12. April 2011

Sternstunde der Menschheit

Geschichte. Vor fünfzig Jahren, am 12. April 1961, flog der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin an Bord des Raumschiffes »Wostok« als erster Mensch in den Weltraum

Ronald Friedmann

In der Nacht vor seinem historischen Flug hatte Juri Gagarin zehn Stunden fest und ruhig geschlafen. In einem unscheinbaren Holzhäuschen in unmittelbarer Nähe des Startplatzes auf dem späteren Kosmodrom Baikonur, das damals noch Tjuratam hieß, war für ihn und seinen Ersatzmann German Titow eine einfache Unterkunft eingerichtet worden. Zwei Metallbetten, wie man sie in jeder Kaserne der Sowjetunion fand, ein Schrank, ein Tisch und ein paar Stühle, das war die gesamte Einrichtung. Die Ärzte hatten die beiden jungen Männer – Gagarin war gerade 27 Jahre alt geworden, Titow war sogar erst 25 Jahre – bereits am Vorabend »verkabelt«: Zahllose Sensoren waren überall am Körper angebracht worden, um schon vor dem eigentlichen Flug den physischen Zustand überwachen zu können.

Der große Tag

Um 5.30 Uhr Moskauer Zeit wurden Gagarin und Titow geweckt. Der obligatorische Frühsport fiel diesmal sehr knapp aus, denn niemand wollte riskieren, daß ein verstauchtes Gelenk oder auch nur ein gezerrter Muskel den weiteren Ablauf dieses großen Tages gefährden könnte. Nach der Morgentoilette, dem Frühstück und den letzten ärztlichen Untersuchungen begann das Anlegen des Raumanzuges. Dieser Vorgang dauerte mehr als eine Stunde, zwei Mitarbeiter des Forschungs- und Entwicklungsteams, das die leuchtend orangen Raumanzüge entworfen und hergestellt hatte, halfen dabei.

Um 6.50 Uhr trafen Gagarin, Titow und ihre Begleiter an der Startrampe ein, wo die fast 30 Meter hohe Trägerrakete mit dem Raumschiff »Wostok« an der Spitze von zahllosen Scheinwerfern angestrahlt wurde. Für den Weg zum Startplatz war ein blau-weiß lackierter Autobus der Marke LAS-695 B verwendet worden, der in einem Autowerk in der westukrainischen Stadt Lwow hergestellt worden war. Dieser Autobus ist – so weiß es die Legende – noch immer in Verwendung: Bis zum heutigen Tag werden alle Kosmonauten und Astronauten, die von Baikonur aus ihre Reise in die Erdumlaufbahn antreten, mit dem historischen Autobus transportiert, in dem schon Juri Gagarin fuhr.

An der Startrampe, so berichteten Zeitzeugen, gab es endlose Abschiedsszenen, denn buchstäblich jeder der zahlreich Anwesenden wollte Juri Gagarin persönlich seine guten Wünsche mit auf die Reise geben. Andrijan Nikolajew, der im darauffolgenden Jahr mit »Wostok 3« selbst seinen ersten Weltraumflug absolvierte, holte sich dabei sogar eine Beule: Er hatte nicht daran gedacht, daß Gagarin bereits seinen Helm trug, und als er ihn nach russischer Sitte zum Abschied küssen wollte, schlug er mit der Stirn gegen den Rand des Helmes.

Schließlich konnte Juri Gagarin die Raumkapsel, die nur etwa zweieinhalb Meter Durchmesser hatte, besteigen. Nachdem er angeschnallt war und das Funkgerät eingeschaltet und überprüft hatte, das von nun an sein einziger Kontakt mit der Bodenkontrolle war, wurde die Luke geschlossen. Dazu mußten 30 Bolzen in einer bestimmten Reihenfolge verschraubt werden, ein Vorgang, der naturgemäß längere Zeit in Anspruch nahm und nach dem offiziellen Protokoll um 7.55 Uhr abgeschlossen war. Erst in diesem Augenblick stand endgültig fest, daß Juri Gagarin tatsächlich fliegen und daß German Titow, sein Ersatzmann, an diesem Tag auf der Erde bleiben würde. Trotzdem trug Titow noch etwa eine weitere Stunde den Raumanzug, um im Fall der Fälle sofort mit Gagarin den Platz tauschen zu können.

Um 7.58 Uhr signalisierte ein Sensor an Bord von »Wostok« der Bodenkontrolle, daß die Luke des Raumschiffes nicht hermetisch geschlossen war. Ganz offensichtlich handelte es sich um eine Fehlfunktion des Sensors. Doch man wollte unbedingt sichergehen, deshalb wurde eine kleine Gruppe von Technikern zur Raumkapsel zurückgeschickt, um das Problem zu beseitigen: Die Luke wurde wieder aufgeschraubt und der Sensor überprüft. Anschließend wurden die 30 Bolzen erneut verschraubt.

Um 9.03 Uhr endlich hatte das für alle Beteiligten nervenaufreibende Warten ein Ende. Sergej Koroljow, unter den Wissenschaftlern und Technikern des sowjetischen Raumfahrtprojektes und natürlich unter den Kosmonauten selbst allgemein bekannt als der »Chefkonstrukteur« und im wahrsten Sinne des Wortes der »Vater der modernen sowjetischen Raumfahrt«, gab von seinem Platz im Bunker der Bodenkontrolle aus den Befehl zur Einleitung des Starts: »Startschlüssel betätigen!« Umgehend wurden die Treibstoffleitungen freigegeben, der Kabelmast, über den die Rakete bis unmittelbar vor dem Start noch mit den Instrumenten der Bodenkontrolle verbunden war, wurde zurückgeklappt. Um genau 9.07 Uhr schließlich konnte Koroljow über Funk an Gagarin die Nachricht geben: »Zündung!« Und dann: »Aufstieg!«

»Pojechali!«

Die unmittelbare Reaktion Gagarins ist heute ein legendärer Teil der Raumfahrtgeschichte, auch wenn sie nur aus einem einzigen Wort bestand: »Pojechali!« Die deutsche Übersetzung »Auf geht’s!« beschreibt nicht wirklich genau das, was dieses russische Wort tatsächlich alles bedeuten kann: Das »Pojechali« von Juri Gagarin an diesem 12.April 1961 war ein gutes und starkes Wort, es signalisierte den Aufbruch in eine neue Epoche, verkündete eine Sternstunde der Menschheit. Sicher waren in dem halben Jahrhundert, das seit dem Flug Gagarins inzwischen vergangen ist, viele sowjetische und russische Kosmonauten bei ihrem (ersten) Start versucht, dieses historische Wort zu wiederholen. Doch niemand hat es getan, und es scheint, als ob es ein ungeschriebenes Gesetz gibt, das nur Juri Gagarin das Recht einräumte, seinen Flug mit dem Wort »Pojechali!« zu beginnen.

Um 9.08 Uhr meldete Juri Gagarin die Abtrennung der ersten und die Zündung der zweiten Raketenstufe. Er flog bereits mit vielfacher Schallgeschwindigkeit, die Beschleunigung drückte ihn mit dem Vier- bis Fünffachen seines irdischen Körpergewichts in den Konturensessel seiner Raumkapsel. Vier Minuten später, um 9.12 Uhr, dann diese begeisterte Mitteilung: »Ich sehe die Erde, ich sehe den Horizont. Welche Schönheit… Der Horizont ist zu den Seiten hin etwas gekrümmt.«

Um 9.21 Uhr hatte Juri Gagarin die Erdumlaufbahn erreicht, die dritte Raketenstufe wurde abgetrennt, und das Raumschiff »Wostok« zog nun antriebslos, aber mit einer Geschwindigkeit von 28000 Kilometern pro Stunde seine Bahn um die Erde. Zwar war Juri Gagarin in seinem Konturensessel fest angeschnallt, dennoch spürte er nun die Schwerelosigkeit, die er zuvor stets nur für wenige Augenblicke bei den Parabelflügen eines speziell ausgerüsteten Flugzeuges erlebt hatte: »Das Gefühl der Schwerelosigkeit ist angenehm.«

Durch einen geringfügigen technischen Fehler hatte die dritte Antriebsstufe einige Sekunden länger gearbeitet als ursprünglich geplant. Das hatte eine unmittelbare Auswirkung auf die Flugbahn, die nun einige Kilometer höher als vorausberechnet lag: Das Perigäum, der erdnächste Punkt, lag bei 169 Kilometern, das Apogäum, der erdfernste Punkt, bei 315 Kilometern.

Um 9.57 Uhr, genau 50 Minuten nach dem Start, meldete Gagarin: »Stimmung gut. Setze Flug fort. Befinde mich über Amerika.«

Zu diesem Zeitpunkt hatte die internationale Öffentlichkeit noch nichts von dem historischen Flug Juri Gagarins erfahren. Erst um 10.02 Uhr lief über die Fernschreiber eine Eilmeldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS mit einer »Mitteilung über den weltweit ersten Flug eines Menschen in den kosmischen Raum«. Über Radio Moskau wurde zeitgleich verbreitet: »Achtung! Hier spricht Radio Moskau. Diese Meldung wird von allen Radiostationen in der Sowjet­union übertragen. Das erste Raumschiff der Welt, ›Wostok‹, ist heute von der Sowjetunion aus mit einem Menschen an Bord in eine Erdumlaufbahn gestartet worden. Der Fliegerkosmonaut an Bord des Raumschiffes ›Wostok‹ ist ein Bürger der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, der Fliegermajor Juri Alexejewitsch Gagarin.«

Wenige Minuten später wurde mitgeteilt, daß für den Funkverkehr zwischen der Bodenkontrolle und dem Kosmonauten an Bord des Raumschiffes »Wostok« zwei Kurzwellenfrequenzen und eine Frequenz im UKW-Band – 9010 Kilohertz und 20006 Kilohertz bzw. 143,625 Megahertz – genutzt wurden. Mit der Bekanntgabe dieser Frequenzen wollte man ganz offensichtlich einen unwiderlegbaren Beweis dafür liefern, daß sich tatsächlich ein Mensch an Bord des Raumschiffes befand, und in der Tat gelang es Berufs- und Amateurfunkern in verschiedenen Teilen der Welt, so in Schweden, Brasilien, Uruguay, Costa Rica und Ozeanien, Teile des zweiseitigen Funkverkehrs zwischen der Erde und dem Raumschiff mitzuhören.

In den USA wußte man allerdings schon wesentlich früher vom Start des ersten bemannten Raumschiffes: Um 9.22 Uhr, also nur fünfzehn Minuten nach dem Abheben der Trägerrakete, hatte eine vom US-amerikanischen Geheimdienst NSA betriebene Abhörstation in Alaska die Funk- und Fernsehsignale des neuen Himmelskörpers empfangen. Und bereits 23 Minuten nach dem Start war US-Präsident John F. Kennedy geweckt – in Washington war es tiefe Nacht – und über das Ereignis informiert worden.

Landung am Fallschirm

Inzwischen näherte sich der Flug Gagarins bereits seinem Ende: Für den ersten Flug eines Menschen in den Weltraum war nur eine einzige Erdumrundung geplant gewesen. Zwar befanden sich an Bord des Raumschiffes Sauerstoff und Lebensmittel für zehn Tage. Das war der Zeitraum, der erforderlich gewesen wäre, um im Falle eines Problems bei der Zündung der Brems­triebwerke eine Landung zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Territorium der Sowjetunion zu ermöglichen. Doch niemand wußte, ob die komplexe Technik an Bord des Raumschiffes unter den kosmischen Bedingungen über einen – nach den damaligen Maßstäben – so extrem langen Zeitraum sicher funktionieren würde. So waren für den Flug Gagarins auch keine wissenschaftlichen Experimente geplant gewesen. Es ging den Verantwortlichen des sowjetischen Weltraumprogrammes einzig und allein darum, bei diesem ersten Schritt über eine unbekannte Grenze die »Lebens- und Arbeitsfähigkeit des Menschen unter den Bedingungen des erdnahen Raumes«, wie es in der Sprache der Wissenschaftler hieß, zu beweisen.

Um 10.24 Uhr wurde automatisch der Bremsvorgang ausgelöst: Die Bremsraketen wurden gezündet und verringerten die Geschwindigkeit des Raumschiffes »Wostok«, das nun wieder in die Erdatmosphäre eintrat. In dieser Phase kam es zu einer lebensbedrohlichen Situation: Durch sogenannte Sprengbolzen war die Landekapsel mit Juri Gagarin von der Versorgungseinheit getrennt worden, die in der Erdatmosphäre verglühen sollte. Doch es hatten sich nicht alle Kabelverbindungen gelöst. Auf Grund ihrer aerodynamischen Form hätte sich die Landekapsel nun eigentlich so drehen müssen, daß das Hitzeschutzschild, das das Raumschiff und den Kosmonauten vor der zerstörerischen Reibungswärme beim Wiedereintritt schützen sollte, in Richtung der Flugbahn zeigte. Doch die Versorgungseinheit, die noch immer mit der Landekapsel verbunden war, verhinderte das. Weder für die Bodenkontrolle noch für Gagarin gab es eine Möglichkeit zum Eingreifen. Nach einigen bangen Minuten rissen jedoch dank der zunehmenden Turbulenzen beim Wiedereintritt auch die letzten Kabelverbindungen, und die Landekapsel mit Juri Gagarin drehte sich sofort in die richtige Lage. In sieben Kilometern Höhe wurde die Luke der Landekapsel ebenfalls durch Sprengbolzen abgetrennt, und wenige Augenblicke später wurde Gagarin planmäßig mit seinem Sitz aus der Landekapsel geschleudert. Um 10.55 Uhr, nach einer Reise von 108 Minuten und rund 40000 Kilometern, landete er sicher mit dem Fallschirm in der Nähe der Stadt Saratow, einige Kilometer östlich der Wolga. Die Landekapsel ging zeitgleich vier Kilometer entfernt ebenfalls an einem Fallschirm nieder.

Aus diesem Ablauf der Landung wurde in der Sowjetunion nie ein Geheimnis gemacht. Trotzdem entstand in der antisowjetischen Presse die Legende von der angeblichen Landelüge, und diese Legende lebt – kaum überraschend – bis zum heutigen Tag fort: Die Sowjetunion habe die Tatsache verschwiegen, daß Gagarin getrennt von seiner Raumkapsel gelandet war, um so eine Anerkennung der zahlreichen Weltrekorde, die mit dem Gagarin-Flug aufgestellt wurden, durch den Weltluftsportverband FAI nicht zu gefährden. In der deutschsprachigen Wikipedia wird ausdrücklich die DDR-Zeitung Junge Welt als Kronzeugin gegen die Legende von der Landelüge genannt: In ihrer Ausgabe vom 13.April 1961 hatte die JW über mehrere Seiten ausführlich über den Flug und die Landung von Juri Gagarin berichtet und dabei sogar eine graphische Darstellung aller wesentlichen Flugphasen, einschließlich der getrennten Landung von Raumfahrer und Raumfahrzeug, veröffentlicht.

Triumphaler Empfang in Moskau

Zwei Tage nach seinem historischen Flug, am 14.April 1961, wurde Juri Gagarin in Moskau ein triumphaler Empfang bereitet. Am Vortag hatte er eine maßgeschneiderte neue Paradeuniform erhalten, und ein hoher General der Luftstreitkräfte hatte mit ihm mehrere Stunden die Meldung geübt, die er bei seiner Ankunft auf dem Flughafen in Moskau Nikita Chruschtschow, dem Partei- und Regierungschef, erstatten sollte.

Als die viermotorige Sondermaschine vom Typ IL-18 gelandet war, wurde ein scheinbar endloser roter Teppich von der Gangway bis zum Empfangsbereich ausgerollt. Es war festgelegt worden, daß Gagarin allein die Maschine verlassen und sich dann über den roten Teppich sofort zu Chruschtschow begeben sollte, der mit seiner vielköpfigen Begleitung am Rande des Rollfeldes wartete. Dieser Weg wurde für Gagarin zum Martyrium. Nicht etwa, weil er den Text seiner Meldung vergessen hatte, sondern weil er feststellen mußte, daß sich der Schnürsenkel eines Schuhs geöffnet hatte. Seine einzige Sorge war nun, vor den vielen tausend Schaulustigen auf dem Flughafen und den zahllosen Fernsehkameras den Weg über den roten Teppich zu meistern, ohne den Schuh zu verlieren. Doch alles ging gut, und nach der offiziellen Begrüßung auf dem Flughafen hatte Gagarin auch das erste Mal nach seinem Weltraumflug Gelegenheit, ein paar Worte mit seiner Frau Walja zu sprechen.

Gemeinsam mit Chruschtschow wurde Gagarin in einem offenen Wagen, begleitet von einer Ehreneskorte, vom Flughafen zum Roten Platz gefahren, wo eine Kundgebung zu seinen Ehren stattfinden sollte. Zehntausende begeisterte Menschen bildeten entlang der viele Kilometer langen Autostrecke ein lückenloses Spalier. Niemand hatte sie zum Kommen auffordern müssen, es war ihr Tag. Sie alle wollten den großen Triumph ihres Landes genießen und ihren Juri feiern, den Sohn einer Bauernfamilie und gelernten Gießer, der nach den Sternen gegriffen hatte. Nur eineinhalb Jahrzehnte nach dem Krieg gegen Hitlerdeutschland, einem Krieg, der allein in der Sowjetunion 27 Millionen Menschenleben gefordert hatte, der unendliches Leid und maßlose Zerstörung über das Land gebracht hatte, schien nun wirklich die versprochene Zukunft begonnen zu haben.

Schock in den USA

In den Vereinigten Staaten löste die Nachricht vom Weltraumflug Juri Gagarins einen Schock aus, der nur mit dem sprichwörtlichen Sputnik-Schock zu vergleichen war, den die USA dreieinhalb Jahre zuvor, am 4.Oktober 1957, beim Start des ersten künstlichen Erdsatelliten »Sputnik 1« erlitten hatten. Zwar hatte man auch in den USA gewußt, daß in der Sowjetunion seit Ende 1957 an der Vorbereitung eines bemannten Weltraumfluges gearbeitet wurde und daß dieser Flug letztlich nur noch eine Frage der Zeit war. Allerdings hatte man sehr darauf gehofft, daß der erste Mensch im Weltall ein US-Amerikaner sein würde.

Anders als in der Sowjetunion, wo das Projekt unter strengster Geheimhaltung lief, hatte man in den USA bereits öffentlichkeitswirksam eine Gruppe von künftigen Astronauten ausgewählt und den Erstflug für das Frühjahr 1961 angekündigt. Tatsächlich startet Alan Shepard an Bord einer »Mercury-Redstone-3«-Rakete am 5.Mai 1961, nur knapp vier Wochen nach dem Flug von Juri Gagarin, in das Weltall. Doch konnte er, anders als Juri Gagarin, die Erde nicht umrunden: Dafür existierten zu diesem Zeitpunkt in den USA noch nicht die technischen Voraussetzungen. Die »Redstone«-Rakete, an deren Spitze die Kapsel mit Shepard montiert war, hatte nicht die Schubkraft, um eine Erdumlaufbahn zu erreichen. Shepard absolvierte daher nur einen sogenannten suborbitalen Flug, der ihn zwar in eine Höhe von 187 Kilometern brachte, aber nur etwa 15 Minuten dauerte.

Erst zehn Monate nach dem Gagarin-Flug, am 20.Februar 1962, gelang den USA ein Flug in eine Erdumlaufbahn: An Bord seiner »Mercury-Atlas-6«-Kapsel umflog John Glenn in fünf­einhalb Stunden die Erde dreimal. Zu diesem Zeitpunkt hatte German Titow mit »Wostok 2« allerdings bereits einen 25-Stunden-Raumflug unternommen und die Erde 17mal umrundet.

Bilanz

In den folgenden Jahren jagte die Sowjetunion von einer kosmischen Erstleistung zur nächsten, wobei deren wissenschaftlicher Wert in der Mehrzahl der Fälle hinter dem propagandistischen Effekt deutlich zurückblieb: Erster Gruppenflug (»Wostok 3« und »Wostok 4«) im August 1962, erste Frau im All (Walentina Tereschkowa mit »Wostok 6«) im Juni 1963, erste mehrköpfige Besatzung (»Woschod 1«) im Oktober 1964 und schließlich der erste Weltraumspaziergang (Alexej Leonow mit »Woschod 2«) im März 1965. Doch hinter den Kulissen wurde sehr bald deutlich, daß es in der Sowjetunion kein in sich geschlossenes Programm der Weltraumforschung gab. Anders in den USA, wo Präsident Kennedy im Mai 1961 den Flug zum Mond zu einer nationalen Aufgabe gemacht hatte. Das Apollo-Programm mobilisierte nicht nur die unmittelbar für die Raumfahrt notwendigen Kapazitäten, sondern es gab entscheidende Anstöße für eine tatsächliche wissenschaftlich-technische Revolution, wie sie beispielsweise in der Entwicklung der Computertechnik deutlich wurde. Die Landung von Neil Armstrong und Edwin Aldrin auf dem Mond im Juli 1969 wirkte in der Sowjet­union in gewisser Weise wie ein umgekehrter Sputnik-Schock. Die sowjetischen Weltraumpioniere besannen sich nun auf ihre Stärken und begannen ein Programm von Raumstationen in der Erdumlaufbahn, für die noch heute die Namen »Salut« und »Mir« stehen und dessen Ergebnisse jetzt der ISS, der Internationalen Raumstation, zugute kommen.

Juri Gagarin erlebte all das nicht mehr: Er starb am 27.März 1968, erst 34 Jahre alt, beim Absturz seiner Trainingsmaschine, als er seine Ausbildung zum Jagdflieger beenden wollte, die er wegen seiner Berufung in die Kosmonautengruppe im März 1960 unterbrochen hatte.

Dennoch: Die Erinnerung an ihn, an seinen Weltraumflug, wird die Zeiten überdauern.

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