19. Februar 2011

Strategie des »Ausblutens«

Vor 95 Jahren begann die Schlacht bei Verdun

Hans Hautmann

Am 21. Februar 1916 eröffnete die deutsche 5. Armee nach einer mehrstündigen, bis zum Trommelfeuer gesteigerten Artillerievorbereitung von bis dahin nicht gekannter Stärke den Angriff auf die französischen Stellungen bei Verdun. Damit begann eine Schlacht, die zehn Monate dauern sollte und als »Hölle von Verdun« in die Geschichte eingegangen ist.

Geplant hatte sie der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn mit dem Ziel, 1916 die Kriegsentscheidung im Westen herbeizuführen. Da für eine Offensive an einem breiten Frontabschnitt die Kräfte bereits fehlten, sollte die strategisch wichtige Festung Verdun angegriffen werden. Die deutsche Oberste Heeresleitung kalkulierte, daß das französische Oberkommando gezwungen sein werde, zur Verteidigung von Verdun seine letzten Kräfte einzusetzen, während sie nur mit beschränkten Kräften anzugreifen brauche. Auf diese Weise wollte Falkenhayn bei Niedrighaltung eigener Verluste das französische Heer »ausbluten« und dem Hauptgegner Großbritannien den »Festlandsdegen« aus der Hand schlagen. Sein Plan widersprach allen bisherigen militärischen Erfahrungen, brachte die Perspektivlosigkeit der Kriegsführung des deutschen Imperialismus zum Ausdruck und mußte damit scheitern.

Zermürbungsschlacht

Das Gebiet um Verdun, von der Maas durchflossen, war von einem Gürtel zahlreicher, nach modernen Grundsätzen ausgebauter Forts umgeben und bis zu dem Zeitpunkt ein ruhiges Frontgebiet gewesen. Das änderte sich am 21. Februar 1916 schlagartig, als sechseinhalb deutsche Infanteriedivisionen mit eigens ausgebildeten Sturm- und Handgranatentrupps, Flammen- und leichten Minenwerfern nach dem Ende des Artilleriefeuers auf einem 13 Kilometer langen Frontabschnitt östlich der Maas zum Angriff vorgingen. Der Anfangserfolg war beträchtlich: Es konnte die vorderste französische Stellung erobert, ein zehn Kilometer breiter und drei Kilometer tiefer Einbruch erzielt und die Luftüberlegenheit gewonnen werden. Mit der Einnahme des Forts Douaumont am 25. Februar erreichte die Krise auf französischer Seite ihren Höhepunkt. Jedoch war die deutsche Angriffskraft vorerst erschöpft, während sich die Verteidigung zusehends stabilisierte. Das französische Oberkommando unter Joseph Joffre hatte sich, wie von Falkenhayn beabsichtigt, entschlossen, Verdun unbedingt zu halten und dafür alle verfügbaren Heeresreserven einzusetzen. Mit der Durchführung der operativen Umgruppierung und dem Befehl über die vor Verdun neu gebildete 2. Armee betraute man General Philippe Pétain. Vom 24. Februar bis zum 7. März wurden auf der Straße von Bar-le-Duc nach Verdun mit 3900 Kraftfahrzeugen 190000 Mann, über 300 schwere Geschütze und 25000 Tonnen Kriegsmaterial herantransportiert, in der Art und Dimension ein Novum in der modernen Kriegsgeschichte. Die französische Propaganda taufte die Versorgungslinie »Voie sacrée«, (»heiliger Weg«) und gab Pétain den Nimbus des »Retters des Vaterlandes«. Ein Ruf, von dem er bis in die Zeit seiner Kollaboration mit Hitler als Staatschef des Vichy-Regimes zehren sollte.

Um das französische Flankenfeuer auszuschalten, dehnte man am 6. März die deutschen Angriffe auf das westliche Maasufer aus. Bis Ende Mai lag dort das Schwergewicht der Schlacht. In wochenlangen mörderischen Kämpfen eroberten die deutschen Truppen die Höhen »Toter Mann« und 304, Namen des Schreckens für jeden, der das Inferno dort überlebte. Doch der französische Flankenbeschuß blieb. Es entwickelte sich ein beispielloses, erbittertes Ringen, die erste große Material- und Zermürbungsschlacht des Krieges, in die von Februar bis Ende August 1916 nacheinander 47 deutsche und 70 französische Divisionen hineingezogen wurden. Sie bestand aus einer Unzahl von Angriffs- und Verteidigungsgefechten; massierter Artillerieeinsatz verwandelte das bewaldete Gelände in öde Trichterfelder; ganze Dörfer wie Fleury verschwanden buchstäblich vom Erdboden.

Monströses Verbrechen

Obwohl die deutsche Führung seit Anfang April das Fehlschlagen der Offensive eingestehen mußte und die Truppen entgegen den Erwartungen Falkenhayns fast ebenso hohe Verluste erlitten wie der Gegner, spekulierte man weiterhin auf den Sieg bei Verdun. Die Oberste Heeresleitung jagte aus Prestigegründen noch monatelang Zehntausende Soldaten in die Schlacht, die fast alle Reserven des Feldheeres verschlang. Am 7. Juni eroberten die Deutschen das Fort Vaux und kamen damit bis auf vier Kilometer an die Stadt Verdun heran. Damit war aber ihre Angriffskraft endgültig erschöpft. Die Eröffnung der russischen Offensive unter General Alexej Brussilow an der Ostfront am 4. Juni, die das österreichisch-ungarische Heer an den Rand des Zusammenbruchs brachte, und die englisch-französische Offensive an der Somme am 24. Juni veränderten die strategische Gesamtsituation grundlegend. Die Oberste Heeresleitung mußte alle verfügbaren Kräfte an diese Frontabschnitte verlegen. Nachdem auch ein vom 21. bis 23. Juni mit dem neu entwickelten »Grünkreuz«-Giftgas geführter deutscher Angriff gescheitert war, sah man sich an der Verdunfront dazu gezwungen, zur Verteidigung überzugehen. Definitiv beendet wurden die deutschen Angriffe bei Verdun aber erst nach dem Sturz Falkenhayns am 2. September 1916, an dessen Stelle das Duo Hindenburg/Ludendorff trat.

Am 24. Oktober eroberten die französischen Truppen das Fort Douaumont, am 2. November das Fort Vaux zurück. Noch erfolgreicher verlief ihr Angriff vom 15. bis 18. Dezember 1916, bei dem die Deutschen den Großteil des von Februar bis Juli unter riesigen Verlusten besetzten Geländes wieder einbüßten.

Bei Verdun erlitt das deutsche Heer eine historische Niederlage, die schwerste seit der Marneschlacht 1914. Es verlor auf dem räumlich eng begrenzten Kampfgebiet von 15 bis 30 Kilometern Breite und bis zu zehn Kilometern Tiefe insgesamt 337000 Mann: Tote, Vermisste, Verwundete und Gefangene, der Gegner 377000 Mann. Das »Ausbluten« traf die deutschen Soldaten also in kaum geringerem Grade als die französischen. Auf das Schlachtfeld gingen 14 Millionen deutsche und 15 Millionen französische Granaten nieder, die zahllose Soldaten bei lebendigem Leib verschütteten und eine von Detonationen verwüstete Landschaft hinterließen.

Das Gesamtergebnis der Schlacht von Verdun, bei der die deutschen Truppen den Frontbogen nicht mehr als vier bis sechs Kilometer eindrücken konnten, um das eroberte Gebiet letztlich doch wieder räumen zu müssen, stand in krassem Mißverhältnis zum gewaltigen Einsatz von Menschen und Material. Die Hauptursachen der deutschen Niederlage waren der Widerspruch zwischen dem Ziel der »Ermattungsstrategie« und den vorhandenen Kräften, die energischen Abwehrmaßnahmen des französischen Oberkommandos und der Beginn der allgemeinen strategischen Offensive der Entente zur Jahresmitte 1916.

Sehr bald schon verklärte die militaristische Massenbeeinflussung die »Hölle von Verdun« durch Legenden und Geschichtsklitterungen. Ein monströses imperialistisches Verbrechen, ein sinnloses Hinschlachten Hunderttausender Menschen wurde von beiden Seiten in einen »Heldenkampf« umgelogen, bei dem angeblich alle Tugenden »tapfersten Soldatentums« zum Ausdruck gekommen seien. Die herrschenden Klassen öffneten so eine der ideologischen Schleusen für den Aufstieg des europäischen Nachkriegsfaschismus und damit den Weg in ein erneutes Massengemetzel.

Dokumentation: »Eisener Wille zum Sieg«

Hinter dem französischen Abschnitt der Westfront gibt es in Reichweite Ziele, für deren Behauptung die französische Führung gezwungen ist, den letzten Mann einzusetzen. Tut sie es, so werden Frankreichs Kräfte verbluten, da es ein Ausweichen nicht gibt, gleichgültig, ob wir das Ziel selbst erreichen oder nicht. Tut sie es nicht und fällt das Ziel in unsere Hände, dann wird die moralische Wirkung in Frankreich ungeheuer sein (…) Die Ziele, von denen hier die Rede ist, sind Belfort und Verdun. Für beide gilt das oben Gesagte. Dennoch verdient Verdun den Vorrang.«

Erich von Falkenhayn, in: Die Oberste Heeresleitung 1914–1916 in ihren wichtigsten Entschließungen

Armeebefehl

»Nach langer Zeit zäher Abwehr ruft uns der Befehl seiner Majestät des Kaisers und Königs zum Angriff! Seien wir von dem Bewußtsein durchdrungen, daß das Vaterland Großes von uns erwartet. Es gilt, unseren Feinden zu zeigen, daß der eiserne Wille zum Siege in Deutschlands Söhnen lebendig geblieben ist, und daß das Deutsche Heer, wo es zum Angriff schreitet, jeden Widerstand überwindet! In fester Zuversicht, daß jeder an seiner Stelle sein Höchstes daran setzen wird, gebe ich den Befehl zum Angriff! Gott mit uns!«

Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Bundes und von Preußen. (www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/01039/index-7.html.de)

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