos übergeben hatte. Es kam zum allgemeinen Aufstand gegen das japanische Militär. Am 23. August 1945 zogen die vietnamesischen Revolutionstruppen siegreich in Saigon ein. Am 2. September 1945 wurde die Demokratische Republik Vietnam ausgerufen, mit Ho Chi Minh als Präsidenten der provisorischen Revolutionsregierung.

Widerstand verschärft sich

In der Folge besetzten britische Truppen und chinesische Kuomintang-Armeen das Land. Unter ihrem Schutz wurde die französische Kolonialverwaltung restauriert. Das französische Militär ging brutal gegen alle Institutionen des unabhängigen Vietnam vor. Die Befreiungsarmee mußte sich aus den Städten zurückziehen und ging erneut zum Guerillakrieg über.

Die französischen Kolonialtruppen (in deren Reihen auch zahlreiche deutsche Legionäre kämpften) wurden am 7. Mai 1954 in der Schlacht bei Dien Bien Phu entscheidend geschlagen. Die Genfer Indochina-Konferenz erkannte daraufhin die Unabhängigkeit von Vietnam, Laos und Kambodscha an, teilte Vietnam aber vorübergehend in zwei Hälften. Bis zur Abhaltung allgemeiner und freier Wahlen sollte die Demokratische Republik Vietnam auf den Norden des Landes beschränkt bleiben, während der Süden mit der Hauptstadt Saigon weiter unter Kontrolle einer profranzösischen Regierung blieb. Frankreich zog seine Truppen vertragsgemäß ab.

In Nordvietnam wurden in der Folge die unter französischer Besatzung konservierten feudalen Verhältnisse durch eine Bodenreform beseitigt und ein Programm zur Industrialisierung des Landes aufgelegt. Der Süden stand mit Präsident Ngo Dinh Diem, einem stockkatholischen Eiferer, unter dem Einfluß der USA. Die für 1956 geplanten gesamtvietnamesischen Wahlen wurden von Diem erfolgreich sabotiert, die Ergebnisse der Genfer Konferenz ignoriert.

Ab 1959 formierte sich in Südvietnam der bewaffnete Widerstand gegen das repressive Diem-Regime. Immer mehr Gebiete kamen unter Kontrolle der Nationalen Front zur Befreiung Südvietnams (FNL). Nach einer Reihe von Militärputschen in Saigon sowie Machtwechseln zwischen Hardlinern und Vertretern eines Ausgleichs mit dem Norden entschloß sich die US-Regierung zum direkten Eingreifen und beschuldigte Nordvietnam fälschlich des Angriffs auf ein US-Kriegsschiff. Dieser sogenannte Tongking-Zwischenfall von 1964 lieferte den Anlaß für die Entsendung von Truppen nach Südvietnam und für massive Bombenangriffe auf den Norden.

Heißer Krieg im Kalten

Für US-Strategen unerwartet, startete die südvietnamesische Befreiungsfront 1968 die Tet-Offensive, in deren Verlauf mehrere größere Städte zwischenzeitlich unter ihre Kontrolle gerieten. Die USA verstärkten daraufhin ihre Truppenpräsenz. Auf dem Höhepunkt der Aggression standen 530000 US-Soldaten auf vietnamesischem ­Territorium, zeitweise unterstützt von kleineren Kontingenten aus Südkorea, Australien, Thailand und Neuseeland.

Die sozialistischen Staaten unterstützten die Demokratische Republik Vietnam und die FNL durch Lieferung von Kriegsmaterial und Ausbildung von Spezialisten. Luftabwehr und MiG-Kampfflugzeuge holten immer mehr US-Bomber vom nordvietnamesischen Himmel.

Bei Angriffen der US-Luftwaffe kamen acht Millionen Tonnen Sprengstoff über Vietnam und den Nachbarstaaten zur Detonation, also dreimal so viel Bomben, wie während des Zweiten Weltkrieges von allen beteiligten Mächten abgeworfen wurden. Durch die Bombardements sowie den Einsatz von Napalm, Giftgas und Entlaubungsmitteln wurden massenhaft unbeteiligte Zivilisten getötet, die Umwelt erlitt irreparable Schäden. Hunderttausende Dorfbewohner verloren ihre Heimstätte, die Flüchtlinge wurden häufig auf einen bloßen Verdacht hin in Lagern interniert. US-Truppen und ihre Verbündeten begingen zahlreiche Kriegsverbrechen; medial bekannt wurde das Massaker von My Lai (Son My) im März 1968, dem über 500 unbewaffnete Einwohner zum Opfer fielen.

Hauptstrategie der Aggressoren war es, die militärische Versorgung der südvietnamesischen Befreiungsfront aus dem Norden zu unterbinden. Die Nachschublinien verliefen durch das gebirgige Landesinnere Vietnams und die Nachbartstaaten Laos und Kambodscha. Es gelang den US-Truppen trotz massiver Bombardements und des Einsatzes von Bodentruppen nie, den sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad zu unterbrechen oder wesentlich zu stören. Zuletzt erlitten bei einem solchen Versuch im März 1971 südvietnamesische Truppen in Laos eine schwere Niederlage.

Als schließlich klar war, daß der Vietnam-Krieg von den USA nicht gewonnen werden konnte, zogen sie ihre Truppen schrittweise ab, rüsteten dafür aber die südvietnamesische Armee weiter auf. Doch auch die sogenannte »Vietnamisierung des Krieges« scheiterte. Kaum einer der Wehrpflichtigen war bereit, für ein korruptes, bankrottes Regime sein Leben zu opfern. Viele desertierten oder liefen zur Befreiungsfront über.

Im März und April 1975 brach das in Saigon herrschende Regime wie ein Kartenhaus zusammen. Seine Armee wurde nicht militärisch zerschlagen; sie löste sich ohne größeren Widerstand auf. Am 30. April 1975 rückten die Truppen der Befreiungsfront erneut in Saigon ein. Nach den Wahlen zur gesamtvietnamesischen Nationalversammlung wurden am 3. Juli 1976 beide Landesteile wieder vereinigt.

Während des US-amerikanischen Krieges in Vietnam starben auf vietnamesischer Seite über eine Million Kämpfer sowie etwa vier Millionen Zivilisten. Auf der Gegenseite fielen etwa 250000 südvietnamesische Soldaten, etwa 58000 US-Soldaten und knapp 7000 Soldaten verbündeter Armeen. Etwa 60000 ehemalige US-Militärs begingen in den Folgejahren Selbstmord.

Die Folgen des Krieges sind bis heute nicht überwunden. Die USA haben sich bei Vietnam nie für die Aggression entschuldigt und nie auch nur einen Cent Entschädigung gezahlt.

Antikriegsprotest und Widerstand in den USA und ihren Streitkräften

Die USA verloren den Vietnam-Krieg nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch im eigenen Land. Die schockierenden Bilder von der brutalen Kriegführung der US-Truppen und ihrer Verbündeten, vom Bombenkrieg und vom Leid der vietnamesischen Bevölkerung brachten Millionen Menschen auf die Straße. Der Krieg wurde zum entscheidenden Thema der 1968er Studentenbewegung, der Neuen Linken und der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Viele GIs, im eigenen Land Opfer rassistischer Diskriminierung, waren nicht bereit, in einem schmutzigen Krieg ihr Leben zu riskieren. Zurückgekehrte und schwer traumatisierte Veteranen berichteten von abscheulichen Verbrechen; viele von ihnen engagierten sich für ein Ende des Krieges. Zahlreiche Wehrpflichtige verweigerten den Kriegsdienst oder entzogen sich ihrer Einberufung durch Flucht.

Die USA waren mit einem massiven Ansehensverlust konfrontiert. Es kam weltweit zu Protestdemonstrationen und zu militanten Anschlägen auf Einrichtungen des US-Militärs.

Hinzu kam, daß Aktionen der Friedensbewegung maßgeblich zu einer Demoralisierung der am Krieg beteiligten Truppen beitrugen. Soldaten desertierten, verweigerten Befehle, sabotierten Einsätze, töteten nicht den Feind, sondern die eigenen Vorgesetzten.

In den USA und anderen Staaten gingen Polizei und Geheimdienste ­rabiat gegen Antikriegsaktivisten vor. Am 4. Mai 1970 eröffnete im US-Bundesstaat Ohio die Nationalgarde das Feuer auf unbewaffnete Friedensdemonstranten. Vier Studenten wurden getötet, mehrere verletzt.

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