20. März 2012

Spiel um Leben und Tod

Deutscher Propagandafeldzug: Werbeplakat zum Fußballspiel vom 9. August 1942 in Kiew

Geschichte. Das Finale der kommenden Fußballeuropameisterschaft wird in Kiew ­stattfinden. Vor siebzig Jahren gewann dort während der faschistischen Besatzung eine ukrainische Auswahl gegen deutsche Militärmannschaften

Klaus Huhn

Am 9. Juni wird die mit Spannung erwartete Fußballeuropameisterschaft in Warschau eröffnet, das Finale soll am 1. Juli in Kiew angepfiffen werden. Die BRD-Nationalmannschaft bestreitet ihr erstes Spiel gegen Portugal in Lwiw, das während der Zeit der Habsburger Monarchie und der Nazideutschlands Lemberg hieß. (Dieser Hinweis scheint vonnöten, da bundesdeutsche Medien aus kaum erfindlichen Gründen fast ausnahmslos diesen »deutschen« Namen für ihre Vorschauen gewählt haben.)

Man könnte sich mit dieser Anmerkung und den in der Regel ausgiebigen Prognosen über die Chancen der von Joachim »Jogi« Löw trainierten bundesdeutschen Mannschaft begnügen, wäre es nicht schon im Vorfeld des Turniers zu einer unerfreulichen Kontroverse zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Deutschen Fußballbund (DFB) gekommen, dessen politische Aspekte für beträchtliches Aufsehen sorgten, und die vor allem historische Erinnerungen wachrief.

»Auslöser« war eine antisemitische Attacke von Fans des 1. FC Kaiserslautern gegen den dort spielenden israelischen Nationalspieler Itay Shechter. Man hatte ihn nach einem Spiel beim Verlassen des Platzes als »Drecksjuden« beschimpft und dabei obendrein den Hitlergruß gezeigt. Anwesende Polizisten, die nach den geltenden Gesetzen verpflichtet gewesen wären, einzugreifen und die Neonazis festzunehmen, begründeten ihre Zurückhaltung hinterher damit, daß sie die Situation nicht »eskalieren« lassen wollten.

»Fatales Zeichen«

Einige Tage später – der Zusammenhang war unübersehbar – schlug der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, der gleich nach dem skandalösen Zwischenfall Stellung bezogen hatte, dem DFB vor, die Nationalmannschaft möge während der Europameisterschaft demonstrativ die Gedenkstätten in Auschwitz und Babi Jar besuchen. Diese Empfehlung stieß (siehe jW vom 12.3.2012) auf ungewöhnliche Reaktionen in den Medien. So wurde ein Verzicht auf solche Besuche damit begründet, daß die Mannschaft doch vor allem Europameister werden solle und sich auf dieses Ziel konzentrieren müsse. Deshalb bliebe kaum Zeit für solche »Ausflüge«. Die FAZ (9.3.2012) ließ ihre Leser wissen: »Manager Oliver Bierhoff erklärte am Donnerstag gegenüber der Frankfurter Rundschau, man habe für das Turnier einen Besuch in Auschwitz in Erwägung gezogen. ›Natürlich greifen wir die Holocaust-Thematik mit den Spielern auf. In welcher Form, haben wir noch nicht abschließend entschieden‹, sagte der Manager.« Aber: »Eine Tagesreise in das vom Mannschaftsquartier an der Ostsee rund sechshundert Kilometer entfernte Auschwitz auf dem Weg zu ihrem großen sportlichen Ziel erschien der sportlichen Leitung daher erst einmal abwegig.« Einige Medien ließen anklingen, daß der jüdische Zentralrat keinen Druck auf die Nationalmannschaft ausüben sollte.

Daraufhin beeilte sich Präsident Graumann, zu versichern: »Davon, daß ich den DFB unter Druck setze, kann gar keine Rede sein. Ich bin ein Fußballfan und habe einen Wunsch geäußert.« Die DFB-Oberen erwogen, daß man möglicherweise eine Delegation des Vorstands nach Auschwitz schicken würde, schon weil dort auch der frühere jüdische Nationalspieler Julius Hirsch ermordet worden sei. Um den zu ehren, habe man immerhin eine Medaille gestiftet. Graumann verwies darauf, er halte es »als Deutscher wie als Jude für ein fatales Zeichen«, wenn die englische Nationalmannschaft Auschwitz besuche, das deutsche Team aber diesem Ort fernbleibe. Und fügte hinzu: »Es gibt eben nicht nur Jürgen Klinsmann und Uwe Seeler, es gab auch Goebbels und Göring!«

Mithin: Die bevorstehende Europameisterschaft warf lange vor dem ersten Ballwechsel politische Schatten voraus, die man nicht ignorieren kann. Das umso mehr, als das Finale unweit eines Stadions ausgetragen wird, in dem eines der schwärzesten Kapitel der internationalen Fußballgeschichte geschrieben wurde und bei dessen »Aufarbeitung« die Altbundesrepublik keine allzu rühmliche Rolle spielte. Gemeint ist das »Todesspiel von Kiew«. Sollte die deutsche Mannschaft das Finale am 1. Juli erreichen, könnte sie kaum auf eine demonstrative Geste des Gedenkens an dieses Spiel verzichten, zumal sie auf dem Weg ins Stadion an den Denkmälern vorbeikäme, die schon vor langen Jahren geweiht wurden und daran erinnern, daß es in jenem Spiel nicht um Tore, sondern um Menschenleben ging! Um Menschen, die von den deutschen Faschisten gnadenlos ermordet wurden.

Noch einmal: Die Fußballgeschichte kennt kein ähnliches Beispiel, und der DFB wie die bundesdeutsche Sportführung wären gut beraten, am Schauplatz dieses Spiels für eine weltweit unmißverständliche Geste zu sorgen.

Propagandafeldzug

Die Ereignisse des Jahres 1942. Am 19. September 1941 hatten faschistische Truppen Kiew besetzt und allein an den nächsten beiden Tagen 34000 Juden ermordet. 630000 sowjetische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft. Viele von ihnen wurden in überfüllten Güterzügen in Konzentrationslager abtransportiert.

Bald darauf geriet der Vormarsch der Deutschen ins Stocken, und man setzte darauf, durch Gesten gegenüber Teilen der Bevölkerung deren Sympathie zu gewinnen. Jahrzehnte später bekannte Reinhard Gehlen, damals im Generalstab des faschistischen Heeres tätig und später Chef des vor allem gegen die DDR operierenden Bundesnachrichtendienstes (BND), in seinen Memoiren zu diesem Thema: »Der politische Zweck des Feldzuges (…) wurde mit dem Nichterreichen des militärischen Zieles, völliges Niederwerfen der sowjetischen Streitkräfte, immer unglaubwürdiger. (…) Es war daher fast selbstverständlich, daß (…) Überlegungen angestellt wurden, was zu tun sei, um den Feldzug gegen die Sowjetunion dennoch mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg weiterzuführen und vor allem beenden zu können. Alle diese Überlegungen zielten darauf ab, durch eine entsprechende politische Zielsetzung, die dem russischen Staatsvolk positive Zukunftserwartungen eröffnete, dieses selbst zum Kampf gegen Stalin und sein System zu aktivieren.«

Bald darauf wurde eine aufwendige Kampagne gestartet. Werbeschriften wurden in riesigen Auflagen gedruckt und verteilt, Kinos und Theater wurden für die Bevölkerung geöffnet. Der Sport konnte in diesem Propagandafeldzug nicht fehlen. Man wußte um dessen Zugkraft und wollte vor allem die bekanntesten Aktiven einspannen. In Kiew gehörte Nikolai Trussewitsch zu den populärsten Persönlichkeiten. Der Torwart von Dynamo Moskau gehörte vor dem Krieg zu den herausragenden Spielern der sowjetischen Nationalmannschaft. Er arbeitete zu dieser Zeit in der Bäckerei eines deutschen Etappenoffiziers, der sich über die Maßen fußballbegeistert gab und seine Kommandeure überzeugen konnte, mit einer Mannschaft seines Betriebes Publikum anzulocken. Er gewann Trussewitsch, mit von der Partie zu sein, und der mobilisierte seine noch in Freiheit lebenden Mannschaftskameraden von Dynamo Kiew, wo er zuletzt gespielt hatte. Die meisten waren als Hilfsarbeiter in der Bäckerei tätig. Als jener Befehl erlassen wurde, mit dem man die Bevölkerung gewinnen wollte, enthielt der auch einen Passus, der Fußballspiele zuließ. Trussewitsch wählte für die Mannschaft den doppeldeutigen Namen »Start«, und man verpflichtete für das erste Spiel eine deutsche Eisenbahnerauswahl.

Die Zuschauerkulisse war mäßig, doch fand man schnell eine Erklärung. Viele Kiewer hatten geglaubt, daß es sich bei denen, die sich für dieses Spiel freiwillig gemeldet hatten, um Kollaborateure handelte. Das Ergebnis beseitigte diesen Verdacht: Mit 9:0 fiel der Sieg gegen die Deutschen so überzeugend aus, daß sich die Nachricht in Stunden in der ganzen Stadt verbreitete. Niemand glaubte, daß die Deutschen solche Niederlagen benutzen könnten, um Sympathie zu erwerben.

Siege für »Start«

In der deutschen Stadtkommandantur gab es eine handfeste Auseinandersetzung. Der zuständige Offizier, rüffelte seine Untergebenen, daß sie die viel zu schwache Eisenbahnerauswahl in dieses so wichtige Spiel geschickt hatten. Daraufhin erging der Befehl, eine Soldatenmannschaft zu formieren und sie gegen »Start« antreten zu lassen. Diesmal kamen weit mehr Zuschauer und feierten einen überzeugenden 6:0-Sieg der Einheimischen. Der Fall wurde höheren Orts erörtert und als erstes vorgeschlagen, die »Start«-Elf aufzulösen und keine weiteren Fußballspiele mehr zu gestatten. Der Vorschlag wurde schließlich abgelehnt, weil man sich des Befehls erinnerte, die Atmosphäre zu »normalisieren«, und zudem waren die deutschen Niederlagen der ersten Spiele bereits allgemeines Stadtgespräch. Man beschloß also, eine renommierte Luftwaffenelf nach Kiew zu schicken, die andernorts bereits zahlreiche erfolgreiche Spiele gegen deutsche Mannschaften bestritten hatte. Da die aber über Nacht nicht herangeholt werden konnte, entschloß man sich, zunächst noch eine ungarische Mannschaft nach Kiew zu holen, in die man große Hoffnungen setzte und die das Risiko einer weiteren deutschen Niederlage vermied. Die MSG Wal unterlag 1:5. Der schwache Trost für die Okkupanten bestand darin, daß der inzwischen zum Volkshelden avancierte Torwart Trussewitsch in diesem Spiel zum ersten Mal überwunden worden war.

Anfang August 1942 traf endlich die deutsche Luftwaffenelf in Kiew ein und bestritt am 6. August das erste Spiel gegen »Start«. Es wurde ein erbittertes Duell, das die Kiewer mit 3:2 für sich entschieden. Nun befaßte sich das zuständige Oberkommando mit der Affäre und ordnete eine Untersuchung an. Die Verantwortlichen der Luftwaffenelf führten ins Feld, daß niemand sie über die Spielstärke der gegnerischen Mannschaft informiert habe. Wäre man im Bilde gewesen, hätte man mühelos noch einige Spieler anderer Luftwaffenmannschaften einfliegen können. Inzwischen waren die Tribünen bei allen Spielen überfüllt, und die Erfolge von »Start« wurden frenetisch gefeiert. Der Jubel der Einheimischen aber war genau das Gegenteil von dem, was man sich von der »Lockerung« erhofft hatte.

»Die Roten siegen«

Die zuständigen Offiziere befahlen, so schnell wie möglich eine Revanche zu arrangieren und die Luftwaffenmannschaft zu verstärken. Das Spiel wurde für den 9. August anberaumt. Trussewitsch hatte den Bäckereichef wissen lassen, daß man für dieses Spiel dringend neue Trikots benötige und daß sich die Frauen einiger Spieler bereit erklärt hätten, diese zu nähen. Der ahnungslose Bäckereichef glaubte dem Torwart und hatte keine Einwände. So erschien die »Start«-Elf zu jenem Spiel statt in blau-weißen wie bisher in roten Jerseys und wurde vom Publikum mit Sprechchören empfangen: »Die Roten siegen!«

Die Situation im Stadion drohte zu eskalieren, aber die deutschen Offiziere auf der Tribüne konnten aufatmen: Die Luftwaffenelf ging 1:0 in Führung und erzielte bald darauf das 2:0. Trussewitsch war gegen beide Treffer machtlos. In der Pause soll ein SS-Offizier in der »Start«-Kabine erschienen sein und gedroht haben, daß die Mannschaft ihr letztes Spiel bestritten hätte, wenn sie ernsthaft versuchen würde, den Rückstand wettzumachen. Er drohte unverhohlen, die Mannschaft in diesem Fall ins nächste KZ transportieren zu lassen.

Als »Start« aufs Feld zurückkehrte, wußte jeder, was auf dem Spiel stand! Trussewitsch war es, der in der zweiten Halbzeit über sich hinauswuchs, nur noch einen Treffer hinnehmen mußte, während die Stürmer seiner Elf fünf Treffer versenkten. 5:3 endete die Partie. Mit dem Ruf »Die Roten siegen!« zogen die Zuschauer aus dem Stadion durch die Stadt. Die umgehend erlassenen Befehle besiegelten das Schicksal der Mannschaft. Die meisten Spieler wurden in ein KZ-Lager verschleppt und dort grausam gefoltert. Von Trussewitsch hieß es, daß er mit den Worten »Wir werden siegen« in einem Kugelhagel gestorben war. Seine Mannschaftskameraden Klimenko, Korotkich und Kusmenko wurden wenige Tage später umgebracht. Von diesem Tag an fanden bis Kriegsende keine Fußballspiele mehr in Kiew statt!

Deutsche Justiz leugnet

Die Erinnerung an das Todesspiel aber überstand die Jahrzehnte, wurde verfilmt, lieferte den Stoff für Dokumentationen, Romane – und nur eine einzige Instanz glaubte der Welt weismachen zu können, daß es nie stattgefunden hatte: Die Staatsanwaltschaft beim Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg. Ermittlungen waren in den siebziger Jahren nach einem Bericht der Stuttgarter Zeitung über die Ermordung der vier Spieler wegen des Verdachts auf Kriegsverbrechen eingeleitet worden. Die unter dem Aktenzeichen JPr 161/85 geführten Nachforschungen endeten – ergebnislos. Am 30. September 1985 wurde die offizielle Verlautbarung veröffentlicht: »Die von der Staatsanwaltschaft in dieser Sache geführten Ermittlungen führten zu keiner Klärung des Vorfalls. Auch nach Maßgabe der von den sowjetischen Behörden erbetenen und von diesen auch geleisteten Rechtshilfe konnte weder ein Vorgang der behaupteten Art selbst noch ein – wie von der Stuttgarter Zeitung beschrieben – Sonderlager für sowjetische Kriegsgefangene, noch eine Luftwaffeneinheit, die für die behauptete Ausschreibung in Betracht kommen könnte, festgestellt werden. Die sowjetischen Behörden haben keinen Zeugen für die Tat benannt. Da weitere Beweismittel nicht zur Verfügung standen, mußte das Verfahren im März 1976 eingestellt werden. Oberstaatsanwalt Beek«.

Allein diese Erklärung wäre eine gründliche Untersuchung wert, schon, weil sie so unglaubwürdig klingt! In Kiew waren Denkmäler zur Erinnerung an dieses Spiel – eines trägt ein Hakenkreuz und beseitigt alle Zweifel bezüglich des Zeitpunkts des Geschehens – errichtet worden, aber die Hamburger Staatsanwaltschaft wollte Glauben machen, daß sowjetische Behörden »keine Zeugen für die Tat« benennen könnten! Daß bundesdeutsche Medien mit viel Eifer dem Bemühen der Staatsanwälte folgten, das Spiel als eine Erfindung auszugeben, muß nicht betont werden.

1976 war der letzte Überlebende des Spiels, Makar Gonscharenko, von der DDR-Sportvereinigung Dynamo nach Berlin eingeladen worden. Er schilderte uns damals die dramatischen Stunden jenes Spiels und wie seine Freunde und er nach der Befreiung in Stapeln von Bildern, die die fliehenden Deutschen zurückgelassen hatten, nach einem Foto jener Luftwaffenelf gesucht hatten, gegen die sie gespielt hatten. Sie fanden nur ein Porträt des Mannschaftsleiters, der ein von den Nazis gefeierter Jagdflieger gewesen war.

1962 hatte der sowjetische Regisseur Jewgeni Karelow einen Spielfilm über das Ereignis gedreht, der auch heute noch zuweilen im ukrainischen Fernsehen gezeigt wird. Selbst Hollywood hielt das Ereignis für filmreif, mochte aber wohl nicht in den Helden »Russen« sehen und verlegte das Geschehen nach Frankreich. Sylvester Stallone war einer der Hauptdarsteller.

2005 produzierte die ARD den Dokumentarfilm »Die Todeself«, der immerhin auf den vierten Rang der besten deutschen Fußballfilme gelangte, über den die Frankfurter Rundschau (5.6.2010) aber urteilte: »Der deutsche Dokumentarfilmer Claus Bredenbrock erzählt in ›Die Todeself‹ eine differenzierte Geschichte. ›Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Sieg am 9. August 1942 und der Verhaftung der Spieler sei erst einmal nicht zu erkennen‹, meint Bredenbrock.«

Die taz dazu: »Bredenbrocks Film lebt von den Erinnerungen der Zeitzeugen und von den Ausschnitten aus dem zwar propagandistisch verfälschten, atmosphärisch dennoch beeindruckenden Sowjet-Film ›Die dritte Halbzeit‹ von 1962. Ihr Schicksal wurde in der früheren Sowjetunion schnell zur sozialistischen Heldensaga. (…) Dabei hatten sie eigentlich nur ein Fußballspiel gewonnen.«

Der bundesdeutsche Journalist Werner Skrentny hatte im Tagesspiegel (8.11.2001) daran erinnert, daß 1969 im DDR-Militärverlag die Filmerzählung »Das Spiel mit dem Tode« von Creutz/Andrießen in einer Erstauflage von 45000 Exemplaren erschienen war und dann den schottischen Autor Andy Dougan zitiert, dessen Buch »Dynamo – Defending the Honour of Kiev« (Verlag Fourth Estate London) eine der solidesten Forschungsarbeiten zu dem Spiel darstellt. Skrentny schildert den Vorgang so: »Am 22. Juni 1941 – an dem Tag ermittelten Rapid Wien und Schalke 04 in Berlin den Deutschen Meister – versammelten sich die Dynamos, um das neue Republik-Sportstadion von Kiew einzuweihen. Das geplante Spiel gegen die Armeemannschaft CDKA wurde allerdings nicht angepfiffen: Deutschland hatte die Sowjetunion überfallen, und in den Vororten der ukrainischen Hauptstadt fielen an diesem Sommertag bereits Bomben. Am 19. September besetzten deutsche Truppen die Stadt. Dynamo Kiew gab es nicht mehr, als die Deutschen die Stadt eroberten – und gab es doch wieder.«

Zu danken sei das Josif Kordik: »Der hatte im Ersten Weltkrieg für die österreichisch-ungarische Monarchie gekämpft, arrangierte sich nun mit den neuen Machthabern und erhielt als sogenannter Volksdeutscher die Leitung der Bäckerei Nr. 1, mit 300 Beschäftigten die modernste Brotfabrik der Stadt.«

Kordik war fußballbegeistert und Dynamo-Fan. Er »nutzte seine neue Stellung und sammelte nach und nach die populärsten Sportler der Stadt«. Die ukrainischen Sportler, »neben Akteuren von Dynamo auch solche der Eisenbahner-Elf Lokomotive, waren glücklich über Arbeit und Obdach, die sie in der Brotfabrik gefunden hatten. An Spiele allerdings war nicht zu denken, bis Georgi Shvetsov, ein Sportlehrer, der unter den neuen Machtverhältnissen zum Journalisten avancierte, den Nazis den Vorschlag unterbreitete, eine Fußball-Liga einzurichten.« Hier schließt sich der Kreis zu den von Gehlen geschilderten faschistischen Plänen.

Kein Gedenken in Kiew

Seitdem sind siebzig Jahre vergangen, und die Aufforderung des Zentralrats der Juden in Deutschland, die bundesdeutsche Nationalmannschaft möge demonstrativ an jene mörderische Zeit erinnern, erscheint mehr als legitim.

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff aber – daran sei erinnert – erklärte: »Natürlich greifen wir die Holocaust-Thematik mit den Spielern auf. In welcher Form haben wir noch nicht abschließend entschieden.«

In Frage käme, so ließ er wissen, »ein Kamin-Gespräch (…) oder ein Vortrag.« Und fügte hinzu: »Wir machen uns schon seit Mitte vergangenen Jahres darüber Gedanken.« Und dabei sei auch ein Besuch in Auschwitz »in Erwägung gezogen« worden.

Von einer Zeremonie an den Denkmälern vor dem Kiewer Stadion war nie die Rede gewesen …

Klaus Huhn lebt als Journalist in Berlin. Er war Vizepräsident und Generalsekretär des Europäischen Sportjournalistenverbandes (UEPS) und Präsident des Radsportverbandes der DDR

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