5. November 2011

Skrupellos und besessen - ein Faschist

Reinhard Heydrich

Rezension. Notate zu Robert Gerwarths neuer Biographie über Reinhard Heydrich

Manfred Weißbecker

Jeder weiß es: Die Geschichte kennt zahlreiche politische Verbrechen. Viele galten einzelnen Opfern, andere größeren Menschengruppen oder sogar ganzen Völkern. In jedem Fall agierten die Täter skrupellos, unbarmherzig, barbarisch, als terroristische Unholde sondergleichen und ebenso als Massenmörder. Prägten ihre Taten das Gesicht von Epochen, Ländern und Ereignissen, wird zumeist der Name eines Mannes genannt – übrigens: kaum je der eines weiblichen Wesens. Das Deutsche Reich, das sich selbst nach dem Heiligen Reich deutscher Nation und dem 1871 in Versailles aus der Taufe gehobenen Bismarck-Reich als das dritte verstand und tausend Jahre existieren wollte, hinterließ indessen aus seiner zwölfjährigen Herrschaftszeit die Erinnerung gleich an mehrere, ja sogar an viele Unmenschen. Und das gewiß nicht allein an jene, die 1946 im Nürnberger Prozeß als deutsche Hauptkriegsverbrecher angeklagt und zum Tode verurteilt worden sind. Reinhard Heydrich, wäre er da noch am Leben gewesen, hätte auf jeden Fall zu ihnen gehört. Er wäre ebenfalls, ohne daß es für irgend jemand möglich gewesen wäre, ein solches Urteil in Frage zu stellen, als eine »Schlüsselfigur des Dritten Reiches« sowie als »zentraler Vollstrecker nationalsozialistischer Terrorpolitik« hingerichtet worden – so lautet jedenfalls das Fazit des Buches, das hier vorgestellt wird und das zudem Anlaß bietet, nach Erscheinungen und Tendenzen deutscher Geschichtsschreibung sowie nach anscheinend unerläßlich gewordenen Merkmalen »geschäftstüchtiger« Wissenschaft und Geschichtspolitik in unserer Zeit zu fragen.

Politische »Erweckung«

Robert Gerwarth – Jahrgang 1976, heute an der Universität in Dublin lehrend und bisher vor allem durch seine Publikation über den deutschen Bismarck-Mythos bekannt geworden – beginnt nach einer relativ knappen, dennoch aufschlußreichen Einleitung seine Untersuchungen zur Biographie Heydrichs mit einer Schilderung des Attentats, das tschechische Widerständler mit Unterstützung des britischen Geheimdienstes am 27. Mai 1942 auf den Chef des Reichssicherheitshauptamts (siehe jW vom 26./27.9.2009) und stellvertretenden Reichsprotektor für Böhmen und Mähren verübten und das wenige Tage später zu seinem Tod führte. Die unmittelbaren und weiteren Folgen des Anschlags auf eine der wichtigsten Figuren im faschistischen Herrschaftsapparat werden im neunten Kapitel des Buches unter dem Titel »Vermächtnisse der Zerstörung« dargestellt. Zwischen diesen beiden Teilen entrollt sich ein außerordentlich umfangreiches, sehr detailliertes Bild eines Lebensweges, das vom 7. März des Jahres 1904– dem Tag, an dem Heydrich geboren wurde – bis zu seinem Todestag am 4.Juni 1942 reicht.

Wie es sich für eine Biographie gehört und methodisch strikt einem chronologischen Darstellungsprinzip folgend, wird zunächst geschildert, in welcher Familie und unter welchen Zeitumständen Reinhard Tristan Eugen Heydrich aufwuchs. Allein die Wahl der Vornamen verrät etwas über die Rolle der Musik im Dasein und Wirken der Eltern – der Vater Komponist und Opernsänger, die Mutter Klavierlehrerin. Sie lebten in Halle an der Saale, wo Musikerziehung zum bürgerlichen Bildungskanon gehörte, und durften sich als Nutznießer des wirtschaftlichen Aufschwunges jener Zeit betrachten. Finanziell gut ausgestattet und soziales Ansehen in der Händel-Stadt genießend, ließen sie ihrem lernwilligen, lesehungrigen Sohn eine gute Ausbildung angedeihen.

Obgleich nicht direkt antisemitisch eingestellt, machte es der Familie arg zu schaffen, als Gerüchte um eine angeblich jüdische Abstammung des Vaters auftauchten. Dessen nationalkonservative Haltung führte ihn 1919 – nach den »Schrecken der Revolution«, schreibt Gerwarth– in die Deutschnationale Volkspartei. Pauschal heißt es zudem: »An dem vierzehnjährigen Reinhard dürften die tiefgreifenden Veränderungen, die seine Heimatstadt seit dem Herbst 1918 erschütterten, auch nicht spurlos vorübergegangen sein.« Und noch allgemeiner: Wie die »meisten Kinder« (sic!– M.W.) dürfte er »diese Ereignisse als bedrohlich empfunden haben«. (S. 46f.) Im Zusammenhang mit dem Engagement des Jungen in der Halleschen Einwohnerwehr spricht Gerwarth von dessen politischer »Erweckung«.

Heydrich sei allerdings in der unmittelbaren Nachkriegszeit kein »Protonationalsozialist« geworden – eine etwas nebulöse und im Grunde ahistorische Aussage, welche weder Entwicklungslinien im deutschen Faschismus noch seine völkisch-rassistischen Wurzeln berücksichtigt. Dazu paßt, daß Heydrichs Mitgliedschaft im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund– damals die größte antisemitische Organisation und ein prägender Sammlungsort zahlreicher späterer Nazigrößen – in Frage gestellt wird. Ein Zufall, daß im umfangreichen vierzigseitigen Literaturverzeichnis das Standardwerk von Uwe Lohalm über diesen Bund und seine Rolle für die NSDAP fehlt? Möglicherweise handelt es sich dabei doch nur um ein Versehen, ähnlich dem Fehler, daß die Unterschrift zu einem Bild Heydrich als Kadetten der Marine für das Jahr 1920 ausweist, obgleich er seinen Dienst erst am 1. April 1922 antrat. Jedoch wird auch gesagt, daß Heydrich mit seiner Entscheidung, eine Karriere in der Marine zu suchen, »in eines der extremsten rechten Milieus der Weimarer Republik« geriet (S.55) und damit offensichtlich auch in den Umkreis jener Rechten, die nichts von Politik und Parlamentarismus, ausdrücklich nichts von politischen Parteien hielten, sondern ihre hoffnungsvolle Aufmerksamkeit eher dem Militär oder paramilitärischen Bünden widmeten.

Entscheidende »Sternstunde«?

Ausführlich äußert sich Gerwarth darüber, wie Heydrich im Dezember 1930 seine spätere Ehefrau Lina von Osten kennen und lieben lernte. Sie sei bereits eine »überzeugte Nationalsozialistin und glühende Antisemitin« gewesen, ärgerlich darüber, daß ihr Partner kaum Interesse an Parteien und damit auch nicht an der NSDAP zu haben schien. Auf ihren Einfluß führt der Autor schließlich dessen Hinwendung zur Hitlerpartei zurück– von »Bekehrung zum Nationalsozialismus« durch sie geht sogar die Rede (S.63). Dabei wird die deutsche Variante des Faschismus von ihm lediglich als Ideologie gesehen, in der Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Autoritätsgläubigkeit, Gewaltbereitschaft und Großmachtstreben dominierten. Gesellschaftliche Wurzeln bleiben außen vor, u.a. taucht auch die von den Nazis lautstark verwendete Forderung »Ausrottung des Marxismus« nicht auf.

Neben Linas Einfluß, der als kaum zu überschätzen dargestellt wird, habe auch die größte persönliche, ihn demütigende Katastrophe im Leben Heydrichs die weitere Entwicklung des Mannes »befördert«: die Entlassung aus der Marine, da ein nicht gehaltenes Eheversprechen gegenüber einer anderen Frau als unehrenhaft angesehen wurde. »Heydrich stand vor dem Nichts. Mitten in der Weltwirtschaftskrise hatte er seinen sicheren und gut dotierten Arbeitsplatz durch einen Fehltritt verloren.« (S. 65 f.) Am 1.Juni 1931 trat er der NSDAP bei, nachdem ihm ein Verwandter den Weg in die Münchner Parteizentrale geebnet hatte. Die erste Begegnung zwischen Heinrich Himmler und Heydrich am 14. Juni 1931, von Lina später als »Sternstunde unseres Lebens« bezeichnet, führte sofort zum bedenkenlos erteilten Auftrag, eine SS-Geheimdienstformation aufzubauen.

Wie Heydrich seine »zweite Chance« wahrnahm und sich das Verhältnis zu Himmler – getragen durch ein »tiefes Vertrauen, komplementäre ›Talente‹ und gemeinsame politische Überzeugungen« (S. 71) – entwickelte, wie er auf einer steilen Karriereleiter emporstieg, wie der von ihm geleitete SS-Sicherheitsdienst (SD) sich zum einzigen Nachrichtendienst der NSDAP mauserte, und wie es ihm gelang, »Reichsfeinde« mehr und mehr »präventiv« zu bekämpfen– all das wird eingehend im 4. und 5. Kapitel des Buches dargestellt.

Desweiteren erfährt der Leser viel über den Anteil Heydrichs an der Judenverfolgung im eroberten Polen, über den Madagaskar-Plan und über die einzelnen Stufen – Gerwarth spricht von »schicksalhaften Entscheidungen« –, die zum organisierten systematischen Massenmord hinführten. Dabei enthüllt der Biograph einen von Krieg und Kriegsverlauf abhängigen Entwicklungsprozeß, in dem Heydrich sich immer stärker radikalisierte und zu dessen Radikalisierung er selbst erheblich beitrug.

Das Ergebnis: die industriell betriebene physische Vernichtung der europäischen Juden. Dabei versuchte er durchaus auch, potentielle Rivalen in staatlicher Verwaltung oder Wehrmacht an uneingeschränkter Radikalität noch zu übertrumpfen. Insofern durfte er es wohl als persönlichen Erfolg verbuchen, daß die von ihm geleitete Wannsee-Konferenz, auf der am 20. Januar 1942 die radikalen Mordpläne übereinstimmend gebilligt und die Machtambitionen der SS in der »Judenfrage« allgemein akzeptiert wurden. Es charakterisiert des Verfassers Liebe zu erhellenden Details, wenn er beschreibt, wie Heydrich, der für gewöhnlich weder trank noch rauchte, nach der Konferenz Kognak und Zigarette genoß. (S. 266)

Der furchterregenden Tätigkeit Heydrichs als stellvertretender Reichsprotektor für Böhmen und Mähren ist ein eigenes umfangreiches Kapitel gewidmet. Moralische Skrupel gab es für ihn nicht. Aus seinem wahrlich faschistisch zu nennenden Weltbild, ebenso besorgt ob der Wirksamkeit antifaschistischer Denk- und Verhaltensweisen und erfüllt von Furcht vor einem »Dolchstoß« wie im Jahre 1918, erschien es ihm selbstverständlich zu sein, daß die SS als Stoßtrupp eines Großgermanischen Reiches die schmutzige Arbeit totaler Vernichtung realer und potentieller Gegner übernimmt, um angeblich eine bessere Welt für künftige deutsche Generationen zu schaffen. Sich selbst bezeichnete er dabei gelegentlich als obersten »Müllkipper«.

Biographie im Deutungsstreit

Das Buch bietet eine Fülle an Kennzeichnungen von Charakter und Persönlichkeitsstruktur Heydrichs. Da heißt es, er sei musikalisch begabt und ein eleganter Sportler gewesen, ein arroganter Sonderling, gierig auf Sex, getrieben von einem lebenslangen Ehrgeiz, stets der Beste sein zu wollen, scharfsinnig und destruktiv, unfähig zu Freundschaften, energiegeladen, von unstillbarer Machtgier erfüllt, ein glänzender Organisator, sowie stets voller Verachtung für nicht-germanische Menschen. Hitler und Himmler schätzten ihn als Vollstrecker ihrer »dystopischen« (in der Sprache der Mediziner: organisch fehlgelagerten) Pläne, als einen »Mann mit eisernem Herzen«, während andere ihn zwar gefürchtet, ihm aber dennoch devot und effizient gedient hätten. Der Verfasser verweist auch auf Einschätzungen, denen zufolge Heydrich freundlich, strebsam, kulturell interessiert gewesen ist. Da liegt die Schlußfolgerung doch nahe, Heydrich sei eine zerrissene, in sich widersprüchliche Figur gewesen, ein Mann, der glänzend Geige spielte und als Sportfechter brillierte, aber auch Hunderttausende ohne Bedenken in den Tod schickte. Ob es jedoch ausreicht, so über Wurzeln und Wesen des deutschen Faschismus aufklären zu wollen, bleibt dahingestellt. Ein biographisch angelegtes Psychogramm erhellt bekanntlich vieles, aber nicht alles und schon gar nicht diesen Genozid.

Übereinstimmend mit der bisher erschienenen Literatur über den Holocaust wird Heydrich als einer der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts gesehen, als Gestapo-Chef, Erfinder der Konzentrationslager und als gnadenloser Antreiber des Völkermords an Deutschlands und Europas Juden. Bereits im Krieg gegen Polen, dann auf dem Balkan und schließlich beim Überfall auf die Sowjetunion trat er als einer in Erscheinung, der von seinen oft akademisch gebildeten Untergebenen immer noch mehr Mordtaten forderte. Erst Hunderte, dann Hunderttausende, schließlich Millionen. Auf einer seiner Inspektionsreisen, so wird berichtet, habe er kritisiert, daß die »200 Exekutionen, die täglich vorgenommen würden«, ganz und gar unzureichend seien. Das würde er »abstellen. Die Leute müßten sofort und ohne Verfahren abgeschossen oder gehängt werden.« Auch zahlreiche andere Aussagen belegen: Heydrich war auf keinen Fall bloß ein »Erfüllungsgehilfe«, er war eher, wie Norbert Frei in seiner Rezension des Buches für Die Zeit schrieb, ein »konzeptionell denkender Weltanschauungstäter, der […] Härte mit Machtbewußtsein verband«.

Im Gegensatz zu anderen Autoren bewertet Gerwarth Heydrich nicht als einen ideologisch gleichgültigen Technokraten und ausschließlich karriereorientierten Manager des Massenmordes. Es könne nicht von einem »Dämonen« gesprochen werden, vielmehr sei Heydrich ein Mensch gewesen, der die Ideologie der Nazis tief verinnerlicht habe und von der Notwendigkeit seines mörderischen Handelns völlig überzeugt gewesen sei. Insofern hätte der Wahlspruch Heydrichs, »Feind allen Feinden und Hüter alles Deutschen« sein zu wollen, durchaus mehr Beachtung verdient. Dies gilt auch für Antworten, die der Biograph auf die ihn umtreibende berechtigte Frage findet: Wie konnte ein musisch und sportlich begabter Sohn aus gutbürgerlichem Hause zu einem der größten Massenmörder der Geschichte werden.

Erste Rezensionen, veröffentlicht vor allem in den meinungsbildenden Medien, greifen insbesondere diesen Gedanken auf. Allerdings spielt die Notwendigkeit, dabei jene Kontinuitätslinien zu verfolgen, die von rechtskonservativen, nationalistischen, revanchistischen, latent antisemitischen Positionen hin zum »Nationalsozialismus« führten, kaum eine Rolle. Sie verstärkten eher die von Gerwarth auch getroffenen Aussagen über allgemein Menschliches und die Möglichkeiten menschlichen Versagens. Manche bemühten sich darüber hinaus, das neue Werk als sinnvollen Beweis gegen die »lange favorisierten Strukturuntersuchungen« zur deutschen Geschichte zwischen 1918 und 1945 ins Feld zu führen.

Um in dem alten Streit der Historiker zwischen »Intentionalisten« und »Strukturalisten«– also zwischen denen, die hauptsächlich die Ideen im Kopf des bzw. der »Führer« für alles verantwortlich zeichnen lassen und denen, die den Rahmenbedingungen kapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse keine untergeordnete Wirkung zuweisen – wieder einmal Punkte zugunsten ersterer sammeln zu können. Es wird betont, der junge Heydrich habe bis 1931 trotz seiner Zugehörigkeit zum reaktionären Offizierskorps der Marine keinerlei Politisierung erkennen lassen, erst recht »keine Spur einer Affinität zu völkischen oder nationalsozialistischen Parolen«.

So urteilt u.a. der Osnabrücker Klaus-Jürgen Bremm in der Zeitschrift Glanz&Elend, der sogar von einem Kurswechsel der Forschung spricht, ohne seinen eigenen, völlig unzulänglichen Begriff der »Politisierung« zu erläutern. Zu schlußfolgern, Heydrich sei vor seiner Entlassung aus der Reichsmarine und ohne den Einfluß der Familie seiner Frau bis 1931 ein unpolitischer Mensch gewesen, geht an den Realitäten arg vorbei und auch an Gerwarths Darstellung von Heydrichs »politischer Erweckung« unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Im Grunde sieht sich so auch dessen wiederholt getroffene Aussage konterkariert, wonach Rechtsextremismus nicht allein vom Rande der Gesellschaft, sondern ebenso und dadurch umso wirkungsvoller aus deren Mitte kommt.

Auffällig wird in den meisten Besprechungen der Einfluß hervorgehoben, den Lina Heydrich auf ihren Mann ausgeübt habe. So hörte man es am 26. September im Deutschlandradio, als Peter Carstens das Buch vorstellte, so las man es in der Mitteldeutschen Zeitung am 10. Oktober. Die Welt vom 22.Oktober meinte, es sei durch Gerwarth schlüssig herausgearbeitet worden, daß nicht nur Heydrichs Radikalisierung, sondern sogar dessen »politische Sozialisation« erst 1931 eingesetzt habe. Die Differenz zu »politischer Erweckung« wäre noch zu beschreiben …

Anspruch erfüllt?

Kommt ein Buch auf den Markt, das natürlich – wie sollte es anders sein – auf vorhergehenden Arbeiten aufbaut, ist zu fragen, was denn an ihm neu ist. Heutzutage unterliegt solches Anliegen allerdings – und auch dies kann unter den bestehenden Verhältnissen nicht anders sein– den Prinzipien von »Geschäftsinteressen«. Desavouierung jener Autoren ist angesagt, die zu anderen Zeiten und diesen verbunden andere Fragen in den Vordergrund stellten, auch noch nicht über die neu gefundenen Quellen verfügten. Bekanntlich muß Werbung sein, doch auf Kosten und zu Lasten anderer entleert sie sich aller Ideale, allen Sinns und Gebarens im Wissenschaftsbetrieb. Daß in den meisten Reaktionen auf die neue Heydrich-Biographie hervorgehoben wird, es sei die erste wissenschaftliche Arbeit über den Mann, fußt nicht zuletzt auf den von Gerwarth selbst formulierten, mitunter sogar diskreditierenden Absagen an früher erschienene Arbeiten. Es sei sonderbar, schreibt er in der Einleitung zu seinem Band, daß es fast sieben Jahrzehnte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch »keine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende, empirisch gesättigte Studie gibt, die mehr bietet als die gängigen Klischees vom ›jungen, bösen Todesgott‹ oder das irreführende Bild des ideologisch gleichgültigen, allein karriereorientierten ›Managers‹ des Massenmordes.« Dies richtet sich nicht allein gegen die entsprechenden Publikationen von Shlomo Aronson, Günther Daschner, Mario Dederich u.a.m., auch kollektivbiographische Untersuchungsmethoden verfallen seiner Ablehnung. Sie reichten nicht aus, wolle man zu Heydrichs Leben und Wirken »angemessene« Aussagen treffen, da dieser sowohl typisch als auch atypisch für die »Generation des Unbedingten« (Michael Wildt) gewesen sei.

Führt das jedoch nicht wieder hin zu einer neue Erkenntnisse kaum ermöglichenden, weil alles individualisierenden Sicht auf die Geschichte und die Ursachen ihres Verlaufs? Da versteht man sicher besser die Vorliebe des Autors für das Adjektiv »dystopisch«: Falls es sich nicht nur um den Schnickschnack modischer Fremdwortnutzung handelt, könnte man annehmen, der Verfasser würde eine grundsätzliche Einordnung menschlichen Denkens und von Ideologien in den Bereich von Biologie und Medizin vornehmen. Sozialwissenschaft und historische Ursachenforschung sollten sich dem allerdings nicht unterwerfen.

Robert Gerwarth: Reinhard Heydrich - Biographie. Siedler Verlag, München 2011, 472 Seiten, 29,99 Euro

Aus den Quellen: »Mit Gift und Gas«

Aus einem internen Memorandum des SS-Sicherheitsdienstes vom Mai 1934:

»Deutschland muß ihnen (den Juden, M.W.) ein Land ohne Zukunft sein, in dem wohl die alte Generation in ihren Restpositionen sterben, nicht aber die junge leben kann, so daß der Anreiz zur Auswanderung dauernd wach bleibt. Abzulehnen sind die Mittel des Radau-Antisemitismus. Gegen Ratten kämpft man nicht mit dem Revolver, sondern mit ›Gift und Gas‹.«

Aus Heydrichs Rede vom 2.10.1941 in der Prager Protektoratsverwaltung:

» (W)ir erleben heute entscheidend die Entwicklung zum neuen Dolchstoß. Wir haben in den letzten Wochen durch Sabotage-, durch Terrorgruppen, durch Vernichtung der Ernte, durch Langsamarbeit, durchgesteuert von der Londoner Propaganda, geduldet und gefördert von der Protektoratsregierung, organisiert in einer ganz klaren Großlinien-Widerstandsorganisation, die Entwicklung (…) zum Schaden des Reiches. Selbst wenn es nur das eine ist, daß der Feind diese tschechische Bevölkerung so in Aufruhr bringt und bringen will, daß wir einen empfindlichen Verlust an Arbeitsleistung in der Rüstung, eine empfindliche Unruhe haben, die letzten Endes Vorbild hätte sein können für die übrigen besetzten Gebiete«.

Aus Heydrichs Rede vom 4.2.1942 in Prag:

»Der Tscheche, der – und das möchte ich hier nochmals feststellen – als überwiegend slawischer Mensch sich biegt, ohne gebrochen zu sein, ist eben in der Beziehung gefährlicher und anders zu behandeln als andere Menschen. Den nordischen, den germanischen Menschen überzeugt man oder man bricht ihn – den tschechischen, slawischen Menschen kann man sehr schwer überzeugen (…) Und die Konsequenz ist, daß man den Daumen dauernd darauf halten muß, daß er eben immer gebogen bleiben muß, damit er pariert und zieht.«

Thomas Mann in seiner BBC-Sendung »Deutsche Hörer!« zum Attentat auf Heydrich:

»Seit dem gewaltsamen Tod des Heydrich, dem natürlichen Tod also, den ein Bluthund wie er sterben kann, wütet überall der Terror krankhafter, hemmungsloser denn je. Es ist absurd und läßt wieder einmal den Ekel hochsteigen vor der Mischung aus Brutalität und kreisender Wehleidigkeit, die von jeher für das Nazitum kennzeichnend war.«

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