27. Mai 2013

Staatlicher Babyraub

Francisco Franco (1969) - Fotoquelle: Wikipedia

Zehntausende Neugeborene wurden in Spanien vom Beginn der Franco-Diktatur an bis Mitte der 90er Jahre entführt. Kein Verantwortlicher ist bisher für diese Taten verurteilt worden

Carmela Negrete

Heute berichten viele spanische Medien über unzählige Fälle von Kindesentführungen. Von seriösen Publikationen bis hin zu seichten Unterhaltungssendungen wird über eine lang verschwiegene Wahrheit offen debattiert. Jahrzehnte nach dem Ende der Herrschaft des Diktators Francisco Franco im Jahre 1975 schöpfen deren Opfer Mut. Wie in lateinamerikanischen Ländern, in denen ein vergleichbares Regime die Herrschaft über die Menschen ausübte, sollen die Verantwortlichen nun endlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Zu den Leidtragenden gehört eine Großzahl von Adoptivkindern. Seit Jahrzehnten kämpft ein Teil von ihnen darum zu erfahren, wer die leiblichen Eltern sind. Spanische Opfervereinigungen sprechen von Hunderttausenden Fällen von Kindesentführungen. Diese hohe Zahl erklärt sich dadurch, daß sich das, was als Teil der ideologischen Säuberung im Franquismus begann, über Jahrzehnte dank Nichtverfolgung durch die Justiz zu einem mafiosen Netzwerk des Menschenhandels entwickelte. Das Geschäft mit Neugeborenen war seit den 1940er bis Mitte der 1990er Jahre verbreitete Praxis. Vor allem mittellose junge Frauen und jene, die mit den Moralvorstellungen der katholischen Kirche in Konflikt gerieten, zählten zu den Opfern.

Säuberungen unter Franco

Nach der Niederlage der Spanischen Republik gegen die Franco-Faschisten im Jahr 1939 wurde eine groteske und menschenverachtende Ideologie populär, wonach republikanisch gesinnte Frauen ein »rotes Gen« in sich trügen. Dieses würde bei der Geburt auf das Kind übertragen, wenn es bei der Mutter bliebe und im Sinne der marxistischen Ideologie aufwüchse.

Dieser Aberglaube führte dazu, daß eine Reihe von Ärzten, Angehörigen des Klerus und Francos Beamtenapparat in die Entführungen von Babys nach deren Entbindung in spanischen Gefängnissen verstrickt waren. Viele der Frauen in den Konzentrationslagern des Landes wurden unmittelbar nach der Geburt ihrer Kinder erschossen. Man beschuldigt sie, gegen die bestehende Ordnung gekämpft oder die gestürzte Republik in anderer Form unterstützt zu haben. Die Eliminierung politischer Gegner wurde bereits in einem »Dekret Nr. 2« des »Obersten Militärrats für die Verteidigung Spaniens« von 1936 angeordnet.

Der Wegbereiter dieser Praxis war der Psychiater Antonio Vallejo Nájera, Leiter der Psychiatrischen Abteilung der Armee und Stabschef der psychologischen Forschung in den spanischen Konzentrationslagern. Mit Gefangenen der internationalen Brigaden im KZ »San Pedro de Cardeña« bei Burgos führte er verschiedene Experimente durch. Er vermaß die Anatomie der Inhaftierten und erfaßte systematisch mittels Fragebögen ihre politische Biographie. Dies diente dazu, seine abstruse Annahme zu bekräftigen: Es bestünde ein »Zusammenhang zwischen den biophysischen Eigenschaften des kommunistischen Subjekts und dem demokratischen Fanatismus«.

Er entwickelte eine pseudowissenschaftliche Theorie, wonach es eine Beziehung zwischen der Konditionierung von Kindern im Sinne einer marxistischen Ideologie und Praxis sowie geistiger Minderwertigkeit gäbe. »Die Bestätigung unserer Hypothese hat eine enorme politische und soziale Bedeutung. Da wir davon ausgehen, daß der Marxismus eine Präferenz für militantes, antisoziales und psychopathisches Verhalten hervorbringt, so ist es unsere Überzeugung, daß die Trennung dieser Subjekte (der Kinder von ihren marxistischen Eltern, C.N.) von Kindheit an, die Gesellschaft von dieser schrecklichen Plage befreien könnte.«

Die theoretischen Vorgaben für Nájeras Absurditäten kamen aus Deutschland. Dort besuchte er während des Ersten Weltkrieges psychiatrische Einrichtungen in verschiedenen Gefangenenlagern. Jahre später, nach dem Vorbild der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, einer Einrichtung der SS, unterbreitete er Franco den Vorschlag, eine ähnliche Institution in Spanien aufzubauen: die »Abteilung für psychologische Forschung der Armee« (Gabinete de Investigación Psicológica del ­Ejército). Dort sollte u.a. untersucht werden, wie man die durch den Marxismus degenerierte Gesellschaft heilen und somit die spanische Rasse im Sinne der faschistischen Ideologie erhalten könnte. Mit republikanischen Frauen aus dem Gefängnis von Málaga führte er seine psychiatrischen Experimente durch.

Im März 1940 erklärte das diktatorische Regime den Raub von Kindern republikanischer Frauen als legitime und notwendige Maßnahme, indem man mittels Gesetz das Sorgerecht dieser Kinder dem Staat überließ. Die Fürsorge bzw. Patenschaft über die »politischen Waisen« würde der faschistische Staat übernehmen, um »die Faktoren, die zur Degeneration führen«, von Anfang an auszuschließen.

Basierend auf den Ideen Nájeras eignete sich die Diktatur auch die Kinder von unverheirateten und aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Frauen an. Ihnen wurde ihr niedriger gesellschaftlicher Rang vorgeworfen sowie intellektuelle Unreife und unsittliche Lebensführung unterstellt. Die geraubten Babys wurden der Obhut der Familien anvertraut, die eng mit dem Franco-Regime verbunden waren und der Kirche nahestanden. 1941 trat eine Verordnung in Kraft, die es Adoptiveltern gestattete, ihre Pflegekinder als ihre eigenen Zöglinge in die entsprechenden Register einzutragen, um somit alle Spuren zu verwischen, die zu den biologischen Eltern führen könnten. Dieses Verordnung bestand bis in die 1980er Jahre.

Eine dritte Opfergruppe waren junge, unverheiratete Mütter, die aus vermögenden und angesehenen Familien stammten. Ihre Umgebung konnte nicht mit der Tatsache umgehen, daß die eigene Tochter ihr Kind außerhalb des christlichen Ehegebots zur Welt gebracht hatte. Diese jungen Frauen wurden gezwungen, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Ihre wohlhabenden Familien zahlten sogar, um die Babys loszuwerden.

Ein kriminelles Netzwerk

Während der Diktatur wagte sich keine der betroffenen Frauen, diese Verbrechen anzuzeigen oder sich öffentlich gegen diese Praxis zu wenden. Mit Einsetzen der Transición, des demokratischen Wandels in Spanien, änderte sich auch nichts Grundlegendes an dieser Vorgehensweise. Die Frauen hatten weiterhin Respekt vor den alten Autoritäten oder fühlten sich recht- und machtlos.

Den zahlreichen Klageschriften nach zu urteilen, kann man von einem Modus operandi sprechen. Eine der Methoden, um die Neugeborenen ihren Müttern zu entziehen, war, daß das Klinikpersonal den Frauen versicherte, ihr Baby müßte in einem Inkubator behandelt werden, da sich Komplikationen ergeben hätten. Ein paar Stunden später oder am nächsten Tag verstarb, so die offizielle Erklärung, der Säugling. Die Familie erhielt keine Möglichkeit, den Leichnam des Kindes zu sehen.

Ein Netzwerk von Krankenschwestern, Ärzten, Priestern, Nonnen und sogar Taxifahrern war in die Entführungsfälle und Täuschungen einbezogen. In einem Madrider Krankenhaus verstarben innerhalb kurzer Zeit bis zu 80 Neugeborene angeblich an Otitis, einer Entzündung des äußeren Ohres, obwohl der Verlauf dieser Krankheit in der Regel nicht tödlich ist. Die Sterbeurkunden der Kinder unterschrieben immer dieselben Ärzte.

In anderen Fällen wurden Frauen gezwungen, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Da ist Amelia Julia Fernandez, geboren 1972, deren Pflegevater ihr erzählte, daß sie die Tochter aus einer Liaison einer philippinischen Hausangestellten und einem spanischen Markgrafen sei. Die Markgräfin konnte nicht zulassen, das bekannt wird, daß ihr Ehegatte eine Hausangestelle geschwängert hatte, und so verbarg sie deren Umstände, raubte das Baby nach dessen Geburt und stellte es zur Adoption frei. Fernandez hatte ihre leibliche Mutter jahrelang vergeblich gesucht. Im Internet wurde sie indes fündig. Die Mutter lebt seit Jahren wieder auf den Philippinen und erzählte ihr beim ersten Treffen, daß sie damals versucht hatte, die Markgräfin anzuzeigen, aber kein Beamter wollte ihrer Geschichte Glauben schenken. Später, nachdem sie mehrfach auf ihren Fall aufmerksam gemacht hatte, gaben ihr die Behörden ein Findelkind, und sie kehrte in ihr Heimatland zurück. Die spanische Zweiwochenzeitung Diagonal berichtete ausführlich darüber.

In einer Sondersendung des TV-Kanals Antena 3 im April dieses Jahres berichtete eine Krankenschwester, die im Krankenhaus »San Ramón« in Madrid angestellt war, daß dort Babys massenweise verkauft wurden. »Dort, wo die Plazenten eingelagert wurden, befand sich immer der gefrorene Leichnam eines Babys. Wenn eine der Mütter sich nach ihrem Kind erkundigte, sagte man ihr, daß es eine Totgeburt sei. Wenn sie darauf beharrten, das Baby zu sehen, zeigte man ihr den in ein Tuch gewickelten leblosen Körper.«

In der gleichen Sendung berichtete der Psychiater Enrique González Duro, Direktor der Psychiatrischen Klinik in Madrid, daß unverheiratete Mädchen gezwungen wurden, ihre Kinder mit der Begründung zur Adoption freizugeben; sie würden nicht für das Kind sorgen können. Diese Vorgehensweise soll in dieser Klinik allgemein bekannt gewesen sein. »Die Nonnen in den Klöstern stellten die jungen Frauen als Putzfrauen ein. Um in der Klinik gebären zu können, mußten sie sogar noch bezahlen. Nach der Geburt nahmen sie den Frauen die Kinder ohne jegliche Rechtsgrundlage und stellten diese zur Adoption frei.«

Ein weiteres berührendes Schicksal, welches das kriminelle Netzwerk verdeutlicht, ist das der Maria Dolores Chumillas. Ihre Geschichte kursierte in vielen spanischen Medien. Als Maria schwanger wurde, warf ihre Familie sie aus dem gemeinsamen Elternhaus. Sie suchte Zuflucht bei eine Hilfsorganisation von Nonnen, die eine Unterkunft stellten und ihr eine Tätigkeit als Näherin und Reinigungskraft anboten. Als sie ihre Tochter zur Welt brachte, mußte sie für die Geburtskosten von rund 12000 Pesetas aufkommen – in der damaligen Zeit ein kleines Vermögen. Monate später reiste sie in ihr Heimatdorf in Murcia und gab zuvor ihre Tochter in die Obhut der Nonnen. Als Maria zurückkehrte, erzählte ihr ein anderes bei der Organisation untergebrachtes Mädchen, daß die Schwestern ihre Tochter an eine reiche Familie verkauft hätten.

Straflosigkeit bis heute

In der juristischen Aufarbeitung und Verfolgung der Verbrechen gab es mehre Anläufe, bis der erste Fall von Kindesentführung vor Gericht behandelt werden konnte. Mitte der 1980er Jahre veröffentlichte die Zeitschrift ­Interviú eine Reportage zu dieser Thematik. Damals gehörte die Illustriere, eine Mischung aus nackten Frauen und investigativen Reportagen, zu den meistgelesenen Publikationen Spaniens. In dem Artikel wurde festgestellt, daß es im ganzen Land eine Verschwörung zur Entführung, zum Diebstahl und Verkauf von Babys gegeben habe, in die zahlreiche Angehörige der spanischen Kirche verwickelt gewesen sein sollen. Diese Enthüllungen gerieten aber schnell in Vergessenheit. Es folgten keine juristischen Untersuchungen, die den ungeheuerlichen Anschuldigungen nachgingen.

Ein Jahrzehnt später thematisierte der Journalist Paco Lobatón den Skandal erneut. Er moderierte die Sendung »Wer weiß wo?« des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, in der es um verschwundene Menschen ging. In einem Beitrag wurde der Fall von Maria Fe Fernández aus Pamplona thematisiert, die als Baby entführt worden war. Ihre leibliche Mutter war alleinerziehend, was, wie bereits angesprochen, gesellschaftlich unannehmbar war. Durch diese Sendung lernte sie ihre Mutter kennen.

Der bekannte spanische Richter Baltasar Garzón Real führte im Jahr 2008 die ersten gerichtlichen Untersuchungen von Verbrechen während der Franco-Diktatur durch. Einer der Punkte, die er in diesem Prozeß untersucht wissen wollte, waren die Fälle entführter Kinder. Allerdings konnte er seine Ermittlungen nicht fortführen, da er vom Plenum der Audiencia Nacional, ein zentrales Gericht, das mit der Verfolgung schwerster Straftaten betraut ist, durch eine Mehrheitsentscheidung gestoppt wurde. Dieses Machtwort ist ein Indiz für die ungebrochene Kontinuität in den spanischen Institutionen, insbesondere der Justiz, seit dem Terrorregime der Franco-Zeit.

Im September 2009 wurde vor dem Gericht Nummer 5 in Madrid die erste kollektive Klage von Betroffenen zugelassen. 20 Fälle von Kindesraub während der Franco-Diktatur sollten »aus dringenden Gründen« zeitnah untersucht werden, weil davon ausgegangen wurde, daß viele der Mütter schon sehr betagt waren. Die Gerichtsakten enthalten Namen von Gynäkologen, Priestern, Nonnen und anderen Personen, die vermutlich in die illegalen Adoptionen involviert waren. Dem Bericht zufolge war eines dieser Netzwerke in Bilbao bis 1995 aktiv. Mitglieder boten schwangeren Frauen Plätze in Ferienwohnungen und -häusern an. Sie bekamen vor der Geburt eine Vollnarkose. Danach sagte man ihnen, daß ihr Baby gestorben sei.

Zwei Jahre später wurde eine Kollektivklage, die 161 Fälle zusammenfaßte, an die Staatsanwaltschaft in Madrid übergeben. Der damit betraute Rechtsanwalt Enrique J. Vila suchte selbst nach seiner leiblichen Mutter. Er ist Vorsitzender der Organisation »SOS Gestohlene« (SOS Robados), einer von 25 Verbänden, in denen sich die Betroffenen zusammengeschlossen haben. In einem Interview mit der Zeitung El Mundo, sagte er: »Vor zwei Jahren gingen die Vereinigungen von etwa 300000 Betroffenen aus, aber wahrscheinlich haben wir uns getäuscht, und es sind noch wesentlich mehr.« Der Prozeß ist noch nicht eröffnet worden. Behörden halten die Archive der Krankenhäuser geschlossen, und das fortgeschrittene Alter vieler Ärzte und Schwestern komplizieren die Beweisführung.

Die einzige, die bis vor kurzem für solche Verbrechen angeklagt worden ist, ist die als Sozialarbeiterin in der Entbindungsklinik Santa Cristina de Madrid beschäftigt gewesene Nonne María Gomez Valbuena. Der Prozeß wurde Ende vergangenen Jahres eröffnet. Die Ordensfrau wurde wegen Menschenraub und Dokumentenfälschung von der Staatsanwaltschaft angeklagt und in vielen anhängigen Verfahren als Mitverantwortliche benannt. Sie ist am 24. Januar 2013 verstorben. Ihr Tod läßt im speziellen die Frage offen, ob sie 1981 und 1982 in einen Diebstahl von Zwillingsschwestern und am Raub eines Mädchens verwickelt gewesen war. Überall großes Schweigen. Die spanische Kirche gibt lediglich zu, daß Gomez Valbuena in einer Wohltätigkeitsorganisation für schwangere Frauen tätig war.

Am 27. Februar 2013 behandelte ein Gericht in Cadiz die Klage von Inés Madrigal, der Präsidentin von »Bebés Robados Región de Murcia« (Gestohlene Kinder der Region Murcia). Während des Prozesses gab die als Zeugin geladene Inés Pérez zu, daß sie nicht die leibliche Mutter der Klägerin sei, obwohl sie als solche auf der Geburtsurkunde angegeben ist. Dieser Fall ist deshalb von Bedeutung, weil in vielen anderen Fällen die Kinder Angst haben, daß ihren Adoptiveltern von den Behörden ein Verbrechen vorgeworfen wird, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen. Nach der Aussage der Pflegemutter kann der Richter jetzt den damals die Geburt begleitenden Arzt vor Gericht bringen. Er soll in Cadiz auch in andere Fälle von Kindesraub verwickelt sein.

Der 77 Jahre alte Manuel Espí Nacher brach gegenüber der Zeitung El Pais ebenfalls sein Schweigen. Er hatte seinen Sohn Lucas gekauft. »Ich habe für ihn fast drei Millionen Pesetas gezahlt. Ich habe hart gearbeitet und mich bis über den Kopf verschuldet. Leider starb Lucas in einem Feuer, als er 18 war. Ich bin davon überzeugt, daß dies eine Strafe für den Kauf war. Lucas ist tot, weil wir es nicht anders verdient haben.«

Diese Aussagen ermutigen viele Adoptiv­eltern, ihren Kindern zu helfen, ihre leiblichen Eltern zu ermitteln. Zum Beispiel Alejandro Alcalde: Er half seiner Tochter Pilar, die 1982 geboren wurde, ihre biologische Mutter zu finden. Dafür beauftragte er einen Privatdetektiv. Schließlich fand Pilar sie. Ihre Geschichte erzählte sie dem TV-Sender Telecinco.

Bisher wurden 2000 Klagen bei den Staatsanwaltschaften eingereicht. Die Hälfte wurde wegen Mangel an Beweisen abgewiesen. Häufig hat das damit zu tun, daß die Geburts- und Adoptionsarchive sich im Besitz der Kirche befinden. Sie wird jedoch von den zuständigen Behörden nicht zur Öffnung der Archive aufgefordert. In anderen Fällen, so im Baskenland, hat die Staatsanwaltschaft hingegen die Exhumierung der angeblich verstorbenen Babys angeordnet. Die ausgegrabenen Särge waren leer.

Nur wenige Verfahren enden glücklich: Ein paar Dutzend Mütter und Kinder konnten wieder zueinanderfinden.

Verbindungen zur Volkspartei (PP)

Die unzureichende juristische Aufarbeitung der Verbrechen an Müttern und ihren Kindern hängt nicht nur mit dem Einfluß krimineller Netzwerke auf den Staat und seine Institutionen zusammen. Hochrangige Funktionäre der Volkspartei (Partido Popular, PP) unterhalten familiäre Beziehungen zu den mutmaßlichen Tätern. Die Partei wurde nach Francos Tod im Jahr 1975 von mehreren ehemaligen faschistischen Ministern unter dem Namen Volksallianz (Alianza Popular, AP) gegründet.

Der inzwischen verstorbene Arzt José Botella Llusiá war der Onkel von Ana Botella, Bürgermeisterin von Madrid, Mitglied der PP und Ehefrau von José María Aznar (PP), dem ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten. Der Name des Arztes taucht in vielen, ihn belastenden Dokumenten auf, mit denen Babys zur Adoption freigestellt wurden. Er leitete die Entbindungsklinik Santa Cristina in Madrid, in der auch die Nonne María Gomez Valbuena tätig war. Mehrere Verfahren waren gegen ihn anhängig. Die Kläger warfen ihm vor, Todesfälle von angeblich gestohlenen Babys unterschrieben zu haben; konnten ihn aber nicht vor Gericht bringen.

Rosario de Cospedal, Schwester der Präsidentin der Autonomen Gemeinschaft (so etwas wie Bundesland, C.N.) Kastilien-La Mancha, Maria Dolores de Cospedal, ebenfalls von der PP, leitet das Unternehmen Genómica. Diese Genbank sammelt und vergleicht DNA-Proben für die Vereinigung für die Betroffenen illegaler Adoptionen (ANADIR). Was sich auf den ersten Blick als vernünftig zeigt, ist wohlmöglich ein weiterer Vertuschungstrick – wie er in Argentinien in ähnlichen Zusammenhängen angewendet wurde. Das Institut sammelt die DNA-Daten, aber manipuliert sie, falls es tatsächlich Übereinstimmungen zwischen den Genen des früheren Kindes und einer gefundenen leiblichen Mutter kommt. Die Skepsis wächst seitdem bekannt ist, daß unter den Aktionären von Genómica sich bekannte Politiker der PP finden, wie die ehemalige Außenministerin unter Aznar, Ana de Palacio. Auch der Vater des ehemaligen Innenministers, Jaime Mayor Oreja, von Beruf Arzt, wird verdächtigt, in den Diebstahl von Babys verwickelt gewesen zu sein.

Auch das Justizministerium hat im Februar diesen Jahres in Madrid eine Anlaufstelle für Betroffene eröffnet, in der sie DNA-Proben zum Abgleich mit möglichen Verwandten abgeben können. Die Sprecherin des Vereins »Alle gestohlenen Kinder sind auch meine Kinder« (»Todos los niños robados son también mis niños«), Carmen Luque, warnt aber davor, daß die Tätigkeit in diesem Büro nicht transparent sei und der Verein nicht mit den Opferverbänden zusammenarbeitet. »Wir haben ernsthafte Zweifel, daß eine Untersuchung tatsächlich die richtigen Früchte tragen wird, weil viele Politiker, die jetzt im Amt sind, mit dieser Praxis in Verbindung stehen.« Damit spielt sie auf die engen Beziehungen der PP mit einigen der Verdächtigen an. Die Verbände befürchten, daß das Büro seine gesammelten Erkenntnisse bewußt zurückhalten könnte, um wichtige Funktionsträger nicht zu belasten.

Der Raub der beiden Zwillingsschwestern, in der die verstorbene Nonne María Gomez Valbuena verwickelt war, wird heute, am Montag den 27. Mai, vor dem Gericht Nr. 50 in Madrid in gewisser Weise fortgesetzt: Es müssen sich nun der Direktor der Klinik Santa Cristina de Madrid, Jose Zamarriego, und zwei Leiter der Entbindungsstation, Ignacio Villa Elizaga und Ceferino Contreras Calle, den Anschuldigungen stellen. Parallel zu diesem Prozeß hat das Europäische Parlament grünes Licht für eine Untersuchung der ersten Klage, die die spanischen Behörden ignoriert hatten, gegeben. Dies könnte die Justiz zwingen, diesen Fall wieder aufzunehmen.

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