25. Januar 2014

Siegreiche Solidarität

Glückwunsch in Junge Welt vom 26. Januar 1971

Angela Davis zum Siebzigsten: Erinnerungen an den Schauprozeß in San Jose und die Unterstützung aus der DDR für die US-Kommunistin

Klaus Steiniger

Der Abend des 27. April 1972 wird mir für immer im Gedächtnis bleiben: Nach der am gleichen Tag ergangenen Entscheidung des US-Einwanderungsamtes, mir nach zweimonatiger korrekter Berichterstattung aus dem Gerichtssaal des weltweites Aufsehen erregenden Schauprozesses gegen Angela Davis plötzlich eine Visaverlängerung zu verweigern, hatte ich enge Freunde ins Japanese Steakhouse von San Jose eingeladen. Angela sowie Charlene Mitchell, die damals dem Politbüro der KP der USA angehörte und den Prozeß gemeinsam mit dem in der Haft erblindeten Nationalvorsitzenden der Partei Henry Winston politisch begleitete, aber auch die später auf mysteriöse Weise ermordete Leibwächterin Vickie Mercado befanden sich unter meinen Gästen. Das geräumige Lokal war bis auf den letzten Platz gefüllt, als sich Angela Davis plötzlich erhob. Ohne die Stimme zu senken, brachte sie einen Tost auf die Helden Vietnams aus, die den US-Aggressoren gerade in jenen Tagen Schlag auf Schlag versetzten. Außer Angelas Mut verblüffte mich vor allem die Tatsache, daß sich im Gastraum keinerlei Widerspruch erhob. Ich wertete das nicht nur als Zeichen der toleranten Haltung vieler Amerikaner gegenüber Andersdenkenden, sondern auch als Ausdruck der Kriegsmüdigkeit und Verdrossenheit über Nixons verbrecherischen Kurs.

Nicht schuldig

Nur wenige Stunden vor dem Dinner, in dessen Verlauf Angela die letzten Seiten meines Prozeßtagebuches mit Worten der Freundschaft für die Menschen in der DDR füllte, hatte im Keller des Gerichtsgebäudes der Santa Clara County ein recht ungewöhnliches Ereignis stattgefunden. In Abwesenheit des mit der lückenlosen Überwachung des einzigen Berichterstatters aus den sozialistischen Ländern unter insgesamt 450 Reportern beauftragten Sheriffsleutnants Tamm hatte ich die diensthabenden Beamten der den Davis-Prozeß abschirmenden Sondertruppe um einen »kleinen Gefallen« gebeten: »Ich möchte nach so langer Zeit in meine Heimat zurückkehren und vorher den ›Boys and Girls‹ der Medien wenigstens auf Wiedersehen sagen«, bat ich die Männer mit den Sheriffsternen am Revers. Nicht ahnend, was dann passieren würde, willigten sie bedenkenlos ein.

Es folgte eine von der Davis-Verteidigung clever vorbereitete Pressekonferenz, bei der wie auf Kommando Dutzende Kameras und Mikrophone geöffnet wurden. Etwa 80 US-Kollegen hatten sich eingefunden. Ich protestierte gegen den von mir als Ausweisung betrachteten Entscheid, das Visum nicht zu verlängern. Aus meiner Sicht sei das ein Indiz dafür, daß der Ankläger – Kaliforniens stellvertretender Generalstaatsanwalt Harris – den Fall Angela Davis nicht nur verliere, sondern daß es überhaupt keinen solchen Fall gebe. Als die Polizisten nervös zu werden begannen, fügte ich rasch hinzu: »Ich danke den Beamten der Santa Clara County für ihre Korrektheit und ihr Verständnis«, was einen der Uniformierten zu der Bemerkung veranlaßte, ich hätte gerade eine »sehr faire Erklärung« abgegeben.

Während die Meldung von meiner Ausweisung durch die US-Behörden am selben Abend über die Ticker der Nachrichtenagenturen AP und UPI lief, schleppte sich der Prozeß noch bis zum 4. Juni hin. An jenem Tag wurde das Urteil im Fall der marxistischen Philosophin Angela Davis gefällt, die man nach ihrer Enttarnung als Mitglied der KP der USA zunächst des Mordes, des Menschenraubs und der Verschwörung bezichtigt, auf die FBI-Liste der zehn am meisten gesuchten Verbrecher gesetzt und lange, qualvolle Monate in Isolationshaft gehalten hatte. Die damals 29jährige wurde in allen drei Punkten der Anklage freigesprochen.

Die mutige Mary Timothy, die über ihre Erfahrungen als Vorsitzende der Jury das bewegende Buch »Die Geschworene« schrieb, hielt darin fest, was sich an jenem Tag tatsächlich zugetragen hatte. Als die zwölf Frauen und Männer – unter ihnen befand sich nur ein Latino und kein Schwarzer – den Gerichtssaal betraten, lag auf ihren Gesichtern ein bewußt zur Schau gestellter Ausdruck von Indifferenz. Angela und ihre Anwälte waren erschrocken. Doch Mrs. Timothy hatte, was keiner in diesem Moment höchster Anspannung wahrzunehmen vermochte, den Daumen ihrer auf der Sessellehne ruhenden rechten Hand steil nach oben gerichtet. Das war die alte römische Geste für Freispruch. Als dann dreimal die Worte »Nicht schuldig« fielen, brach unter den anwesenden Freunden Angelas ein unwahrscheinlicher Jubel los.

Wenig später begaben sich die Geschworenen in jenen Kellerraum, in dem gut einen Monat zuvor »meine Pressekonferenz« stattgefunden hatte, um sich den Fragen der Journalisten zu stellen. Plötzlich trat Angela Davis ein. Sämtliche Geschworenen erhoben sich daraufhin von ihren Plätzen, gingen auf die Kommunistin zu, umarmten und küßten jene Frau, welche noch Augenblicke zuvor eine auf Leben und Tod Angeklagte gewesen war. Aus der von FBI-Chef J. Edgar Hoover zur Verbrecherin Gestempelten, nach der man überall in den USA gefahndet hatte, war die Siegerin von San Jose geworden.

Der Freispruch im Prozeß gegen Angela Davis war der erste große Sieg im Kampf um die Rettung von der bürgerlichen Klassenjustiz angeklagter und verurteilter Revolutionäre. Viele Kampagnen hatten nicht zum Erfolg geführt. Die eines von ihnen nicht begangenen Mordes bezichtigten italienischen Einwanderer Ferdinando »Nicola« Sacco und Bartolomeo Vanzetti – zwei Anarchisten – wurden im August 1927 exekutiert; Ethel und Julius Rosenberg, denen am Beginn des Kalten Krieges die Preisgabe des US-Atombombengeheimnisses unterstellt wurde, starben trotz weltweiter Solidarität im Juni 1953 auf dem elektrischen Stuhl von Sing Sing; der Grieche Nikos Belojannis und der Spanier Julian Grimau – zwei kommunistische Helden, die hellenische Faschisten im März 1952 und Francos Henker im April 1963 umbringen ließen – konnten nicht gerettet werden. So wurde Angela Davis zu einer Symbolgestalt siegreicher Solidarität.

Eine Million Rosen

Zu ihrer Befreiung aus der Haft und zur Erzwingung der Wahrheit vor dem Tribunal in San Jose haben Menschen aller Kontinente beigetragen. Richard Arnason, der nach Ablehnung etlicher befangener Juristen durch die Davis-Verteidigung als ein sachlichen Argumenten zugänglicher Richter am Ende des Auswahlverfahrens den Vorsitz übernahm, zeigte sich »von der Fülle der Post für die Angeklagte sehr beeindruckt«.

Zweifellos spielten die DDR und vor allem deren Schuljugend in diesem erbitterten Ringen, bei dem es darum ging, die Angeklagte vor der Hinrichtung in der Gaskammer des kalifornischen Zuchthauses San Quentin zu bewahren, eine herausragende Rolle.

Vor Beginn der Kampagne war mir der Auftrag erteilt worden, den Text für eine dann in 500 000 Exemplaren verbreitete Broschüre »Freiheit für Angela Davis« zu formulieren. Das für jeweils 2 Mark verkaufte rote Heft erreichte buchstäblich jeden Kindergarten, jede Schule, jeden Hörsaal, jeden Betrieb, jedes Dorf, jeden Veteranenklub, jede Einheit der bewaffneten Kräfte der DDR. Die Freie Deutsche Jugend griff diesen Impuls auf und startete die Aktion »Eine Million Rosen für Angela Davis«.

In den USA habe ich mich als Prozeßbeobachter zugleich auch von der unmittelbaren Wirkung dieses alle Maßstäbe der Vorstellungskraft sprengenden riesigen Blumenstraußes für die junge, kluge und schöne Frau überzeugen können. Als eine LKW-Kolonne mit unzähligen Säcken voller Solidaritätspost durch San Franciscos belebteste Viertel rollte, stammte wohl gut die Hälfte der Botschaften aus aller Welt von Kindern und Jugendlichen der DDR.

Ich bin Angela Davis, mit der mich seit den Tagen von San Jose enge Freundschaft verbindet, des öfteren wiederbegegnet. So bei ihrer triumphalen Fahrt durch die DDR im Jahre 1972, als sie den Großen Stern der Völkerfreundschaft entgegennehmen konnte, und 1973, als sie von der Tribüne der X. Weltfestspiele auf dem Berliner Marx-Engels-Platz das Gelöbnis der jungen Generation ablegte. 2010 erinnerten wir beim Pressefest der Tageszeitung Neues Deutschland in der Berliner Kulturbrauerei gemeinsam vor vielen hundert Teilnehmern an die Rolle der DDR und ihrer Bürger bei der Beeinflussung des Geschehens in San Jose. Zuletzt sahen wir uns in Magdeburg – jener Stadt, welche Angela in DDR-Tagen die bis heute nicht angetastete Ehrenbürgerwürde verliehen hat. Dort präsentierten wir im DGB-Haus unser vom Verleger unter dem Titel »Angela Davis – Eine Frau schreibt Geschichte« herausgebrachtes gemeinsames Buch, dessen warmherziges Vorwort die Protagonistin des Titels geschrieben hat. Es handelt sich dabei um die einzige authentische Reportage aus marxistischer Sicht über den Schauprozeß von San Jose, die umfassenden Einblick in das seinerzeitige Geschehen vermittelt.

Am 26. Januar wird die noch immer in vielen Schlachten engagierte Kampfgefährtin für die gute Sache 70 Jahre alt. Laß Dich herzlich umarmen, liebe Angela!

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