4. Mai 2013

Strippenzieher Andreotti?

Aldo Moro in Gefangenschaft - Fotoquelle: Wikipedia

Am 9. Mai 1978 wird der italienische Christdemokrat Aldo Moro ermordet

Gerhard Feldbauer

Vor 35 Jahren, am 9. Mai 1978, wurde der Führer der Democrazia Cristiana, Aldo Moro, ermordet. 55 Tage vorher war er nach offiziellen Angaben von den linksextremen Roten Brigaden entführt worden. Das Unternehmen war mit hoher Wahrscheinlichkeit die Spitzenoperation der Geheimarmee der CIA Gladio und ihrer faschistischen Putschzentrale P2, um ein Regierungsbündnis des DC-Politikers mit den Kommunisten zu Fall zu bringen. Immer wieder wird indessen von einigen Linken bestritten, daß die italienischen Brigate Rosse (BR) von den Geheimdiensten unterwandert waren und für diesen Anschlag manipuliert wurden.

Lassen wir die Fakten sprechen: Der DC-Vorsitzende wurde laut Obduktion am 9. Mai zwischen 9 und 10 Uhr in den Kofferraum eines gestohlenen Renault 4 eingezwängt und mit neun Schüssen aus einer Maschinenpistole Skorpion und zwei aus einer Coltpistole erschossen. Der R 4 wurde in der Via Gaetano im Zentrum von Rom abgestellt, wo am frühen Morgen ein Motorradfahrer einen Platz zum Einparken freigehalten hatte. Nach einem anonymen Anruf wurde Moro dort gegen 13 Uhr gefunden. Die Farbe des Wagens war rot. Der Standort befand sich fast in gleicher Entfernung vom Sitz des Zentralkomitees der IKP und des Parteivorstandes der DC. Das sollte Moros (von den BR »Verrat« genannte) Zusammenarbeit mit der IKP verdeutlichen.

Moros Aufzeichnungen

In Moros Hosenaufschlägen wurde Sand gefunden, der von den Tolfa-Hügeln nördlich von Rom stammte, wo sich ein Gladio-Stützpunkt befand. Das waren erste Hinweise darauf, wo sich das Versteck befunden haben könnte. Auf die Hintermänner des Komplotts wiesen zahlreiche weitere Beweise bzw. Indizien. Der Stellplatz des R4 befand sich etwa einen Kilometer von der Abgeordnetenkammer, dem Sitz des Senats und dem Amtssitz des Staatspräsidenten entfernt.

Dieses für gewöhnlich schon gut bewachte Viertel war seit der Entführung Moros von einem dichten Polizeikordon umgeben. In Rom befanden sich 172270 Polizisten im Einsatz, existierten 6296 Straßensperren, wurden seit der Entführung 167109 Personen und 96572 Fahrzeuge überprüft. Unmöglich konnte sich der Motorradfahrer unbemerkt bei seiner Maschine aufhalten, der als gestohlen gemeldete R4 dort ankommen und auch noch zwei bis drei Stunden unbemerkt stehen.

Bei dem Aufenthaltsort Moros mußte es sich um ein für die Fahndung »unantastbares« Versteck gehandelt haben, untergebracht auf exterritorialem Gebiet, in einem Gebäude, das keiner Überwachung unterlag. Der sozialistische Abgeordnete und Mitglied der Moro-Kommission Luigi Covatta erklärte: Alle Brigadisten haben dazu geschwiegen, das »kann nur eins bedeuten, daß mit dem Gefängnis der gesamte Hintergrund des Falles Moro aufkommen würde«. Auch der Geheimdienstgeneral Giovanni Romeo sagte aus: Wenn etwas bekannt würde, »müßten sie es teuer bezahlen«. Um ihr Leben nicht aufs Spiel zu setzen, gaben sich alle Brigadisten deshalb als die alleinigen Täter aus.

Als Verstecke kamen die Botschaft der USA und Israels in Frage, aber auch die Residenz des Erzbischofs und Direktors der Vatikanbank Paul Marcinkus, an der die Route der Entführer vorbeiführte und Zeugen aussagten, daß Moro danach nicht mehr im Fluchtfahrzeug gesehen wurde. In aufgefundenen BR-Dokumenten war der im hebräischen Viertel liegende Palazzo Orsini der Adelsfamilie Caetani vermerkt, von der mehrere Mitglieder der P2 angehörten.

Moro selbst verwies auf die Hintermänner des Komplotts gegen ihn. Das geschah in den Briefen, die seine Bewacher aus der Geiselhaft »nach draußen« übermittelten, in den Gesprächen mit den Entführern (von den BR als »Verhör« bezeichnet) und in den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte und die, später »Il Memoriale di Aldo Moro« genannt, in zensierter Weise veröffentlicht wurden. Moro führte die Strategie der Spannungen an, »die Italien jahrelang mit Blut überzogen« hatte, verwies auf die »stillschweigende Duldung durch Staatsorgane«, erwähnte »außerhalb Italiens liegende Verantwortlichkeiten«, die auf die USA zielten, und daß diese Politik gegen seine Regierungszusammen­arbeit zuerst mit den Sozialisten, dann mit den Kommunisten gerichtet war. In verhüllter Form sprach er die verfassungswidrige Existenz von Gladio und die Rolle, die sie auch in seinem Fall spielte, an und sprach von »einer spezialisierten Organisation jenseits der Grenzen«. Ein vernichtendes Urteil fällte Moro über den damaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, der »zum Unglück unserer Landes« an der Spitze der Regierung stehe, »am längsten die Geheimdienste leitete und über die besten Beziehungen zur CIA verfügt«.

Eine Tonbandaufnahme

Die BR hatten angekündigt, ein Tonband vom »Verhör« Moros zu veröffentlichen, was nie geschah. Im November 1978 wurde in Mailand lediglich seine angebliche Abschrift in Maschinenschrift gefunden. Vom Tonband fehlt bis heute jede Spur. Den »Verhörern« mußte eine »Panne« unterlaufen sein. Das Band mußte bei der Aufnahme zunächst nicht wahrgenommene Töne, Vibrationen, typische Nebengeräusche enthalten, die sich nicht entfernen ließen, die aber das – für die Fahndungskräfte so unauffindbare – Versteck identifiziert hätten.

Die Abschrift fand der Carabinieri-General Carlo Dalla Chiesa im Oktober 1978 in einer BR-Wohnung in Mailand. Der General dürfte sich eine Kopie angefertigt haben. Die Seiten, die danach verschwanden, gaben ihm einen Einblick in die Rolle des Geflechts von P2, Mafia und Staatsapparat bei der Ermordung Moros. Am 3. September 1982 wurde er deshalb in Palermo erschossen. Aus seinem Safe wurden alle Unterlagen entwendet. Im Prozeß gegen Andreotti wegen Mitgliedschaft in der Mafia sagte der Mafioso Calogero Ganci, der die Ermordung Dalla Chiesas leitete, aus, der General sei umgebracht worden, um Andreotti einen Dienst zu erweisen.

Sergio Flamigni, Mitglied der Parlamentskommission zur Untersuchung des Verbrechens, hat in fünf Büchern mit einer Fülle von Fakten und Beweisen belegt, daß die Geheimdienste der USA und Italiens das Komplott gegen Moro inszenierten. Sie waren durch eingeschleuste Agenten nicht nur frühzeitig über den Anschlag auf den Parteiführer informiert, sondern nutzten die BR für ihre Spannungsstrategie. Flamigno bewies auch, daß »der tatsächliche Chef der BR« ein CIA-Agent Corrado Simioni war. Nach der Aufdeckung von Gladio 1991 sagte der langjährige Kommandeur der Truppe, General Gerardo Serravalle, aus, daß an der Entführung Moros ein hochqualifizierter Militärspezialist teilnahm, der dessen fünfköpfiges Begleitkommando liquidierte.

Persilscheine für die Hintermänner

Am 24. Januar 1983 verhängte der Córte d’assise in Rom im Prozeß gegen die Brigate Rosse (BR) gegen 23 ihrer Mitglieder wegen der Entführung und Ermordung Aldo Moros lebenslange Haftstrafen, gegen die übrigen darunterliegende Urteile. In dem Verfahren wurden die BR als alleinige Täter vorgeführt. Das Gericht ignorierte die Ergebnisse der parlamentarischen Untersuchungskommissionen zum Fall Moro sowie zur Geheimloge P2, die die Verantwortung höchster Regierungskreise und der Geheimdienste bis hin zum damaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti für den Tod des Parteiführers aufgezeigt hatten, und stellte den Hintermännern im Gegenteil gerichtsoffizielle Persilscheine aus. Die simple Frage, die man jedem Kriminalanwärter auf der Polizeischule beibringt – »Wer hatte ein Mordmotiv?«, »Wie viele wollten Aldo Moros Tod?«, wurde während des Prozesses mißachtet, stellt Strafrechtler Stefano Rodotâ in einer Prozeßanalyse fest.

Die Vorsitzende der P2-Kommission, Tina Anselmi (DC), hatte, wie die römische Repubblica am 29. Mai 1983 berichtete, unzweideutig geschlußfolgert, daß »das völlige Versagen unseres Sicherheitsapparates während der Affäre Moro mit der P2-Mitgliedschaft der fünf Angehörigen des Komitees, das für die Fahndung verantwortlich war – darunter die Chefs der beiden Geheimdienste –, in einem Zusammenhang steht«. Das Gericht deckte vor allem den Hauptverantwortlichen der Ermordung Moros, Andreotti, bei dem es sich nach einem Bericht der italienischen Zeitschrift Europeo vom 15. Oktober 1983 um »den wahren Chef der Propaganda due« handelte. Andreotti wurde später der Anstiftung zum Mord an dem Journalisten Mino Pecorelli, der seine Rolle in dem Komplott enthüllen wollte, angeklagt (siehe jW-Geschichte vom 30./31.3.2013). Der Herausgeber des Manifesto, Luigi Pintor, hielt am 5. März 1983 fest, daß im Ergebnis der fünfjährigen Ermittlungen nicht herausgefunden wurde, »wo der Abgeordnete Moro 55 Tage eingesperrt war«

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