12. Oktober 2013

Süßsaurer Vogel Jugend

Als es nur eine einzige Jugendbwegung gab: »Wandervögel«, Gemälde von Otto Höger, 1916 - Fotoquelle: Hamburger Kunsthalle

Von der Rebellion zur Generalsinspektion: Die deutsche Jugendbewegung wurde einhundert Jahre alt

Arno Klönne

Am Wochenende vor genau 100 Jahren trafen sich auf dem nordhessischen Hohen Meißner ein paar tausend junge Leute, Wandervögel und lebensreformerische Studenten, zum »Freideutschen Jugendtag«. Das Ereignis gilt als öffentlicher Eintritt der klassischen Jugendbewegung in die deutsche Kulturgeschichte, mit erheblichen, freilich recht zwiespältigen politischen Folgen. Die Meißnerfahrer hatten sich auf eine Formel geeinigt, die ihr Selbstverständnis auszudrücken versuchte: »Freideutsche« Jugend wolle »ihr Leben führen nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit«. Heutzutage klingt dieser Anspruch idealistisch und gar nicht aufregend; damals war er rebellisch, erschien der gesellschaftlichen Umwelt als pubertäre Anmaßung, als pädagogisch unerlaubte Aufsässigkeit gegenüber der wohlgeordneten Autorität von Elternhaus, Schule und staatlicher Jugendpflege.

Allerdings: Wohin die »eigene Bestimmung« junge Menschen in ihrem Gesellschaftsbild führen würde, war offen, und schon auf dem Meißner 1913 boten dafür ältere Herren ihre Ratschläge an. Einer der jungen Teilnehmer 1913 war der Student Walter Benjamin. In der linksexpressionistischen Zeitschrift Die Aktion berichtete er Zwiespältiges über seine Eindrücke vom Meißner-Treffen: Ein Prediger der »Rassenhygiene« sei dort aufgetreten, ein anderer habe »Die Waffen hoch!« gerufen, Antisemitismus sei bemerkbar gewesen; aber an einer eindrucksvollen Alternative habe es nicht gefehlt – durch den Auftritt des Reformpädagogen Gustav Wyneken. Und so könne man auf weitere und dann überzeugende Freideutsche Jugendtage hoffen. Zu denen kam es nicht, im Oktober 1914 befand sich das Deutsche Reich bereits im Ersten Weltkrieg, das »Menschenschlachthaus«, wie es Wilhelm Lamszus 1912 vorausschauend geschildert hatte, war in Betrieb genommen.

Der Freideutsche Jugendtag war zustandegekommen aus kritischen Gefühlen in der frühen jugendbewegten Szene gegenüber dem chauvinistischen Prunkprogramm für die Einweihung des Völkerschlachtdenkmals im Oktober 1913 in Leipzig. Gustav Wyneken warnte auf dem Hohen Meißner vor den Gefahren eines Krieges und denjenigen, die »zum Waffengang anspornen wollen«. Die Jugendgeneration dürfe sich keine »Phrasenuniform anziehen lassen«. Die »Freideutschen« sollten »über die Grenzen des Staatsinteresses und des völkischen Selbsterhaltungstriebs hinaus denken«. Solch ein Ansinnen erregte Ärger in der deutschnationalen Öffentlichkeit.

Die Erfahrungen der Jahre 1914 bis 1918 führten bei den »Freideutschen« zu einer Trennung der politischen Wege. Das »Kriegserlebnis« polarisierte, mit dem Anfang der Weimarer Republik standen nun antimilitaristische und pazifistische Positionen im jugendbewegten Milieu dem neuen »soldatischen Heroismus« gegenüber, auf jugendliche literarische Vorlieben hin betrachtet: Leonhard Frank versus Ernst Jünger. Biographische Beispiele für diese Scheidung der politischen Geister finden sich in dem kürzlich erschienenen Sammelband »Jugendbewegt geprägt«, herausgegeben von Barbara Stambolis. Da stehen gleich zu Beginn, das Alphabet will es so, Beiträge über Wolfgang Abendroth und Otto Abetz, beide der jugendbewegten Szene nach 1918 entstammend; der eine nach 1933 im Widerstand gegen den NS-Staat,, Zuchthäusler, dann aus einer »Bewährungseinheit« übergegangen zu den griechischen Partisanen – der andere Hitlers Botschafter für das besetzte Frankreich und mitverantwortlich für die Deporta­tion der jüdischen Bevölkerung.

»Jugendbewegt« zu sein wurde in den 1920er Jahren zu einer weitverbreiteten kulturellen Mode in der deutschen Gesellschaft, in mancherlei Varianten. Die Arbeiterjugendorganisationen öffneten sich dem Gruppenstil der zunächst dem Bürgertum entsprungenen Jugendbewegung, andererseits übernahmen die Pfadfinder, bis 1918 auf »vaterländische« Jugendpflege verpflichtet, vom Wandervogel entwickelte Formen des Jugendlebens. Hier entstand die »bündische« Version von bürgerlicher Jugendbewegung, nicht mehr vagantenhaft und romantisierend, sondern ausgerichtet auf das Leitbild »männlicher Gefolgschaftstreue«, mit strengen Ritualen, politisch zur »Konservativen Revolution« neigend. Die sich ausbreitende Hitler-Bewegung konnte hier anknüpfen, und sie machte sich den in der Weimar Republik gängigen Mythos von einer »Sendung der jungen Generation« zunutze, »Nationalsozialismus ist organisierter Jugendwille« hieß es. Nicht die »Bündischen« waren es, die machtpolitisch für den Übergang ins »Dritte Reich« sorgten, aber sie hatten diskurspolitisch zu diesem beigetragen. Und als nach 1933 die Hitler-Jugend zur Massenorganisation wurde, konnte sie sich jugendkultureller Vorleistungen aus dieser Szene bedienen. Die freien Jugendbünde selbst aber wurden verdrängt und verboten. Ein jugendbewegter Autonomieanspruch, mochte er auch unpolitisch sein, paßte nicht in den Erziehungsplan des NS-Systems. Ein Beispiel dafür – keineswegs ein völliger Ausnahmefall – ist der Weg des Hans Scholl vom NS-Pimpfenführer in die »bündische« Illegalität und von dort zum Widerstand der »Weißen Rose«. Ein anderes Beispiel sind jene jugendlichen Gruppen, die unter dem Namen »Edelweißpiraten« bekannt wurden; als »staatsgefährdend« wurden sie vor allem angesehen, weil sie »wehrkraftzersetzend« seien. Auch auf der Seite erwachsener politischer Gegner des NS-Staates finden sich viele jugendbewegte Herkünfte, vom Kreis der »Roten Kapelle« bis zum »Nationalkomitee Freies Deutschland«.

Nach dem Untergang des »Dritten Reiches« gab es für einige Jahre noch Versuche, an die Überlieferungen der klassischen deutschen Jugendbewegung im progressiven Sinne anzuküpfen. Das gilt auf unterschiedliche Weise für die »Freie Deutsche Jugend« wie für Jugendbünde in den Westzonen. Eine kritische Bilanz der Geschichte der klassischen deutschen Jugendbewegung zog fünfzig Jahre nach dem Meißnertreffen von 1963 der oppositionelle Theologe Helmut Gollwitzer in einer Rede am historischen Platz. Er beschrieb politische Irrwege von einst und seine persönliche Konsequenz: Das Engagement gegen jede Kriegspolitik.

Dieses Thema, von der jugendbewegten Vergangenheit gar nicht zu trennen, scheint beim hundertjährigen »Jubiläum« vergessen. Die jugendlichen Gruppen, die das Erinnerungstreffen 2013 gestalten, haben es nicht in ihr Programm genommen; als prominenten Festredner wählten sie den ehemaligen Pfadfinderführer Hans-Peter von Kirchbach, Generalinspekteur der Bundeswehr außer Diensten. Und so kommt nun die historische deutsche Jugendbewegung, in ihren dunklen und ihren hellen Seiten, erinnerungspolitisch zur Ruhe, aufgrund von Gedächtnisschwäche.

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