20. Februar 2013

Spendable Industrie

Hitler und die Industriellen – in freundschaftlicher Verbundenheit wie hier bei der Zusammenkunft des kurzlebigen Generalrats der Wirtschaft am 20. September 1933. Ganz rechts Hjalmar Schacht, Organisator der Spendenaktion - Fotoquelle: jW-Archiv

Am 20. Februar 1933 kommt Hitler mit der deutschen Monopolbourgeoisie ­zusammen und bittet für den Wahlkampf um Geld. Man gibt es ihm

Reiner Zilkenat

Der 20. Februar 1933 ist ein denkwürdiger Tag. Gegen 18 Uhr versammeln sich im Palais des Reichstagspräsidenten Hermann Göring am Spreeufer (heute: Friedrich-Ebert-Platz) mehr als 20 Herren, die als Abgesandte der deutschen Industrie vom Hausherrn zu einem Treffen mit Adolf Hitler eingeladen wurden. Sie sind froh, daß sie den Schutz der einsetzenden Dunkelheit genießen können, denn das demnächst in diesem Gebäude beginnende Treffen soll in strikter Vertraulichkeit durchgeführt werden.

Die politische Situation in Deutschland hat sich in den vergangenen drei Wochen in dramatischer Weise gewandelt. Seit dem 30. Januar ist der »Führer« der NSDAP Adolf Hitler Chef der Reichskanzlei. Mit Wilhelm Frick und Hermann Göring sind zwei weitere Nazis vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu Reichsministern ernannt worden. Seitdem können sich die braunen Machthaber der Instrumentarien staatlicher Repression bedienen, um ihre politischen Gegner zu verfolgen, denn Frick und Göring amtieren als Innenminister im Reich bzw. in Preußen. Die als Politische Polizei operierenden »Abteilungen IA« in den Polizeipräsidien, die in Preußen Hermann Göring unmittelbar unterstellt sind, dienen bereits der systematischen Verfolgung der Hitlergegner, vor allem von Kommunisten und Sozialdemokraten. Viele Funktionäre und Abgeordnete der Arbeiterparteien halten sich versteckt oder fliehen ins Ausland, um der Verhaftung zu entgehen. Keller in SA-Heimen und okalen werden in Gefängnisse und Folterstätten umgewandelt. SA und SS üben seit den ersten Stunden der Existenz des faschistischen Regimes ungezügelte Gewaltakte gegen die verhaßten Arbeiterparteien und ihre Funktionäre aus. Die Zahl antisemitischer Übergriffe wächst in erschreckender Weise. Dabei wird auch vor Morden nicht zurückgeschreckt. Erst drei Tage vor der denkwürdigen Zusammenkunft im Reichstagspräsidentenpalais hatte Hermann Göring in einem Erlaß zur »Förderung der nationalen Bewegung« bestimmt: »Gegen kommunistische Terrorakte und Überfälle ist mit aller Strenge vorzugehen und, wenn nötig, rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen. Polizeibeamte, die in Ausübung ihrer Pflichten von der Schußwaffe Gebrauch machen, werden ohne Rücksicht auf die Folgen des Schußwaffengebrauchs von mir gedeckt.« Kurzum: Binnen kürzester Zeit haben die Faschisten damit begonnen, was sie in den Jahren der Weimarer Republik angekündigt hatten: »Wir Nationalsozialisten werden, falls wir die Macht haben, innerhalb von 24 Stunden mit dem roten Mordgesindel aufräumen«, verkündete der jetzt neu berufene Reichsminister des Innern bereits im September 1931 in einer öffentlichen Rede.

Der Terror der Faschisten spielt sich in aller Öffentlichkeit ab. Auch vor den Augen der »Eliten« in Justiz und Verwaltung, in der Reichswehr, an den Universitäten und in den Kirchen. Den Herren der Industrie und der Banken dürfte ebenfalls nicht verborgen bleiben, mit welchen brutalen Mitteln die Nazis ihre noch ungefestigte Macht konsolidieren und ausbauen. Öffentliche Bekundungen des Widerspruchs, ganz zu schweigen von Handlungen, die als »Opposition« oder »Widerstand« interpretiert werden könnten, sind bei ihnen nicht anzutreffen. Es dominiert eine offen zur Schau gestellte Zustimmung bzw. »klammheimliche Freude« angesichts der ersten Handlungen des faschistischen Regimes.

Krupp und andere Gäste

Wer sind nun die auf äußerste Verschwiegenheit bedachten Herren, die sich im Palais des Reichstagspräsidenten eingefunden haben?

An erster Stelle zu nennen ist Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie (RDI). Es handelt sich um denjenigen Verband, der mit den Worten des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Dr. Theodor Neubauer, »das ­Gremium der wirklichen Beherrscher Deutschlands« darstellt. Krupp hat sich auf ein Gespräch mit Hitler eingehend vorbereitet und zu diesem Zwecke einige »Merkzettel« mitgebracht. Daneben seien Günther Quandt, Georg von Schnitzler, Karl Brandi, Fritz Springorum und Friedrich Flick als Teilnehmer der illustren Runde genannt.

Quandt und seine Familie gehören bereits seit 1931 zur Entourage Hitlers in dessen Berliner Quartier, dem noblen Hotel »Kaiserhof«. Man tafelt miteinander, führt lange Gespräche, unternimmt Ausflüge, vermittelt Kontakte in die »Berliner Gesellschaft« und läßt schließlich Sohn Herbert als »jüngstes Mitglied der HJ« beim »Führer« der NSDAP Meldung erstatten. Günther Quandt, Großaktionär bei Daimler-Benz, den Mauserwerken und der Varta AG, übt zugleich zahlreiche Aufsichtsratsmandate aus, darunter bei der Deutschen Bank und der AEG.

Georg von Schnitzler gehört dem Vorstand der IG-Farben an, des weltweit größten Chemie-Konzerns. Hier wird er »der Verkäufer« genannt, weil sein Verantwortungsbereich in der erfolgreichen Vermarktung der Produkte des Unternehmens besteht. Die IG-Farben haben bereits im Vorjahr intensive Kontakte zu Hitler gepflegt, der vor allem für die Förderung der synthetischen Benzinherstellung im Falle seiner Kanzlerschaft gewonnen werden konnte: eine – wie man damals annahm – überaus wichtige kriegswirtschaftliche Voraussetzung für die Durchführung der geplanten Aggressionen des faschistischen Regimes. Daß von Schnitzler verwandt mit Kurt Freiherr von Schröder ist, einem umtriebigen Privatbankier aus Köln, der eine wichtige Rolle bei der Machtübertragung an die Nazis spielte (siehe jW vom 4.1.2013), sei nur am Rande erwähnt.

Ernst Brandi zählt zu den einflußreichsten »Kohle- und Stahlbaronen« von Rhein und Ruhr. Der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen zum Vorstandsmitglied der Vereinigten Stahlwerke, des zweitgrößten schwerindustriellen Unternehmens der Welt, aufgestiegene Topmanager, ist zugleich Präsidiumsmitglied des RDI und Vorsitzender des »Bergbauvereins«. Dieser industrielle Interessenverband versorgte großzügig vor allem die deutschnationalen Bündnispartner Hitlers und die ihnen nahestehenden Zeitungen in der Weimarer Republik mit Bargeld. Brandi, der im Oktober 1931 am Treffen der sogenannten Harzburger Front der politischen Rechten teilgenommen hatte, schwankt in seinen politischen Überzeugungen zwischen den Deutschnationalen und der NSDAP. Immerhin formulierte er in einem Brief an den Chefredakteur der vom »Bergbau-Verein« kontrollierten Deutschen Allgemeinen Zeitung, Fritz Klein, am 6. Februar 1933: »Ich darf daran erinnern, daß ich im Laufe des vergangenen Sommers bei jeder Besprechung (…) von mir aus sehr stark die unvermeidliche Notwendigkeit betont habe, daß man die nationalsozialistische Bewegung wohlwollend und wachsend positiv beurteilt und daß die Kanzlerschaft Hitlers der einzige Ausweg bedeute.«

Fritz Springorum, Vorstandsvorsitzender der Hoesch AG, gehört zur »Ruhrlade«, einem seit 1928 geheim tagenden, nur aus zwölf Männern bestehenden Ausschuß der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie, der u.a. bürgerliche Parteien und Zeitungen finanziert sowie gemeinsame Vorgehensweisen im Falle von Tarifverhandlungen und Streiks sowie politische Forderungen gegenüber der Reichsregierung koordiniert. Am 21. November 1932 hatte Springorum den Staatssekretär des Reichspräsidialamtes Otto Meissner wissen lassen, daß er die zwei Tage zuvor überreichte Eingabe von Industriellen an Hindenburg, in der die Ernennung Hitlers zum Regierungschef gefordert worden war, zwar nicht unterschrieben habe, er ungeachtet dessen »voll und ganz auf dem Boden der Eingabe« stehe.

Beschließen wir den Reigen mit Friedrich Flick, der in der Weimarer Republik zu einem der bedeutendsten Industriellen aufgestiegen war. Mit zum Teil ebenso riskanten wie skrupellosen Aktien- und Finanztransaktionen ist er zu einem der beherrschenden Eigentümer der Vereinigten Stahlwerke aufgestiegen. Daneben nimmt er zahlreiche Aufsichtsratsmandate wahr, so u.a. als Vorsitzender des Aufsichtsrates bei den Mitteldeutschen Stahlwerken, als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der Gelsenkirchener Bergwerks AG, dem größten Unternehmen im deutschen Steinkohlenbergbau, sowie bei der Dresdner Bank und der AEG. Von der SPD bis zur NSDAP erhielten im übrigen die wählerstarken Parteien während der Weimarer Republik, selbstverständlich mit Ausnahme der KPD, immer wieder »Spenden« aus dem Hause Flick übermittelt. Damit stellte Flick gewissermaßen sicher, daß er, ungeachtet der jeweiligen Wahlergebnisse und Regierungskonstellationen, immer mitregieren konnte.

»Die andere Seite zu Boden werfen«

Zurück zur Szenerie am Abend des 20. Februar 1933 im Reichstagspräsidentenpalais. Die versammelte »Elite« der deutschen Industriellen, zu denen auch die Vorstandsvorsitzenden der Allianz-Versicherungen, Dr. Kurt Schmitt, und der Vereinigten Stahlwerke, Albert Vögler, zählen, wartet gespannt auf das Erscheinen Hitlers. Doch der läßt sich Zeit. Erst mit einer Viertelstunde Verspätung kann die Veranstaltung, an der neben Hitler und Göring auch der Leiter der Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP, Dr. Walther Funk, teilnehmen, endlich beginnen. Funk ist ehemaliger Chefredakteur der Berliner Börsen-Zeitung und sorgt dafür, daß sich Aussagen und Beschlüsse der Nazipartei zu wirtschafts- und finanzpolitischen Themen ausschließlich an den Interessen der Monopolbourgeoisie orientieren werden. Nachdem Hitler mit einem Händedruck alle Anwesenden persönlich begrüßt hat, beginnt gegen 18.30 Uhr die mit Spannung erwartete Rede Hitlers.

Er vermeidet die Darlegung von Details seiner künftigen Wirtschaftspolitik. Seine Ausführungen legen allerdings unmißverständlich dar, daß im »Dritten Reich« der Faschisten das Privateigentum und das Erbrecht staatlichen Schutz genießen und die organisierte Arbeiterbewegung, ja die bürgerlich-parlamentarische Demokratie insgesamt, binnen kurzem zerschlagen werden soll.

Unter anderem führt Hitler zur Freude der versammelten Konzernherren aus: »Privatwirtschaft im Zeitalter der Demokratie ist nicht aufrecht zu erhalten. Sie ist nur denkbar, wenn das Volk eine tragende Idee von Autorität und Persönlichkeit besitzt. Alles, was in der Welt an Positivem, an Gutem und Wertvollen auf dem Gebiet der Wirtschaft und Kultur geschaffen worden ist, beruht ganz allein auf der Bedeutung der Persönlichkeit. Wird die Verteidigung des Geschaffenen aber einer Majorität überantwortet, so geht es rettungslos unter. Alle Lebensgüter, die wir besitzen, verdanken wir dem Kampf von Auserlesenen (…) Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß ein Teil des Volkes sich zum Privateigentum bekennt, während ein anderer Teil das Privateigentum ableugnet. Solch ein Kampf zerreißt das Volk. Man ringt so lange gegeneinander, bis ein Teil Sieger bleibt. (…) Für die Wirtschaft habe ich nur einen Wunsch, daß sie parallel mit dem inneren Aufbau einer ruhigen Zukunft entgegengeht.«

Wer mit welchen Mitteln im »Dritten Reich« der Faschisten siegreich sein werde und wodurch die »ruhige Zukunft« der Wirtschaft gewährleistet werden könne, formuliert Hitler klar und bestimmt: »Wir müssen erst die ganzen Machtmittel in die Hand bekommen, wenn wir die andere Seite zu Boden werfen wollen. So lange man an Kraft zunimmt, soll man den Kampf gegen den Gegner nicht aufnehmen. Erst wenn man weiß, daß man auf dem Höhepunkt der Macht angelangt ist, soll man zuschlagen.«

Am Ende seiner Ausführungen kommt Hitler auf die bevorstehenden Reichstagswahlen am 5. März zu sprechen. Seine Bemerkungen zu diesem Thema lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Wir stehen jetzt vor der letzten Wahl. Sie mag ausfallen wie sie will, einen Rückfall gibt es nicht mehr, auch wenn die kommende Wahl keine Entscheidung bringt. So oder so, wenn die Wahl nicht entscheidet, muß die Entscheidung eben auf einem anderen Wege fallen.«

Zu den außenpolitischen Zielen seiner Kanzlerschaft schweigt sich Hitler weitgehend aus. Diese Thematik hatte er bereits am 3. Februar 1933 vor den Befehlshabern der Reichswehr behandelt und dabei von der möglichen »Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtsloser Germanisierung« gesprochen. Nunmehr wiederholt er seine schon oft gehörten Anschauungen von der Notwendigkeit eines »wehrhaften Volkes«; nur eine »wehrhafte Nation« sei imstande, über eine »blühende Wirtschaft« zu verfügen.

Nachdem Hitler seine etwa eineinhalbstündige Rede im Reichstagspräsidentenpalais beendet hat, spricht ihm Gustav Krupp seinen Dank dafür aus, »ein so klares Bild des Aufbaus seiner Gedankenwelt« vermittelt zu haben. Alle Anwesenden, so der Präsident des RDI, seien überzeugt davon, daß »nur in einem politisch starken, unabhängigen Staate Wirtschaft und Gewerbe zur Entwicklung und zur Blüte kommen« könnten. Hitler verläßt daran anschließend das Reichstagspräsidentenpalais in großer Eile. Doch jetzt beginnt erst der interessante Teil des Abends: Denn Göring und Hjalmar Schacht lassen für den unmittelbar bevorstehenden Wahlkampf den Klingelbeutel umhergehen.

»Letzte Wahl in 100 Jahren«

Da die Kassen der NSDAP, SA und der SS leer seien, so Göring, könne eine starke Wahlpropaganda nicht realisiert werden. Es ginge aber schließlich darum, »daß mit der bevorstehenden letzten Wahl auch die Chance zur Aufrechterhaltung der Freiheit der Wirtschaft gegeben« sei. Da Gelder aus öffentlichen Kassen nicht zur Verfügung stünden, müßten Mittel aus anderer Quelle genutzt werden. Schließlich seien die bevorstehenden Reichstagswahlen am 5. März »die letzten innerhalb von 10 Jahren, voraussichtlich in 100 Jahren«.

Um die Taschen der versammelten Konzernherren möglichst weit zu öffnen, ergreift jetzt Hjalmar Schacht das Wort. Er hatte die schon erwähnte Industrielleneingabe an Reichspräsident von Hindenburg redigiert und sich bereits seit 1931 immer stärker auf die NSDAP als Regierungspartei und Hitler als potentiellen Reichskanzler orientiert. Ebenso wie Ernst Brandi hatte er an der Tagung der »Harzburger Front« teilgenommen. Schacht genießt auf der politischen Rechten, aber auch in denjenigen Kreisen des Bürgertums, die nicht mit dem Faschismus sympathisieren, große Autorität. Seine Karriere in der Privatwirtschaft hatte er in der Direktion bzw. als Mitglied des Vorstandes bei der Dresdner Bank bzw. bei der Darmstädter und Nationalbank absolviert. Ende 1923 hatte Schacht als Reichswährungskommissar und von Dezember 1923 bis zum März 1930 als Präsident der Reichsbank die Hyperinflation überwinden helfen und – so wird es kolportiert –die relative Stabilisierung der Ökonomie in der Mitte der zwanziger Jahre währungspolitisch abgesichert. Er gilt deshalb als ausgewiesener Fachmann in Sachen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Sein öffentliches Eintreten für die faschistische Partei und die Kanzlerschaft Adolf Hitlers spielte eine bedeutende Rolle für die Akzeptanz des Faschismus in größeren Teilen des Bürgertums.

Schacht spricht am Abend des 20. Februar 1933 Klartext. Ohne Umschweife erklärt er, daß eine Summe in Höhe von drei Millionen Reichsmark vonnöten sei, um einen angemessenen Wahlkampf zu führen. 75 Prozent des Geldes werde die NSDAP erhalten, die restlichen 25 Prozent stünden dem von der Deutschnationalen Volkspartei und dem Stahlhelm gebildeten »Kampfblock Schwarz-Weiß-Rot« unter der Führung Alfred Hugenbergs zur Verfügung. Und die deutschen Konzerne öffnen bereitwillig ihre Schatullen. Einige der Herren sagen sofort die Zahlung der von Schacht auf die einzelnen Firmen bzw. Branchen aufgeschlüsselten Beträge zu. Andere werden ihre Zustimmung nach Rückversicherung bei ihren Vorstandskollegen geben.

Wer leistet wie viel? Die IG-Farben leisten mit 400000 Mark den mit Abstand größten Beitrag eines einzelnen Konzerns. Die Deutsche Bank ist mit 200000 Mark gleichfalls sehr spendabel. Die Steinkohlen- und Eisenindustrie im Westen erzielt mit einer Umlage bei ihren Unternehmen eine Million Reichsmark. Auch Telefunken (ein Gemeinschaftsunternehmen von AEG und Siemens-Halske), die AEG und sogar die Organisatoren der Berliner Automobilausstellung lassen sich mit einer Zahlung in Höhe von 100000 Mark nicht lumpen.

Die insgesamt drei Millionen Reichsmark landen auf einem von Hjalmar Schacht verwalteten Konto, genannt »Nationale Teuhand«, der die einkommenden Gelder weiterleitet.

»Auf Höchsttouren drehen«

Bereits am Abend des 20. Februar notiert Joseph Goebbels, der offenbar sofort von der »Spendenaktion« der deutschen Industrie informierte »Wahlkampfleiter« der NSDAP, in sein Tagebuch: »Wir treiben für die Wahl eine ganz große Summe auf, die uns mit einem Schlage aller Geldsorgen enthebt. Ich alarmiere gleich den Propagandaapparat, und eine Stunde später schon knattern die Rotationsmaschinen. Jetzt werden wir auf Höchsttouren drehen.«

Allerdings entsprechen die Wahlergebnisse vom 5. März 1933 nicht ganz den Erwartungen der deutschen Faschisten. Immer noch erzielen die KPD und die SPD mehr als 12 Millionen Wählerstimmen (KPD ca. 4,8 Mio., SPD ca. 7,5 Mio.). In Berlin liegen die beiden Arbeiterparteien sogar mit ca. 570000 zu 512000 der abgegebenen Stimmen gegenüber Nazis und Deutschnationalen klar in Front (KPD 383000, SPD 187000 Stimmen). Doch mehr noch als die mit drei Millionen Reichsmark finanzierte Propaganda der Nazis und Deutschnationalen tragen der im gesamten Reichsgebiet gegen die Arbeiterparteien gerichtete Terror dazu bei, daß von »freien« Wahlen nicht die Rede sein kann.

Und dennoch: Die deutsche Industrie leistet durch ihre Finanzierung des Wahlkampfes einen wesentlichen Beitrag, daß NSDAP und DNVP mit 340 Mandaten gegenüber 307 Mandaten der beiden Arbeiterparteien, des Zentrums, der Deutschen Volkspartei, der Deutschen Staatspartei, der Bayerischen Volkspartei und anderer kleiner Parteien einen deutlichen Erfolg erringen können. Im übrigen: Mit dem Terror gegen die Kandidaten und Funktionäre der KPD und SPD, mit den zahlreichen Verbotsmaßnahmen gegen ihre Versammlungen und Wahlmaterialien, haben die Herren der Industrie, die sich am 20. Februar 1933 in Berlin versammelt hatten, offenbar keinerlei Probleme. Denn die neue faschistische Regierung ist auf dem Weg, alles das zu erfüllen, was in der Weimarer Republik nicht oder nur ohne letzte Konsequenz durchzusetzen war: Die Beseitigung der nur widerstrebend akzeptierten bürgerlich-parlamentarischen Demokratie, die bereits vor 1933 in Teilbereichen faktisch außer Kraft gesetzt worden war; die scheinbar endgültige Ausschaltung der Organisationen der Arbeiterbewegung; die Wiederherstellung der »Herr-im-Hause«-Realität; schließlich die Perspektive eines zweiten »Griffs nach der Weltmacht.« Gustav Krupp von Bohlen und Halbach formulierte es zusammenfassend in einem Schreiben an Adolf Hitler vom 24. März 1933:

»Durch die Wahlen ist die Grundlage für ein stabiles Regierungs-Fundament geschaffen und es sind damit die Störungen beseitigt, die sich aus den ständigen politischen Schwankungen der Vergangenheit ergeben und die wirtschaftliche Initiative stark gelähmt haben. (…) Die deutsche Industrie, die sich als einen wichtigen und unentbehrlichen Faktor für den nationalen Aufbau betrachtet, ist bereit, an dieser Aufgabe tatkräftig mitzuwirken, und der Reichsverband der Deutschen Industrie wird alles tun, um der Reichsregierung bei ihrem schweren Werke zu helfen.«

Die Geschichte der Verbrechen der deutschen Wirtschaft, so darf man schlußfolgern, begannen nicht erst mit der kriegswirtschaftlichen Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges, der »Arisierung« jüdischen Eigentums und der Organisierung der Zwangsarbeit, sondern mit ihrer unverzichtbaren Rolle bei der Installierung und der frühen materiellen wie politischen Unterstützung des faschistischen Regimes vor und nach dem 30. Januar 1933. Das Treffen im Reichstagspräsidentenpalais spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

Dr. Reiner Zilkenat ist Vorsitzender des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V. Zuletzt erschien von ihm am 4.1.2013 an dieser Stelle ein Aufsatz über das Treffen Hitlers mit Franz von Papen in der Villa des Kölner Bankiers Kurt von Schröder

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