9. November 2013

Stratege der Nelkenrevolution

Mai 1974: Álvaro Cunhal mit Offizieren der Garnison Beja nach der Umbettung Catarina Eufémias im Alentejo-Dorf Baleizão - Fotoquelle: Archiv: Klaus Steiniger

Zum 100. Geburtstag des portugiesischen Parteiführers, Grafikers und Literaten: Álvaro Cunhal – presente!

Klaus Steiniger

Es ist sehr ungewöhnlich, die Skizzierung einiger Stationen des Lebensweges einer Persönlichkeit von historischem Rang mit der Schilderung ihres Todes zu beginnen. Doch gerade auch die letzten Stunden Álvaro Cunhals waren so voller Dramatik, daß die Leser den von mir gewählten Einstieg akzeptieren werden.

Der langjährige Generalsekretär des Partido Comunista Português (PCP) war – zumindest in seinem letzten Lebensabschnitt – mit General Vasco Gonçalves, dem Ministerpräsidenten der Jahre 1974/75, auf das engste befreundet. Als Companheiro Vasco, wie ihn nicht nur die besonders klassenbewußten Landproletarier der Südprovinz Alentejo nannten, am 11. Juni 2005 nach einem Bad im Swimmingpool seines Feriendomizils an der Algarve-Küste plötzlich verstorben war, schrieb Cunhal zwei Tage darauf einen Kondolenzbrief an die Witwe des einstigen Premiers von vier aufeinanderfolgenden provisorischen Regierungen. Nur Stunden danach war er selbst tot.

Die beiden großen Männer der glanzvollen Etappe in Portugals wechselhafter Geschichte, der Nelkenrevolution von 1974, wurden auf wohl einzigartige Weise zu Grabe getragen. Eine Viertelmillion der etwa elf Millionen Landesbürger folgte dem Sarg des Kommunisten, einstigen Ministers und Staatsratsmitglieds Álvaro Cunhal über die breiten Avenidas der Hauptstadt. Nicht das ihm gesetzlich zuteil werdende und mit allen offiziellen Ehren verbundene Staatsbegräbnis, sondern vor allem die tiefempfundene Liebe unzähliger einfacher Menschen und auch vieler Intellektueller war an jenem Tag das Herausragende. Selbst die Medien der portugiesischen Bourgeoisie wagten es nicht, das Ereignis kleinzureden oder gar zu verschweigen.

Am seidenen Faden

Inmitten der ebenfalls riesigen Menge, die Vasco Gonçalves auf seinem letzten Weg begleitete, befanden sich Hunderte Offiziere aller Waffengattungen in der Uniform der zur NATO gehörenden portugiesischen Streitkräfte und noch weit mehr aktive oder in die Reserve versetzte Militärs in Zivil. Sie geleiteten die sterblichen Überreste des roten Generals, den viele als den eigentlichen »Architekten des 25. April« betrachteten, zum Friedhof.

Bei dem am ersten Septemberwochenende wie alljährlich in Seixal stattfindenden und stets von Hunderttausenden besuchten Volksfest des PCP-Zentralorgans Avante! nahm man in jenem Spätsommer eine Cunhal und Gonçalves gewidmete Riesentafel wahr. Und der heutige PCP-Generalsekretär Jerónimo de Sousa nannte in seiner bewegenden Gedenkrede auf dem Abschlußmeeting beide Namen in einem Atemzug.

Ich selbst bin Cunhal und Gonçalves, mit dem mich eine enge persönliche Freundschaft und ein jahrzehntelanger Briefwechsel verbanden, in größerer Runde wie unter vier Augen unzählige Male begegnet.

Am 25. April 1974 war die 48 Jahre währende faschistische Diktatur António Salazars und Marcelo Caetanos gestürzt worden. Keine drei Wochen später sah ich den erst kurz zuvor aus langjähriger Emigration zurückgekehrten kommunistischen Führer das erste Mal. Das war bei der Ernennungszeremonie der ersten provisorischen Regierung unter Einschluß Cunhals und eines weiteren Ministers aus der PCP durch den rechtsgerichteten und sich schon bald als übler Putschist erweisenden General António de Spínola im Schlößchen Queluz bei Lissabon.

Schon bald darauf wurde ich zu einer Pressekonferenz sehr besonderer Art eingeladen. Ernst-Otto Schwabe, damals Chefredakteur der renommierten DDR-Wochenzeitung horizont, und ich als Sonderkorrespondent des Neuen Deutschland gehörten zu den wenigen Auserwählten, die in den völlig abgedunkelten Saal des von Sicherheitskräften der gerade erst aus der Illegalität herausgetretenen Partei umstellten Sportklubs Campolide eingelassen worden waren. Schon in diesen zwei Stunden spürten wir das überragende Talent des Strategen und Taktikers Álvaro Cunhal. Der Parteiführer sollte sich überdies schon bald als befähigter Schriftsteller erweisen, der unter dem lange geheimgehaltenen Pseudonym Manuel Tiago etliche Bücher veröffentlichte, darunter das in einem illegalen Quartier geschriebene »Bis morgen, Genossen«. Es wurde nicht nur in Portugal, sondern auch in anderen Ländern, vor allem in der DDR, zu einem Erfolgstitel.

Bereits der erste Satz Cunhals auf der Pressekonferenz im Mai 1974 verblüffte das gute Dutzend eingeladener Reporter. »Wenn man euch vor vier Wochen gefragt hätte, wo in Europa zuerst eine Revolution ausbrechen könnte, hättet ihr bestimmt nicht an Portugal gedacht«, begann der Mann mit den markanten Gesichtszügen unter dem üppigen weißen Haar. »Der revolutionäre Prozeß verläuft irregulär und hält daher immer Überraschungen bereit.«

Nach der Konferenz bot sich Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. Noch für denselben Abend lud uns Cunhal zu einer Unterredung in eine vorerst noch konspirative Wohnung ein, bei der auch Fragen der Solidarität der DDR mit den Siegern über den portugiesischen Faschismus zur Sprache gebracht werden sollten. Auf eine längere Autofahrt folgte ein Fußmarsch zum streng geheimgehaltenen Ort der Begegnung, den wir in Etappen zurücklegten. Nach jedem Wegabschnitt übergaben uns die begleitenden Genossen der nächsten Gruppe, wobei am Ende nur ein einziger Mann die Wohnung kannte, in der Cunhal diesmal übernachtete. Es war Octávio Pato, damals stellvertretender Generalsekretär und nur zwei Jahre später Kandidat der PCP zu den anstehenden Präsidentschaftswahlen. Das äußerst freimütige Gespräch unter acht Augen dauerte etwa zwei Stunden. Da ich damals des Portugiesischen noch nicht mächtig war und auch Ernst-Otto Schwabe diese Sprache nicht beherrschte, bedurfte es der Anwesenheit eines Dolmetschers. Imponierend war die nüchtern-realistische, jegliche Illusionen vermeidende Einschätzung der in Portugal entstandenen Situation durch Cunhal. Die zu erwartende Härte des bevorstehenden Kampfes verschwieg er nicht. »Noch hängt alles am seidenen Faden, der Faschismus kann jederzeit zurückkehren. Entscheidend ist das künftige Verhalten der Streitkräfte«, stellte er fest. Seine Partei konnte zu diesem Zeitpunkt mit etwa 3000 aus Haft, Untergrund und Emigration zurückkehrenden Genossen rechnen. Damals war in keiner Weise vorauszusehen, daß die PCP sogar noch nach dem Überschreiten des Scheitelpunktes der Revolution, als der gegenläufige Prozeß bereits erste Wirkungen zeigte, zu einer marxistisch-leninistischen Formation mit zeitweilig bis zu 200000 eingetragenen Mitgliedern anwachsen würde. Auch die Intersindical, Portugals von Kommunisten geführte gewerkschaftliche Dachorganisation, befand sich damals erst in einem frühen Stadium ihrer Formierung. Heute ist sie als CGTP die bei weitem größte Arbeiterzentrale des iberischen Landes.

In der roten Provinz

In den folgenden Monaten, in denen die PCP ihre Legalität ausbauen konnte, genauso wie während der insgesamt fünf Jahre meiner Tätigkeit als Beobachter des Geschehens und Weggefährte seiner Akteure sollte ich den beeindruckenden und verblüffenden Führungsstil des PCP-Generalsekretärs wieder und wieder erleben. Niemals zuvor begriff ich den Unterschied zwischen kleinen Bahnhöfen, die laut ausgerufen werden und von denen ich etliche im eigenen Land wie anderswo kennengelernt hatte, und den wirklich großen Stationen, die jeder ohne solche Hilfsmittel wahrnimmt, derart stark wie in der Nähe Cunhals. Sein gesamtes Handeln als kommunistischer Stratege und Taktiker, Theoretiker und Mann der Praxis, Agitator und Propagandist machte mir bewußt, warum es zwar den Begriff des Personenkults, nicht aber die in der Tat überflüssige Vokabel »Persönlichkeitskult« gibt. Während andere Parteiführer hier oder dort eines besonderen Podestes bedurften, um ihre Größe voll ausleben zu können, erstickte Cunhal jeden Versuch im Keim, sein Format noch künstlich zu multiplizieren. Als in den Stadien und auf Kundgebungen von der begeisterten Menge sein Name skandiert wurde, sorgte er dafür, daß solche Sprechchöre fortan unterblieben. Die PCP-Kader wurden instruiert, statt dessen die drei Anfangsbuchstaben des Parteinamens deutlich hörbar zu machen. Als irgendwann Abzeichen mit seinem Porträt zum Verkauf angeboten wurden, unterband Cunhal diese sicher gutgemeinte Geste sofort. Der Veröffentlichung seiner inzwischen international bekannten Gefängniszeichnungen, die er in 13 Jahren faschistischer Haft geschaffen hatte, gingen heftige Auseinandersetzungen voraus. Cunhal stimmte dem Druck dieser grafischen Meisterwerke erst zu, als ihn seine Genossen vom finanziellen Nutzen des Verkaufs der Mappen für die Partei überzeugt hatten.

Auf etlichen Kundgebungen – so in der Alentejo-Metropole Évora – habe ich den ersten Mann der PCP erlebt. Natürlich auch bei zahlreichen Pressekonferenzen, die meistens im Lissabonner Hotel Victória an der Avenida da Liberdade – dem Sitz der hauptstädtischen Parteiorganisation – stattfanden. Wenn der Generalsekretär vor die Journalisten der überwiegend antikommunistischen Medien des In- und Auslands trat, erfreute ihn augenscheinlich die Tatsache, daß er dabei stets einen befreundeten Reporter aus der DDR im Raum wußte, dem in besonders konfrontativen Situationen meist jene Fragen in den Sinn kamen, die Cunhal als Entlastungsangriff auffassen und nutzen konnte. So haben wir uns bisweilen die Bälle regelrecht zugespielt.

Unvergeßlich ist mir die erste Fahrt des Parteiführers in die traditionell rote Südprovinz Alentejo. Sie fand Mitte Mai 1974 statt. In das Märtyrerdorf Baleizão wurden an jenem Tage die Gebeine der durch die Faschisten 20 Jahre zuvor ermordeten und anderen Ortes verscharrten kommunistischen Heldin Catarina Eufémia umgebettet. Die junge Mutter dreier Kinder, die den kleinsten auf dem Arm trug und bald wieder Nachwuchs erwartete, war von einem faschistischen Gendarmerieoffizier als Streikführerin aus nächster Nähe erschossen worden. Im Alentejo kannte bereits zu Zeiten Salazars jeder den Namen dieser proletarischen Madonna. Bei Catarinas feierlicher Neubestattung auf dem Friedhof des Ortes, zu der auch das Militär der nahen Garnisonsstadt Beja erschienen war, sprach Cunhal zu Zehntausenden. Es war die erste PCP-Kundgebung nach dem 25. April.

Die Genossen der Parteisicherheit, die Cunhal und die ihn eskortierenden Offiziere umgaben, ließen mich – den Freund vermutend – ohne Komplikation durch, so daß ich rückwärts gehend aus einer Entfernung von nur etwa drei Metern erste Aufnahmen des kommunistischen Führers machen konnte. Übrigens habe ich nicht selten auch überschwengliches Lob aus bürgerlichem Munde über Cunhal vernommen. Immer wieder wurde dabei erklärt, andere Parteien Portugals bedürften eines solchen Führers. Sein »einziger Fehler« bestehe darin, daß er Kommunist sei.

Vorhergesagter Putsch

Zu den Höhepunkten meiner Begegnungen mit dem großen Portugiesen zählte ein langes Vieraugengespräch im Juli 1974. Auch diesmal wurden die Regeln strenger Absicherung, die an konspirative Zeiten erinnerten, strikt eingehalten. Einmal mehr traf ich den Minister der ersten provisorischen Regierung in einem geheimen Quartier. Zuvor hatte ich dem Sekretär des ZK der PCP für Internationale Beziehungen, Sergio Vilarigues, eine von mir zusammengestellte Liste mit etwa 15 Fragen übergeben, die taktische Floskeln vermieden und unmittelbar die weiteren Perspektiven der portugiesischen Revolution betrafen. Der ZK-Sekretär nahm offenbar an, es handle sich dabei um ein offizielles Auskunftsersuchen der Berliner SED-Führung. Mit dem Bemerken, darauf könne mir nur der Generalsekretär selbst antworten, nannte er mir die Stunde, zu der ich mich im Parteihauptquartier einfinden sollte, um in die von Cunhal gerade genutzte Wohnung gebracht zu werden. Die Genossen, die mich an jenem Abend kreuz und quer durch den Lissabonner Bezirk Estrela kutschierten, übersahen indes, daß wir mehrere Male ein Papierwarengeschäft mit der auffällig blauen Leuchtschrift »Volga« passierten, in dessen Nähe sich der Ort unserer Begegnung befand. So wäre eine Rekonstruktion der Lokalitäten unschwer möglich gewesen.

Cunhal bot Mineralwasser an und kam sofort zur Sache. Punkt für Punkt beantwortete er meine Fragen. Da er Französisch und Russisch gut beherrschte, ließen sich meine Defizite in der Landessprache unschwer überbrücken. Die brisanteste meiner Fragen lautete: »Wann wird Spínola zurücktreten?« Gemeint war der rechtsradikale Antipode des linken Ministerpräsidenten Vasco Gonçalves. Als Präsident der Republik stand er der Revolution im Wege. Ich hatte taktische Zurückhaltung erwartet. Doch Cunhal zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. Spätestens im September werde Spínola putschen. Man bereite sich auf die sofortige Mobilisierung der Volksmassen und der antifaschistischen Bewegung der Streitkräfte – der MFA – vor. Die Gegenaktion werde den Mann mit dem Monokel zum Rücktritt zwingen. »Und wer wird der Nachfolger sein?« fragte ich. Cunhal antwortete auch diesmal ohne Umschweife: General Francisco da Costa Gomes sei im Gespräch, sagte er.

Da mir der seinerzeitige DDR-Botschafter in Lissabon solche »Phantasien« nicht abzunehmen bereit war, wußte ich Berlin auf anderem Wege über mein Gespräch mit Cunhal zu unterrichten. Es handelte sich übrigens keineswegs um überzogene Wunschvorstellungen: Am 28. September 1974 putschte Spínola tatsächlich. Volksmassen und MFA traten sofort in Aktion und errichteten überall Straßensperren, um einer von ihm einberufenen konterrevolutionären »Manifestation der schweigenden Mehrheit« den Weg zu verlegen. Als neuer Staatschef trat der politisch gemäßigte General Costa Gomes sein Amt an. Er wurde später sogar in das Präsidium des Weltfriedensrates gewählt.

Konterrevolution

Aus meiner Sicht bestand Cunhals größte Leistung als kommunistischer Politiker und Revolutionsführer darin, daß er sich nicht nur auf die Strategie des Vormarsches, sondern auch auf die Kunst des geordneten Rückzugs verstand. In der Aufstiegsetappe der Revolution waren in Regie der Partei sämtliche Latifundien des Alentejo in kurzer Zeit vom Agrarproletariat besetzt worden. Es schuf auf einer Fläche von mehr als 1,2 Millionen Hektar vormaligen Gutsbesitzerlandes 550 ausbeutungsfreie Kollektivgüter. Alle 250 inländischen Konzerne, Banken und Versicherungen wurden nationalisiert, eine Arbeiterkontrolle in vielen Betrieben eingeführt. Als sich aber herausstellte, daß die Revolution in einem westeuropäischen NATO-Staat mit einer »weißen« Bevölkerungsmehrheit im Landesnorden, Franco-Spanien im Rücken und der 6. US-Flotte vor den Küsten die Machtfrage nicht zu ihren Gunsten werde entscheiden können, änderte die PCP ihre strategische Orientierung. Dabei stellte sie sowohl die enorme Intervention des Weltimperialismus und die erfolgreiche Wühltätigkeit der Sozialistischen Internationale in Rechnung als auch die Tatsache, daß ein erhofftes stärkeres Engagement der UdSSR leider ausgeblieben war, während die DDR und Kuba das ihnen Mögliche getan hatten. Die PCP konzentrierte sich jetzt ganz auf die Verteidigung der bürgerlichen Demokratie gegen den neuerlichen Ansturm faschistoider Kräfte. Sie brachte ihre Kader in Sicherheit und behauptete sich trotz des Sieges der Konterrevolution – neben der griechischen KKE – als eine der beiden großen marxistisch-leninistischen Parteien in Westeuropa. Am Beginn dieses Berichts war von der Beisetzung der beiden großen Männer der Portugiesischen Revolution die Rede. Mag am Schluß die Bemerkung stehen: Cunhal, der schon als Student der Rechtswissenschaften die besten Noten erhalten hatte, die in Portugal jemals auf diesem Gebiet vergeben wurden, war eine durch Freund und Feind in Rechnung gestellte Persönlichkeit, die – anders als kleinere Kaliber – keines Heiligenscheins bedurfte. Er gehört zu jenen kommunistischen Führern leninscher Schule, deren Name wie die von Dolores Ibárruri, Maurice Thorez, Palmiro Togliatti, Sen Katajama, Wilhelm Pieck, Luis Carlos Prestes, Henry Winston und Rodney Arismendi die Zeiten überdauern werden. So kann man mit Fug und Recht sagen: Álvaro Cunhal, presente!

Der Autor ist Chefredakteur der Monatszeitung RotFuchs

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2013/11-09/050.php