7. Mai 2014

Staatsfeind ohne Staat

Volker Braun (links) 1981 mit Ruth Berghaus und Wieland Förster bei der Berliner Begegnung zur Friedensförderung - Fotoquelle: Wikipedia

Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Volker Braun

Kai Köhler

Eines der kürzesten Gedichte Volker Brauns ist überschrieben »Gras oder Stein« und besteht aus nur zwei Versen, die durch eine Leerzeile voneinander abgesetzt sind: »Die Pyramide / Oder der Baum.« Die Entgegensetzung scheint einfach. Auf der einen Seite steht ein hartes Gebilde, das äußerlich auf eine Hierarchie verweist. Eine breite Basis, nur ein Punkt als Spitze, und das Ganze mit dem Zweck, einen toten Pharao zu verherrlichen: Es ist wohl kaum gewagt, das Bild mit Brauns Kritik an der späten DDR in Beziehung zu setzen. Auf der anderen Seite findet sich der lebendige und lebenspendende Baum, vielleicht mit breitem Wipfel, jedenfalls durch das »Oder« als unvereinbar mit der Pyramide markiert. Die Aussage wäre denkbar platt, gäbe es nicht den Gedichttitel. Das Gras ist die kleinere Pflanze als der Baum, der Stein ist kleiner als die Pyramide (und vielleicht einer ihrer Bestandteile). Die beiden Verse scheinen also die Überschrift zu steigern. Sie stehen aber – und das irritiert – in einem Verhältnis der Umkehrung zum Titel: Zuerst stehen Gras und Pyramide, dann Stein und Baum. Damit werden vielfältige Bezüge denkbar. Überwächst das Gras die Pyramide, durchbricht der Baum den Stein? Breitet sich umgekehrt die Pyramide dort aus, wo früher Gras war, und erstickt der Stein den Baum? Oder hat Braun, der schließlich Philosophie studiert hat, noch eine abstraktere Lesart im Kopf gehabt: daß Gegensätze einander nicht nur ausschließen, sondern die Definition eines Dings stets auch die Definition dessen einschließt, was dieses Ding nicht ist? Volker Braun, der heute seinen 75. Geburtstag begeht, hat seit seinen literarischen Anfängen Ende der 1950er Jahre gesellschaftliche Konflikte beim Aufbau und dann beim Niedergang des Sozialismus gestaltet, seit 1989/90 dann die Widersprüche des vereinigten Deutschland. Es versteht sich beinahe von selbst, daß dabei der weltpolitische Kontext stets eine Rolle spielte. Braun arbeitet in allen Gattungen und hat ein umfangreiches lyrisches, dramatisches, erzählerisches und essayistisches Werk vorgelegt. Braun ist insofern Schüler von Hegel und Marx, als er Widersprüche als das zentrale Moment von Bewegung und Fortschritt denkt. Sprachlich kommt das manchmal so scheinbar einfach und tatsächlich vertrackt daher wie im eingangs zitierten Gedicht, manchmal hingegen in verdichteten Formulierungen, die dem Leser einiges an Mühe abverlangen. Politisch setzte Braun zunächst auf eine Entwicklung innerhalb der DDR. Der Vers: »Kommt uns nicht mit Fertigem / Wir brauchen Halbfabrikate« aus dem Band »Provokation für mich« (1965) richtete sich gegen ideologische Vorgaben, die Braun als starr wahrnahm, nicht aber gegen den Staat DDR überhaupt. Spätestens um 1980 radikalisierte sich Brauns Kritik, und bald setzte er auf einen utopischen Sozialismus, für den es keinen Anhaltspunkt gab. Brauns Poetik der Widersprüche nachzuzeichnen heißt darum zweierlei: erstens zu zeigen, wie er Widersprüche in der Realität erkennt und literarisch kenntlich macht; zweitens aber auch zu beachten, wie die Widersprüche der Realität in sein Werk eindringen und Braun zumindest punktuell an ihrer Bewältigung scheitert.

Im Eisenwagen

1968/70 hatte Braun zwei Theaterstücke geschrieben, in denen er die sowjetische Geschichte der 1920er Jahre begreifbar machen wollte und damit auch die Vorgeschichte der DDR, die er spätestens seit der Niederschlagung des Prager Frühlings als stalinistisch deformierten Staat begriff. Während er für »Lenins Tod« auf eine Aufführung hoffte, war für das zuvor entstandene Stück »T.« klar, daß an eine Veröffentlichung nicht zu denken war. Der Buchstabe verweist auf Trotzki, genauer darauf, daß auf Trotzkis Bedeutung für die Sowjetunion nicht verwiesen werden konnte. Wie in Peter Weis’ fast gleichzeitig geschriebenem Stück »Trotzki im Exil« erscheint der Titelheld als der wahre Erbe Lenins und die Herrschaft Stalins als das historische Unglück, das den Sozialismus verdorben habe. Anders als Weiss, der hier bei einem Gut-böse-Schema stehenbleibt, gelingt es allerdings Braun in seinen beiden Werken, die Bedingungen zu verdeutlichen, unter denen alle Seiten handeln. Dies erreicht Braun unter anderem durch breit ausgeführte Volksszenen, in denen Versorgungsfragen, Kämpfe um die Organisation von Arbeit, politischer Opportunismus und revolutionäre Lernprozesse anschaulich werden. Tatsächlich erinnern »Lenins Tod« und »T.« über weite Strecken an »Dantons Tod« von Georg Büchner allerdings mit einer Bevölkerung, die ein gutes Jahrhundert nach der Französischen Revolution einen Lernprozeß absolviert hat und weitaus bewußter handelt. Auf der Führungsebene dagegen hat sich nicht sehr viel verändert: Schon im Titel wird Lenin mit Danton parallelisiert, und auch Trotzki ist am Ende Stalin und seinen Verbündeten so wehrlos ausgeliefert wie Danton es gegenüber Robespierre war. Auf das breit angelegte Geschichtspanorama folgte 1981 die metaphorische Verdichtung. Der Prosablock »Der Eisenwagen« beginnt so: »Es war ein Wagen, auf den ich kletterte, in einem Schuppen in der Vorstadt, ein flaches unbequemes mit Tarnfarbe gestrichnes Wägelchen, das wir jetzt aus dem Gerümpel zogen. Wir: wenige davon- und heruntergekommne Männer, die wußten wo der Weg langgeht.« Es drängen sich dann »aufsässige begeisterte Ansässige« auf den Wagen, der Weg wird schwieriger und das Fahrzeug gerät unter Beschuß: »Wir mußten den Wagen umbaun, mit Eisenplatten bestücken, im Innern Deckung suchen nur durch Luken herauslugend – rufend – schießend.« Der Wagen wird zum Kriegsgefährt, »das Denken auf das Minimum« beschränkt, und die Insassen wagen sich auch dann nicht heraus, als das Bombardement aufhört. Das Gebilde hat nun jegliche Attraktivität verloren; am Wegrand lagern »gleichgültige Gestalten«, die »wie zu einer herrschaftlichen Karosse« aufblicken. Das Ich will die Veränderung zunächst nicht wahrhaben: »Unsinn, schrie ich in meinem Alptraum, feindliche Parolen! Was wissen die da draußen? Die Lokomotive der Geschichte, meine Herren Arbeiter und Bauern. Aber sie war ein Panzerzug. Ihre Waffe der Schrecken.« Schließlich stellt sich das Ich dennoch vor, wie der Eisenwagen von außen gesehen wirken muß: »Traktor Pflug Jauchekutsche, Drehbank Schrottberg Höllenmaschine. Ein sagenhaftes ominöses Gefährt. Eine Apparatur, die alle Funktionen aller Geräte in sich vereinigte und knirschend krachend rasselnd öl- und kottriefend vom Zentrum bis an die ferne reine Küste ratterte.« Ein Versuch, sich zu befreien, schlägt fehl. Die Maschine hakt sich in die Rippen des Ich, das Fleisch ist am Eisen festgewachsen oder festgefroren. Schließlich versagt auch die Zunge, die von Drähten umwickelt ist und zwanghaft »alte Sätze« wiederholt. Das Ich begreift, daß es sterben muß: »Der Wagen würde mein Mausoleum sein, mein Grab. Eine ehrliche, eine eindeutige Lösung, was mich betraf; die andern mußten die ihre finden.« Diese Schlußsätze eröffnen, wie häufig bei Braun, wieder eine Perspektive. Dabei steht außer Zweifel, daß der Eisenwagen dafür aber nicht mehr infrage kommt. Der real existierende Sozialismus erscheint in dieser Sicht als gescheitert, und zwar sowohl an Angriffen von außen wie an der Phantasielosigkeit und Unwilligkeit von Sozialisten, dennoch eine attraktive Gesellschaft aufzubauen.

»Neues Denken«

»Der Eisenwagen« war als Theaterprolog für »Lenins Tod« oder »T.« bestimmt und fungierte dann bei der lange verzögerten Uraufführung von »Lenins Tod« 1988 als Vorspiel. Als solches prägte der Text die Perspektive auf den ganzen Abend. Was 1970 als Ansatz gewirkt hätte, einer aus Brauns Sicht falschen Politik eine richtige gegenüberzustellen, wurde nun zur Forderung nach einer grundsätzlichen Wende. Dafür schien es, aus Brauns Sicht, mittlerweile einen Ansatzpunkt zu geben. Im »Eisenwagen« schrieb er bereits 1981 zwei Sätze, die 1988 in der DDR tagespolitische Aktualität gewonnen hatten: »Die Frage wer wen, aus den Spielchen der letzten Jahrtausende, hatte eine Antwort vorweggenommen, die keine ist.« Das ist gegen Lenins Formel gerichtet, der zufolge es darauf ankommt, wer wen besiegen kann, und entsprach ganz Gorbatschows Forderung nach einem neuen Denken, das Menschheitsfragen wie die Gefährdung der Umwelt und den Weltfrieden in den Mittelpunkt stellte. Natürlich war das im Kern unpolitisch gedacht und völlig illusionär – die Sowjetunion hätte ein imperialistisches Gegenüber gebraucht, das sich nicht nach einer imperialistischen Logik verhält, etwas also, das es nicht gibt. Angesichts realer Probleme von Naturzerstörung und Kriegsgefahr handelte es sich indessen um eine populäre Illusion, die zumal die DDR-Führung, die ihr nicht zu folgen beabsichtigte, in Bedrängnis brachte. Volker Braun war schon lange als Kritiker des Sozialismus in der DDR etabliert, freilich in einer Sonderrolle. Wie andere Autoren hatte er sich gegen Maßnahmen wie die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 gewandt, wie andere Autoren hatte er zuweilen Probleme mit Druckgenehmigungen (auch wenn schließlich fast alles von ihm in Buchform oder auf der Theaterbühne erschien). Zwei Aspekte unterschieden ihn allerdings von vielen der Schriftsteller, die ihren Mißmut äußerten. Zum einen formulierte er seine Kritik von einem marxistischen Standpunkt aus. Lange Zeit operierte er mit dem Figurenpaar Hinze (dem Arbeiter) und Kunze (dem Funktionär), um im Theaterstück, in Kurzprosa und schließlich in einem Roman die Dialektik von Herr und Knecht zu durchdenken – eine Hegel-Rezeption, die im Sozialismus, wo es keine Herren und Knechte mehr geben sollte, umso provozierender wirken mußte. Hier wie auch sonst steht die Arbeit im Mittelpunkt, und zwar auch dort, wo es um Naturzerstörung geht. Braun ist kein Öko, der eine heile Natur gegen den bösen, bösen Menschen ausspielen würde. Vielmehr ist Natur bei ihm stets der Ort menschlicher Praxis, vom Lob der Arbeit im frühen Prosawerk »Der Schlamm« (1959) bis hin zum wesentlich skeptischeren »Bodenlosen Satz« (1988). Letzterer hat Friedrich Hebbels Drama »Maria Magdalena« als Hintergrund; wer nicht weiß, wer dort Anton, Klara und Karl sind, dem entgeht eine wesentliche inhaltliche Schicht. Braun, dies zum anderen, bezieht sich durchgehend auf die literarische Tradition, die er fortschreibt. Das Hinze-Kunze-Paar ruft neben Hegel auch Goethes Pakt von Faust und Mephisto auf (die Erstfassung des Theaterstücks hieß 1968 denn auch »Hans Faust«). Büchner ist immer wieder ein Bezugspunkt, von »Lenins Tod« bis zur Erzählung »Ein anderer Woyzeck« (2004). Das ist nirgends postmoderne Spielerei. Braun nimmt die historischen Widersprüche ernst und bezieht sie auf aktuelle Konflikte. Das erlaubt ihm im günstigen Fall, die geschichtliche Dimension von Kämpfen zu gestalten. Freilich liegt in der Arbeitsweise auch die Gefahr der Beliebigkeit, nämlich dann, wenn allzu viele Bezüge die Möglichkeiten der Deutung potenzieren. In manchen Werken aus der Spätphase der DDR und kurz nach 1990 entsteht ein Gemenge von Zitaten, das auch professionellen Germanisten einiges an Entschlüsselungsmühe abverlangt. Nicht zufällig sind einige der Gedichte aus dieser Zeit und der Theatertext »Iphigenie in Freiheit« (1987-91) zu Lieblingsobjekten einer Literaturwissenschaft geworden, die daran das Paradigma der »Intertextualität« durchexerziert und sich letztlich um jede politische Aussage drückt. Es bleibt das Lob einer Offenheit, die beliebig ist und daher der aktuellen Herrschaft bequem. Das war nicht die Absicht Brauns, der Geschichte als Auftrag für die Gegenwart begriff. Er nahm die Stagnation der DDR zutreffend wahr und setzte irrlichternd auf eine Bewegung, die sozialistische Staatlichkeit überhaupt vernichtete. In seiner Fixierung aufs Volk interpretierte er die Demonstrationen von 1989 als Aufbruch und vergaß dabei die internationalen Machtverhältnisse. In einem Interview aus dem Oktober 1989 erklärte er: »Wir erleben jetzt, wie rasch die Geschichte einigen unserer Hoffnungen nacheilt und unserem Zorn, unserem Hohn entgegnet mit der lächelnden Selbstverständlichkeit ihrer Wende.«

Neuorientierung

Allerdings, »die Geschichte« macht gar nichts und interessiert sich auch nicht für irgendwelche Hoffnungen. Erschien das zitierte Interview unter dem Titel »Lösungen für alle«, die nicht existieren, so gab Braun im Februar 1991, nach der deutschen Einigung und angesichts des Zweiten Golfkriegs gegen den Irak, seine Meinung unter dem Titel »Jetzt wird der Schwächere plattgewalzt« zu Protokoll – was man auch zuvor hätte wissen können. Wenn Braun angesichts dessen die bekannte Formulierung Friedrich Engels’ umdreht und im Oktober 1991 konstatiert: »der sozialismus hat sich von der wissenschaft wieder zur utopie entwickelt«, dann markiert das einerseits für den politischen Denker Braun eine Befreiung. Für den Schriftsteller Braun bedeutet es andererseits ein Problem. Seine Virtuosität und Überzeugungskraft lag nicht zuletzt im Umgang mit den Sprachhülsen, die der sozialistische Staat DDR unermüdlich verwendete. Besonders im »Hinze-Kunze-Roman«, dem Hauptwerk der 1980er Jahre, entwickelte Braun die Technik, die Propagandasprache derart satirisch umzuwenden, daß das Uneingelöste im Sozialismus deutlich wurde. Der Staat DDR und seine Sprache waren nun aber verschwunden, und mehr noch: Der Staat überhaupt als der zentrale handelnde Akteur war weggefallen. Der neue Gegner war schwerer zu greifen, was Braun in einem Notat vom 28. Juni 1990 festhielt: »die fragilen systeme mit sozialistischem anstrich waren leicht zu knacken. man mußte sie nur deutlich beschämen, und sie krochen aus ihrem panzer. die einzige ladung eines wasserwerfers hat den staat aufgeweicht bis auf die knochen. er war durch nichts gesichert als durch polizeigewalt (…). Was sich nun festsetzt in der landschaft mit brauereien und banken, ist da vergleichsweise unempfindlich. es ist unumstößlich wie der besitz. es bedarf nicht jederzeit der restriktion. es ist uneitel, demokratisch und wasserfest. aber man kriegt es nicht mehr los.« In dieser veränderten Lage gewichtete Braun die literarischen Gattungen neu. Bis zu »Böhmen am Meer« (Uraufführung 1992) schrieb er regelmäßig Theaterstücke. Das Drama ist die Form, die am ehesten auf Öffentlichkeit zielt (und auch stets am strengsten der Zensur unterworfen war). Viele Personen formen ein Publikum, das gemeinsam die Darbietung beurteilt und sich darüber verständigt. Das politische Drama behandelt stets Fragen des Staates, auch in der Negation bei einem Staatsskeptiker wie Braun. Seit gut zwanzig Jahren hingegen dominiert die Prosa Brauns Schreiben. Trotz der Institution Lesung werden Erzählungen zumeist vom isolierten Leser rezipiert, der dann auch allein über das Gelesene nachdenkt. Das bietet Braun die Möglichkeit einer weiteren sprachlichen Konzentration – wer liest, kann, anders als der Zuschauer im Theater, sein Tempo selbst bestimmen. Mehr noch als in seiner Prosa vor 1990 nimmt er nun Widersprüche in die sprachliche Formulierung hinein, zuweilen noch verkompliziert durch Wortspiele. Eine weitere Ebene bilden die manchmal grotesken Bewegungen der Figuren; hier ist, was früher die Schauspieler ausführten, in die Erzählung einbezogen. Es ergibt sich damit ein unverkennbarer Braunscher Stil, der allerdings in unterschiedlichen Ausformungen erscheint. Die drei Erzählungen von »Das Wirklichgewollte« (2000) haben in konflikthaften Zuspitzungen den Einbruch der in der Globalisierung ausgegrenzten Armut in mühsam abgegrenzte reiche Zonen zum Thema. Hier setzt Braun dreimal ganz auf wirkungsvolle Konstellationen, und jedes Detail ist auf den Fortgang der Handlung bezogen. Die Texte wirken außerordentlich geschlossen, was zu ihren offenen Enden im Kontrast steht: In allen Fällen bleibt ungewiß, ob die Konfrontation in einen Akt der Gewalt oder der Verständigung mündet. Gegenstück zu dieser erzählerischen Ökonomie ist das als »Schelmenstück« bezeichnete »Machwerk. Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer«. Jener Flick ist allerdings kein Milliardär, sondern ein arbeitswütiger Arbeitsloser, der zu Zeiten der DDR als Spezialist für Reparaturen aller Art angesehen war. Auch nun läßt er sich mit seinen beiden Armen (und nach einem Arbeitsunfall nur noch mit einem) nicht stoppen und packt an, wo es vorgesehen ist und meist, wo es nicht vorgesehen ist. Als Parkaufräumer, Giftmüllentsorger und Streikbrecher ergeht es ihm meist schlecht, was ihn aber nur kurzfristig bremsen kann. Sogar als Museumsaufseher greift er zu (indem er eine Installation, die einen Unfall zeigt, aufräumt).

Arbeit

Die Sympathielenkung ist nicht eindeutig. Es wird nachvollziehbar, welche Zumutung der Verlust von Arbeit darstellt und welche Zumutungen die Verwaltung der Arbeitslosen außerdem bereithält. Die Arbeit nicht als Mittel, sondern als Zweck gesehen, ist freilich ebenfalls zerstörerisch. So erscheint das Arbeitsregime überhaupt und die damit verbundene Moral als Problem, und Flick ist in dieser Hinsicht doch wieder eine arme Parallelfigur seines reichen und berühmten Namensvetters. Wie schon »Der Schlamm« und »Bodenloser Satz« spielt auch »Machwerk« in einem Bergbaugebiet. Immer wieder benennt Braun den Tagebau als Naturzerstörung, beschreibt aber auch, wie die Natur sich die Brachen und Kuhlen zurückholt. In seinen neueren Büchern geht es aber auch immer wieder um den Untertagebau mit seinen Stollen, die in Gesteinsschichten führen. Wie der Haupttitel »Machwerk« zwei Bedeutungen hat (das hergestellte Werk, das mißratene Werk), so verweist der Untertitel »Schichtbuch« auf die Arbeitsschichten, aber auch auf die Schichten, die eine nach der anderen abgetragen werden. Diese Schichten meinen, auf einer metaphorischen Ebene, immer auch solche der Geschichte: die Erfahrungen, die sich in einer Landschaft eingelagert haben und aus dem Gedächtnis der Bevölkerung abrufbar sind. Damit verknüpft ist vergangene Literatur, die in ihrer Geschichtlichkeit aufgerufen werden kann – im Falle des »Machwerks« eben der Schelmenroman. In einer Bergbaulandschaft ist auch »Die hellen Haufen« (2011) angesiedelt. Braun setzt an beim Hungerstreik der Bischofferoder Kalikumpel, als 1993 ihr Werk nach Machenschaften der »Treuhand« geschlossen wurde. Braun läßt die Geschichte einen anderen Verlauf nehmen: Aus dem Hungerstreik entwickelt sich eine revolutionäre Massenbewegung, und wie die Kaliarbeiter ziehen auch die Entlassenen der umliegenden Werke durchs Land. Zu DDR-Zeiten trug das Kaliwerk den Namen Thomas Müntzer, und das mag die Idee geliefert haben, den fiktiven Aufstand mit der geschichtlichen Vergleichsebene des Bauernkriegs zu versehen. Allerdings entspricht dem Zufall eine Notwendigkeit. Die »hellen Haufen« Brauns agieren ohne politischen Plan, ohne feste Struktur, vom Wunsch nach ehrlicher Arbeit und nach Gerechtigkeit getrieben. Ihr Auftritt ist so utopistisch wie der von Thomas Müntzer viereinhalb Jahrhunderte zuvor. Und wie die Bauern des 16. Jahrhunderts kommen sie nicht in die peinliche Lage, selbst Herrschaft organisieren zu müssen, sondern sie werden vorher massakriert. Das Buch ist – nach Maßgabe dessen, was im bundesrepublikanischen Literaturbetrieb möglich ist – radikal. Braun koppelt marxistisch ein sinnvolles Leben an produktive Arbeit, und er bestimmt die Verhältnisse, die viele Menschen von einem solchen Leben ausschließen. Daß es im Verlauf des fiktiven Aufstands zu Gewalt kommt, erscheint nachvollziehbar und wird nicht moralisierend beklagt. Ohnehin macht Braun klar, daß am Ende die Panzer des Kapitals weitaus mehr Gewalt bedeuten. Doch ist er nun skeptisch gegen jeden politischen Impuls, der nicht von unten kommt – als hätte es den Fortschritt von der notwendig begrenzten Sichtweise Müntzers zu dem weiter entwickelten Parteikonzept Lenins nicht gegeben und als müßte man nicht kritisch am Neueren anknüpfen. Daß die »hellen Haufen« zusammengeschossen werden, ist dann zwar konsequent dargestellt, garantiert aber deren fragwürdige Unbeflecktheit. Interessanter wäre die Frage, wie man erfolgreiche Politik organisiert, mit Methoden, die nicht schmutziger sind als eben nötig. Der Sozialismus als Utopie jedenfalls schmerzt heute nur die ganz linientreuen Feuilletonisten. Der Sozialismus, der sich mit einer (wie auch immer unzulänglichen) Wissenschaft einiger Staaten bemächtigt hatte, war dagegen fürs Kapital wesentlich ärgerlicher. Die Gefahr ist, daß Braun sich selbst historisiert und historisiert wird. 2009 erschien unter dem Titel »Werktage« sein Arbeitsbuch 1977 bis 1989, nun folgen als »Werktage 2« die Notizen bis ins Jahr 2008. Das ist im Detail erhellend und erlaubt interessante Einblicke in die Entstehung von Brauns Werken; doch wirkt es auch wie ein Versuch, sich zu kanonisieren und – der behaupteten Offenheit entgegen – Interpretationen festzulegen. Problematischer noch ist eine von Michael Opitz und Erdmut Wizisla herausgegebene Festschrift zum 75. Geburtstag: ein opulenter Band mit wunderbar reproduzierten Kunstwerken von Malern und Graphikern, die Braun verehren. Die Qualität der Beiträge ist, wie es in diesem Genre zu geschehen pflegt, unterschiedlich: Zumal die jüngeren Lyriker pflegen in den beigesteuerten Gedichten Brauns Modernismen, meist ohne dessen Ernsthaftigkeit und gewissenhafte, historisch bewußte Durcharbeitung zu erreichen. Im literaturwissenschaflich-essayistischen Teil sind die Beiträge von Peter Geist (Lyrik) und Friedrich Dieckmann (Stücke) positiv hervorzuheben. Dennoch: Welch ein Kontrast zu den zehn Bänden »Texte in zeitlicher Folge«, die um 1990 das bis dahin vorliegende Werk Brauns zusammenfaßten und mit ihrer einfachen grauen Gestaltung an den Arbeitscharakter von Brechts »Versuchen« anschlossen! Der Festschrift eignet etwas Arriviertes, das bedenklich stimmt und bedenklich zu dem zuletzt harmlosen Lobpreis unorganisierter Haufen paßt, die utopisch-basisdemokratisch durch die Lande ziehen, bis sie folgerichtig vernichtet werden. Der Streit in »Lenins Tod«, wer dessen wahrer Erbe sei, war (die Qualität der Antwort einmal beiseite) verglichen damit doch wichtiger.

Literatur

 

– Volker Braun: Werktage 2. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 39,95 Euro

 

– Michael Opitz, Erdmut Wizisla (Hg.): Was immer wird, es wühlt im Hier und Jetzt. Im Zwiegespräch mit Volker Braun. Lehmstedt-Verlag, Leipzig 2014, 29,90 Euro

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